Houston Stewart Chamberlain als einer der geistigen Wegbereiter des Holocaust – Betrachtungen aus aktuellem Anlass

Die Kontroverse um die Singularität des Holocaust eskaliert. Dies insbesondere nachdem der australische Historiker A. Dirk Moses im Online-Magazin „Geschichte der Gegenwart“ seinen höchst umstrittenen Artikel „Der Katechismus der Deutschen“ veröffentlicht hat.


Stellt die These von der Singularität des Holocaust einen „Katechismus der Deutschen“ dar?

Die eigenwilligen Thesen des australischen Historikers A. Dirk Moses über den sogenannten „Katechismus des Deutschen“ riefen scharfe Reaktionen zahlreicher Publizisten und Historiker hervor. Zu diesem „Katechismus“ gehört aus der Sicht von Moses der beinahe zu einem religiösen Axiom erhobene Glaube an die Einzigartigkeit des Holocaust wie auch die Überzeugung, dass es sich beim Holocaust um einen beispiellosen Zivilisationsbruch handele: „Millionen Deutsche haben während der vergangenen Jahrzehnte verinnerlicht, dass für die sündige Vergangenheit ihrer Nation nur über den Katechismus Vergebung zu erlangen ist“, so Moses. In Wirklichkeit sei der Holocaust Teil vieler Geschichten, setzt Moses seine Argumentation fort: „des Antisemitismus, der massenhaften Versklavung, von Aufständen in den Kolonien und von Vertreibungen, um nur einige Beispiele zu nennen“. Dann kommt Moses zu folgendem Fazit: „Deutsche Eliten instrumentalisieren den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden“.

Die Endkampfszenarien der Rassenantisemiten

Der Doyen der internationalen Holocaustforschung, Saul Friedländer, widerspricht in seiner Replik in der ZEIT (8.7.2021) entschieden den Thesen seines australischen Kollegen und meint, dass es sich beim Holocaust nicht nur um einen Akt von Massengewalt unter vielen gehandelt habe: „(Er) unterscheidet sich nicht nur in einzelnen Aspekten von anderen historischen Verbrechen, sondern fundamental. Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich im weiten Kontext des Rassenantisemitismus eine extreme Strömung heraus, die von dem Briten Houston Stewart Chamberlain bis hin zu Vordenkern des Nationalsozialismus wie Dietrich Eckart und zu Adolf Hitler selbst reichte. Diese Strömung erblickte in „den Juden“ das Böse an sich, den Todfeind der arischen Menschheit, den es bis zum Tod zu bekämpfen gelte. Der Ausgang dieses apokalyptischen Kampfes war ungewiss: Ein Sieg des Juden würde den Tod der arischen Menschheit bedeuten, ein Sieg über den Juden ihre Rettung“.

H.S. Chamberlains „Schlüssel“ zur Enträtselung des „Sinns der Geschichte“?

Der Hinweis Friedländers, dass der Holocaust untrennbar mit einer chiliastischen Erlösungsideologie verbunden war, die versprach, nach der Bezwingung der Juden eine neue, nie dagewesene Gesellschaft zu errichten, wird in der Argumentation von Moses weitgehend ausgeblendet. Diese Erlösungsideologie, die der Singularität des Holocaust im Wesentlichen zugrunde liegt, entstand, wie Friedländer dies mit Recht betont, nicht über Nacht. Alle Zäsuren bahnen sich in der Regel nur langsam an. Eine außerordentlich wichtige Rolle spielte bei der Entstehung dieser Ideologie das Machwerk des von Friedländer erwähnten britisch-deutschen Publizisten H. S. Chamberlain „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, in dem die künftigen Umrisse des Holocaust bereits sichtbar waren. Da Chamberlains programmatische Vorstellungen und Hitlers Wahnideen zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen, möchte ich auf das Buch Chamberlains genauer eingehen.

Dieses 1899 erschienene Elaborat wurde zu einer Art Pflichtlektüre für unzählige pseudointellektuelle Kreise in Deutschland und weit darüber hinaus.

Dabei darf man nicht vergessen, dass dieses Buch, das die religiösen, historischen und kulturellen Fundamente der europäischen Zivilisation als solcher zu erklären suchte, von einem Dilettanten geschrieben wurde, der über sich selbst sagte, er sei kein Fachmann, kein Gelehrter:

Nicht allein bin ich kein Gelehrter, sondern ich bin organisch unfähig, jemals einer zu werden.

Und in der Tat. Das pseudowissenschaftliche Machwerk Chamberlains rief höhnische Reaktionen vieler Spezialisten hervor, worüber sich Chamberlain wiederholt beklagte:

„Dieser Professorenaberglaube ist in Deutschland fast eine Kalamität geworden“, schrieb er am 4.1.1902 an Kaiser Wilhelm II., der zu den größten Bewunderern der „Grundlagen“ zählte.

Was sicherte also diesem „Werk“, trotz der äußerst skeptischen Reaktion mancher Wissenschaftler, eine derartige Verbreitung? Dies war sicher der Anspruch Chamberlains, die Gesetzmäßigkeit der Geschichte entdeckt zu haben. In beinahe Marxscher Manier meinte er, die Ursache der Ursachen, die prima causa der historischen Prozesse entdeckt zu haben, und dies war für ihn der auf Leben und Tod geführte Kampf zwischen der „schöpferischen“ und „alles Edle verkörpernden“ arischen Rasse und dem angeblich unerbittlichen Feind alles „Edlen“ und „Genialen“ – dem Judentum.

Auch Hitler hatte bekanntlich ein ähnliches Weltbild. Frank-Lothar Kroll, der das Geschichtsbild Hitlers untersuchte, schreibt von Hitlers „Endzeit“-Denken, von seiner Vorstellung, den Endkampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse bis zum bitteren Ende durchführen zu müssen.

Als glühender Verehrer Richard Wagners, als Wagner-Biograph und führender Publizist des „Bayreuther-Kreises“ setzte Chamberlain den Feldzug seines Lehrmeisters gegen das Judentum fort, der den „moralischen Verfall“ der modernen Welt auf den Einfluss des Judentums zurückführte. Voller Zustimmung zitierte Chamberlain auch die Wagnersche Definition des Judentums, das der Komponist als den “plastischen Dämon des Verfalls der Menschheit“ bezeichnet hatte.

Die sich nach vereinfachenden Lösungen sehnenden pseudointellektuellen Leser Chamberlains waren dem Autor für seinen „Schlüssel“ zur Enträtselung des „Sinns der Geschichte“ unendlich dankbar.  So schreibt Wilhelm II. am 31.12.1901 an den Autor der „Grundlagen“:

Da kommen Sie, mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muss; Erklärungen für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen und damit zum Heil der Menschheit.

Was in diesem Zusammenhang allerdings erstaunt, ist nicht nur die Tatsache, dass das Elaborat Chamberlains die Anerkennung unzähliger Dilettanten fand, sondern auch einer Reihe von Wissenschaftlern, die sich, ähnlich wie halbgebildete Leser der „Grundlagen“, nach einer Zauberformel sehnten, um mit ihrer Hilfe, den schwer durchschaubaren Gang der Geschichte zu erfassen. Zu den „Verführten“ gehörte auch einer der prominentesten protestantischen Theologen der damaligen Zeit:  Adolf von Harnack. Der Kirchenhistoriker Wolfgang Kinzig, der vor einigen Jahren den Briefwechsel zwischen Harnack und Chamberlain herausgegeben hat, schreibt:

Es bleibt rätselhaft, wie ein so hochdifferenziert denkender Historiker der pathetischen Rhetorik und dem gleißenden Charme des philosophisch, theologisch und naturwissenschaftlich in jeder Hinsicht halbgebildeten Chamberlain gewissermaßen `auf den Leim gehen konnte‘.

Dann fügt Kinzig hinzu: „Andere als Harnack waren da scharfsichtiger. Es genügt, Franz Overbecks beißende Äußerungen zu Chamberlain zu vergleichen, um gewahr zu werden, dass man der rhetorischen Verführungskunst des Publizisten nicht erliegen musste, dass man Chamberlain als das erkennen konnte, was er war: … ein ´Dilettant´, der sich selbst zu ernst nahm, ´um als Dilettant so ganz ernst genommen zu werden“.

Chamberlain über die Zerstörung Karthagos und Jerusalems durch das antike Rom

Chamberlains Buch enthielt allerdings nicht nur „einfache“ Antworten auf die kompliziertesten Fragen der Menschheitsgeschichte, sondern auch eine Anleitung zum Handeln. Er zeigte, welche Mittel angewandt werden mussten, um den Kampf zwischen der arischen Rasse und ihren Gegnern in eine für das Ariertum heilsame Richtung lenken zu können. So war er voller Bewunderung für die Zerstörung Karthagos durch das antike Rom im Jahre 146 vor Chr.  Er schreibt:

Eines … ist so klar wie die Sonne am Mittag: Wäre das phönizische Volk nicht ausgerottet, … so hätte die Menschheit dieses 19. Jahrhundert, auf welches wir jetzt, bei aller demütigen Anerkennung unserer Schwächen … doch mit Stolz … zurückblicken, niemals erlebt. Bei der unvergleichlichen Zähigkeit der Semiten hätte die geringste Schonung genügt, damit die phönizische Nation wiederentstehe; in einem nur halbverbrannten Karthago hätte ihre Lebensfackel unter der Asche wieder geglimmt, um, sobald das römische Kaiserreich seiner Auflösung entgegenging, von Neuem hell aufzulodern … In den Juden haben wir eine andere und nicht weniger bedrohliche Abart des überall das Edle und Produktive zerfressenden Giftes zu erblicken, und man müsste blind oder unehrlich sein, wollte man nicht bekennen, dass das Problem des Judentums in unserer Mitte zu den schwierigsten und gefährlichsten der Gegenwart gehört.

Und weil die Juden, nach der Auslöschung der Phönizier, angeblich die größte noch verbliebene Gefahr für die arische Rasse darstellten, ist Chamberlain den Römern unendlich dankbar für ihre andere Zerstörungstat, die aus Sicht Chamberlains „für die Weltgeschichte eine vielleicht ebenso unermessliche Bedeutung“ gehabt habe, wie die Zerstörung von Karthago – nämlich die Zerstörung von Jerusalem im Jahre 70 n. Chr.:

Ohne diese Tat … hätte das Christentum sich schwerlich jemals vom Judentum losgerissen (…Wir) hätten also ein durch christliche Anregung reformiertes Judentum erhalten.

Chamberlains „arisches“ Christentum

In dieser Aussage ist einer der größten Widersprüche des ohnehin abstrusen Denkmodells Chamberlains enthalten. Denn dieser geistige Wegbereiter des Holocaust hielt sich für einen Christen! Im Gegensatz zu vielen anderen Rassisten von damals, die sich zu neuheidnischen Ideen bekannten und das Christentum für ein Werkzeug der Juden zur Zersetzung der arischen Rasse hielten, schien Chamberlain mit dem herkömmlichen europäischen Menschenbild nicht derart radikal gebrochen zu haben. Und gerade aufgrund dieser scheinbaren Treue zur christlichen Tradition, entwickelte seine „Botschaft“ eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft auf viele Vertreter des konservativen Establishments im Wilhelminischen Reich. Sie realisierten kaum, dass die Ideen Chamberlains mit der christlichen Überlieferung so gut wie keine Gemeinsamkeiten aufwiesen. Denn der Autor der „Grundlagen“ setzte sich für das „arische“ bzw. „germanische“ Christentum ein, das vom „semitischen Gift“, nicht zuletzt vom „Alten Testament“, befreit werden sollte. Die Juden bezeichnet er als ein durch und durch materialistisches Volk, dem jede religiöse Begabung fehle. Bereits die Propheten des Alten Testaments hätten bezeugt, wie verdammenswert diese Nation der „Götzenverehrer“ sei. Nur arische Völker hätten die Fähigkeit entwickelt, sich in die religiösen Tiefen zu versenken. Aus diesem Grund konnte Christus, den Chamberlain für die bedeutendste religiöse Erscheinung der Menschheitsgeschichte hielt, kein Jude gewesen sein. Als Galiläer sei er Angehöriger eines arischen Volkes gewesen, das zwar die jüdische Religion praktizierte, aber sich mit den Juden nicht vermischte.

