Die unerwartete Melange des frühen Faschismus – Antonio Scuratis Mussolini-Roman

Auf 800 Seiten zeichnet Antonio Scurati ein Bild der Entstehungsphase des italienischen Faschismus, das viele Leser überraschen dürfte. Und für das man sonst massig Primärquellen wälzen müsste. Rezension von Sören Heim.


Vom rein ästhetischen Standpunkt betrachtet ist Antonio Scuratis M. Der Sohn des Jahrhunderts kein besonderer Roman. Auf gut 800 Seiten wird die Genese des italienischen Faschismus beschrieben, größtenteils in der dritten Person durch die Augen Benito Mussolinis selbst gefiltert, abweichende Kapitel filtern den Blick dann und wann durch die Augen von Weggefährten. Zwischen den einzelnen, meist sehr kurzen Kapiteln, sind Auszüge aus Zeitungstexten und Briefen gestreut, die das Geschehene noch einmal kommentieren. Der Stil ist nüchtern, die Handlung wird geradewegs in einem Stück erzählt. Der Roman macht dabei den Eindruck, sehr sorgsam mit der Quellenlage umzugehen und tatsächlich ein glaubhaftes Bild der Frühphase des Faschismus zeichnen zu wollen. Ob die Quellen natürlich alle echt sind, oder ob Fingiertes darunter ist, habe ich nicht geprüft. Glaubt man aber anderen Rezensenten, handelt es sich um einen sehr streng historischen Roman.

Umfangreiche Zusammenfassung historischer Quellen

So punktet M. Der Sohn des Jahrhunderts dann auch eher durch seine intensive Auseinandersetzung mit der Entstehung des Faschismus und sollte vielleicht tatsächlich von allen Freizeit-Faschismus-Theoretikern und dem Großteil der Profis gelesen werden, ehe die eigene Ideologie auf den Feind projiziert wird. Der Faschismus präsentiert sich in M. Der Sohn des Jahrhunderts als eine sehr heterogene Melange und als solchen wird ihn auch jeder entdecken, der sich historisch mit den ersten Jahren Mussolinis als Politiker befasst. In erster Linie als eine Jugend- und junge Männerbewegung, dann erst als eine Ideologie, die mehrfach in die eine oder andere Richtung kippt, bis sie auf ihre für Italien dann klassische Kombination von weitgehendem wirtschaftlichen Liberalismus und totalitärer ästhetisch-militärischer Formation der Gesellschaft kommt. Ich habe in anderen, noch unveröffentlichten Essays versucht zu zeigen, dass der Faschismus einerseits die für die Moderne „perfekte“ Antwort auf die metaphysische Unbehaustheit und die zunehmende Unzufriedenheit mit der verwalteten Welt ist, weil seine Vordenker immer wieder intuitiv geschickt an das Bedürfnis nach Mythologie und ein Verhältnis zum Absoluten anknüpfen. M. Der Sohn des Jahrhunderts stützt diese Perspektive. Das macht es so unglaublich schwer, den Faschismus zu bekämpfen. Andererseits hat wahrscheinlich jede, besonders aber jede männlich dominierte, Jugendbewegung Anknüpfungspunkte an faschistische Ideen, auch noch die scheinbar freiheitlichste. Wer sich etwa intensiv mit den normalerweise links konnotierten Hipstern und den frühen Hippies beschäftigt, wird unglaublich viel finden, von der Anbetung der Stärke des Einzelnen im Angesicht einer feindlichen Welt, von den Ideen eines Schicksals oder eines Welt-Zusammenhangs, der zu bestimmten Protagonisten spricht und so weiter und so fort. Etwas Buddhismus, viel Nietzsche, vielleicht am Rande etwas Ayn Rand, praktisch überhaupt kein Marx, Kant oder Hegel.

D’Annunzios Rolle als Vordenker

In diesem Zusammenhang ist es interessant und hilfreich, dass M. Der Sohn des Jahrhunderts anfangs einen starken Fokus auf Gabriele d’Annunzios Eroberung der Grenzstadt Fiume legt. Mussolini unterstützte dieses Unterfangen, wenn auch immer zerknirschter, da es seiner späteren Realpolitik, die auf ein Bündnis mit den bürgerlichen Kräften ausgelegt war, zuwider lief, bis er dem berühmten Dichter am Ende in den Rücken fiel. Fiume wurde in den eineinhalb Jahren seiner Existenz ein durchaus protofaschistischer Stadtstaat, doch wer die Deklarationen und Manifeste liest, wird auch vieles wiederfinden, was aus späteren Gegen-Kulturen bekannt vorkommt. Da wird zwischenzeitlich die direkte Demokratie beschworen, dann wird das Ganze wieder mit ständerechtlichen Ideen und „Natürlicher Ordnung“ verknüpft. Da soll die freie Liebe möglich sein, da soll jeder Mensch erst ein ganzer Mensch werden, aber da soll es auch Hierachien geben, nur eben keine vom hohlen Konsum (wie man heute sagen würde) verfälschte, und der Dichter-Stern D’Annunzio thront in der Mitte. Es ist ein vollkommen verrücktes Projekt, wie man es sich wohl vorstellen mag, wenn vor allem enttäuschte Außenseiter der Gesellschaft, seien es Schriftsteller, seien es ehemalige Soldaten, seien es alte Aristokraten, seien es abgewirtschaftet Kleinbürger, zusammenkommen. Mussolini selbst wird sich dann später als kühler Stratege erweisen. Als er Optionen zur Macht sieht, wirft er den Großteil der Idealismen aus Fiume über Bord und schreibt für das Bündnis mit dem Bürgertum den faschistischen „Liberalismus“ fest, der dann die erste Phase des Faschismus in Italien prägen soll. Dabei zeigt M. Der Sohn des Jahrhunderts auch: Die Machtübernahme wäre niemals möglich gewesen ohne die Kollaboration der bürgerlichen Mitte und der konservativen Rechten, aber auch ohne die völlige Apathie der Linken, die sich lieber untereinander selbst zerfleischte und später teilweise sogar für Mussolini stimmte, statt, was wohl durchaus noch denkbar gewesen wäre, mindestens eine gemeinsame Enthaltung zu organisieren. Man darf nicht vergessen, wie stark der Sozialismus noch kurze Zeit vorher in Italien war, zwischen 1918 und 23 wurde mehrfach die sozialistische Revolution befürchtet und wäre vielleicht sogar möglich gewesen.

