Mea maxima culpa

Der Passauer Bischof Oster ruft die Gläubigen auf, leibhaftig in Messen und Andachten zu gehen. Ein fataler Appell. Die Samstagskolumne von Heinrich Schmitz


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Der Wert der 7-Tages-Inzidenz für Passau betrug laut Robert-Koch-Institut am 4.12. 2020 satte 482,9 und damit ein Vielfaches des Bundesdurchschnitts. Das ist nicht schön. Und jeder der dazu beitragen kann, diesen Wert zu drücken, sollte das tun. Jeder gesellschaftliche Multiplikator sollte die Bevölkerung dazu aufrufen, die AHAL-Regeln peinlich genau zu befolgen, Kontakte auf das absolut notwendiger zu reduzieren und möglichst mit dem Arsch zu Hause zu bleiben. Das und nur das kann kurzfristig etwas bringen und dem Coronavirus die Verbreitungsmöglichkeiten nehmen. Je weniger Kontakte, umso leichter auch die Kontaktnachverfolgung. Dieses einfache Prinzip müsste eigentlich jeder Depp verstehen. Und jeder der es versteht, sollte es weitergeben.

Staad

Nicht so der Passauer Bischof Stefan Oster. In seinem Hirtenbrief zum ersten Adventssonntag schrieb er zunächst sehr sinnig:

Vielleicht kann diese ,staade‘ Zeit ja zum ersten Mal seit Jahren wirklich ,staad‘ werden – oder mehr als sonst zu einer echten Qualitätszeit!“

Ja, „ruhig, still und leise“, keine fette Party, kein Menschenauflauf vor der Glühweinbude, keine Betriebsweihnachtsfeiern mit Ringelpiez und Anpacken, keine Disko mit „Last Christmas“, keine Menschenmassen in den Supermärkten. Staad, einfach staad. Stille Nacht, heilige Nacht. Nix dagegen.

Übergroße Schuld

Ich komme aus einer katholischen Familie. Gleich nach der ersten heiligen Kommunion 1968 wurde ich Messdiener. Damals musste man noch jede Menge lateinischer Gebete auswendig lernen, die man dann als Messdiener beim Gottesdienst vor sich hin murmeln musste.

Confiteor Deo omnipotenti, beatae Mariae, semper virgini, beato Michaeli Archangelo, beato Ioanni Baptistae, sanctis Apostolis Petro et Paulo, omnibus sanctis et tibi, pater, quia peccavi nimis cogitatione, verbo et opere:

mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Ideo precor beatam Mariam, semper Virginem, beatum Michaelem Archangelum,beatum Ioannem Baptistam, sanctos Apostolos Petrum et Paulum, omnes sanctos et te, pater, orare pro me ad Dominum, Deum nostrum

In der Regel langte es, die erste Zeile halbwegs laut zu sagen, dann etwas vor sich hin zu murmeln, wenn man es beim Priester hörte, inbrünstig „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“ zu shouten, um dann nach weiteren Gemurmel das Ganze mit einem entspannten Seufzer „Deum nostrum“ ausklingen zu lassen. Wir hatten ja keinen Schimmer, was wir da brabbelten. Es gab auch keinen Google-Übersetzer und den Priester mal zu fragen, traute sich keiner. Erst nach ein paar Jahren Latein erfuhr ich, dass ich da meine große Schuld bekannte, um mich zu fragen, was ich denn für übergroße Schuld auf mich geladen haben könnte, als 10-jähriger. Weiß ich bis heute nicht. Ach so, für alle Nichtlateiner hier noch die Übersetzung:

Ich bekenne Gott dem Allmächtigen, der seligen, allzeit reinen Jungfrau Maria, dem heiligen Erzengel Michael, dem heiligen Johannes dem Täufer, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus, allen Heiligen und dir, Vater, dass ich viel gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken:

durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld.

Darum bitte ich die selige, allzeit reine Jungfrau Maria, den heiligen Erzengel Michael, den heiligen Johannes den Täufer, die heiligen Apostel Petrus und Paulus, alle Heiligen und dich, Vater, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.

Nun, es war trotz aller sprachlichen Wirrnisse eine schöne Zeit. Damals gab es jeden Tag in unserer Gemeinde mindestens zwei Messen. Eine Frühmesse um 7 Uhr und eine Abendmesse um 19 Uhr. Da es morgens keine Predigt gab, war der Dienst um halb 8 beendet und es gelang in der Regel mit dem Rad bis 7:45 Uhr pünktlich zur ersten Stunde in der Schule zu sein. In der Frühmesse waren immer nur fünf, sechs ältere Frauen mit Kopftuch. Ohne Kopfbedeckung hätte keine ältere Frau früher die Kirche betreten. Die saßen vom Altar aus gesehen immer auf der rechten Seite des Kirchenschiffs, während die für Männer reservierte linke Seite in aller Regel leer blieb. Da kam höchstens mal ein Witwer, dessen Frau gerade verstorben war. Aber die Witwen waren auch damals schon in der Mehrheit. Auf diesen harten Kern der Frauen konnte man sich verlassen. Die kamen bei jedem Wetter. Irgendwann wurde diese Messe in die Taufkapelle verlegt, wo die paar Figuren nicht so verloren wirkten. Sonntags war es voller.

