Immer wieder Muttertag

Schon vor ein paar Jahren schrieb ich einen Text über Sinn und Unsinn des Muttertags und die verfassungswidrige Diskriminierung von Müttern. Getan hat sich seitdem so gut wie nichts. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz


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Morgen ist mal wieder Muttertag. Ehrentag aller Mütter – was für ein seltener Blödsinn, Mütter nur an einem Tag im Jahr zu ehren. Und tatsächlich geht es ja auch um etwas ganz anderes.

Ja, es ist schön, wenn die kleinen Kindern der Mutter ein Herz malen und der Mutter dann das Herz vor Rührung aufgeht, oder die größeren einen Kuchen backen und mal wenigstens für einen Tag „lieb“ zu sein versuchen. Es ist schön, wenn die erwachsenen Kinder sich dann sehen lassen oder wenigstens mal anrufen. Es ist auch schön, wenn die Blumenhändler einen feinen Umsatz haben. Alles schön, schön, schön. Aber darum geht es mir nicht.

Geschichte

Die Ursprünge des Muttertags wurden nämlich in der englischen und US-amerikanischen Frauenbewegung geprägt. Also nicht Kitsch as Kitsch can, sondern knallhart politisch. Die US-Bürgerin Ann Maria Reeves Jarvis versuchte 1865 eine Mütterbewegung namens Mothers Friendships Day zu gründen. An ihren Mothers Day Meetings konnten Mütter sich zu aktuellen Fragen austauschen. Schon 1870 wurde von Julia Ward Howe eine Mütter-Friedenstag-Initiative unter dem Schlagwort peace and motherhood gestartet. Sie hatte das Ziel, dass ihre Söhne nicht mehr in Kriegen geopfert werden sollen. Da ging es also nicht um Friede-Freude-Mutterkuchen, sondern um knallharte Mütterinteressen. Ähnliche Initiativen wurden ab 1860 auch in Europa gegründet. Ab 1888 gab es den Internationalen Frauenrat, der sich auch für eine Stärkung von Mütterrechten einsetzte. Alles sinnvoll, alles für Mütterrechte.

Der heutige Muttertag beruht auf der Initiative der Methodistin Anna Marie Jarvis, die sich hauptberuflich der Einführung eines offiziellen Feiertags zu Ehren der Mütter widmete, was dann auch bereits 1909 in einer Reihe von amerikanischen Bundesstaaten geschah. Innerhalb kürzester Zeit setzte sich der Muttertag auch international durch. In Deutschland griff der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber 1922 ganz clever mit dem Slogan „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern beherzt zu. Danach machten sich die Nationalsozialisten über den Muttertag her und nutzten ihn zur Ehrung besonders gebärfreudiger germanischer Heldinnen des Volkes, die sie wegen der Mehrung der „arischen Rasse“ (miss)brauchten. 1933 wurde er dann ganz offiziell zum Feiertag erklärt und 1934 als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ mit allem Pipapo zelebriert. Später gab’s dann zum Muttertag noch das Mutterkreuz, weil die Mütter so fleißig Kanonenfutter lieferten. Spätestens da hätte man über den Tag kotzen können.

Während nach dem Krieg in der DDR der Internationale Frauentag am 8. März gefeiert wurde, einigten sich Blumenhändler und Floristen in der BRD auf den 2. Sonntag im Mai als Muttertag. Ja, die Floristen, denn der Muttertag ist nicht etwa ein gesetzlicher Feiertag, sondern ein reines Werbespektakel.

Wegen der schon früh beginnenden Kommerzialisierung des Muttertags wandte sich bereits Anna Marie Jarvis von der Bewegung ab und bereute, den Muttertag überhaupt ins Leben gerufen zu haben. Sie kämpfte leider erfolglos für die Abschaffung des Feiertages.

Kein Stellenwert

Und seien wir mal ehrlich. Mütter haben doch in der Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland einen Stellenwert von äußerst untergeordneter Bedeutung: Klar, sie sind absolut notwendig, ohne sie stirbt Deutschland auch ohne blaubraune Umvolkungsphantasien aus, aber was sind sie uns denn wirklich wert ? In Euro, nicht in Muttertagsreden und Blumensträußen? Eher wenig.

