Deutsche (M)Einheit, ein Grund zum Feiern?

30 Jahre Deutsche Einheit. Habe ich was zu feiern? Eine sehr persönliche Kolumne von Heinrich Schmitz


Bild von Michael Bußmann auf Pixabay

Meine ersten intensiveren Erlebnisse mit Bürgern der DDR hatte ich im Winter 1976/77. Nach einer gelungenen Skifreizeit mit der Schule in Österreich, wollte ein Großteil der Klasse das im nächsten Jahr wiederholen. Es fanden sich zwei Lehrer, die mit uns fahren wollten und weil wir mittlerweile alle volljährig waren, war diese private Tour in den Ferien auch kein haftungsrechtliches Problem. Mangels Schulveranstaltung gab es allerdings auch keine Fördergelder, sodass wir eine möglichst günstige Möglichkeit suchten. Und siehe da, es gab ein Angebot für rund 200.–DM inklusive Hin/Rückflug ab Düsseldorf und Vollpension sowie Skipass ins Wintersportgebiet Poiana Brasov in Rumänien. Ein Mitschüler durfte allerdings nicht mitfliegen, weil seine Mutter im Auswärtigen Amt arbeitete und dieses seine Teilnahme verbot. Der Rest traute sich ins finstere Reich von Ceaușescu und Graf Dracula. Bei der Ankunft in Bukarest gab es leicht Verzögerungen, weil einer von uns einen STERN mit einer barbusigen Stringtanganixe auf dem Titelbild mit sich führte und erst einmal vom Zoll für ein Stündchen aufgehalten wurde. Die Zeitung war er hinterher los. Dann ging es mit einem klapprigen Bus auf eine Stadtrundfahrt, bei der uns gefühlte 10 Mal ein Triumphbogen präsentiert wurde. Für welchen Triumph der genau war, weiß ich nicht mehr. Ist auch egal.

Wintersport

Nach schier endloser Fahrt auf einer fast schnurgeraden Straße landeten wir dann im Hotel. Vor lauter Freude über die wunderbare Schneelandschaft und leicht enthemmt durch den auf dem Flug wegen des Ausfalls zweier Treibwerke genossenen Cognac, wagte ich einen Sprung aus dem Fenster des Hotelzimmers in einen großen Schneehaufen im Hof, der sich leider als zusammengeschobener Eisplattenberg entpuppte und einen Anbruch meines Fußes verursachte. So etwas wie einen Arzt gab es offiziell dort nicht, aber – und das war ein glücklicher Zufall – im Hotel weilte die Mannschaft von Steaua Bukarest zum Trainingslager. Die medizinische Abteilung war gut dabei und behandelte mich gegen eine Skihose und eine Skibrille. Beides brauchte ich ja eh nicht mehr. Mein Skiurlaub bestand danach aus regelmäßigen Barbesuchen in der Hotelbar für internationale Gäste und illegalen Pokerpartien mit den Fußballprofis, bei denen auch jede Menge internationale Getränke aus der Hotelbar flossen, an die die Spieler selbst nicht dran kamen, weil sie keine Devisen hatten. Als Highlight nahm das Team mich zu einem Trainingsspiel nach Bukarest im großen Stadion mit und ich saß neben dem Masseur auf der Trainerbank. Ach ja, schöne Erinnerung. Was das mit der Einheit zu tun hat? Gemach, gemach.

