Auf dem Nachttisch

Kurt Tucholsky, ein unersättlicher Leser, stellte in der „Weltbühne“ alles, das er für lesenswert und bedeutsam hielt in einer Kolumne vor, die er „Auf dem Nachttisch“ nannte. Ihm zu Ehren will ich diese Rubrik bei den Kolumnisten fortsetzen und aufmerksam machen auf Publikationen, die es wert sind Beachtung zu finden. Eine Kolumne von Wolfgang Brosche


Bild von Simon Blüthenkranz auf Pixabay

Masken

Da liegen auf meinem Nachttisch einige schlanke Bände, die einen Theaterwissenschaftler wie mich erfreuen; erst einmal wegen ihres angenehmen nahezu Quartformates und besonders natürlich wegen ihres beeindruckenden Inhalts. Offiziell bin ich übrigens Film-,Fernseh- und Theaterwissenschaftler und decke damit so ziemlich alle Medienbereiche ab, das Radio oder das Kabarett und das Puppentheater oder die Pantomime nicht zu vergessen.
Besondere Freude haben dem Theaterwissenschaftler wegen ihres aktuellen Bezuges die „Masken“ von Manfred Brauneck gemacht, etwas Grundlie/legendes: der Autor war Direktor des Institutes für Theaterforschung und breitet sein stupendes Wissen über die großen Theaterformen, in denen Masken die entscheidendende Bedeurung haben, aus: das antike griechische, das japanische Theater und die Commedia dell´ arte. In allen drei Theatern sind Masken geradezu konstituierende Elemente, die Figuren und Typen entstehenlassen und enthüllen oder verbergen.
Ein Schlußkapitel des Buches berücksichtigt Masken in Kulten Afrikas, Asiens und Ozeaniens.
In einem klugen Vorwort macht Brauneck deutlich, daß die im Zuge der Corona-Pandemie Alltag gewordene Maske keine kultische Basis hat – oder ist das ängstliche Tragen der medizinischen Gebrauchsmasken nicht auch schon wieder Ausdruck eines Gesundheitskultes? Die „Corona-Masken“ aber gestalten keine Gesichter, sie überhöhen nicht, sie rauben Gesichter, sie verhindern den Ausdruck. Sie haben durch ihren Ursprung im Operationssaal nichts Spielerisches, nichts Performatives wie im Theater oder anderen kultischen Bereichen, in diesen, betont der Autor, helfen Masken Wirklichkeiten sui generis zu erschaffen: die Erhabenheit etwa der griechischen Tragödie, das komödiantische Instrigenspiel der Commedia oder das Mystifizierend-Poetische der japanischen Kultur. Und doch denk ich mir nach dem erhellendem Lesen dieses durch Fakten aufschlußreichen Buches (was ja heutzutage schon besonders ist) – schafft nicht auch auf ihre Weise die Corona- Krise vermittels Masken eigene gesellschaftliche Wirklichkeiten?
Die so oft als nutzlos geschmähte Theaterwissenschaft, hat aber doch, und Brauneck belegt das schlagend, ihren Nutzen: sie macht uns Nachdenken auf der Basis ihres Gebrauchs von Masken bei der Überhöhung und dem Verbergen des Gesichtes.

Filmologie

Dem Filmwissenschaftler, der ich meinem Studium nach ja auch bin, hüpft das infarktgeschädigte Herz gleichwohl vor Freude und Vergnügen, wenn er die beiden neuen Bände aus der Filmreihe des Verlages Wilhelm Fink in die Hände kriegt. Erst einmal bereiten sie in ihrer eleganten Schlichtheit ein optisch-haptisches Vergnügen: ihre blau-olivfarbenen und mit mattem Glanz designten Umschläge lassen auf eine kommende Filmbibliothek der Entdeckungen hoffen.
Eine Entdeckung ist das Werk des bisher nur Eingeweihten bekannten Philosophen Étienne Souriau, der sich in den 40er und 50er Jahren damit beschäftigte eine frühe Filmwissenschaft zwischen Rezeptionsäthetik und Soziologie zu entwickeln, die das Universum dieses Phänomens „Film“ wenigstens ansatzweise beschreiben könnte. Der Sammelband „Das filmische Universum“ bietet zum ersten Mal in deutscher Übersetzung Aufsätze, Reden und Vorlesungen des kanadischen Autors.

