Willy Brandts Kniefall und die Folgen: Zur Veränderung des polnischen Deutschlandbildes nach 1970

Der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstandes, der sich am 7. Dezember 2020 zum 50. Mal jährt, war zwar in der damaligen Bundesrepublik umstritten, den Völkern des europäischen Ostens, vor allem den Polen, vermittelte er aber ein vollkommen neues Bild von Deutschland – eines Landes, das aus den Fehlern der Vergangenheit entsprechende Lehren gezogen hatte. Wie wirkte sich diese symbolische Geste auf die weitere Entwicklung des polnischen Deutschlandbildes aus? Dieser Frage ist die folgende Kolumne gewidmet.


Zwiespältige Reaktionen auf die Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe von 1965

Das polnische Deutschlandbild war bis etwa Ende der 1960er Jahre relativ homogen. Es wurde durch die Erinnerungen an die Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung und durch die Angst um die Oder-Neiße-Grenze geprägt. Als die polnischen Bischöfe im November 1965, durch die versöhnliche Atmosphäre des Zweiten Vatikanischen Konzils inspiriert, ihr berühmt gewordenes Schreiben an das deutsche Episkopat sandten, in dem sie von Vergebung sprachen und um Vergebung baten, setzte die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) diese Worte mit einem Landesverrat gleich. Die Zeitung „Życie Warszawy“ (Das Warschauer Leben) schrieb am 10. Dezember 1965:

Wer in Polen ermächtigte die im Vatikan weilenden Bischöfe dazu, zu Kreuze zu kriechen und nationale Selbstkritik zu üben? In wessen Namen haben sie das getan? Vielleicht im Namen der Millionen in Auschwitz und Majdanek Ermordeten?

Solche Vorwürfe, die von den offiziellen Medien tausendfach wiederholt wurden, blieben nicht ohne eine gewisse Resonanz in der Bevölkerung. Denn die Unversöhnlichkeit gegenüber Deutschland war nach dem Kriegsende allen bedeutenden gesellschaftlichen Kräften in Polen gemeinsam, und dies war angesichts der Erfahrung der nationalsozialistischen Besatzung von 1939–45 nicht verwunderlich. Dies war einer der wenigen Punkte, in denen das unpopuläre Regime und die Mehrheit der Bevölkerung übereinstimmten.

Erst die Entkrampfung des deutsch-polnischen Verhältnisses infolge der neuen deutschen Ostpolitik, welche die Regierung Brandt/Scheel 1969 in die Wege leitete und die der Kniefall Willy Brandts geradezu symbolisierte, führte dazu, dass die polnische Öffentlichkeit vom Konformitätszwang bei der Behandlung der deutschen Problematik befreit wurde. Es begann der allmähliche Abbau von Denkstereotypen, die dem gegenseitigen besseren Kennenlernen im Wege gestanden hatten – und zwar auf beiden Seiten. Besonders stark trug zur Veränderung des tradierten polnischen Deutschlandbildes die nichtoffizielle polnische Publizistik bei, so vor allem solche nonkonformen katholischen Presseorgane wie „Tygodnik Powszechny“ (das Allgemeine Wochenblatt) oder „Znak“ (das Zeichen).

Die nichtoffiziellen polnischen Publizisten mussten, im Gegensatz zu den regierungsnahen Autoren, bei ihren Äußerungen keine Rücksicht auf die herrschende politische Doktrin der Volksrepublik Polen nehmen. Deshalb klangen ihre Stimmen wesentlich authentischer als diejenigen der „offiziösen“ Medien.

Die Abkehr vom „deutschen Sonderweg“

Was fiel den Autoren aus dem katholischen Lager in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, also bereits nach Beginn der Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen, an der Bundesrepublik auf? Es war vor allem ihre „Normalität“. Sie konstatierten mit Erstaunen und zugleich mit Befriedigung, dass die Bundesrepublik sich strukturell und mental kaum von anderen westeuropäischen Staaten unterschied. Die demokratischen Veränderungen, die in Westdeutschland seit 1945 stattgefunden hatten, hätten diesen Teil der deutschen Nation tief umgepflügt, schrieb 1975 der bekannte katholische Publizist Andrzej Micewski. Die Zweifel an der Fähigkeit der Deutschen zum Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens und zur Achtung der Normen des Völkerrechts, die angesichts der Erfahrungen aus der jüngsten Geschichte ihre Berechtigung gehabt hätten, seien nun nicht mehr angebracht.

Die Veränderungen im Charakter der Deutschen bzw. Westdeutschen verwunderten auch einen der populärsten katholischen Publizisten Polens Stefan Kisielewski. 1974 konstatierte Kisielewski mit Erstaunen die Abkehr der Deutschen von dem bei ihnen früher so verbreiteten abstrakten und ideologischen Denken. Es fiel ihm auf, wie stark sich der ideologieferne Pragmatismus in der deutschen Politik durchgesetzt hatte. Als er seine deutschen Gesprächspartner fragte, welche politischen Probleme in der Bundesrepublik dominierten, seien die Antworten immer gleichlautend gewesen, und zwar unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Befragten: Inflation, Preise, Steuern, Erdöl. Dies seien aber doch keine politischen, sondern wirtschaftlichen Probleme, erwiderte Kisielewski. Nein, entgegnete man ihm, diese Fragen hätten einen ausgesprochen politischen Charakter, denn von ihnen würden die Wahlergebnisse und damit auch die politische Richtung der künftigen Regierung abhängen:

„Die Landsleute von Hegel, Fichte und Marx entsagen der Ideologie?“ – fragt der erstaunte Kisielewski:

Welch ein Wunder?! Aber gewiss sind das die Folgen von Hitler. Hitler hat den Begriff der Ideologie so karikiert und brutalisiert, sie haben sich so sehr die Finger daran verbrannt …, dass sie in ein anderes Extrem verfallen sind.

Sogar die Frage der deutschen Wiedervereinigung beschäftigte nach Ansicht Kisielewskis die überwiegende Mehrheit dieser pragmatischen und wirtschaftsorientierten Deutschen nicht mehr:

Die jungen (Fortschrittler) erklärten mir, dass niemand in der Welt einen deutschen Staat mit 80 Millionen Einwohnern haben wolle, (sie selbst auch nicht). Sogar Franz Josef Strauß, obwohl nicht fortschrittlich, sagte lakonisch, dass die Wiedervereinigung Deutschlands ‚nicht in Frage komme´. So sind nun mal die Zeiten,

resümierte Kisielewski seine Beobachtungen.

Für seine Berichterstattung aus Deutschland wurde Kisielewski in der kommunistischen Presse heftig kritisiert. Man warf ihm eine Verharmlosung der revisionistischen Tendenzen in Deutschland vor und eine viel zu positive Einstellung gegenüber den Gegnern der Brandtschen Ostpolitik, vor allem gegenüber Franz Josef Strauß.

Obwohl diese Kritik im Großen und Ganzen einen propagandistischen Charakter trug, wies sie in einem Punkt doch auf bestimmte tatsächlich vorhandene Schwächen in der Analyse Kisielewskis hin. So kritisierte z.B. Daniel Passent in der Zeitschrift „Polityka“ die These Kisielewskis, er habe keine qualitativen Veränderungen in Deutschland seit dem Machtwechsel von 1969 feststellen können. Und in der Tat, Kisielewski meinte, das Vorherrschen der praktischen Vernunft und die Abneigung gegen ideelle Fragen zeichneten das Deutschland der 1970er Jahre in gleicher Wese aus, wie dies in der Adenauer Ära der Fall gewesen sei. Dabei ließ er außer Acht, dass der Grundgedanke der Brandtschen Ostpolitik: das Streben nach einer Aussöhnung mit Völkern des Ostens, eher ideellen als technokratisch-pragmatischen Überlegungen entsprang.

Polens „zensurfreie“ Presse und die „deutsche Frage“

Seit 1976 verlagerte sich der Schwerpunkt der polnischen Diskussionen über Deutschland wie auch über manche andere „heikle“ Themen in den zensurfreien „Samizdat“ (Selbstverlag) bzw. in den „zweiten Umlauf“ wie der Samizdat in Polen hieß. Die polnischen Regimekritiker begannen sich jetzt an die Strategien anzulehnen, welche die sowjetischen Dissidenten bereits in den 1960er Jahren entwickelt hatten.

Der Stellenwert der nonkonformen katholischen Presseorgane veränderte sich nun radikal. Bis dahin waren es diese Blätter gewesen, die sich, wenn man von der kurzen „Tauwetterperiode“ von 1956–57 absieht, am weitesten an die Grenzen des Erlaubten herangewagt hatten. Nun wurden sie von dem 1976 entstandenen zensurfreien Samizdat bei weitem übertroffen.