Die Friedhofsgrauen

Es hätte ein gänzlich wunderbarer Urlaub sein können, wenn, ja wenn in unserem Speisesaal nicht auch eine Gruppe von DDR-Bürgern gewesen wäre. Optisch bereits erkennbar an der neuesten Mode des Landes in Friedhofsgrau und -beige und korrekt geschnittenem Haupthaar. Man dachte, am Nebentisch hätten die leibhaftigen 50er Jahre Platz genommen. Ein direkter Kontakt mit uns war ihnen offenbar verboten, denn unsere Angebote, mit uns an einem Tisch zu essen und zu trinken, wurden abgelehnt. Okay, das mit dem Essen war eine üble Sache. Denn während wir sowohl mittags als auch abends jeweils Fleischgerichte mit „cartofi prajiti“, also Pommes bekamen, mussten unsere sozialistischen Brüder und Schwestern sich mit eher karger Kost begnügen. Abends gab es da nur ein Butterbrot und irgendeinen wässrigen Sud, der als Suppe gereicht wurde. Das führte nachvollziehbarer Weise zu einem gewissen Futterneid, aber auch lautstarken Kommentaren über den dekadenten Westen und irgendwas von Enteignung und einem inneren Parteitag, wenn es uns denn irgendwann mal ans Leder gehe und die Internationale endlich das Menschenrecht auf was auch immer erkämpft hätte. Vorwärts immer, rückwärts nimmer oder so. Wir waren irgendwie der Feind. Alles in allem war der Erstkontakt mit unseren Brüdern und Schwester hinter dem eisernen Vorhang, wie die Ossis damals gerne genannt wurden, eher ernüchternd. Das mag damit zu tun gehabt haben, dass diese ostdeutsche Reisegruppe vermutlich aus besonders linientreuen Staatsbürgern bestand, bei denen jeder den anderen im Auge hatte und bei dem daher jeder Angst vor einem Westkontakt hatte. Schöne Kontakte hatten wir hingegen mit Siebenbürger Sachsen, die alles über die BRD von uns wissen wollten, weil sie selbst dahin wollten. Die nahmen uns auch mit zur transsilvanischen Universität Brasov, wo es zwar keinen Dracula , aber leckeres Essen in der Mensa und Independent-Musik aus dem Westen von verbotenen Schallplatten in einer verqualmten Studenten-WG gab. Ob wir die Securitatejungs wirklich abgehängt hatten oder ob die Studenten welche waren, kann ich nicht sagen. So oder so war das sehr spannend da.

Besuch aus dem Osten

Der nächste Kontakt lief über Besuch aus der DDR. Ein älteres Ehepaar kam regelmäßig aus dem Osten zu Verwandten meiner Frau nach Siegburg. Die bekamen zwar jedes Quartal eine dicke Kiste mit Kaffee, Schokolade und Klamotten, betrachteten dies aber offenbar als persönliche Gutmachung für alles Schlechte, was der böse Westen über den antifaschistischen Osten gebracht hatte. Sie bestanden in erster Linie aus Forderungen und wurden nicht müde darin, den Imperialismus und Kapitalismus von früh bis spät zu kritisieren, dessen Früchte sie indessen mit vollem Magen und häufig alkoholisiert zu genießen geruhten. Man konnte sich ein kräftiges Durchatmen nach der Abreise der genießenden Misanthropen nicht verkneifen. Verwandte halt.

Plastikgeld

Ein weitere Ostkontakt fand 1983 in Form eines Besuches der Referendar-AG in Berlin mit einem Tagesausflug in die Hauptstadt der DDR statt. Den damaligen Zwangsumtausch an einem Tag auszugeben, war nahezu unmöglich. Der Versuch, mit sechs Leuten in einem Café in Potsdam an einem Tisch, an dem vier Stühle standen, durch Wegnahme zweier Stühle von einem danebenstehenden freien Tisch, Platz zu nehmen, scheiterte kläglich an einem energischen Anpfiff des Bedienungsfacharbeiters, der uns zunächst klar machte, dass er bestimme, wer sich auf welchen Platz setzt. Nun gut. Hamm wer jemacht. Dann gab es tatsächlich ein Stück Kuchen und ein Kännchen Kaffee für jeden. Die Auswahl des Kuchens übernahm der mürrische Bediener ebenfalls, falls es denn überhaupt etwas anderes gegeben hatte. Stets begleitet wurden wir, bis auf ein Stündchen Ausgang in der Innenstadt, von einem freundlichen Stasimitarbeiter, der sich sehr für unsere Ausbildungsstellen interessierte. Auch hier war kein echter Kontakt mit normalen Bürgern möglich. Nach dem Erwerb einer günstigen Faustausgabe in einer Buchhandlung in Potsdam versuchten wir das Restplastikgeld in einer urigen Kneipe zu versaufen, was angesichts der Bierpreise nicht ansatzweise gelang. Da man nichts davon mitnehmen durfte, erhielt ein besoffener Thekendauersitzer ein durchschnittliches Monatsgehalt als freundliche Spende von den dekadenten Referendaren aus dem Westen. Das Bier war gut und sehr billig.