Ein Universum

Wie denn ein idealer Filmregisseur beschaffen sein müßte, überlegt der Universalgelehrte – und schließt von sich auf andere: auch ein Universalist, wie der Philosoph selbst.
Da in den Bereich des Films so ungeheuerlich viele Dinge aus der realen Welt gehören, kann man von einem Universum reden, das sich aus dem Universum selbst speist. Die Filmwissenschaft muß sich also mit allem beschäftigen und die Verbindungen und die Zeichenhaftigkeit der Dinge und auch ihre Materialität untersuchen: das Interesse gilt dem Filmstreifen selbst, der Kamera und dem, was vor der Kamera passiert und den Arrangements, die getroffen werden, damit gefilmt werden kann usw. usf.
Das war in dieser Universalität in den 40er Jahren als die Idee entstand durchaus neu. Dieser Anspruch des Universellen beruhte vielleicht auf den bewunderten Kenntnissen Souriaus selbst; er war kein Filmspezialist, sondern beschäftigte sich unter vielem anderen mit dem Kino. Dabei entstand mit zahlreichen neugeschöpften Vokabular und zahlreichen ungewöhnlichen Perspektiven eine ganz neue Wissenschaft.

Kleine Filme

Mit dem zweiten Band der so elegant-schlicht gestalteten Filmreihe, die mir der Verlag Wilhelm Fink geschickt hat, muß ich gestehen, weiß ich nicht recht, was ich damit anfangen soll. Die eben noch gepriesene Filmwissenschaft, mithin die Souriausche elegante Filmologie wird hier kopfsteinpfasterhart, rauh und eckig und überhaupt nicht sourialien. Was hätte der liebenswürdide Monsieur Souriau nur zu Linda Waacks Studie „Der kleine Film“ gesagt? Auch sie breitet ein enormes Wissen aus, das von Siegfried Krakauer, der den Begriff „kleine Filme“ für Amateurprodukte erfand, über Bela Balázs bis zu Theodor Adorno und Walter Benjanin zwischen Ästhetik und Soziologie changiert. Man merkt, sie ist ihrem Gegenstand zugetan, aber so recht kommt bei den Sätzen dieses Buches keine Freude auf.
Ich habe mal für eine kleine Fernsehserie die Zuschauer gebeten, ihr Schmalfilmschätzchen einzusenden, die verstaubend im Keller lagen…es kamen unzählige Filme aus neun Jahrzehnten, 8mm, Super8 und sogar in einem Format aus dem I, Weltkrieg: 9,5 mm mit der Perforation zwischen den Bildern; die meisten sw, aber bereits aus den 30ern in Farbe. Die Themen waren durchaus vielfältiger als sie die Autorin festzustellen meint: nicht bloß Kinder, Familie, Tiere…es war eben nicht nur die Wonne der Privaten, dahinter lugte immer auch die Zeitgeschichte: etwa wenn der kleine Sohn beim Schützenfest in Mini-SA-Uniform antrat oder wenn bei einer Treibjagd, Bilder vom Reichsjägermeister Göring eingeschnitten waren.
Siegfried Kracauer, der erste Filmsoziologe war noch in Verlegenheit wie er solch privates Filmmaterial nennen sollte: daher der Begriff „Kleine Filme“. Unbedeutend, aber vielleicht eben doch nicht.
Der berüchtigste aller „kleinen Filme“ ist wohl der berühmte Amateurfilm vom Synagogenbrand in Bielefeld zur Reichsprogromnacht. Das vollständige Dokument zur Barbarei. Oder was soll man von der Ermordung polnischer Juden von deutschen Soldaten im Froteinsatz sagen? – man ist sprachlos…. kaltblütiger und grausam ungenierter als die offizielle „Wochenschau“ – kleine Filme?
Kleine Filme sind immer auch mehr als privat. Linda Waack hat dieses Moment in der Rezeption übersehen, deshalb kommt ihr Buch auch so lustlos daher.
Heutzutage, da dank Handy die Produktion und Distribution von Filmen nicht mehr nur wenigen Privilegiert- Gutbetuchten vorbehalten ist, wünschte man sich ein Analyse-Handwerkszeug zu den millionenfachen Selbstdarstellungen der Handyfilmerei. Da würde Siegfried Kracauer erstaunen.