Wie verlief der „nichtoffizielle“ polnische Diskurs zur „deutschen Frage“ nach der Entstehung des zensurfreien Samizdat? Manche Thesen, die in den von der Zensur kontrollierten katholischen Zeitschriften, so vor allem im „Tygodnik Powszechny“, bereits formuliert worden waren, äußerten die Samizdat-Autoren in einer noch prägnanteren und deutlicheren Form, z.B. die These von einer Anpassung Deutschlands an die westeuropäische Normalität und von einer tiefgreifenden Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft. Der Literaturwissenschaftler Andrzej Drawicz berichtete 1979 in einer Samizdat-Zeitschrift mit Bewunderung über das Funktionieren der westdeutschen Demokratie. Die Überbleibsel aus der nationalsozialistischen Vergangenheit, von denen die offizielle polnische Presse ununterbrochen berichte, spielten in der Bundesrepublik, so der Autor,  kaum eine Rolle. Jeder Staatsbeamte, in dessen Biographie braune Flecken entdeckt wurden, sei gezwungen, seinen Dienst zu quittieren. Die entrüstete Öffentlichkeit lasse ihn sonst nicht in Frieden.

Drawicz, der diese Worte zur Zeit der Filbinger-Affäre schrieb, träumte von einem ähnlichen Vorgehen gegen Staatsbeamte in den kommunistischen Ländern, bei denen man eine stalinistische Vergangenheit entdeckte. Er wies auch darauf hin, wie stolz man in der Bundesrepublik die Erinnerungen an die demokratischen deutschen Traditionen und an die Tradition des deutschen Widerstandes pflege. Zwar seien diese Traditionen durchaus bescheiden gewesen, es sei aber die Tatsache bedeutsam, dass die Bundesrepublik gerade an diese Momente der deutschen Geschichte anknüpfen wolle.

Drawicz malte in seinem Bericht mit hellen Farben. Die Bundesrepublik wurde von ihm als ein Gemeinwesen praktisch ohne Probleme dargestellt. Solche Themen wie Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit oder auch die verschiedenen Formen der Verdrängung der NS-Vergangenheit wurden von ihm nicht angesprochen. In seinem Protest gegen die tendenziösen Deutschlandbilder der offiziellen polnischen Presse verfiel er in eine andere Tendenziösität. Statt einer lebendigen Demokratie mit all den ihr eigenen Problemen und Konflikten, vermittelte er den polnischen Lesern das Bild einer Idylle, die nur bedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmte.

Das polnische Plädoyer für die deutsche Wiedervereinigung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Deutschland bis etwa Mitte der 1970er Jahre in den Augen der regimekritischen polnischen Autoren als eine saturierte Nation galt, die sich mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges, nicht zuletzt mit der Teilung, abgefunden zu haben schien. Wenn man all dies bedenkt, ist es auf den ersten Blick unverständlich, warum Ende der 1970er Jahre in der regimekritischen polnischen Publizistik eine leidenschaftliche Debatte über die Frage der deutschen Wiedervereinigung entbrannte. Die Entwicklungen in Deutschland selbst gaben für eine Neubewertung der deutschen Frage keinen Anlass. Die zweite Hälfte der 1970er Jahre stellte hier insoweit keine Zäsur dar. Die Debatte über die deutsche Wiedervereinigung im regimekritischen Lager Polens hatte im Grunde nur innerpolnische Ursachen. Damals setzte im nichtoffiziellen polnischen Diskurs eine lebhafte Diskussion über die Frage ein, ob Polen, angesichts seiner prekären geopolitischen Lage, die volle Souveränität erreichen könne oder nicht. Einige Regimekritiker beantworteten diese Frage negativ. Jacek Kuroń, der zu den Gründern des 1976 entstandenen Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) zählte, vertrat Ende 1976 die These, Polen könne angesichts seiner ungünstigen geopolitischen Situation gegenwärtig höchstens den Status Finnlands erreichen, mehr nicht.

Diese These rief innerhalb der polnischen Opposition entrüstete Reaktionen hervor. Kurońs Kritiker hielten den Kampf um die vollständige Souveränität, um den Ausbruch Polens aus dem sowjetischen Machtbereich, für eine Art kategorischen Imperativ. Sie traten für eine Dynamisierung der 1945 in Jalta geschaffenen politisch-territorialen Ordnung ein. Da aber die deutsche Teilung den Grundpfeiler dieser Ordnung bildete, rückte die Frage der deutschen Wiedervereinigung immer stärker ins Blickfeld der polnischen Regimekritiker.

Das Jalta-System, das nach Ansicht der regimetreuen polnischen Autoren  zum ersten Mal seit zwei Jahrhunderten Polens Sicherheit garantierte, verkörperte für die Mehrheit der Regime­kritiker, die nun in der Untergrundpublizistik zu Wort kamen, das Böse schlechthin.