Großes Kino

Aber das absolute Highlight des Jahres war die Christmette, die am 24-sten Dezember um 24 Uhr begann. Da wurde das große Besteck rausgeholt. Locker 20 Messdiener, mindestens drei Priester, Chor, Orchester, die ganze Kirche voller Kerzen und Weihrauch bis zum Abwinken. Großes Kino. Die Kirche war jedes Mal rappelvoll, die Gänge standen voller Menschen und glücklicherweise prüfte niemand die Feuervorschriften. Da waren Menschen, von denen man in der Gemeinde gar nicht wusste, dass es sie gibt und die blieben auch bis zum nächsten Jahr wieder unsichtbar. Kamen erst zur eigenen Beerdigung wieder freiwillig in die Kirche. Ein paar Kollabierte gehörten irgendwie dazu. Nach mindestens zwei Stunden Stehen auch kein Wunder. Corona hätte seinen Spaß gehabt; tatsächlich gab es aber nur Grippe und grippale Infekte gratis.

2020 könnte das anders werden. Denn besagter Bischof Oster – ich erinnere mal: der aus Passau, einem Corona-Hotspot – hirtenwortet:

Und ja, bitte nutzen Sie jede Gelegenheit, wenn es Ihnen möglich ist, auch leibhaftig zum Gottesdienst und zum Gebet, zu Andachten und Krippenfeiern zusammen zu kommen. Und leisten Sie leibhaftige Hilfe auch denen, die Sie brauchen, denen, die in Not sind. Glaube braucht Gemeinschaft, leibhaftige Gemeinschaft.

Bitte was? Der Leibhaftige wird seine Corona-Ernte einfahren, wenn allzu viele leibhaftig zum Gottesdienst, zum Gebet, zu Andachten und Krippenfeiern zusammen kommen. Wie kann man als vermeintlicher Hirte so unverantwortlich sein, seine Schäfchen zusammenzutrommeln, wenn rund um die Kirchen eine unglaubliche Ansteckungsgefahr herrscht? Macht Corona an der Kirchentür halt? Steht der Cherub da davor und sagt dem Virus:

Eh, Du kommst hier net rein. Hier ist nur für Gläubige Seelen, die Jubellieder singen wollen!

Und sind es nicht gerade die sogenannten vulnerablen Gruppen der älteren Damen und Herren, die nun noch mehr meinen, wenn sie den Worten ihres Bischofs nicht Folge leisten würden, kämen sie schnurstracks in die Hölle? Die tun sich eh schon verdammt schwer, auf den Messgang zu verzichten. Wäre es da nicht die Aufgabe eine verantwortlichen Hirten gewesen, gerade denen zu sagen:

Liebe Brüder und Schwestern in Christo, es ist in Ordnung, wenn Ihr aus Gründen der persönlichen Gesundheit, aber auch aus Rücksicht auf andere, dieses Jahr brav zuhause bleibt und Euch die Messe im Fernsehen anschaut. Weder Gott noch irgendein Kirchenvertreter werden Euch vorwerfen, vernünftig zu sein. Ganz im Gegenteil. Bleibt um Gottes Willen zuhause, macht Euch eine Kerze an, lest selbst die Weihnachtsgeschichte oder macht was Ihr wollt, aber haltet Euch im Namen der Nächstenliebe von Menschenmassen fern.

Aber nein, stattdessen sagt er:

Beten und singen Sie miteinander

Ja geht‘s denn noch?

Singet und verteilet das Virus in alle Welt, dass es allen kündet, der Herr ist uns geboren? Weihnachten soll angeblich das Fest der Familie und der Liebe sein, nicht das der ungehemmten Ansteckung mit einem Virus mit pandemischer Wirkung. Am vorläufigen Ende, am Karfreitag, trug Jesus die Dornenkrone, auf Italienisch die Corona di spine; aber das sollte kein Grund für einen Bischof sein, seine Gläubigen dem Risiko auszusetzen, an Covid19 zu erkranken und sich selbst diese spezielle Krone aufzusetzen.

Noch liegen drei Adventssonntage vor uns und vielleicht kann Bischof Oster diesen Blödsinn mit einer Prise Heiligem Geist ja noch korrigieren. Falls nicht, kann er ja im Januar voll Inbrunst seine übergroße Schuld bekennen.

Herbei nun Ihr Gläubigen, ist zwar ein schönes Weihnachtslied, dieses Jahr aber eindeutig das falsche Signal. Gerade in Passau.

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Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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