Der „Neue“ des Nobelpreisträgers. Mario Vargas Llosa hat ein Geschichtsbuch als Roman verkleidet.

Wenig Handlung, viel historischer Abriss. Kolumnist Sören Heim ist wenig begeistert von Mario Vargas Llosas „Harte Jahre“, empfiehlt Freunden des Autors die Lektüre aber dennoch.


Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Mario Vargas Llosa scheint mittlerweile so sakrosankt, dass sich Lektoren nicht mehr trauen, in seine Bücher einzugreifen. Hat dem Autor denn wirklich niemand geraten, den Prolog zu Harte Jahre wegzulassen? Was ist das denn? Mit dem Roman hat das Ganze nur insofern zu tun, als dass die Geschichte der United Fruit company dort schon einmal ein wenig ausgebreitet wird, die später im Hintergrund eine Rolle spielen wird. Nur: warum bloß? Die Geschichte, soweit sie für das Werk wichtig ist, kann man doch auch im Roman erzählen. und Llosa erzählt sie im Roman. Immerhin: Das Ganze hat den Vorteil, dass man die politische Haltung des Autors, die die Radikal-(Wirtschafts)Liberalen gerne für sich reklamieren, damit sie wenigstens einen talentierten Schriftsteller in ihren Reihen haben, noch mal relativ genau nachvollziehen kann. Denn der vom real existierenden Sozialismus enttäuschte Sozialist segelte ja spätestens seit seiner Präsidentschaftskandidatur auf einem dezidiert pro-westlichen Ticket, das gern als wirtschaftsliberal deklariert wird.

Llosas Politik, kaum gefiltert

Was also wirft der Erzähler des Prologs der United Fruit vor? Dass sie Monopole anstrebt und Arbeiter ausbeutet. Dass sie Gewerkschaften unterdrückt, dass sie die Handlungsmacht des Staates in den Markt einzugreifen durch Steuervermeidung unterwandert und noch einiges mehr dergleichen. Und dem Staat, zuvorderst dem guatemaltekischen? Dass er nicht eingreift. Und der USA? Dass sie strategisch geschickt das Gespenst des Kommunismus als Gefahr übertrieben habe um es diesem radikalen Kapitalismus möglich zu machen, Lateinamerika sozial trockenzulegen. Wenn man nicht unterstellt, Marius Vargas Llosa sei so blöd, dass er die Tendenz, jede Lücke auszunutzen, die die Staatsmacht Konzernen lässt, um mehr Gewinn zu machen, allein der United Fruit unterstellt, dann ist der Prolog von Harte Jahre ein zutiefst sozialdemokratischer. Und das war des Autors Liberalismus eigentlich die ganze Zeit: Ein Kampf um Minderheitenrechte, Arbeiterschutz und so weiter und so fort. Kein Chicago-Boys Laissez-Faire-Kapitalismus, der für die Freiheit des Marktes im Zweifel die Menschenrechte mit Füßen tritt & Diktatoren wie Pinochet stützt und fördert. Nur dass eine Zeitlang das Austreiben der Dämonen der eigenen kommunistischen Jugend im Vordergrund stand. In Harte Jahre allerdings sind „verstockte Antikommunisten“ durchweg die größten Idioten und freiwillige und unfreiwillige Handlanger eines ungezügelten Kapitalismus, der Guatemala und die Lateinamerikanischen Staaten am Boden halte.

Vom Alterswerk zur engagierten Literatur?

Die Entwicklung Mario Vargas Llosas als Autor ist wirklich faszinierend. Nach einigen wenigen, nicht schwachen, aber auch nicht unglaublichen, Kurzgeschichten und dem schon sehr ambitionierten Die Stadt und die Hunde folgen im Alter von gerade erst 29 und 33 Jahren zwei der größten Meisterwerke der modernen Literatur bis heute. Das polyphone Mammutprojekt Gespräch in der „Kathedrale“ und zuvor das etwas reduziertere doch nicht minder ambitionierte Das Grüne Haus, das ich weiterhin als Einstieg ins Werk empfehle. Hier bekommt man den vollen Llosa auf Höhe seiner Schaffenskraft, jedoch noch so zugänglich, dass man sich nicht abschrecken lassen muss. In den drei ersten Romanen sind eigentlich alle großen Themen, die später die Romane des Autors noch bestimmen werden, auf dem höchsten literarischen Niveau auserzählt. Ich habe es früher nie verstanden, wie ein solcher Meister des polyphonen Roman seinen Stil dann so radikal ändern kann. Heute weiß ich: Er musste. Wenn er weiter schreiben wollte. Mit nur drei Werken hatte Llosa seine Literatur eigentlich vollendet, ähnlich wie TS Eliot The Wasteland nichts mehr folgen lassen konnte. Es folgt darum eine zweite Werkphase, in denen Llosa verschiedene Ideen noch einmal aus neuen Perspektiven aufgreift, diesmal vordergründig in absoluter Schlichtheit erzählt, etwa in Detektivgeschichten, in denen hintergründig doch immer noch die alte Polyphonie aufgeblitzt. Auch an den großen Gesellschaftsroman macht der Autor sich noch mehrfach. Mit dem höchst lesenswerten Der Geschichtenerzähler mit Blick auf die bisher eher am Rande des Werkes vorkommende Stellung der amerikanischen Ureinwohner, mit Der Krieg am Ende der Welt noch einmal pompös, doch wiederum einfach erzählt, und wiederum deutlich zugänglicher (aber längst nicht mehr so lesenswert) mit Das Fest des Ziegenbocks und der Dominikanischen Republik als beispielhaftes Versuchsfeld für das lateinamerikanische Grundproblem der Abfolge von Diktaturen und schwachen Demokratien. Dazwischen Werke wie Tante Julia und der Kunstschreiber, die als leicht augenzwinkernde Hommage an die Technik der frühen großen Romane begriffen werden können und in den letzten Jahren noch mal Texte, die die Komplexität eine weitere Stufe zurückfahren. Für diese Texte, die oft schlechte Kritiken bekommen haben, konnte ich mich gar nicht mehr erwärmen.