Die 1945 den Europäern aufgezwungene Ordnung müsse zusammenbrechen, schrieb 1978 die oppositionelle Gruppierung „Polnische Verständigung für Unabhängigkeit“ (PPN). Nur die Sowjetunion sei an ihrer Aufrechterhaltung interessiert. Die Frage der Grenzen werde in Europa nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Hegemonie keine Rolle mehr spielen. Ängste um die Oder-Neiße-Linie seien daher unbegründet. Im Westen seien die Grenzen bereits zu abstrakten durchsichtigen Linien geworden, deren Überschreiten man häufig gar nicht bemerke. Wirkliche Grenzen existierten in Europa nur im Einflussbereich der UdSSR. Nur Moskau sei an der Abschirmung der von ihm abhängigen Völker von der Außenwelt interessiert.

Als vehemente Gegner des Jalta-Systems sprachen sich die PPN-Autoren auch für die Über­windung der Teilung Deutschlands aus. Sie hielten sie für unerträglich und absurd. Sie diene lediglich den Interessen der UdSSR. Diejenigen Kräfte in Polen, die die Teilung Deutschlands begrüßten, seien im Grunde auch Befürworter der Unterjochung Polens, denn die sowjetische Hegemonie in Ostmitteleuropa sei in erster Linie durch die Teilung Deutschlands gesichert.

Mit Verblüffung registrierten die damaligen deutschen Medien dieses leidenschaftliche Plädoyer für die deutsche Einheit, das ausgerechnet aus Polen kam. Einen breiten Diskurs in der deutschen Öffentlichkeit lösten aber die Denkschriften des PPN nicht aus. Dies hat die PPN-Autoren außerordentlich enttäuscht. So beklagten sie sich im Februar 1980 darüber, dass ihr Thesenpapier vom Jahre 1978, in dem die für Deutsch­land immerhin zentrale Frage der nationalen Einheit behandelt worden war, bei den großen deutschen Parteien praktisch kein Echo hervorrief. Die deutschen Politiker seien der Meinung, so das PPN, dass der Schlüssel zur deutschen Einheit nur in Moskau liege, daher interessierten sie die Standpunkte der ostmitteleuropäischen Völker kaum. Dies sei aber eine Fehleinschät­zung. Im Falle einer Schwächung der Sowjetunion – und dies sei eine Grundvoraussetzung für die deutsche Einheit – werde die Wiedervereinigung Deutschlands auch vom Einver­ständnis der Ostmitteleuropäer abhängen.

Es ist indes zu bezweifeln, ob die PPN-Autoren die Motive der deutschen Politiker richtig interpretierten. Das fehlende Interesse der Bonner Parteien für die Vorschläge der polnischen Regimekritiker war wohl dadurch zu erklären, dass sie, im Gegensatz zum PPN, eine Veränderung der europäischen Nachkriegsordnung nicht als Sofortprogramm ansahen. Die PPN-Autoren übertrugen, ebenso wie andere polnische Befürworter der deutschen Einheit, ihre eigene Ungeduld auf die Deutschen. Viele polnische Regimekritiker wollten, vor allem seit der Zäsur von 1976 (nach der Entstehung des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter und anderer oppositioneller Organisationen), auf die Verwirklichung ihrer nationalen Aspirationen nicht mehr lange warten. Sie sahen den bestehenden Zustand als unhaltbar und unerträglich an. Eine ähnliche Sicht unterstellten sie auch den Deutschen. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass die nationale Problematik in der damaligen Bundesrepublik weit hinter der wirtschaftlichen oder der sozialen rangierte.

Die Tatsache, dass die regimekritischen Publizisten Polens das bis dahin tabuisierte Thema der deutschen Einheit derart offen ansprachen, zeigt, dass sich das polnische Deutschlandbild innerhalb kürzester Zeit – seit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages im Dezember 1970 bzw. seit dem bereits erwähnten Kniefall Willy Brandts  – grundlegend gewandelt hatte. Das Schreckgespenst des deutschen Revanchismus spielte in der zensurfreien polnischen Presse, die im Gegensatz zu den regimetreuen Presseorganen authentische Stimmungen der Gesellschaft widerspiegelte, so gut wie keine Rolle mehr. Dem polnisch-sowjetischen bzw. polnisch-russischen Gegensatz wurde jetzt in Polen eine absolute Priorität eingeräumt, der polnisch-deutsche hingegen wurde an die Peripherie des gesellschaftlichen Bewusstseins verdrängt.