Machen Sie sich einmal den Spaß und fragen die Rentnerinnen in ihrer Umgebung nach der Höhe ihrer Rente, einfach mal so. Und dann fragen sie mal diejenigen mit den niedrigsten Renten, ob sie Kinder haben. Sie werden sehen, die werden ihnen das bestätigen. Ist ja auch nicht leicht, gleichzeitig Kinder zu bekommen, groß zu ziehen und auch noch kräftig in die Rentenkasse einzuzahlen. Kinder sind der sicherste Weg für Frauen im Alter arm zu sein. Halt, werden sie sagen, Mütter bekommen doch Erziehungszeiten angerechnet. Stimmt, aber das ist nicht mehr als ein kleines Tröpfchen auf den heißen Stein der drohenden Altersarmut.

Für Kinder, die nach 1992 geboren wurden, bekommt eine Mutter popelige drei Jahre angerechnet, für die davor geborenen sogar nur zwei Jahre und sechs Monate. Für die übrige Zeit, in der die Mütter sich um ihr Kind statt um ihre Karriere gekümmert haben, bekommen sie einmal im Jahr einen Blumenstrauß, einen Kuchen und das auch nicht vom Staat. Der nimmt lieber später von den Kindern der Mütter Steuer- und Rentenzahlungen entgegen. Und wenn die Mutter dann erst einmal heimpflegebedürftig wird, nimmt er dann von den Kindern auch wieder Geld. Schließlich geht’s ja um ihre Mutter, da sollen die mal schön die Pflegekosten aufbringen. Da hat der Staat doch nichts mit zu tun. Zwar wurde das mittlerweile betragsmäßig etwas abgemildert, aber am Prinzip hat sich nicht viel geändert.

Doofe Mütter

Die Kinderlosen, ganz gleich ob Männer oder Frauen, die oft schon gerne auf den alljährlichen Klassentreffen auf die „doofen“ Mütter herabgesehen haben, die sich viele Jahre auf Kinder und Familie konzentriert haben, können da erneut süffisant lächeln. Ihre Rente ist ja viel höher – und wenn sie trotzdem nicht fürs Heim reichen sollte, zahlen ja die Kinder der „doofen“ Mütter über ihre Steuern für die anderen noch mal mit. Wer soll’s denn sonst zahlen?

Das ist unfair den Müttern gegenüber und ungerecht gegenüber deren Kindern. Da müssten doch eigentlich die Mütter rebellieren und auf die Straße gehen, zum Beispiel an diesem merkwürdigen  Muttertag, so wie es die Arbeiter früher am 1.Mai mal gemacht haben, bevor sie nur noch mit roten Nelken im Knopfloch zum Frühschoppen wankten, um die alten Kampfgesänge anzustimmen und sich der alten Zeiten zu erinnern. Tun sie aber bisher nicht, sind halt immer noch brave Mütter.

Und die Regierung, der Staat, die Parteien ? Die entwickelten immer mal wieder ganz tolle Ideen für die Mütter. Ein Betreuungsgeld sollte her, damit die Mütter, die nicht arbeiten und statt dessen zu Hause bei ihren Kindern bleiben, einen Ausgleich bekommen. Erst 100€, später 150€. Das war doch eine prima Sache, oder ? Nein, mal abgesehen davon, dass das Bundesverfassungsgericht diesen Quark schon 2015 mangels Gesetzgebungskompetenz des Bundes als verfassungswidrig einstufte, war es das auch inhaltlich nicht. Es war nur eine unglaubliche Mütterverarsche. Selbst wenn die zu Hause betreuende Mutter das Geld umgehend in die Rentenkasse einzahlen würde, wäre ihr spätere Rente nur minimal höher. Richtig die Sau raus lassen ging mit 150€ im Monat, statt eines Durchschnittsgehalts, auch nicht wirklich. Was sollte also dieser Unfug, der den Staat zwar etwas Geld gekostet, den Müttern aber nichts Richtiges gebracht hat? Augenwischerei mehr nicht.

Gleichheit?

Und so ist das mit den Müttern durchgängig. Welche halbwegs intelligente Frau, die nicht zufällig von Hause aus zu viel Geld hat oder alternativ ohnehin dauerhaft von Sozialhilfe leben möchte – auch das gibt‘s tatsächlich –, wird denn noch mehr als maximal ein Kind bekommen wollen, wenn sie dafür bei der Altersversorgung mit Almosen abgespeist wird ? Warum sind die Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, eigentlich weniger wert, als die, die erst danach gebärten ? Gab’s nicht einen Gleichheitssatz in der Verfassung? Alles Fragen, die einen geradezu anspringen.