Viel zu viel politisches Monologisieren

„Harte Jahre“ dagegen wollte ich lesen, weil es offenkundig versucht an die großen Romane der vergangenen beiden Werkphasen anzuschließen. Wieder steht im Mittelpunkt, was Llosa als das lateinamerikanische Grundproblem ausgemacht hat, wieder geht es um einen Staat und stellvertretend für den ganzen Kontinent um die Frage, warum dieser sich in die Scheiße gesetzt hat (wie das Ganze noch in „Gespräch in der Kathedrale“ formuliert war). Leider wird es für die Rezension größtenteils bei den Vor- und Nach-Überlegungen bleiben. „Harte Jahre“ beginnt nach dem überflüssigen Prolog halbwegs vielversprechend mit dem Leben der italienisch guatemaltekischen Familie Parravicini, bzw. Parra und deren schöner Tochter Martita Borrero, die „Miss Guatemala“ genannt wird und unter für die Eltern erst unerklärlichen Umständen schwanger wird. Der Autor bietet dabei einige bildhafte Einblicke in das Leben der Oberschicht und eine ultrapompöse Feier des 15. Geburtstags der Tochter, die ein ganzes Stadtviertel einbezieht. Und dann… Wird über Politik diskutiert. Nein, noch nicht mal diskutiert. Nicht, wie Peru in den Gesprächen von „Gespräch in der „Kathedrale““ lebendig wird. Oder in den übersichtlichen, aber doch immer lebendigen Diskussionen und Konfrontationen aus Wer hat „Palimo Molero umgebracht“ oder „Tod in den Anden“. Meistens erzählt der Erzähler, wie das halt so ist bzw. war mit Guatemala und der United Fruit. Manchmal theoretisieren Hauptfiguren vor sich hin. Hat mein Hörbuch einen Sprung und ist zurück in den Prolog gerutscht? Nein, leider nicht. Das ist der Mario Vargas Llosa des Jahres 2020. Zwischendurch wird die Geschichte wieder aufgegriffen, die eigentlich den Kern der Handlung bilden soll und an dem der frühere Llosa, was er historisch-politisch mitzuteilen hätte, geschickt durch Gespräche und Geschehnisse, die das Leben der Protagonisten beeinflusst hätten, aufgehängt hätte. Dann bekommt man kurzweilige Passagen zu lesen. Und wer sich für die Geschichte Guatemalas, die in diesem Fall durchaus exemplarisch für viele Probleme Lateinamerikas stehen kann, interessiert, wird sich wahrscheinlich noch nicht einmal in den Sachbuch-Passagen wirklich langweilen. Llosa ist tatsächlich auch kein schlechter Sachbuchautor. Aber nein, an das Romanwerk, für das dieser Erzähler so verdient wie kaum ein anderer den Nobelpreis verliehen bekommen hat, reicht „Harte Jahre“ nicht einmal ansatzweise heran. Das Cover immerhin ist wunderschön gestaltet und vielleicht das größere Kunstwerk. Man wünschte sich einen Text, der ähnlich suggestiv, bunt und kontrastreich aufgebaut ist. Doch den bekommt man leider nicht.

Dennoch sollten langjährige Leser Llosas vielleicht mal wieder einen Blick wagen. „Harte Jahre“ dürfte später essentiell werden, um den Autor im Ganzen zu verstehen. Nicht unbedingt als Schriftsteller auf der Höhe seiner Schaffenskraft, aber als Denker und Politiker, der auf das eigene gesellschaftspolitische Denken zurückblickt und versucht die Deutung über seine Haltung zurückzuerlangen.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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