Keine „Hufeisentheorie“!

All das Gesagte soll nicht nahelegen, dass M. Der Sohn des Jahrhunderts politisch auf eine simple Hufeisentheorie zuläuft. Der Faschismus, wie er sich letztendlich als reale politische Kraft formierte, war niemals links und macht vielmehr die Linke als sein zentrales Feindbild aus. Das Bündnis, das der Faschismus schließlich eingehen konnte, ist das mit dem sogenannten liberalen Bürgertum gegen Sozialdemokratie, Sozialismus und Kommunismus. Aber die Trennlinie zwischen linken Gedanken und Faschismus verläuft (auch wiederum bis heute) eben nicht geradlinig, so dass die einen ganz rechts außen und die anderen ganz links außen zu platzieren wären und das Bürgertum in der Mitte (was eigentlich nur einer gestreckten Form des Hufeisenschemas entspräche). M. Der Sohn des Jahrhunderts zeigt, und ich finde glaubhaft, einen Faschismus, der bestimmte linke Ideen mit an seiner Wurzel hat und weitere aufsaugen kann. Vor allem sind das allerdings die individualistisch-romantisch-träumerischen. Einige überzeugte Individual-Anarchisten sind glattweg Faschisten geworden, und der einsame, gegen die moderne Welt gestellte, Kämpfer/Träumer/Künstler-Typus ist durchaus etwas, das der Faschismus Mussolinischer Prägung, akzeptieren, ja, feiern konnte, stellte sich dieser Einsame nicht eben gegen ihn. Es sind die systematischen linken Weltanschauungen, also jene, die sich auf eine intensive systematische Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen und besonders der Wirtschaft gründen, und die eine Analyse und teilweise Umgestaltung der gesellschaftlichen Vermittlungsmechanismen ins Zentrum stellen, denen der Faschismus spinnenfeind sein muss und ist. Das sind einerseits die Sozialdemokratie und andererseits alle Ausprägungen eines organisierten Sozialismus/Kommunismus. Das ist nachvollziehbar, denn beides sind höchst unromantische politische Weltanschauungen. Sie nehmen Analysen vor, dahingestellt wie richtig oder falsch, und ersinnen pragmatisch Mittel, dem als schlecht Identifizierten durch Organisation Abhilfe zu verschaffen. Der Faschismus aber ist eine durch und durch romantische Weltanschauung, für den diese Niederungen des kühlen Politisierens geradezu Teufelszeug sind. Daher auch die Ablehnung heute gegen den demokratischen Parlamentarismus, aber nicht prinzipiell gegen Wahlen, solange man sich recht sicher sein kann, das richtige Ergebnis zu bekommen. Nicht dass das „Volk“ seine Führer wählt ist dem faschistischen Denken prinzipiell fremd, sondern dass unzählige Prozesse dazwischen geschaltet sind, die das direkte Durchschlagen dieser Wahl moderieren und auf einen sanften mittleren Pfad führen sollen. Wo immer politische Denkrichtungen und Bewegungen selbst starke romantische Anteile haben, kann der Faschismus sie zumindest prinzipiell für sich gewinnen. Klassische Beispiele sind der politische Liberalismus und sein Weggefährte, der sogenannte Konservativismus. Wo man überzeugt ist, dass geheime Marktkräfte zum Besten der Menschheit walten, und dass sich die Besseren nicht nur durchsetzen, sondern dass das auch das allgemeine Gute befördere, ist der Schritt nicht weit hin zu einem, der verspricht ein bisschen nachzuhelfen oder sogar noch eine stärker an das eigene Überlegenheitsgefühl rührende Metaphysik aufrichtet. Es gilt aber eben auch für vieles Denken und Fühlen, das auf die „Kraft der Jugend“ baut und für all die linken Strömungen, die in unreflektierter Weise Freiheit, Selbstverwirklichung und den/die EinzelneN als schöne Seele in den Mittelpunkt stellen.

Wer, vorerst nur für den italienischen Faschismus, einen tieferen Einblick in die wilde Mélange gewinnen möchte, aus der diese Geißel des 20. Jahrhunderts und vielleicht auch des 21. entsprang, findet mit M. Der Sohn des Jahrhunderts definitiv einen guten Einstieg. Als Roman ist das Ganze wie gesagt nichts besonderes. Doch versammelt Autor Antonio Scurati zahlreiche Ideen und Analysen (und macht sie in einem sehr lesbaren Stil zugänglich), die helfen, den Faschismus an seiner Wurzel zu „erleben“ und die über platte Faschismustheorien wie die Dimitroffsche („Diktatur der rückwärtsgewandten Teile des Finanzkapitals“) hinausgehen. Um den Faschismus tatsächlich bekämpfen zu können, muss seine Verlockung zuerst begriffen werden. Ich denke, die herauszuarbeiten, gelingt Scurati gut. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass selbst überzeugte Faschisten dieses Buch gerne lesen werden. Durch die Filterung größtenteils durch die Augen von Protagonisten der Bewegung kommt manchmal die Barbarei eben dieser Bewegung doch zu wenig in den Blick.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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