Die richtigen Antworten kann nur der Staat geben. Warum soll nicht jede Mutter soviel Erziehungszeiten angerechnet bekommen, wie sie auch tatsächlich geleistet hat ? Sagen wir mal durchschnittlich 6 Jahre pro Kind ? Glaubt eigentlich irgendjemand, vor 1992 wäre die Zeit der Erziehung eines Kindes nach zweieinhalb Jahr abgeschlossen gewesen und nach 1992 nach drei Jahren ? Wohl kaum.

Mütter werden in einem verfassungswidrigen Maße vom Staat über den Tisch gezogen und das, obwohl die Familie in Art. 6 GG unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht und – Mütter aufgepasst – es in Art. 6 Abs. 4 GG sogar lautet:

Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.

Das steht da wirklich. Alle mal lachen.

Und kümmert es einen ? Adenauer glaubte noch,

Kinder kriegen die Leute sowieso.

was er nur glauben konnte, weil zu seiner Zeit Verhütung Glückssache war; heute glaubt das niemand mehr. Wer Kinder will, muss Mütter wollen, und wer Mütter will, muss sie finanziell vernünftig absichern. Kinder zu bekommen ist eben mehr als ein Privatvergnügen, es ist auch eine notwendige Voraussetzung für den Erhalt des Staatsvolkes. Es ist auch nicht damit getan, dass Mütter ihre Kinder betreuen, wie das Betreuungsgeld suggeriert, sie müssen sie auch noch erziehen. Im Idealfall zu anständigen Menschen. Das ist echte Arbeit, unbezahlte Arbeit, nicht genügend geachtete Arbeit – eine Art zwangsweises Sonderopfer.

Wer zahlt?

Ja wer soll das denn alles finanzieren ? Wie wär’s denn mit denjenigen, die auf den Klassentreffen lächeln, die kinderlos Karriere gemacht haben und ihren niegelnagelneuen Porsche neben dem Kinderwagen parken? Warum sollten nicht die Rentenbeiträge für kinderlose Menschen, egal ob Männer oder Frauen, höher sein als die für Mütter? Das muss ja gar nicht viel sein. Die Kinderlosen profitieren doch auch  davon, das andere ihnen die Zahler gebären, die später nicht nur für ihre Renten, sondern auch für ihre Pflege aufkommen müssen. Klar, es gibt natürlich auch ungewollt Kinderlose (und es kann und darf auch keinen Zwang zum Kinderbekommen geben), aber auch die können halt mehr Geld verdienen und höhere Einzahlungen in die Rentenkasse leisten als die Mütter. Eine höhere Belastung der Kinderlosen in der Rentenkasse wäre auch weder eine Strafe noch sonst systemwidrig. Bei der Steuer gibt es ja sogar immer noch Vorteile für Ehegatten. Gleichzeitig könnte man noch den überflüssigen Splittingvorteil abschaffen und stattdessen ein Familiensplittung einführen. Für das jetzige Splitting gibt’s nämlich keinen vernünftigen Grund. Die kinderlosen Paare, egal ob homo- oder heterosexuell, haben doch durch ihr Zusammenziehen schon genügend Synergievorteile, da braucht es nicht noch zusätzliche Zückerchen vom Staat.

Nicht, dass ich etwas dagegen habe, wenn sich die Kinder wenigstens an Muttertag mal an ihre Mutter erinnern und sich bei ihr blicken lassen. Zumindest bei denen, die sich wirklich um sie gekümmert haben. Die anderen haben sich ihre Missachtung ja redlich verdient. Schöner wäre allerdings, wenn sie das das ganze Jahr über regelmäßig täten. Aber darum geht es hier nicht.

11,3 Millionen Mütter

Jedes Jahr an Muttertag frage ich mich, wann sehen die Mütter vor lauter Legosteinen einmal diese Ungerechtigkeit, wann stehen die Mütter endlich einmal auf, schmeißen ihre blöden Blumensträuße vor das Kanzleramt und den Reichstag und fordern ihre Rechte ein? Laut statistischem Bundesamt leben in Deutschland rund 11,3 Millionen Mütter mit Kindern. Das ist eine ganz schöne Masse, die auch politisch mehr bewirken könnte, sei es auf der Straße, sei es bei Wahlen, sei es vor dem Bundesverfassungsgericht. Ich bin sicher, da geht noch was!

Gleichwohl, allen Müttern, einen schönen Muttertag!

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Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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