Die Tragik des Alltäglichen. „Die langen Abende“ von Elizabeth Strout.

Kolumnist Sören Heim hat den neuen Roman „Die langen Abende“ von Elizabeth Strout gelesen und sieht den als eine der besseren Neuerscheinungen des Jahres.


Es gibt einen amerikanischen Stil des Gesellschaftsromans, der etwas schwer zu definieren ist, weil er heute weltweit als der Normstil dieses Roman-Typs gelten dürfte, und Abweichungen immer leichter zu erklären sind als die Norm. Doch beherrschen diesen Stil nur wenige wirklich. Updike mag als ein Beispiel gelten, z.b. mit Memories of the Ford Administration. Ebenso Philip Roths American Pastoral. Es ist ein relativ neutral wirkender Stil, Texte, in denen gar nicht so viel zu passieren scheint und in denen sich doch immer wieder, meist im Milieu der gehobenen Mittelklasse, Abgründe auftun. Nicht die Figuren selbst sind tragisch angelegt wie bei Dostojewskij, nicht das Zeitalter und seine „Metaphysik“ wie bei Thomas Mann.

Normale Figuren,
normale Probleme, und doch keine Normalität

Es sind „normale“ Figuren, es ist ein „normales“ Zeitalter. Nur die Situationen, die in oft beinahe belanglos wirkenden Gesprächen entfaltet werden, haben ihre Tragik. Und es ist nicht die große der Weltgeschichte, sondern die kleine des alltäglichen Zusammenleben, die dennoch nie unterschätzt werden darf – oft genug setzen sich die großen Tragödien rückblickend aus solchen zusammen.

Die langen Abende von Elizabeth Strout ist ein solcher Roman, und einer der stärkeren. Der Fokus liegt vor allem auf dem Erleben älterer Menschen in Crosby, Maine. Im Mittelpunkt stehen Olive und Jack, beide anfangs alleinstehend, die wir kennenlernen als Freunde und etwas mehr, die sich zugleich anziehend finden und auch ein wenig abstoßend. Die erste gemeinsame Nacht, um die Jack bittet, um nicht allein zu sein und die nicht im gleichen Zimmer verbracht wird, entlässt die Leser etwas ratlos, und neue Kapitel blicken erst einmal auf andere Figuren. So wird ein kleines gesellschaftliches Panoptikum aufgespannt um verkrachte Familien, schwierige Eltern-Kind-Beziehungen und immer wieder die Frage, wie man sich mit der eigenen Sterblichkeit zurechtfindet. Ich habe einige Rezensionen gesehen, die Die langen Abende als Kurzgeschichtenband deklarieren, doch das scheint mir übertrieben. Tatsächlich könnte man sich wünschen, dass einige der Nebenkapitel noch etwas stärker mit den Hauptkapiteln verwoben würden, manches bleibt vielleicht zu sehr in der Schwebe. Doch Olive taucht oft genug auf und hat ebenso den ersten wie den letzten Auftritt, so dass man sie mit Recht als die Hauptfigur eines Romanes bezeichnen kann. Und eines wirklich gelungenen Romanes, der, auch das typisch für diesen amerikanischen Stil, durchaus modern und polyphon aufgestellt ist, allerdings ohne die Aufdringlichkeit, die Technik nach dem Motto „seht her wie talentiert ich mit Handlungssträngen jonglieren kann” allzu sehr in den Vordergrund zu schieben.

Wütender Appell
an die Friede-Freude-Eierkuchen-Rezensenten

Einige Rezensionen bemängeln auch, die Autorin solle sich doch bitte lieber auf die positiven Dinge des Lebens konzentrieren, die dargestellten Familienschicksale seien viel zu düster. Solchen neoliberalen Hippies und Hipstern kann ich dann nur sagen: Diese Kunst ist nicht für euch. Zerstreut euch ruhig mal bei diesem oder bei jenem Unterhaltungsroman, guckt Superheldenfilme und geht arbeiten bzw. euch „selbstverwirklichen“. Und wenn dann irgendwann der große Zusammenbruch kommt, weil es auch in eurem Leben eben diese überdeckten Untiefen und Ängste gibt, betet, dass euer Psychiater zugleich auch eine gute Schriftstellerin ist. Dann bleibt von euch vielleicht wenigstens etwas für die Ewigkeit. Die meisten Menschenleben sind a) nicht so besonders glücklich, wie es uns die Durchhalteparolen aus Ratgebern und Unterhaltungsindustrie gern weismachen würden und b) sind die Protagonisten aus Die langen Abende nicht so unglücklich, wie ihre an Schicksalsschlägen nicht armen Leben vielleicht vermuten lassen würden. Auch das muss man lernen: Sich beim Lesen nicht nur auf das Drastische zu konzentrieren, sondern auch auf die stillen und schönen Momente dazwischen. Olive zum Beispiel findet Glück in einer zweiten Ehe, auch wenn das nicht von Dauer ist, und spät im Leben noch einmal eine Freundschaft. Ist das etwa nichts?

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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