Ein Volk

Die ersten persönlichen Kontakte mit DDR-Bürgern waren also eher ernüchternd. Umso erstaunter war ich , als diese Bürger oder zumindest ein lauter Teil von ihnen 1989 plötzlich Woche für Woche auf die Straße ging. „Wir sind das Volk“ klang da noch gut. Und als aus dem „das“ plötzlich „ein“ Volk wurde, war das auch für mich elektrisierend. Eine kurze nationalistische Aufwallung will ich nicht verhehlen. Hatte ich gut ein Jahrzehnt vorher noch die deutsche Teilung als gerechte Strafe für die Verbrechen des zweiten Weltkriegs bezeichnet und deren Bestand für sehr dauerhaft prognostiziert, konnte man nun auf einmal eine friedliche Revolution live am Bildschirm beobachten.

Da wollte eine Bevölkerung oder zumindest ein mutiger Teil der Bevölkerung ihre Ketten abwerfen. Das waren zwar nicht die Ketten des Kapitalismus, aber immerhin Ketten eines sogenannten real existierenden Sozialismus, der mit Sozialismus soviel zu tun hatte, wie eine Kuh mit Schlittschuhlaufen, der aber immerhin seine Bevölkerung irgendwie mit Arbeit, Nahrung, Wohnung, Kitas und guter Jazzmusik versorgte. Dazu wurde die Bevölkerung zwar hinter einer Mauer eingesperrt, bei dem Versuch diese zu übersteigen erschossen und ansonsten flächendeckend bespitzelt, aber verhungern musste niemand. Es musste also der Drang nach Freiheit, nach Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit und anderen Errungenschaften des Grundgesetzes sein, der die Bürger der DDR auf die Straße brachte. Dachte ich zumindest.

Freude

Als dann die Mauer fiel, empfand ich reine Freude, wie ich immer Freude empfinde, wenn jemand, der zu Unrecht eingesperrt wurde, sein Gefängnis verlassen darf. Ich habe auch jedem sein Begrüßungsgeld und den Genuss von Bananen gegönnt.

Ich setzte mich auch gleich in mein Wohnmobil und fuhr mit der Familie zunächst zur Wartburg. Freundliche Menschen winkten uns auf dem Weg zu und erstmals konnte man mit Ossis ganz normal reden und feststellen, dass das auch ganz normale Menschen waren. Mit dem Wartburg zur Wartburg war eine schöne Geschäftsidee, ebenso wie der Frisbeeburger, der uns in Binz am Strand verkauft wurde. Erstaunlich allerdings, dass ein Eiscafé dort nur zwei Stunden am Tag öffnete und das auch nicht an jedem Tag, obwohl der Ort rappelvoll war. Das kann was werden, dachte ich. Die Landschaft so schön, die Menschen fleißig.

Und dann kamen immer mehr DDR-Bürger auch in meine Heimat im tiefen Westen der Republik. So viele Maiks, Mandys, Enricos, Nancys und Kevins hatte ich vorher nicht wahrgenommen. Die suchten Arbeit, waren zuverlässig, gut qualifiziert und fleißig und blieben gleich hier. Mit denen gab es auch nie Probleme, obwohl das wohl auch Wirtschaftsflüchtlinge waren, die in ihrer alten Heimat keine Chance für sich mehr sahen.

