Ein schnelles Ende der Kontaktsperre ist nicht gut für „Die Wirtschaft“

Linke mögen es nicht, wenn man mit Menschenleben Rechnungen anstellt. Das entwerte das Leben an sich. Kolumnist Sören Heim erlaubt sich trotzdem, kursorisch etwas vorzurechnen, um zu zeigen, dass Menschenleben vs. Wirtschaft in der Corona-Krise eine falsche Dichotomie ist.


Eigentlich schreibe ich längst an anderen Dingen und habe keine Lust mehr auf das Thema Corona. Es macht wenig Spaß, gegen die massensuizidalen Anwandlungen eines derzeit wieder wachsenden Teils der Deutschen anzuschreiben. Andererseits sollte man all das wohl dokumentieren, damit später niemand sagen kann: „Das haben wir nicht kommen sehen!“

Heute gibt es zwei Meldungen, die Sorgen machen. Einerseits berichtet Südkorea von möglichen Re-Infektionen (ich halte ursprünglich falsche negative Tests als Grund erstmal für wahrscheinlicher, das geben so auch die untersuchenden Ärzte an). Andererseits zeigt eine Studie aus China, dass etwa ein Drittel von Corona-Überlebenden kaum oder keine Antikörper entwickeln.

Schlechte Idee:
„Herdenimmunität“ durch „Durchseuchung“

Beides sollte das sowieso fragwürdige Konzept der Herdenimmunität ad acta legen. Ich befürchte, besonders in Deutschland, wo Krankheiten-Durchleiden als Tugend gilt, und man den „Volkskörper“ gern nach dem Motto betrachtet „was uns nicht umbringt, macht uns stärker“, eine gegenteilige Reaktion. Ein „okay, dann ist alles egal, lasst uns die Durchseuchung schnell hinter uns bringen!“ Als wissenschaftliche Begründung dahinter könnte gelten: „Wenn Immunität nur kurz währt, muss auch die Herdenimmunität schnell aufgebaut werden, um das Virus quasi durch eine Schocktherapie zu killen. Und immerhin wird dann die Wirtschaft gerettet.“

Linke mögen es nicht, wenn man mit Menschenleben Rechnungen anstellt. Das entwerte das Leben an sich. Ich erlaube mir trotzdem, kursorisch etwas vorzurechnen, um zu zeigen, dass Menschenleben vs Wirtschaft hier eine falsche Dichotomie ist. Dabei gilt für mich trotzdem: Jedes Leben ist zu retten, weil es in sich schützenswert ist.

Dennoch, für die Ökonomen: Der schnelle Aufbau einer Herdenimmunität, WENN es sie denn gibt, wird Millionen Opfer kosten. Vielleicht eine, vielleicht sogar fünf. Was glaubt ihr, was passiert, wenn das Einkommen von eins bis fünf Millionen Menschen langfristig wegfällt?
Da bleibt es nicht mehr nur bei diesem Nachfrageverlust von, ich idealisiere, 1,5 bis 8% des BIP (dass ein Shutdown der Wirtschaft zu Gute kommt, belegen übrigens auch Erfahrungen mit der Spanischen Grippe). Es wird massive Zweit- und Drittrunden-Effekte geben. Läden schließen, weil die Einnahmen zurückgehen. Altenheime werden aufgrund von Unterbelegung pleite gehen, der Immobilienmarkt erlebt eine massive Korrektur nach unten. Arbeitskräfte werden langfristig ausfallen, nicht nur Konsumenten. Viele Unternehmen werden dauerhaft in Schieflage geraten oder untergehen. Anders als bei einem ernsthaften Shutdown über etwa zwei Monate, was reichen könnte, das Virus zurück in die Containment-Phase zu bringen, könnte der Staat das nicht mehr ausgleichen.

Das heißt, er könnte schon, doch der Selbstwiderspruch, dass die Gesellschaft zwar den modernen Kapitalismus will, ihn geldtheoretisch aber denkt wie ein Feudalsystem mit Goldstandard und Naturalienhandel, wird verhindern, dass er das tut. Es gibt eine lange Große Depression durchaus auch im psychologischen Sinne des Wortes. Jeder verliert Freunde und Angehörige, alle haben Angst. Das heißt aber erfahrungsgemäß, dass die Leute auch ihr Geld zusammenhalten. So werden, um sich zu retten, alle sparen, und weil die Ausgaben der einen die Einkommen der anderen sind, sich nur noch tiefer ins Loch graben.

Wer jetzt zaudert,
handelt sich vielleicht Jahre voller Einschränkungen ein

Ich denke, niemand wird es soweit kommen lassen wollen. Sollte es, was ich mittlerweile befürchte, zu früh zu weitreichenden Lockerungen kommen, wird man angesichts des beobachtbaren Elends die Maßnahmen bald wieder verschärfen. Und lockern und verschärfen und so weiter. Das kann dazu führen, dass gerade die am massivsten von einem Shutdown betroffenen Gruppen mit etwas Pech über Jahre Einschränkungen zu erleiden haben. Man sieht sich dann vielleicht gezwungen, die Schulen wieder zu öffnen, aber quasi als Ausgleich, um die R-Rate niedrig zu halten, müssen Kulturveranstaltungen noch lange aussetzen. Und so fort. Und wiederum: Anders als bei einem absehbaren Shutdown wird der Staat das finanziell nicht mehr ausgleichen. Man bewegt sich in eine Abwärtsspirale hinein, die auf einem sehr niedrigen Niveau vielleicht wieder aufgefangen werden kann.

Lasst diese Scheiße nicht zu. Hört auf Lockerungen zu fordern, die einfach zu früh kämen. Denkt nicht, dass Härte gegenüber dem einzelnen Leben „Die Wirtschaft“ rettet. Wenn man die Neuansteckungen nur ein paar Wochen niedrig hält, sagen wir unter 200 am Tag, ist das Virus in jedem Staat der Welt in absehbarer Zeit unter Kontrolle zu bringen (darüber schrieb ich schon ausführlicher). Was gerade an Abweichlertum von den Geboten der Stunde in Deutschland zu beobachten ist, verlängert das Elend. Es schafft weniger Freiheit, nicht mehr.
Wenn das Leben irgendwann wieder sein soll wie vorher, ohne Angst vor jeder Erkältung, mit Festivals, großen Konzerten und Fußballspielen, bei denen immer die gleichen Mannschaften gewinnen, hurra!, ist das der einzige Weg. Abseits natürlich von Hoffnungen auf starke Medikamente und einen Impfstoff sowie eine Mutation des Virus in Richtung generell geringerer Gefährlichkeit. Aber das sind eben bisher nur Hoffnungen.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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