Die abstruse Theorie Chamberlains vom „arischen Christus“ hatte übrigens im konservativen Establishment des Wilhelminischen Reiches zahlreiche Bewunderer.

Man muss hinzufügen, dass nicht die Liebe im Zentrum des von Chamberlain propagierten „arischen“ Christentums stand, sondern Hass:

Aufrichtig gesagt, ich kann mir bei dem Begriff ´Liebe´ nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding gibt, das ´Hass´ heißt“, schreibt er in einem Brief an Adolf von Harnack. Er hasse das Schlechte, das Schändliche, das Gemeine, „dasjenige, was alle Tage, auf allen Gebieten alles, was mir hoch und heilig ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an unserem lieben armen großen Europa rettungslos dem Untergang weihend – ich begreife nicht die Aufforderung es zu lieben; mit allen Kräften meiner Seele hasse ich es, und hasse es und hasse es!.

Für die „Humanitätsduselei“ des modernen Europäers hatte Chamberlain nur Spott übrig. Sie habe den Aufstieg des Judentums erst ermöglicht. Nicht zuletzt deshalb bewundert Chamberlain die Härte, mit der das alte Rom die angebliche „semitische Gefahr“ bekämpft hatte. Chamberlain schreibt:

Von idealen Beweggründen bestimmt, öffnete der Indoeuropäer in Freundschaft die Tore: wie ein Feind stürzte der Jude hinein. Stürmte alle Positionen und pflanzte … auf den Breschen unserer echten Eigenart die Fahne seines uns ewig fremden Wesens auf.

Die Dämonisierung der Juden

Chamberlain führt eine Reihe von Argumenten an, warum die jüdische Rasse unbedingt bekämpft werden müsse:

(Ihr) Dasein ist Sünde, ihr Dasein ist ein Verbrechen gegen die heiligen Gesetze des Lebens…

(Die) Grundlage jüdischer Religion schließt … ein direktes verbrecherisches Attentat auf alle Völker der Erde ein…

(Die) verbrecherischen Hoffnungen (der Juden sondern) dieses Volk … gänzlich aus der leidenden, strebenden, schaffenden Menschheit aus, (machen) es … zu einem offenen oder versteckten Feind jedes anderen Menschen, zu einer Gefahr für jede Kultur.

So spricht Chamberlain eigentlich den Juden das Menschsein ab. In ihrem Buch über die Vordenker des Nationalsozialismus fasst Doris Mendelewitsch das Judenbild Chamberlains zusammen:

Alles, was zu einem richtigen Menschen gehört, fehlt den Juden; sie sind unschöpferisch, lediglich üble Rationalisten und Materialisten, ihr ´religiöser Instinkt´ ist verkümmert.

Mit dieser Enthumanisierung der Juden nahm Chamberlain im Grunde manche Thesen Hitlers vorweg. Ein Beispiel sollte genügen. So wurden die Juden in Hitlers „Mein Kampf“ folgendermaßen charakterisiert:

Den gewaltigen Gegensatz zum Arier bildet der Jude… (Der Jude) ist und bleibt ein typischer Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt.

Kein Wunder, dass der Autor der „Grundlagen“ im „Pantheon“ der NSDAP einen Ehrenplatz einnahm. Chamberlain sei „ohne Zweifel der wichtigste Wegbereiter der nationalsozialistischen Bewegung“ gewesen, hebt der deutschbaltische Philosoph Hermann Graf Keyserling in seinen Erinnerungen hervor. Ähnlich sieht dies auch Peter Schäfer in seiner 2020 erschienenen „Kurzen Geschichte des Antisemitismus“.

Joachim Köhler, der in seinem Buch „Wagners Hitler“ detailliert die ideologische Kontinuität zwischen den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ und dem Hitlerschen „Mein Kampf“ aufzeigt, schreibt Folgendes über das äußerst simple Chamberlainsche Programm:

Wer … die Ursache des Verfalls durchschaut hat, kann gar nicht anders als sie, um des eigenen Überleben Willen, zu vernichten“, und dann fügt Köhler hinzu: „Chamberlains eigenwillige, nach modernen Begriffen abwegige Geschichtstheorie sollte nur das Vorspiel abgeben zur großen erlösenden Tat.