Erotisches und Adorno

Was einer Pfarrerstochter wie mir bloß über den Schreibtisch kömmt: der „campus verlag“ schickt mir von Norman Domeier und Christian Mühling: „Homosexualität am Hof“, Praktiken und Diskurse vom Mittelter bis heute“; also nicht, was ihr denkt, von wg. Praktiken und so – sondern: wie verfuhr man mit der -Tatsache, daß Höflinge und Monarchen schwul waren, also der heterosexuellen dynastischen Norm nicht entsprachen. Der Band reicht von Edward II., über den Alten Fritz bis Prinzessin Diana. Dieser Gang durch die Epochen ist reizvoll, denn man erfährt wirklich Neues. Bisher waren eher Mätressen im Sexualfokus der Geschichtsforschung, nun kann man von der ganzen Bandbreite der Liebe und des Begehrens an monarchischen und royalen Höfen erfahren.
Die traurige Geschichte von Edward II. Und sein schmachvoll-grausames Ende gehören dazu, die Berichte über den Nebenhof in Versailles, betrieben vom schwulen Bruder des Sonnenkönigs; man erfährt wie der Alte Fritz als er noch jünger war nach entsetzlichen Erfahrungen mit dem Soldatenkönig, seinem Vater, der des Sohnes großes Liebe hinrichten ließ, seine Favoriten mittels eines Taschentuchs wissen ließ, wen er zur Nacht erwartete, und liest mit Staunen wie Prinzessin Diana aufgrund ihes Engagements in Sachen AIDS und HIV den britischen Hof liberalisierte und modernisierte. Alles in allem ging´s an den Höfen offener zu, als unser Vorurteil uns denken ließ.
In einem Kapitel über arabische Fürstenhöfe lernen wir sogar „Praktiken“ des im Islam geduldeten schwulen Analverkehrs kennen, für den man aber Standfestigkeit mitbringen mußte.
In China gab es über Jahrhunderte ein Literaturgenre, das in Lyrik und Prosa der mann-männlichen Liebe gewidmet war. Naja, es gab dort eben auch kein lustfeindliches Christentum.Das Kapitel zu den Enqueten zwischen Höflingen und Darstellern der Pekingoper ist neckisch überschrieben „The Power of Flowers“. Ein Titel, der allein schon Lust aufs Lesen macht.
Ein Buch mit vielen Details, die selbst mir nicht bekannt waren, staunenswert in seiner Akribie.

Erotik des Ohrs

Ein anderer Band zur Erotik, der sich auf dem Nachttisch findet, ist noch profunder: Iris Dankemeyer, Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. In dieser Dissertation erweist sich Theodor W. Adorno einmal mehr als der Universalgelehrte und Philosoph der frühen Bundesrepublik – und bis heute als Bezugsfigur der politisch-ästhetischen Erfahrung und Emanzipation schlechthin. Auch seine Gedanken zur Erotik hat er kritisch-theoretisch verfaßt. Selbst wenn sie ihn höchstpersönlich betrafen oder wenn persönliche Erfahrung Ausfgangspunkt eines neuen Theoriegebäudes war.
Die Bezugspunkte sind mannigfach: ob nun der Radio-, heute sprich Medienkonsum junger Menschen oder die musikalischen Hörgewohnheiten ganzer Bevölkerungsgruppen und des Odysseus erotisches Ohrerlebnis bei den Sirenen oder die Scheinemanzipation des „schwarzen“ Jazz – die Sinnlichkeit des Ohrs beschreibt Adorno mit größter Emphase und nimmt unser Zeitalter vorweg, das so sehr vom Auge geprägt ist und der Unmittelbarkeit der Bilder.
Eine Erkenntnis Adornos zur Erotik des Ohrs berührte mich insbesondere: der mimetische Drang, das Vergnügen des Kindes, nachzusprechen, nachzusingen, was ihm vorgetragen wird…ein Phänomen, das leider nicht gefördert, sondern unterdrückt wird: Lese- und Kulturlust werden nur allzu oft noch unterbewußt abgewehrt und unterdrückt wie die Selbstbefriedigung des Kindes. Dabei geht es um das Erfahren der Welt: ein Kind, das sich Gehörtes begeistert erzählt, betreibt mimetische Aneignung, eine erregende und erregte Erfahrung, die Nähe zur verpönten und bekämpften Onanie ist deutlich; diese Eigenerotik wird bekämpft aus patriarchalem Impetus heraus. Selbstbestimmte Erotik gefährt das Patriarchat.
Überhaupt stört Adorno die Lustfeindlichkeit der Gesellschaft, vor allem der studentischen Academica und er wundert sich, daß so wenige seiner Studenten Lust haben zu „fliegen“, sich also selbstbewußt und voller Neugierde dem eigenständigen Denken hinzugeben.
„Die Erotik des Ohrs“ stellt uns den Vielinterpretierten und Interpretierbaren auf ungeahnte neue Weise vor; ein Oberseminar, ach, ein Graduiertenkolleg und zwar mit dem aufregenden Rekurs auf die Erotik, den sich Adorno von seinen jungen Studenten so wünschte.
Iris Dankemeyer, Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. tiamat

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