Hilft ein krasser Titel, Kurzgeschichten zu pushen?

„Dinosaurier auf fremden Planeten“ ist ein lesenswerter Kurzgeschichtenband. Mit dem Titel hat er freilich wenig zu tun.


Ich gebe zu: „Dinosaurier auf fremden Planeten“ habe ich mir in erster Linie wegen des Titels zur Rezension bestellt. Okay, vorher noch kurz englische Besprechungen gecheckt, um sicherzustellen, keinen absoluten Trash lesen zu müssen. Aber trotzdem. Dinosaurier. fremde Planeten. Das klingt zu gut, um es nicht zu lesen.

Kurzgeschichten über den Titel verkaufen?

Und es ist ja wirklich in erster Linie ein genialer Marketing-Titel. Vereint die beiden großen kindlichen Projektionsräume unserer Zeit: Der Weltraum, unendliche Weiten. Und T-Rex, unendliche Zerstörungskraft. Zwei Kindheitsfaszinationen so vieler, die heute erwachsen sind.

Und vielleicht braucht es einen solchen Titel, um Kurzgeschichten zu verkaufen. Kurzgeschichten, gegen die sich die lesende Menschheit mit beinahe schon übermenschlicher Abwehr sperrt. Vielleicht, weil man sich von Kurzgeschichten nicht überrollen lassen kann. Sie sind kein „Zeitvertreib“. Und wir klagen zwar stets, wir hätten so wenig davon: Zeit. Aber die, die uns bleibt, wollen wir ständig vertreiben. Kurzgeschichten aber muss man tatsächlich aktiv lesen und das Kunstwerk als Kunstwerk annehmen.

„Dinosaurier auf fremden Planeten“ zumindest versammelt in Wirklichkeit Kurzgeschichten aus irdischen irischen Familienleben. Moderne Familien mit all ihren Brüchen. In der titelgebenden Geschichte etwa bekommt ein Ehepaar in seinen Fünfzigern, das seit über einem Jahr nicht mehr im gleichen Bett geschlafen hat, Besuch von der Tochter und deren kleinem Sohn. In den sind die Großeltern total vernarrt. Doch die Tochter bringt unangekündigt einen neuen Mann mit, fast so alt wie die Eltern. Und die sind sowieso schon sauer, weil sie den Enkel so selten sehen. Ob es Dinosaurier auf fremden Planeten gibt, dass ist nur ein Neben-Gedanke, zu dem Großvater und der neue Mann der Tochter unterschiedliche Ansichten äußern. Die Tochter offenbart später nebenbei, dass sie plane, nach Australien auszuwandern. Ein großer Schock. Und aufgrund der Gäste ist das Ehepaar gezwungen, erstmals wieder eine Nacht im gemeinsamen Bett zu verbringen…

In einer anderen, der Auftakt-Erzählung, streiten eine Mutter und ihre Tochter über eine ungewöhnliche Hausaufgabe. Die neue sehr junge Lehrerin hat den Kindern aufgegeben, sich ihre Füße abzubinden wie früher chinesische Adelsdamen, um ihnen zu beizubringen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Die Mutter fängt Streit an mit der Lehrerin und erfährt dabei, dass die Tochter sich bei der Pädagogin über die zerrüttete Beziehung ihrer Eltern, die allerdings dennoch zusammen leben und sich so zerrüttet gar nicht fühlen, ausgeweint hat. Usw.

Diese Texte sind sehr präzise erzählt. Dichte kurze Szenen in einer noch relativ zugänglichen Sprache. Weniger metaphorische als eher filmisch wirkende Verdichtung. Montage nur zentraler Momente, die aber immer das dazwischen Geschehene mitklingen lassen. Wirklich stark.

Ein Rezept für die Zukunft der Kurzgeschichte?

Leider bezweifle ich, dass selbst dieses Buch sich sonderlich gut verkaufen wird. Diese Aversion gegen Kurzgeschichten: man müsste sie aus der Leserschaft wohl erstmal herausprügeln.

Beziehungsweise: Die Welt müsste eine andere werden. Eine, die es mehr Menschen erlaubt, Kunst anders denn als Zerstreuung, als Zeit-Vertreib zu erleben.

Aber wenn es dennoch klappen sollte – vielleicht nehmen sich andere Verlage ja ein Beispiel? Denn das Meiste, was heute an wirklich großer Literatur erscheint, dürfte als Kurzgeschichte erscheinen. Und nur äußerst selten von mehr als ein paar Freunden der Autorin gelesen werden. Aber vielleicht reicht es ja doch, sich ein paar besonders schöne Titel zu überlegen, die irgendwie rudimentär mit einer der Erzählungen zu tun haben, um die Ware damit zu pushen. Ich bin gut in sowas. Ich helfe gern.

Wie wäre es zum Beispiel mit Lavie Tidhars „Central Station“ als „Verrückte Vampire aus dem Weltraum“? Joyce‘ „Dubliners“ könnte genausogut als „Geister im Schnee“ laufen. Und Llosas „Die Anführer“ käme als „Mord und Totschlag in Limas Straßen aus Blut“ sicher besser an…

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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