Die Erlösung der arischen Rasse wurde von Chamberlain also als eine Art „Selbsterlösung“ konzipiert. Sie sollte ihre Willenskraft maximal mobilisieren, um dann mit einer besonderen Konsequenz gegen ihren angeblichen „Todfeind“ vorzugehen. Mit diesem quasi „gnostischen“ (Eric Voegelin) „Selbsterlösungskonzept“ läutete Chamberlain im Grunde das 20. Jahrhundert ein, das durch Ideologien geprägt war, die die „Entfernung“ von Millionen von Menschen zur Grundvoraussetzung für die Errichtung von paradiesischen Zuständen erklärten.

Scheinheilige Distanzierung vom „aggressiven Antisemitismus“

Einige Autoren sprechen indes von einer angeblich ambivalenten Einstellung Chamberlains zur jüdischen Frage. Sie beziehen sich dabei auf folgende Sätze der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“:

Man braucht nicht die authentische Hethiternase zu besitzen, um Jude zu sein. Vielmehr bezeichnet dieses Wort vor allem eine besondere Art zu fühlen und zu denken; ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden … Andererseits ist es sinnlos, einen Israeliten echtester Abstammung, dem es gelungen ist, die Fesseln Esra´s und Nechemia´s abzuwerfen, in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herz die Verachtung Andrer keine Stätte mehr findet, einen ´Juden´ zu nennen.

Diese Äußerungen widersprechen in einer derart eklatanten Form der These Chamberlains vom jüdischen Blut, das andere Rassen angeblich unheilbar vergifte, dass die oben zitierte Aussage, die den „nichtjüdischen“ Juden eine Art „Absolution“ erteilt, nur als heuchlerisches Ablenkungsmanöver bezeichnet werden kann. Ähnlich sind auch scheinheilige Distanzierungen Chamberlains vom Antisemitismus zu bewerten, die man in seinem Schrifttum gelegentlich registriert. So schreibt er z.B. in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1902: „Aggressiver Antisemitismus oder Geringschätzung des Judentums liegt mir fern“.

Wenn man bedenkt, dass diese Aussage aus dem Munde eines der Vordenker des Holocaust stammt, so kann man sie nur als perfide bezeichnen.

Chamberlains Plädoyer für ein „rassenbewusstes“ Deutschland

Chamberlain bemühte sich unablässig, um die Popularisierung seines rassenpolitischen Programms. In erster Linie in seiner Wahlheimat Deutschland hoffte er auf eine entsprechende Resonanz. Sein Geburtsland England verachtete er:

„Ich halte … England für ein schon seit einem Menschenalter in rapider Degeneration begriffenes Volk“, schreibt er kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

So verband Chamberlain all seine Hoffnungen auf die Erlösung der Menschheit von der „jüdischen Gefahr“ mit Deutschland (seit 1885, also seit seinem 30. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahre 1927 lebte Chamberlain in deutschsprachigen Ländern).

Allerdings waren die an Deutschland gerichteten Erwartungen Chamberlains mit einer Sorge verknüpft. Viele Deutsche hätten nämlich das Ausmaß der angeblichen „jüdischen Gefahr“ nicht ausreichend realisiert und hielten an dem aus der Sicht Chamberlains verderblichen „Dogma der Rassengleichheit“ fest. Besonders heftige Zornausbrüche Chamberlains rufen die Priester hervor, die, so Chamberlain: „manches Grundfalsche über die (Rassenfrage) vorgebracht haben. Hier ist das kirchliche Christentum ein wahrer Fluch für die Menschheit geworden“.

Immer wieder rief Chamberlain die Deutschen dazu auf, „deutsch werden“, und zwar nicht nur kulturell, sondern auch rassisch. Welch angeblich „gefährliche Folgen“ die Missachtung der rassischen Reinheit haben könnte, beschreibt Chamberlain in einem seiner Briefe an Wilhelm II. (20.2.1902):

Ich kenne einen … echt deutschfühlenden Mann, der ein unverfälscht deutsches Mädchen heiratete und nun höchlich entsetzt ist, aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen zu sehen, die alle so ausschauen, als wären sie aus assyrischen Monumenten losgelöst – die unverkennbarsten, widerwärtigsten Semitengesichter, die man sich denken kann, und die entsprechenden Anlagen. Die Mutter des guten Mannes war eben eine ´Getaufte´ gewesen und nun kommt – durch die Vermischung hervorgelockt – das rein Semitosyrische viel kräftiger zum Vorschein als vorher.

