Zurück in die Vergangenheit. Lassen sich Nostalgie und Reaktion allegorisch erzählen?

„Zeitzuflucht“ von Georgi Gospodinov folgt einer wirklich interessanten Idee, um von der zeitgenössischen Obzession mit Nostalgie und von rückwärtsgewandter Politik zu erzählen. Aber der Roman wirkt wie ein Vorwand für wenig überraschende Essays.


„Zeitzuflucht“ von Georgi Gospodinov folgt einer wirklich interessanten Idee. Gaustín, eine schwer zu greifende Figur, richtet eine Zeit-Klinik ein und arbeitet dazu mit dem Erzähler zusammen. Die Zeit-Klinik gestaltet Aufenthaltsräume nach bestimmten Jahren oder Dekaden, anfangs als Wohlfühlräume für Menschen, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind. Im Zuge der anschwellenden Nostalgie besonders in den westlichen Gesellschaften unserer Zeit wird das Geschäftsmodell aber bald auch auf Menschen ausgeweitet, die einfach aus ihrer Zeit fliehen möchten. Das Verhältnis Gaustíns zum Erzähler ist noch etwas komplizierter, da der Erzähler behauptet Gaustín als literarische Figur erfunden zu haben, aber das ist einer dieser postmodernen Kniffe von geringer Signifikanz, auf den Lauf der Erzählung wirkt es sich nur wenig aus.

Viel Essay, wenig Handlung

Apropos Erzählung: Wenn wir ehrlich sind, gibt es davon zumindest knapp über die erste Hälfte des Romans schmerzhaft wenig. Die meisten Passagen lesen sich wie Reflexionen über die Zeit und (seltener) Abhandlungen über Demenz und Nostalgie. Der Roman verhehlt seine Verbundenheit zu Thomas Manns Zauberberg nicht, spricht sie im Gegenteil mehrfach offen aus. Überhaupt sind die Verweise auf Literatur zahlreich und nicht gerade subtil, also nicht durch die Parallelisierung und Variation von älteren Motiven der Weltliteratur, sondern indem Titel von Romanen genannt werden, an die eine bestimmte Szene gerade erinnern soll. Das scheint mir weniger gelungen als aufdringlich.

Der Text nimmt dann Fahrt auf, nachdem die gesamte Europäische Union ein Referendum beschließt, ob man nicht vielleicht sogar einfach komplett in der Vergangenheit leben möchte. Der Erzähler reist nun in seine alte Heimatstadt Sofia, und hier wird dann tatsächlich eine von relativ wenig Theorie unterbrochene Geschichte aufgebaut: Eine melancholische Stadterkundung, die sich zwischen dem Widerstreit kommunistischer und faschistischer Parteigänger entfaltet, die sich darüber in den Haaren liegen, in welchem Jahrzehnt man im Falle eines erfolgreichen Referendums leben möchte. Hier schöpft der Autor starke skurrile Szenen, etwa die Wiederauferstehung der Mumie Dimitrovs aus dessen verfallenem Mausoleum, verfasst aber auch einige wunderschöne melancholische Passagen:

 

Wie bei jeder Rückkehr hierher, stellt sich unausweichlich Schwermut ein. Früher war die Schwermut heller, wie ein Spaziergang durch einen lichten Wald, in dem unsichtbare Spinnennetze aufblitzen. Ich liebte es, durch den Park zu gehen, in seinem oberen Teil, am Teich mit den Seerosen vorbei. Die Zeit, die ich dort vor vielen Jahren in einem anderen Leben verbrachte, ist spurlos dahingeschmolzen. Ob wenigstens das Licht dasselbe ist? Die Blätter der Bäume, durch die ich im späten Oktober mit einem Mädchen stapfte, seltsam, dass ich mich nur an die Herbste erinnere, also diese Blätter haben seit damals mindestens dreißigmal gewechselt. Ob die Dinge sich überhaupt an uns erinnern, das wäre immerhin ein Trost. Ob der Teich, mit jedem Frosch und jeder Seerose darin, irgendwo unsere Spiegelungen aufbewahrt. Ob die Vergangenheit selbst, wir selbst von damals uns nicht in Frösche und Seerosen verwandelt haben.

