„Das Zeitalter der Unterwürfigkeit“? Anmerkungen zu den totalitären Weltbildern und Verschwörungstheorien

Die kruden Verschwörungstheorien, die sich seit dem Beginn der Corona-Pandemie in Ost und West massiv verbreiten, stellen bekanntlich nichts Neues dar. Es gab in der Vergangenheit schon viele Versuche, die kompliziertesten Zusammenhänge mit Hilfe von monokausalen, simplen Thesen zu erklären. Besonders stark waren die Verschwörungstheorien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet, und zwar im Zusammenhang mit dem Aufstieg der totalitären Bewegungen und Regime rechter und linker Prägung. Mit diesen „Theorien“ wie auch mit den totalitären Weltbildern als solchen möchte ich mich hier kurz befassen.

Vasily Grossman by Keith Gessen, 1. Januar 1945

Der Kampf der Verschwörungstheoretiker gegen die „unsichtbaren Feinde“

Totalitäre Ideologien linker und rechter Provenienz, die das „kurze“ 20. Jahrhundert entscheidend prägten, basierten im Wesentlichen auf Verschwörungstheorien. In seiner alles vereinfachenden Ideologie identifizierte Hitler sowohl die westlichen „Plutokraten“ als auch die Bolschewiki mit den Werkzeugen des „Weltjudentums“. Die Bolschewiki hielten diese Theorie für derart unsinnig, dass sie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr als überflüssig ansahen. Dabei ließen sie es außer Acht, dass Hitlers Theorie vom „allmächtigen Weltjudentum“ eine gewisse Ähnlichkeit mit der kommunistischen Theorie vom „allmächtigen Finanzkapital“ hatte. Die Kommunisten hielten das sogenannte „Finanzkapital“ für den eigentlichen Regisseur der politischen Entwicklungen innerhalb der kapitalistischen Welt in der Epoche des „Imperialismus“. In seinen Zentren, die der Öffentlichkeit unzugänglich seien, entwerfe das „Finanzkapital“ Pläne, die seine Weltherrschaft sichern und den Sieg seines einzigen echten Gegners – des Kommunismus – verhindern sollen. Durch diese Beschäftigung mit der Enträtselung geheimer Pläne eines unsichtbaren Gegners verloren die Kommunisten häufig die sichtbaren und viel gefährlicheren Gegner aus den Augen. Die Verkünder von Verschwörungstheorien halten sich für die einzigen Realisten, weil nur sie den echten Grund für alle politischen Vorgänge angeblich kennen. Die Analyse politischer Vorgänge ohne Berücksichtigung ihrer “Theorie“ halten sie für naiv, weil diese Analyse Marionetten für selbständig handelnde Kräfte erachte. Tatsachen und Argumente sind außerstande, eine Verschwörungstheorie zu entkräften. Sie besitzt ihre „innere Logik“, die von der äußeren Realität in der Regel relativ unabhängig ist. Diese ihre „innere Logik“ und die außergewöhnliche Selbstüberzeugtheit, mit der Anhänger der Verschwörungstheorien sie vertreten, vermag sogar manche ihrer Gegner zu verunsichern und aus dem Konzept zu bringen. Bisweilen gelingt es den Verkündern von Verschwörungstheorien, das von ihnen  konzipierte System zur Grundlage zu erheben, auf der die politischen Auseinandersetzungen der Epoche geführt werden, wie dies in den 1930er und 1940er Jahren in Europa im Wesentlichen der Fall war.

Totalitäre Diskursverweigerung

Zum Wesen des totalitären Denkens gehört die Diskursverweigerung mit Andersdenkenden. Totalitäre Gruppierungen schotten sich, wenn sie noch nicht an der Macht sind (in der „Bewegungsphase“), von der Außenwelt ab, die für sie das Reich des Bösen darstellt. Sie betrachten all diejenigen, die ihr Weltbild in Frage stellen als Agenten finsterer Mächte, die angeblich diese Welt beherrschen (der Juden, der Plutokraten, der Freimaurer usw.) oder als naive Tölpel, die sich von diesen „Beherrschern der Welt“ verführen lassen. Diese Diskursverweigerung der totalitären Parteien erreicht nach ihrer Machtübernahme – in der „Regimephase“ – eine neue Dimension. Nun wird die störende Außenwelt mit ihrer Stimmenvielfalt, die mit dem totalitären Denkkonstrukt nicht in Einklang gebracht werden kann, gänzlich ihrer Eigenständigkeit beraubt und ins totalitäre Machtgefüge eingebaut. Im Dritten Reich geschah dies bereits einige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Den Gegnern der nationalsozialistischen Welterklärungsmodelle, sofern sie das Land nicht verließen, blieb im Wesentlichen nur die innere Emigration oder das „Schreiben zwischen den Zeilen“ wie dies in solchen Presseorganen wie der „Frankfurter Zeitung“ noch eine Zeit lang möglich war.

Im bolschewistischen Russland nahm der Prozess der Gleichschaltung der Gesellschaft wesentlich mehr Zeit in Anspruch, als dies im NS-Staat der Fall war. Um die Gesellschaft in ein bloßes Instrument der Herrschenden zu verwandeln, mussten die Bolschewiki unmittelbar nach ihrer Machtübernahme im Oktober 1917 einen dreijährigen Bürgerkrieg führen, der dem Lande viel mehr Opfer als der Erste Weltkrieg abverlangte.

So wie die totalitäre Partei sich in der Bewegungsphase von den nichttotalitären Segmenten der Gesellschaft abschottet, schotten sich die totalitären Staaten von der als feindlich geltenden nichttotalitären Staatenwelt ab und trachten nach deren Aushöhlung oder Bezwingung. Denn solange es diese andere Welt gibt, stellt sie durch ihre bloße Existenz die totalitäre Wertehierarchie in Frage.

Kann man totalitäre Fanatiker mit rationalen Argumenten überzeugen, wie dies manche Autoren meinen? Wohl kaum. Solche Argumente werden von den Verfechtern totalitärer Weltbilder als Zeichen der „bürgerlichen Dekadenz“ oder „Heuchelei“ abgeschmettert. Sie lehnen den „bürgerlichen“ Rationalismus bzw. die „bürgerliche Objektivität“ ab und betrachten ihr Rassen- bzw. Klassenkonzept als das einzig gültige Welterklärungsmodell. Totalitäre Ideologen und ihre demokratischen Widersacher argumentieren auf völlig unterschiedlichen Ebenen, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen.

Wassili Grossman über die Gründe für den Siegeszug der totalitären Regime im 20. Jahrhundert

Besonders verhasst ist den Verfechtern der totalitären Denkmodelle die Idee der universalen Menschen- und Grundrechte. Diese Idee erlebte vom ausgehenden 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts einen erstaunlichen Siegeszug. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sie auch Russland erfasst, als der letzte russische Zar im Oktober-Manifest von 1905 seinen Untertanen die Grundrechte gewährte.

Warum erlitt aber dieser unbezwingbar scheinende emanzipatorische Prozess zunächst in Russland (1917) und dann in Deutschland (1933) katastrophale Rückschläge, die sich dann im Verlaufe der folgenden Jahre auch auf andere europäische Länder auswirkten und praktisch den ganzen Kontinent (bis auf einige kleine demokratische Inseln) in einen Abgrund rissen? Worauf lassen sich die beispiellosen Triumphe der totalitären Diktaturen im 20. Jahrhundert zurückführen? Diese Fragen werden, zumindest partiell, vom russischen Schriftsteller Wassili Grossman in seinem vor etwa 60 Jahren geschriebenen erschütternden Roman „Leben und Schicksal“ beantwortet. Grossman erklärt diesen Sachverhalt durch den erstaunlichen Hang der modernen Menschen zum Konformismus, ja zur Unterwürfigkeit. Und in der Tat, der damalige Siegeszug der totalitären Regime wäre ohne die Bereitschaft vieler Europäer sich mit ihnen abzufinden, kaum denkbar gewesen. Wenn man bedenkt, dass viele dieser Mitgestalter bzw. Mitläufer der totalitären Systeme kurz zuvor die Freiheit über alles geschätzt und paternalistische Systeme unterschiedlichster Art hinweggefegt hatten, muss man gemeinsam mit Grossman von einem erstaunlichen anthropologischen Phänomen sprechen. Grossman schreibt:

(Gigantische) Menschenmassen waren unterwürfige Zeugen der Vernichtung von Unschuldigen. Doch nicht nur Zeugen. Wenn es befohlen wurde, gaben sie Stimme für die Vernichtung, bekundeten sie mit ihrem Stimmengetöse die Billigung der Massenmorde. In dieser grenzenlosen Unterwürfigkeit der Menschen offenbarte sich etwas ganz Unerwartetes.

Wie erklärt Grossman diese anthropologische Revolution, die Tatsache, dass die „von den totalitären Gesellschaftssystemen verherrlichte Gewalt sich als fähig (erwies), auf ganzen Kontinenten den menschlichen Geist zu lähmen?“.

Diesen Triumph der totalitären Regime führt Grossman nicht zuletzt auf deren moralisierende Attitüde zurück, darauf, dass die von ihnen „begangenen Verbrechen als höchste Form des Humanismus (dargestellt werden, dass sie) die Menschen in erhaltenswerte Reine und nichterhaltenswerte Unreine (scheiden)“.

Und in der Tat betrachteten unzählige Täter im Dienste totalitärer Regime die Vernichtung von Millionen als eine Art „Erlösungswerk“. Wenn man bedenkt, dass diese Vorgänge sich nach einem 150jährigen Siegeszug der Aufklärung und der emanzipatorischen Prozesse unterschiedlichster Art vollzogen, geben sie viele Rätsel auf.

Die Stimme des Gewissens

Der Ausbruch aus einem totalitären Denkkorsett erforderte vor allem in den 1930er und 1940er Jahren, als die Auseinandersetzung zwischen dem rechten und linken Totalitarismus ihren Höhepunkt erreichte, eine außerordentliche Selbstüberwindung. Nur wenige waren damals dazu in der Lage. Zu diesen wenigen gehörten Manès Sperber, der sich 1937, zur Zeit der Moskauer Schauprozesse, vom Kommunismus abwandte, und der ehemalige Sympathisant Hitlers, Hermann Rauschning, der Mitte der 1930er Jahre mit dem NS-Regime brach, als er begriff, dass die NSDAP das Land nicht erneuert, sondern zerstört.

Die Beispiele Sperbers und Rauschnings zeigen, dass totalitär gesinnte Menschen eine Chance haben, aus der totalitären Sackgasse auszubrechen. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn sie über ein sensibles Gehör verfügen, das ihnen ermöglicht, die Stimme des Gewissens, die die totalitäre Ideologie zu betäuben versucht, zu vernehmen. Denn das Gewissen des „alten“, von der jüdisch-christlichen Ethik geprägten Menschen ist der größte Widersacher des Totalitarismus. Diese Ethik liegt auch der Idee der universalen Menschenrechte zugrunde, die die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen hervorhebt. Diese Idee zu akzeptieren, bedeutet für die totalitäre Ideologie, sich selbst aufzugeben. Nicht zuletzt deshalb war die sowjetische Führung, auch nach dem 20. Parteitag der KPdSU vom Februar 1956, der mit der blutigen Tyrannei Stalins vehement abrechnete, nicht bereit, sich zum moralischen Universalismus zu bekennen und beharrte auf ihrem partikularen Klassenstandpunkt. Erst unter Michail Gorbatschow vollzog sich in der Sowjetunion ein Paradigmenwechsel. So sprach z.B. der Generalsekretär des ZK der KPdSU in seinem Buch „Perestroika“ (1987) vom „absoluten Vorrang der allgemein menschlichen Werte“ und erteilte damit indirekt der Klassenkampflehre eine Absage. Die bis dahin geltende kommunistische Wertehierarchie wurde dadurch gesprengt und mit ihr auch das gesamte politische Gebäude, das auf ihr basierte.

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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