Um derartige Vermischungen zu verhindern, plädiert Chamberlain für ein „rassenbewusstes … Deutschland“.

Chamberlain über Hitler

Bis zur Endphase des Ersten Weltkrieges verband Chamberlain seine Hoffnungen auf die Verwirklichung der von ihm propagierten Rassenrevolution mit der deutschen Oberschicht. Er war  stolz darauf, dass seine „Werke“ in den höchsten Adelskreisen eine große Resonanz erzielten. Diese Hoffnungen ließen aber allmählich nach, denn in ihrer Ablehnung des Judentums waren Vertreter des Hochadels und der Hofkreise bei weitem nicht so unerbittlich, wie Chamberlain selbst. Sogar solche Bewunderer der judenfeindlichen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ wie Prinz Max von Baden oder Kaiser Wilhelm II. hatten jüdische Freunde oder Mitarbeiter.

Trotz dieser für Chamberlain enttäuschenden Haltung der deutschen Aristokraten betrachtete er weiterhin Deutschland als den größten Widersacher des Judentums und glaubte nach wie vor an die „deutsche Sendung“. Und diese Hoffnung begann sich in den 1920er Jahren zu materialisieren. Chamberlain traf nun einen Politiker, der das von ihm seit Jahrzehnten propagierte „Erlösungswerk“ verwirklichen könnte – Adolf Hitler. Am 30.September 1923 fand ein Treffen zwischen den beiden Gesinnungsgenossen in Bayreuth statt. Eine Woche später schrieb Chamberlain an den Führer der NSDAP:

Sehr geehrter und lieber Herr Hitler. … Sie haben Gewaltiges zu leisten vor sich … Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt, jedoch hatte mein Hoffen – ich gestehe es – eine tiefe Ebbe erreicht. Sie haben den Zustand meiner Seele mit einem Schlag umgewandelt. Dass Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein … Ich durfte billig einschlafen und hätte auch nicht nötig gehabt, wieder zu erwachen. Gottes Schutz sei bei Ihnen.

Chamberlains Huldigungsschreiben war für den künftigen deutschen Diktator von unschätzbarem Wert. Denn Chamberlain galt seit dem Erscheinen der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ als der „Chefideologe“ des „Bayreuther Kreises“. Und nun lag Bayreuth, dank Chamberlain, Hitler zu Füßen, was den Führer der NS-Bewegung außerordentlich beflügelte.

Chamberlains Glaube an Hitlers „Sendung“ wurde auch nach dem Scheitern des Münchner Putsches nicht erschüttert. In einem Flugblatt vom 1.1.1924 bezeichnete er den von ihm erwählten künftigen Vollstrecker seines Vermächtnisses als eine Art „Lichtgestalt“: Im Gegensatz zu den übrigen Politikern sei dieser „Gottessegen“ kein „Phrasendrescher“, sondern einer, der konsequent seine Gedanken zu Ende denke und furchtlos seine Folgerungen daraus ziehe.

Hitler sprach seinerseits voller Bewunderung von den „wissenschaftlich“ begründeten „Erkenntnissen eines Houston Stewart Chamberlain“, an denen „die offiziellen Stellen der Regierung … gleichgültig“ vorbeigegangen seien.

Goebbels bezeichnete seinerseits Chamberlain als den „Vater unseres Geistes“, den „Bahnbrecher“ und „Wegbereiter“.

Die Errichtung des Dritten Reiches lässt sich insofern in gewisser Hinsicht als ein postumer Sieg des 1927 verstorbenen Chamberlain bezeichnen. Der vom Autor der „Grundlagen“ verklärte  Hitler verfügte in der Tat über die von Chamberlain bewunderte Fähigkeit, Worte und Taten miteinander zu verbinden. Dies betraf z.B. die von Hitler am 30. Januar 1939 im Reichstag formulierte „Voraussage“ über die  Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“, die der Führer des Dritten Reiches etwa zweieinhalb Jahre später buchstabengetreu zu verwirklichen begann.