Die  „sich selbst beschränkende Revolution“ der „Solidarność“ und neue polnisch-deutsche Irritationen

Die im Sommer 1980 ausgebrochene Revolution der „Solidarność“ war untrennbar mit diesem Paradigmenwechsel verbunden. Die Auflehnung der polnischen Gesellschaft sowohl gegen das Warschauer Marionetten-Regime als auch gegen seine Moskauer Gönner konnte nicht zuletzt deshalb die für den gesamten Ostblock beispiellose Dimension erreichen, weil das Regime jetzt nicht mehr imstande war, mit dem Heraufbeschwören der deutschen Gefahr die eigene Gesellschaft zu disziplinieren.

Ähnlich verhielt es sich auch nach der Verkündung des Kriegsrechts im Dezember 1981. Das Thema „deutsche Gefahr“ spielte bei den damaligen innerpolnischen Auseinandersetzungen so gut wie keine Rolle. Nicht der deutsche Revanchismus rief damals bei den polnischen Regimekritikern die größten Irritationen hervor, sondern der deutsche Pazifismus. Die polnische Opposition warf der politischen Klasse der Bundesrepublik eine allzu nachgiebige Haltung gegenüber Moskau vor. Die Bonner Regierung habe sich mit der Zerschlagung der „Solidarność“-Bewegung abgefunden, um die Ost-West-Entspannung nicht zu gefährden, so lautete die Anklage, die aus den regimekritischen Kreisen Polens kam. Mit ihrer Kritik berührten die polnischen Regimekritiker den wohl wundesten Punkt der in erster Linie von Egon Bahr konzipierten Politik des „Wandels durch Annäherung“, nämlich ihre Fixierung auf das Prinzip der Stabilität. Die herrschenden Eliten im kommunistischen Machtbereich durften auf keinen Fall den Eindruck bekommen, die Bonner Ostpolitik gefährde die bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Dies stellte das eigentliche Dilemma der Ostpolitik dar. Ihre Verfechter wollten die „Moral als politische Kraft erkennen“ (Willy Brandt) und strebten nach einer Aussöhnung mit den Völkern des Ostens. Sie mussten aber zugleich mit den Regimen verhandeln, die diesen Völkern jegliches Mitspracherecht verweigerten.

Mit ihrer Verteidigung des Stabilitätsprinzips hielten die Verfechter der Bonner Ostpolitik ihr Konzept für „realistisch“ und bezichtigten die osteuropäischen Regimekritiker, die die bestehenden Herrschaftsverhältnisse ändern wollten, einer weltfremden, „utopistischen“ Haltung. Die Übergänge zwischen den realistischen und utopistischen Konzepten in der Politik erweisen sich jedoch oft als fließend. Die gestrigen Realisten, die den nicht mehr aktuellen Status quo zu bewahren suchen, werden allmählich zu Utopisten,  und die Visionäre, die die veralteten Strukturen der neuen Situation anpassen wollten, wandeln sich über Nacht zu realitätsbezogenen Politikern.

Polen und die deutsche Wiedervereinigung

Auf der anderen Seite hatte der Abbau der polnischen Ängste vor dem deutschen Revanchismus und Militarismus für den deutschen Einigungsprozess im Schicksalsjahr 1989 eine kaum zu unterschätzende Bedeutung. Da sich die deutsche Wiedervereinigung in Form eines Beitritt der ostdeutschen Länder in die bereits bestehende Bundesrepublik vollzog, wurde die neue Berliner Republik von vielen Polen mit der alten Bundesrepublik identifiziert. Also mit einem Staat, der aus der verheerenden Erfahrung des Dritten Reiches entsprechende Lehren gezogen hatte und auf einen „deutschen Sonderweg“ verzichtete, oder, wie der Berliner Historiker Heinrich August Winkler dies formulierte, den „langen Weg nach Westen“ vollendete. Dieses in die europäischen Strukturen integrierte vereinte Deutschland trug, anders als zunächst befürchtet, nicht zur Destabilisierung, sondern zur Konsolidierung der nach der Wende von 1989 entstandenen europäischen Ordnung bei. Es wurde auch zu einem der wichtigsten Anwälte der nun unabhängig gewordenen Länder Ostmitteleuropas, auch Polens, bei ihrem Streben, der Europäischen Union beizutreten.

Dass die Dinge sich so und nicht anders verhalten würden, hatten einige polnische Regimekritiker bereits in den 1970er Jahren vorausgesagt. Sie sollten auch Recht behalten. Dies ungeachtet mancher Irritationen, die das deutsch-polnische Verhältnis in den letzten Jahren belasteten.

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Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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