Duzen, Klüngel, fehlende Distanz

Kumpanei, Klüngel und insgesamt eine fehlende Distanz prägen den Sportjournalismus, der so beinahe als eigenes Genre der Berichterstattung verstanden werden kann. Man kann nicht beides haben: das Wohlwollen, das das Ehrenamt oft mit sich bringt. Und das große Geld, das im Fußball gemacht wird.

DFB-Zentrale mit Ball Foto: Chivista, Public Domain

Gerade gibt der frischgebackene Weltmeister noch freudestrahlend ein Interview. Im nächsten Moment treffen sich die Lippen des spanischen Keepers mit denen der Sportjournalistin Sara Carbonero – Carbonero ist zugleich die Freundin von Iker Casillas. Dieser Moment ging als einer der wohl anrührendsten in die jüngere Fußballgeschichte ein. Man könnte ihn allerdings auch sinnbildlich für ein generelles Problem der Sportberichterstattung lesen: Nirgends sonst sind Presse und Gegenstand der Berichterstattung so eng miteinander verbandelt wie im Sport, und speziell im Fußball. Letztendlich liegt diese Problematik auch dem Kommunikationsdebakel rund um die womöglich gekaufte WM 2006 zu Grunde.

Duzen, Klüngel, fehlende Distanz

„Klebrige Nähe“ nennt es der investigative Journalist Hans Leyendecker, der unter diesem Titel eine Untersuchungen zur Korruption im modernen Sportjournalismus verfasst hat. „Die Bundesligisten haben die Redaktionen im Sack“. „Je weiter du kommst, desto mehr verstehst du dich als Teil des Systems“. Mit diesen Aussagen lässt sich ein anonym bleiben wollender Sportberichterstatter zitieren. „Du bist zu Hofberichterstattung verdammt“ – Kumpanei, Klüngel und insgesamt eine fehlende Distanz prägen den Sportjournalismus, der so beinahe als eigenes Genre der Berichterstattung verstanden werden kann. Mit dem Entzug von Informationen etwa zu Verletzungen oder Transfers sanktionieren Vereine und Verbände Journalisten, die kritisch nachfragen. Auf milderen Eskalationsstufen werden Berichterstatter einfach etwas später informiert oder nicht mehr geduzt – was allen Beteiligten signalisiert: Zu dem gehen wir auf Abstand.

Und nun ließ in die Mitte dieses Konglomerates aus Servilität und Männerfreundschaft der Spiegel platzen, was er für einen der größeren Scoops des noch jungen Jahrtausend gehalten haben mag: Ein „Geheimpapier“ sowie undurchsichtige Kontobewegungen bei DFB und FIFA legten nahe, dass das „Sommermärchen 2006“ gekauft sei.

DFB spielt zu defensiv

Und natürlich reagierte der DFB prompt: Mit Ehrenworten hochrangiger Funktionäre, mit einer Watschn für den Spiegel durch Franz Beckenbauer auf der Titelseite der Bild, und nicht zuletzt mit einem „Interview“ auf der Webpräsenz des Verbandes, in dem sich der DFB in Gestalt Wolfgang Niersbachs kurzerhand selbst befragte. Insgesamt dominierten Abwehr und Presseschelte, was gerade angesichts der im letzten Jahr bekannt gewordenen Tragweite der Korruption bei der FIFA besonders unglaubwürdig wirken musste. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich ausgerechnet der DFB in einem korrupten System erfolgreich ohne Korruption behauptet? Und auch die neuesten Erklärungen von Niersbach werfen mehr (neue) Fragen auf, als sie beantworten. Zumal die FIFA dem Präsidenten  des DFB sogleich widersprach.

Der Verband spielte mit Ausputzer im Stile der 80er-Jahre, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass er sich selten mit investigativem Journalismus auseinanderzusetzen hat. Nicht zuletzt Niersbach, der als 100%-Produkt des Genres Sportjournalismus nie gelernt hat das System von außen zu hinterfragen, wusste nicht zu glänzen. Als Verband bodenständiger Vereine, als der sich der DFB gerne darstellt, mauerte man, und spielt uneffektiv. Das kann nicht gut gehen.

Stattdessen: Ballbesitz, Pressing

Wie hätte ein vernünftiges Krisenmanagement des DFB aussehen können? Als allererstes hätte man begreifen müssen – oder müsste man wenigstens jetzt begreifen – dass man an einer möglichst raschen Aufklärung der Vorwürfe ein ureigenstes Interesse hat. Von dem Moment an, in dem klar wurde, es laufen Untersuchungen, hätte sich der DFB an die Spitze der Aufklärung setzen müssen. Selbst eine Untersuchungskommission einberufen, und diese nicht mit den üblichen Verdächtigen und alten Weggefährten besetzen, die sich auch jetzt wieder für den Verband verwenden. Sondern mit erklärten Gegnern, mit bekannten, notorischen Kritikern. Transparenz und Selbstkritik sind das Gebot der Stunde. Man hätte dem DFB glauben müssen, dass ein Interesse an der Aufdeckung aller Hintergründe besteht. Oder mit Worten, die die Fußballer verstehen sollten: Man hätte modernen, offensiven Ballbesitz-Fußball und Pressing in der Defensive spielen müssen.

Stattdessen: Große Worte und Ehrbekundungen – als gäbe man darauf ausgerechnet im Fußball etwas, wo so oft schon Protagonisten, die gerade noch ihrem Verein, dem Trainer, Manager oder Spieler die Treue geschworen hatten, just im nächsten Moment ihr „Ehrenwort“ vergaßen.

Schadensbegrenzung ist angesagt

Nun kann nur noch Schadensbegrenzung betrieben werden. Vorteilhaft für den DFB könnte dabei sein, dass auch der Spiegel Fehler gemacht hat. Meinte dieser doch nicht nur Mauscheleien bei der WM-Vergabe belegen zu können, sondern erklärte gleich das gesamte „Sommermärchen“ für verloren. Das stößt auf wenig Gegenliebe. Denn das Sommermärchen feierte ja nicht die Tatsache, auf welche Art und Weise der DFB die WM nach Deutschland geholt hat. Das Sommermärchen war die große internationale Fußballparty, die sich Deutschland gewünscht hatte. Sie beförderte nicht zuletzt ein unverkrampftes Verhältnis zu den deutschen Nationalfarben, die wir endlich so frei in der Öffentlichkeit tragen wie die Nachbarn aus Holland oder Frankreich. Natürlich ist das Sommermärchen nicht verloren, die Deutschen (nicht nur) Fußballfans packen die Flaggen nicht wieder ein, nur weil raus kommt, dass der DFB kein Hort der Heiligen ist. Manch einer nimmt dem Spiegel sogar die Enthüllungen übel. Daran könnte der DFB anknüpfen, wenn er nun von alten Gewohnheiten Abschied nimmt.

Bestehen bleibt allerdings, dass der Sportjournalismus als ganzes irgendwo zwischen Hofberichterstattung und Quasi-Korruption mäandert. Vielleicht auch, weil die meisten Sportjournalisten selbst einmal Sportler waren. Gewiss ist Fußball ein Unterhaltungsprodukt, und da tut man sich schwer allzu genau hinzuschauen und den Spielverderber zu geben. Gerade die öffentlich-rechtlichen Medien können als Käufer dieses teuren Produktes, wenn sie wirtschaftlich handeln wollen, ihrem Bildungsauftrag kaum nachkommen. Aber Fußball ist eben auch ein Millionengeschäft. Und da wäre schon alleine im Interesse der Aktionäre eine besonders investigativ Berichterstattung eigentlich geboten. Man kann nicht beides haben: das Wohlwollen, das das Ehrenamt oft mit sich bringt. Und das große Geld, das im Fußball gemacht wird.

Hasso Mansfeld

Hasso Mansfeld

Mit seinen Kampagnen Ostpakete für den Westen und Bio goes Lifestyle setzte Hasso Mansfeld gesellschaftliche Akzente. Er ist Diplom-Agraringenieur und fand durch seine Karriere in der Markenartikel-Industrie zur Publizistik. Dreimal wurde er mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Gemeinsam mit Christoph Giesa organisierte er die Facebookkampagne „Joachim Gauck als Bundespräsident“ und hat die liberale Ideenschmiede FDP Liberté im Netz initiiert. Mansfeld trat als Kandidat der FDP für die Europawahl an. Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte in Bingen am Rhein.

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