Hitler über Chamberlain

Indes enthielt das Vermächtnis Chamberlains eine Komponente, die den NSDAP-Führer irritierte:

„H. St. Chamberlains Irrtum war, an das Christentum als eine geistige Welt zu glauben“, sagte Hitler in einem seiner Monologe, der am 13. Dezember 1941 aufgezeichnet wurde.

Dies war die Zeit, in der der Genozid an den Juden bereits in vollem Gange war. Die Einsatzgruppen des SD und der Sicherheitspolizei, die unmittelbar nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22.6.1941 begonnen hatten, jüdische Männer  massenhaft zu erschießen, dehnten diese Mordaktionen etwa Ende August auch auf die Frauen und Kinder aus, also auf die gesamte jüdische Bevölkerung.

Chamberlains Bekenntnis zum Christentum, sogar zum sogenannten „arischen“ Christentum, stellte indes für Hitler, trotz seiner Bewunderung für Chamberlains „Werk“, ein Hindernis dar:

„Das reine Christentum, das sogenannte Urchristentum … führt zur Vernichtung des Menschentums, ist nackter Bolschewismus in metaphysischer Verbrämung“ – dies war die These, die Hitler einen Tag nach seiner Auseinandersetzung mit dem „Irrtum“ Chamberlains verkündete.

Der letzte von der europäischen Kultur überlieferte „Ballast“ wurde nun abgeworfen. Der „Endlösung der Judenfrage“ stand nichts mehr im Wege.

Zur Singularität des Holocaust

Und nun zurück zur Kontroverse um die Thesen von A. Dirk Moses. Sein Versuch, den Holocaust als einen Akt der Massengewalt unter vielen darzustellen, scheitert daran, dass die Judenfeindschaft der Rassenantisemiten, wie eingangs erwähnt, Elemente enthielt, die in den anderen Formen von Fremdenfeindlichkeit in der Regel fehlten, bzw. keine zentrale Rolle spielten. Denn die Juden galten in den Augen der Judenhasser als heimliche Beherrscher der modernen Welt. Durch die Identifizierung der Juden mit der verhassten Moderne befreiten sich die Antisemiten scheinbar aus einem Teufelskreis. Der aussichtslose Kampf gegen die allmächtigen und anonymen Kräfte der Moderne verwandelte sich in einen Kampf gegen konkrete und durchaus verletzbare Juden. Die „Entfernung“ der Juden sollte automatisch zur Herstellung der patriarchalischen Idylle führen.

Die antisemitische These von der jüdischen Weltverschwörung bzw. der jüdischen Weltherrschaft wurde gegenüber den anderen Opfern der Massengewalt, die Moses in seinem Text erwähnt, kaum angewandt: „(Sah) der Rassismus in den Nichtweißen wirklich einen übermächtigen, allgegenwärtigen Weltfeind, der sowohl den Kommunismus als auch den Kapitalismus kontrolliert, wie der Antisemitismus in den Juden?“, fragt der Historiker Volker Weiß in seiner Erwiderung auf die Thesen von Moses. Und Alan Posener fügt in seiner Replik hinzu, dass „die Juden … im Wahn der Nazis die Rolle des übermenschlichen Weltfeinds einnahmen und darum bis zum letzten Säugling ausgerottet werden mussten, was keineswegs ´in der Weltgeschichte ein weitverbreitetes Muster´ ist“.

Ähnlich bewertet die Singularität der Shoah auch Peter Schäfer, den ich abschließend zitieren möchte:

(Es) gilt nach wie vor, dass sich die Mordpolitik des NS-Staates von allen anderen bekannten Genoziden darin unterscheidet, dass sie den Juden als Menschen galt, nur weil sie als Juden geboren waren; dass sie allen Juden auf der ganzen Welt galt …, dass die Juden ermordet werden sollten, nicht weil sie etwas Bestimmtes getan oder verbrochen hatten, sondern weil sie angeblich die Weltherrschaft anstrebten.

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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