Kae Tempest: The Bard of London

Kae Tempest wurde 1985 als Kate Esther Calvert in South-London geboren. Ihren Künstlernamen „Tempest“ hat sie, wie kolportiert wird, als Brückschlag zu Shakespeare gewählt. Verhoben hat sie sich damit keinesfalls. Eine Kolumne von Leander Sukov


Foto: Fredrik Håkansson from Gothenburg, Sweden, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons

 

Natürlich ist Kae Tempest nicht William Shakespears Wiedergängerin. Kae Tempest will kein Twentyfirst-Century-Clone Shakespears sein. Kraft, Ausdrucksstärke, Sprachgewandtheit und Genie verbindet die nicht-binäre Person Kae Tempest mit dem Mann aus Stratford-upon-Avon. Genie, diese unerklärbare Größe in der Kunst, dieses kleine Etwas mehr, das alles verändert, das aus einem Gemälde mehr macht als aus den Gemälden anderer, das ein Poem heraushebt aus dem Meer der Poeme … Kae Tempest hat es, ebenso wie es Shakespeare hatte.

Ausbruch

Bekannt geworden ist Kae, damals noch Kate, durch ihre gesprochenen, gesungenen, gerappten Gedichte. Was sie da tut, ist kaum zu kategorisieren: Ist es Hiphop oder doch Spoken-Word-Poetry, musikalische Lesung oder sind es Ein-Personen-Stücke, die sich aneinanderreihen. Was Kate auf die Bühne brachte, und Kae, die sich nun offenbar auf Prosa und Dramatik fokussiert hat, vielleicht in Zukunft wieder aufführen und in Videos und Soundfiles packen wird, changiert zwischen den Genres, lässt sich nicht festlegen, bricht, Stück für Stück, aus. Es ist etwas Eigenes. Etwas auch, dass in sich geschlossen ist, wie die Shakespear’schen Sonette.

Treibende Bässe benutzt Tempest, und natürlich kann man tanzen zu einzelnen Stücken, aber der musikalische Lauf ist nie nicht auf gleicher Höhe mit dem Wort, ist Unterstützung nur und Unterstreichung.

Europe is lost“, das wohl bekannteste Stück aus der damaligen Reihe, ist eine doppelbödige, großartig wortgewaltige Schilderung des Zustandes Europa und doch ganz und gar zeitlos und ohne regionale Beschränkung. Das erreicht Tempest mit nie loslassender Dialektik zwischen ihren Figuren, die natürlich auch lyrische Ichse sein können, und der Welt. Da bezieht sich alles auf alles. Epochengebundenheit ist kaum mehr möglich.

We have ambitions and friendships and our courtships to think of

Divorces to drink off the thought of

The money, the money, the oil

The planet is shaking and spoiled

And life is a plaything

A garment to soil

The toil, the toil

I can’t see an ending at all

Only the end

How is this something to cherish?

When the tribesmen are dead in their deserts

To make room for alien structures

Develop, develop

And kill what you find if it threatens you

No trace of love in the hunt for the bigger buck

Here in the land where nobody gives a fuck,

heißt es in Europe is lost.

Und natürlich wiegen das für Ostasien gleich schwer und gilt, richtig eingeordnet, für die Renaissance oder die Moderne, gilt für heute, für morgen und für das Gestern auch.

Foto: Martin Schumann / Wikipedia, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

 

In „Hold your own“ von der letzten, 2019 erschienen, LP heißt es

Every pain

Every grievance

Every stab of shame

Every day spent with a demon in your brain giving chase

Hold it

Know the wolves that hunt you

In time, they will be the dogs that bring your slippers

Love them right and you will feel them kiss you when they come to bite

Hhot snouts digging out your cuddles with their bloody muzzles

Hold

Es ist der stetige Weltschmerz, der der Treibstoff für Tempest ist. Es ist der Schmerz über eine Welt in einem Wandel, der als Niedergang empfunden wird. Und so ist vieles von dem, was Kae Tempest auf die Bühne bringt, zwischen die Deckel von Büchern oder in Sound verpackt, auch Bericht über Verlust an Gewohntem. Das „Ich“ löst sich von der es schaffenden Person. Es ist das Ich derer, die sie rezipieren.

Verführung zum Sichbefassen

Die Doppelbödigkeit, die vielen Türen, die die Dichtung Tempest‘ aufweist, machen Ablehnung und Zustimmung zugleich möglich. Aber Beliebigkeit bedeutet das nicht, es ist Verführung zum Sichbefassen.

Das Oeuvre kann sich sehen lassen: Vier Theaterstücke, vier Alben, vier Lyrikbände und ein Essayband sind, in dieser Qualität, die ja nicht schnell zu produzieren ist, ein schon großes Werk für eine Schaffenszeit von 16 Jahren.

Kae Tempest hat 2013 als erste nicht männliche Person unter 40 Jahren den Ted-Hugh-Preis der britischen Poetry Society erhalten und 2021 den Silbernen Löwen der Bellinale di Venezia für das vielfältige Theaterwerk.

Kate Tempest – Full Performance (Live on KEXP) vom 29. Sept. 2019

Lyrik

  • 2012: Everything Speaks in its Own Way.

  • 2014: Hold Your Own. Pan Macmillan, London, ISBN 978-1-4472-4121-8.

  • Deutsche Ausgabe: Hold Your Own. Gedichte. Aus dem Englischen übersetzt von Johanna Wange. Suhrkamp, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-12706-3.

  • 2016: Let Them Eat Chaos. Picador, London, ISBN 978-1-5098-3000-8.

  • 2018: Running Upon The Wires. Picador, London, ISBN 978-1-5098-3002-2.

  • Deutsche Ausgabe: Running Upon The Wires / Vibrationen. Gedichte. Aus dem Englischen übersetzt von Johanna Davids. Suhrkamp, Berlin 2020, ISBN 978-3-518-12760-5.

Dramatik

  • 2013: Wasted

  • 2014: Glasshouse

  • 2014: Hopelessly Devoted

  • 2021: Paradise

Roman

  • 2016: The Bricks That Built The Houses. Bloomsbury Circus, London.

  • Deutsche Ausgabe: Worauf Du Dich verlassen kannst. Aus dem Englischen übersetzt von Karl und Stella Umlaut. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-499-26989-9.

Essay

  • Verbundensein. Suhrkamp, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-47164-7.

Longplay

  • 2011: Balance (mit „Sound of Rum“)

  • 2014: Everybody Down – nominiert für den Mercury Prize 2014

  • 2016: Let Them Eat Chaos

  • 2019: The Book of Traps and Lessons

Leander Sukov

Leander Sukov hat in Hamburg Volkswirtschaft studiert und war während des Studiums Geschäftsführer der Vereinigten Deutschen Studentenschaften. Bis zur Kanzlerschaft von Gerhard Schröder war er Mitglied der SPD. Er ist nun Mitglied der LINKEN. Sukov hat für eine Reihe von Printmedien als Theater- und Literaturkritiker gearbeitet und das Nachrichtenportal RedGlobe gegründet, welches er heute nicht mehr selbst betreibt. Er ist hauptberuflich Schriftsteller und der Verlagsleiter der Kulturmaschinen-Verlages. Zusammen mit anderen Journalisten und Autoren betreibt er die Rezensionswebsite Cultureglobe.de.

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