Der Beitritt

Mit dem Beitritt zur Bundesrepublik, der sich nun zum 30. Mal jährt, änderte sich aber einiges. Vor allem für die früheren DDR-Bürger. Errungenschaften wie ausreichende und kostenlose Kitaplätze waren ebenso Vergangenheit wie eine künstliche, auf Pump finanzierte Vollbeschäftigung, oft ohne echte Arbeit. Glücklich konnten eigentlich nur die Rentner einigermaßen sein, die, ohne auch je eine Mark eingezahlt zu haben, nun monatlich ihre Rente auf dem Konto hatten. Bei allen anderen begann das große Zittern um die Existenz.

Ganze Industriebereiche wurden abgewickelt, Heuschrecken aus dem Westen machten sich die Taschen voll und massenhaft „flohen“ die Menschen nun in den Westen und hinterließen halbleere Orte.

Geisterstadt

Bei einem beruflichen Besuch in Pasewalk vor ein paar Jahren kam ich mir vor wie in einer Geisterstadt und die dort als Zeugen in einer Strafsache auflaufenden Polizisten, die noch von einer großen Menge Polizisten im Publikum begleitet wurden, waren zumindest optisch von Gangstern kaum zu unterscheiden. Sie logen nachweislich wie gedruckt. Das Urteil des Richters, der betonte, er müsse „seinen Polizisten“ mehr glauben, als meinem Angeklagten, weil er die ja schützen müsse, war knochenhart und wurde ein paar Monate später durch einen Freispruch beim LG Neubrandenburg ersetzt. Das fühlte sich alles nicht nach neuer Freiheit an, das wirkte unheimlich auf mich, wie aus einer anderen, schlechteren Welt.

Später kam ich beruflich nach Magdeburg und erlebte einen ganz anderen Osten. Offen, modern und freundlich, ja geradezu bunt. Ähnlich war es in Halle. Ich freute mich über jede dort investierte Mark.

Freunde

Und heute habe ich eine ganze Reihe von echten und virtuellen Freunden im deutschen Osten. Demokraten, Antifaschisten, friedliebende Bürger. Denen ist noch unwohler als mir mit dem dortigen Erstarken von Rechtsextremisten, Pegidisten und der AfD, wobei es da Überlappungen gibt. Natürlich gibt es die auch im Westen, aber auf dem Gebiet der ehemaligen DDR erzielen sie bei Wahlen Zustimmungswerte, die mir große Sorge bereiten. Manchmal frage ich mich, ob diejenigen, die heute mit dem Slogan „Wir sind das Volk“ gegen Ausländer und Andersgläubige marschieren, dieselben sind, die es damals waren, die das riefen, oder ob das nicht eher die sind, die damals händeringend auf das Eingreifen russischer Panzer gewartet haben. Ist es denn Zufall, dass nun im rechten Milieu ausgerechnet Putin als Retter in der Not angebetet wird und RT eine der bevorzugten Informationsquelle ist? Oder vermisst da einfach jemand die Knute der Diktatur, weil er da vielleicht einen schönen Job hatte? Der ungefärbte Gerd kann ja ein schönes Lied davon singen, was einem die Freundschaft mit Russland persönlich so in die Kasse spült. Auch das ist das vereinte Deutschland.

Zwiespältige Gefühle

Meine persönliche Erfahrung mit der deutschen Einheit ist also recht zwiespältig. Ja, sie war wohl unvermeidbar und ja, sie war auch der Auftrag unseres Grundgesetzes und dem Grunde nach etwas Gutes. Ob nun der Einigungsvertrag und der Beitritt zur BRD der Weisheit letzter Schluss waren; geschenkt. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Der Zeitpunkt, an dem dieses Deutschland allerdings wirklich eine Einheit darstellt, liegt für mich in weiter Zukunft. Das ist weiterhin eine Aufgabe für Generationen, und wenn es uns gelingen sollte, den stark aufkeimenden Nationalismus in seine Schranken zu weisen, dann kann das irgendwann mal klappen, mit einer freien, bunten und vielfältigen Gesellschaft. Aber da müssen wir nun beharrlich weiter dran arbeiten. Noch ist es lange nicht soweit. Vielleicht schafft ja die Generation meiner Enkel die viel besungene Einigkeit und Recht und Freiheit und kann den 3. Oktober dann wirklich von Herzen feiern.

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Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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