Unklares System

Dieses tatsächlich literarisch schöne Zwischenspiel endet allerdings schmerzlich schnell wieder. Danach folgen zahlreiche Seiten Abhandlungen darüber, nach welchem Jahrzehnt oder Jahr sich die einzelnen Staaten Europas zurücksehnen und welches sich in den einzelnen Volksabstimmungen durchsetzt. Dabei bleibt relativ unklar, wie das Ganze tatsächlich funktionieren soll. Entscheidet man sich für ein einzelnes Jahr oder eine Dekade? Läuft diese dann ab oder bleibt man darin immer verharrend? Die Erzählung bevorzugt mal das eine, mal das andere, wie es gerade passt um eher schwache Pointen zu setzen (die meisten Ostblockstaaten etwa wählen das Jahr 1989, weil da die große Verheißung der Freiheit beginnt aber ohne den späteren Schock, dass das nicht einfach nur toll ist. Spanien aber wählt nicht die Revolution, weil darauf Bürgerkrieg und Franco folgen, Deutschland dagegen wählt die gesamten 80er, aber angeblich vor allem aufgrund der Vorfreude auf die Neunziger und so weiter. Es wirkt, als sei dieses ganze Zeitsprungs-Ding vor allem in dem Roman, um kleine nicht sonderlich originelle Essays darüber platzieren zu können, wonach sich einzelne Nationen in der Mehrheit sehnen. Eine „Lösung“ wird dann zwar aus dem Hut gezaubert, doch die geht auf die widersprüchliche Natur der Sache einfach nicht ein:

 

Die Konzentration in nur 3 bis 4 grundlegenden Zeitallianzen, und das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde als vielversprechender Schritt hin zu einer zukünftigen Vereinigung gedeutet. Eine gewisse Zeit lang mussten aber alle Bürger innerhalb der Grenzen ihres Staates und des entsprechenden Jahrzehnts bleiben, das die höchste Stimmenzahl erhalten hatte. Die Vermischung der Zeiten sollte vermieden werden, zumindest am Anfang, bis die Dinge sich gefestigt hätten und angelaufen wären. Danach würden die Grenzen aufgehoben werden. Tatsächlich verlief in diesem Punkt eine scharfe Trennlinie. Die Diachroniker dachten an einen Neustart der Zeit und ihre natürlich voranschreitende Entwicklung ausgehend von den ersten Jahren. Das Lager der Synchroniker jedoch bestand darauf, für einen längeren Zeitraum in den gewählten Jahrzehnten zu verbleiben. Die Prozedur erschien langsam und träge, und es war überhaupt nicht sicher, wie lange sie zurückgehalten werden konnte.


Den Roman beenden dann noch einmal längere tagebuchartige Passage mit Reflexionen über den Verlust des Gedächtnisses und die Frage, wie die Figur Gaustín entstanden ist und mit der Zeit lebendiger wurde als der Schriftsteller, der sie erfunden hat. Natürlich auch nicht ohne das abgestandene Klischee: Wer schreibt hier wen? Der Autor die Figuren oder die Figuren den Autor? Ich würde es als Autor wirklich nicht über mich bleiben, so ein vielfach bemühtes Klischee noch einmal zu bemühen. Das mag einmal (lies: ein einziges Mal) als Idee pfiffig gewesen sein, und natürlich hat es eine zentrale Frage des Verhältnisses zwischen Geschriebenen und Geschehen und wie sich diese gegenseitig beeinflussen, gestellt. Aber wird diese Idee wirklich durch Wiederholung besser? Ich glaube nicht. Tatsächlich lassen sich relativ unbemerkenswerte Ideen leicht wiederholen, ohne abgeschmackt zu wirken (unzählige Filme haben Schlägereien oder Verfolgungsjagden in Autos, doch man wird kaum auf die Idee kommen, eine für die Kopie einer anderen zu halten. Nicht viele Filme oder Geschichten haben einen Menschen, der rückwärts altert, und man wird alle, die dieses Motiv nutzen, mit Recht für Kopisten von Benjamin Button halten).

Und das ist das Buch. Interessante Ausgangslage, wunderschöner Mittelteil, ansonsten viele Literaturverweise und eine Ausführung, die sich darauf verlässt, dass die Leserinnen und Leser sagen: Aha, das ist irgendwie mysteriös und verwirrend, das muss gut sein. Es ist nicht gut. Schade, denn der Mittelteil könnte für sich mit einigen herausragenden Prosatexten auf Augenhöhe existieren.
Retten ließe sich das Ganze, liest man es, wofür es im Text durchaus Hinweise gibt, als das Ringen eines an Demenz erkrankten um Vergangenheit. Ob ihr dem Roman das abkaufen wollt und ob das viele langweilige Passagen erträglicher macht – das müsst ihr selbst entscheiden.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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