Unerwartet starkes Debüt: „Am Rand der Dächer“ von Lorenz Just

Dieses Buch ist kein Berlin-Roman. Das ist tatsächlich ein Dächer-, ein Baubrachen-, ein Basketballplatz-, ein Kinder/Jugendzimmer-Roman. Einer, der in Berlin spielt. Aber weder mit dem Berlin der zeitgenössischen Großstadt-Inszenierung noch mit dem der nostalgischen Retrospektiven etwas zu tun hat. Ein dichtes, gelungenes Werk, findet Literaturkolumnist Sören Heim.

Eigenes Bild

Wer meine Texte regelmäßig liest, weiß, dass ich von neuerer deutscher Literatur meist eher unterwältigt bin. Der deutsche Einheitsstil, die Themen, meist von Geisteswissenschaftlern für Geisteswissenschaftler, und dann immer wieder das Bewältigen des derzeitigen moralisch bewegenden gesellschaftlichen Komplexes, der so rasch wechselt wie die Moden der Bekleidung. Es wird zum Glück bald Maschinen geben, die den Job der deutschsprachigen Schriftsteller für die gebildeten Schichten übernehmen können. Und dann auch noch ein Berlin-Roman? Wo Berlin-Romane doch immer besondere Klischeeschleudern sind? Warum tue ich mir das an?

Mehr als ein Berlin-Roman

Nun, eben für Werke wie Am Rand der Dächer. Denn das ist einer dieser wenigen Texte, die es schaffen, sich zumindest partiell gegen den Strom zu stellen, und sich darum wahrscheinlich noch nicht mal bemühen. Das ist kein Berlin-Roman. Das ist tatsächlich ein Dächer-, ein Baubrachen-, ein Basketballplatz-, ein Kinder/Jugendzimmer-Roman. Einer, der in Berlin spielt. Aber weder mit dem Berlin der zeitgenössischen Großstadt-Inszenierung, noch mit dem der nostalgischen Retrospektiven etwas zu tun hat. Konsequent erzählt mit dem Blick von einem, der sich an seine Kindheit erinnert. Der sich bemüht, streng den Blick des Kindes durchzuhalten und dabei gerade unaufdringlich genug, dass es nicht nervig wird, die Schwierigkeit dessen thematisiert. Und dann geht die Geschichte los: Moment für Moment, Bild für Bild. Das Erlebnis des jungen Andrej, wie er die Boa von Freund Simon betrachten darf und Zeuge wird, wie eine lebende Ratte an diese verfüttert wird – in jedem Fall eines der besseren Auftaktkapitel deutschsprachiger Romane der vergangenen Jahre. Da ist alles, was kommen wird, vorgefühlt. Das seltsam wortkarge, einfach vom Erleben des gleichen Raumes geprägte Verhältnis zu Simon, die Faszination alles “Exotischen”, vobei wir von einer Vor-Internet-Exotik reden. Basketball, Hip-Hop, Menschen mit kurzgeschorenen Haaren, eine Schlange in einem Terrarium. Nichts was spektakulär erscheint, aber doch die Grenzen der Welt des Protagonisten beinahe zu sprengen droht, weshalb man dann all das möglichst ganz versucht ins eigene Leben einzubauen.

Baut unterwegs leicht ab…

Was dann folgt, erreicht meist nicht mehr ganz das Niveau des ersten Kapitels. Es ist im Großen und Ganzen doch ein Bildungsroman, aber ein sehr frisch-nüchtern erzählter. Diese Kinder fackeln mehr oder weniger aus Versehen einen Schuppen ab, werden in Schlägereien verwickelt, schließen Freundschaft mit einem Mädchen, das in einem besetzten Haus wohnt, spielen mit Softairs auf den Dächern bereits heruntergekommener und teils gar nicht mehr bewohnter Viertel. Und werden später auch wieder mehr oder weniger aus Versehen zu Einbrechern, weil die eigene Dachwelt nun bewohnt ist, und man sie sich trotzdem nicht nehmen lassen möchte. Nichts wird erzählt, als wolle es in erster Linie Fragen aufwerfen oder belehren, diese Kindheit ist grau und gewalttätig und gleichzeitig doch schon recht typisch 90er, behütet und damit in ihrer Rauheit und Gewalttätigkeit auch wieder etwas lächerlich. Und so werden Fragen aufgeworfen und Gedanken angeregt zur Veränderung, die eine Stadt durchmacht, zur Veränderung, die Menschen auf dem Weg vom Kind zum Jugendlichen zum Erwachsenen durchmachen und zur Veränderung, die das Erwachsenwerden zwischen den 90ern und heute durchgemacht hat. Ohne dass jemals gepredigt wird.

Am Rand der Dächer ist ein wirklich starkes Debüt, das in seinen besseren Passagen an Robert Prossers Gemma Habibi erinnert, wobei dessen Autor seinen Stoff über die lange Strecke dann doch noch etwas souveräner durchzuführen fähig ist. Doch Am Rand der Dächer ist durchweg lesenswert und wird nicht langweilen. Und von Autor Just kann man sich noch das ein oder andere erhoffen, wenn er sich nun im Literaturbetrieb nicht all zu sehr streamlinen lässt.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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