Nicht alles Unerklärte ist ein „Plot Hole“

„Plothole“ schreien Fans gern, wenn Kunst etwas nicht komplett auserklärt. Doch nicht selten handelt es sich dabei um absichtvolle Offenheit, Kunst im besten Sinne. Das Plot-Hole-Anprangern spiegelt die verwaltete Welt ins Kunstwerk.


Besonders in Kritiken auf YouTube und besonders in solchen zu Fantasy-Literatur oder Filmen hört man regelmäßig Beschwerden über sogenannte „Plot Holes“ – Löcher in der Handlung. Und sorry, Leute: Ihr benutzt das regelmäßig völlig falsch. Nicht alles, wo die Erzählung eine Lehrstelle lässt, ist ein Plot Hole. Nicht jeder Punkt, der nicht sauber aufgeht, nicht jeder Widerspruch. Einfaches Beispiel: Wenn in einem klassischen Krimi die Schlüsse, die zur Verhaftung des Täters führen, nicht nachvollziehbar sind, kann das ein Plot Hole sein. Allerdings kann es sich genauso gut um eine Kritik von Willkürjustiz handeln. Wenn ein Roman dagegen folgendermaßen anfängt, „In der Geschichte meiner Familie ereigneten sich immer wieder mysteriöse Morde. Mein Urururgroßvater etwa wurde in einem verschlossenen Raum erstochen, zu dem es keinen weiteren Zugang gab”, dann ist die Nichtaufklärung kein Plot Hole, sondern die Exposition des Themas „mysteriöse Morde“, und das wird erzählerisch nur dann problematisch, wenn mysteriösen Morde in der Folge der Erzählung keine Rolle mehr spielen, aufgeklärt oder unaufgeklärt.

Am Beispiel von Der Herr der Ringe

Besonders aufgestoßen ist mir das Plot-Hole-Anprangern bei dem ansonsten sehr sehenswerten Fantasy-Freund Shadiversity, der unter anderem die Tatsache, dass Gandalf in Der Herr der Ringe einmal sich und seine Truppen mit einer magischen Barriere schützt und dann nie wieder, als Plot Hole bezeichnet. Denn: Magie hat Regeln, und wenn sich ein Text nicht an diese selbst aufgestellten Regeln hält, dann ist das nunmal ein Fehler in der Erzählung. Das mag in prinzipiell rationalistischen Fantasyromanen, etwa in den Harry-Potter-Romanen, die ein lehrbares Magie-System implizieren, stimmen. Allerdings ist Gandalf nun gerade kein Magier, der tatsächlich relativ dumm wäre, würde er seine effektiven Schutzmechanismen nicht regelmäßig einsetzen. Sondern: Er ist, grob in der Sprache unserer Welt gesprochen, ein Gott oder ein göttliches Wesen. Ein kleinerer, aber eben doch ein Gott. Das ist entscheidend für das Verständnis des gesamten Universums von Tolkien und kommt zugegebenermaßen im Herr der Ringe allein nicht ausreichend zum Tragen. Die Götter in Mittelerde sind ähnlich unzuverlässig wie die griechischen oder die nordischen, wenn auch in den meisten Fällen weniger verspielt. Was Gandalf in Mittelerde wirkt, hat gerade nicht das Ziel, die niederen weltlichen Pläne seiner Gefährten zu unterstützen, sondern folgt einem großen göttlichen Plan. Gandalf ist auch mächtig genug, des Weiteren unsterblich; er hätte also nicht als Gandalf der Graue „sterben“ müssen und als der Weiße zurückkehren. Dass er Magie aus sterblicher Perspektive vollkommen erratisch einsetzt, wie es ihm gerade passt, ist absolut nachvollziehbar entsprechend des göttlichen Plans. Ebenso, wie es kein Plothole der Bibel ist, dass Jesus nicht regelmäßig Brot vermehrt.

Die Lust an der Verwalteten Welt

Hätte Tolkien mehr erklären können? Er erklärt in Der Herr der Ringe sogar kaum, dass Gandalf göttlicher Herkunft ist. Aber darauf schließen kann man durchaus. Und die Schnarchnase Tolkien erklärt ja sowieso schon viel zu viel, und eigentlich sind die besten Stellen des Romans solche, wo sich der alte Schwätzer mal ein wenig zurückhält: Tom Bombadil, Gandalfs mysteriöse Machenschaften, die herrlich sentimentalen Schlusspassagen. Ich schrieb schon hier und da über das Problem der Fantasy, heute in der Breite die Literatur zu sein, die am deutlichsten zeigt, wie geprägt unsere Vorstellungen vom Verwaltungsdenken sind, das unsere Welt von Geburt bis Tod durchzieht. Schreiben wir aus der Realität heraus, so erlauben wir uns noch die Zufälle und Unwägbarkeiten zu spiegeln, die das Leben dennoch bereithält. Soll aber eine ganze Welt erfunden werden, gerät die Imagination der Autoren deutscher als die deutscheste Schreibstube. Alles muss Regeln haben. Welche Eigenschaften „Rassen“ besitzen (deshalb gerät auch antirassistisch gemeinte Fantasy meist rassistisch), was Magie kann und was nicht und so weiter und so fort. Da kommt dann selbst Tolkien, der diesen Trend dadurch gestartet hat, dass er versuchte, eine behauptete gesamteuropäische Mythologie zu systematisieren, unter die Räder, obwohl er immerhin noch soweit mythologisch dachte, als dass es ein Magiesystem nicht gibt, Magie vielmehr die Unwägbarkeiten des Großen Ganzen im Kleinen, Greifbaren symbolisiert.

Tolkiens Magie ist doppelt schwer zu verstehen: Erstens erscheint sie Sterblichen völlig systemlos, und zweitens wird sie betrieben von unsterblichen göttlichen Wesen, deren Pläne sich in den meisten Fällen mit denen der Sterblichen nur grob und manchmal gar nicht decken. Wenn der sterbliche Leser sich über Gandalf wundert, ist das kein „Plot Hole“, sondern das Staunen vor dem Göttlichen, das Tolkien immerhin hier und da ähnlich überzeugend hervorzurufen vermag wie Edda oder Illias.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

More Posts - Website

Follow Me:
TwitterFacebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website benutzt Google Analytics. Bitte klicke hier wenn Du nicht möchtest dass Analytics Dein Surfverhalten mitverfolgt. Hier klicken um dich auszutragen.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen