Esther Bejarano – Eine lebende Mahnung

Kolumnist Heinrich Schmitz erlebte am vergangenen Mittwoch einen unvergesslichen Abend mit Esther Bejarano, einer kleinen Frau, die Auschwitz überlebte, weil sie einen Schlager kannte.

Foto: Heinrich Schmitz

Das mag für Sie eine seltsame Kolumne sein, aber das ist mir völlig egal. Es geht nicht offenkundig um ein Rechtsthema, aber genau betrachtet geht es um das wichtigste Recht in unserer Verfassung: Das Recht auf Menschenwürde für alle Menschen. Und es ist eine Liebeserklärung an eine unglaubliche Frau: Esther Bejarano.

Ich werde den Abend nie mehr vergessen. Und wenn ich künftig den Schlager „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ höre,

werde ich – wie in diesem Moment , in dem ich diese Worte schreibe – wieder eine Gänsehaut bekommen. Doch von vorne.

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren. Ihre Kindheit im Hause ihrer Eltern – ihr Vater war Kantor– war unbelastet. In Ihren Erinnerungen – mit denen sie seit Jahren in Deutschland unterwegs ist – heißt es:

Wir haben früher ein wirklich schönes Leben gehabt in den jüdischen Gemeinden. Mein Vater war Kantor. Wir haben einen koscheren Haushalt geführt, obwohl meine Familie sehr liberal war. Mit der Religion habe ich nichts zu tun. Aber kulturell hat mir das Aufwachsen in einem jüdischen Elternhaus viel gebracht. Die Liebe zur Musik; ich bin nicht zufällig Sängerin geworden.“

Und diese Liebe zur Musik war es, die ihr das Leben rettete.

Durch den Kriegsbeginn wurde die geplante Ausreise nach Palästina verhindert und Esther Bejarano durchlief mehrere Arbeitslager, bis sie am 20.April 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Sie bekam die Häftlingsnummer 41948 tätowiert. Dass sie dieses Vernichtungslager überlebt hat, verdankt sie der Tatsache, dass die Lagerleitung ein Mädchenorchester aufbauen wollte und dazu Musikerinnen heranzog. Esther Bejarano spielte zwar Klavier, aber ein solches gab es nicht. Also behauptete sie auf Nachfrage, dass sie auch Akkordeon spielen könne, obwohl sie das zuvor noch nie getan hatte. Und dann passierte etwas, was schon als wunderbar bezeichnet werden kann. Sie sollte das Lied „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ darbieten. Sie kannte diesen Schlager, und es gelang ihr nicht nur, die Melodie auf den Tasten zu spielen, sondern auch die dazugehörigen Akkorde zu finden.

Märsche

Und dann mussten sie morgens und abends Märsche spielen, wenn die Arbeiter das Lager verließen und wenn sie zurückkamen. Und wenn die Viehtransporter mit den neuen Lagerinsassen kamen. Die sollten denken, da wo man so freundlich mit Musik empfangen wird, wird man uns auch freundlich behandeln, um dann von Mengele oder einem anderen SS-Mann selektiert zu werden. Die einen zur Arbeit, die anderen ins Gas. Was für ein Horror.

Der Abend mit Esther Bejarano begann mit einer Lesung aus ihren Erinnerungen, die ich Ihnen dringend ans Herz legen möchte. Sie las mit fester, ruhiger Stimme. Recht zurückgenommen. An keiner Stelle drückte sie – was leicht gewesen wäre – auf die Tränendrüse und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, herrschte absolute Stille in der Aula der Euskirchener Marienschule, in der mehr als 600 Menschen Platz gefunden hatten,. Selbst da, wo gar kein Platz mehr war. Glücklicherweise hatte der neue Direktor der Schule, dem sehr an der Erinnerungskultur liegt, ein Auge zugedrückt, und so saßen und standen auch Menschen in den Zwischengängen. Überwiegend waren es junge Menschen, Schüler von verschiedenen Gymnasien aus dem ganzen Kreis, die gebannt zuhörten, aber auch ältere und ganz alte Menschen und natürlich die „Omas gegen Rechts“.

Und genau darum geht es Esther Bejarano seit Jahren. Sie ist eine der letzten Zeitzeugen, die bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen und damit auch vor einem Wiedererstarken faschistischer Kräfte zu warnen. Und da sie ihre Hoffnungen auf die Jugend setzt, überlegte sie vor Jahren, wie man dies am besten bei der Jugend vermitteln könnte. So begann die Zusammenarbeit mit der Microphone Mafia, einer Rappergruppe aus Köln. Seit 2009 tritt sie mit den Rappern auf und das Ganze funktioniert.

Da steht dann diese kleine, uralte Frau zwischen zwei Rappern und singt und singt und singt.

Zum Beispiel die Ballade von der Judenhure Marie Sanders (Brecht/Weill).

 

Oder auch einen Höhner-Hit aus der Arsch-Huh-Zeit.

 

Die Veranstaltung dauerte ca. zweieinhalb Stunden. Keiner verließ vorzeitig den Saal, obwohl die Luft zunehmend schlechter und heißer wurde. Ermüdungsanzeichen = Fehlanzeige. Und zu meiner großen Überraschung setze Esther Bejarano sich nach dem Konzert noch seelenruhig an einen Tisch auf der Bühne und signierte geduldig Bücher und DVDs.

Wie geht´s weiter?

Ein unvergessliches Erlebnis, aber leider eines, das sich nicht unendlich wiederholen lässt, auch wenn Esther Bejarano und die Microphone Mafia in den letzten drei Jahren circa 300 Auftritte hatten. Was machen wir, wenn auch die letzten Zeitzeugen gestorben sind? Wer will unseren Urenkeln noch so spürbar machen, was für ein unvorstellbare Verbrechen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten von uns Deutschen begangen wurden? Es gibt ja heute schon wieder Jugendliche, die es cool finden, den Nazi zu geben und Jude auf dem Schulhof  als Schimpfwort zu benutzen. Kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, der Esther Bejanaro einmal gegenübergestanden hat, noch mal auf so eine Idee kommen könnte.

Und obwohl das Engagement von Esther Bejarano und der Microphone Mafia und vielen anderen wunderbar ist, frage ich mich, wie man auch die erreichen kann, die Hitler und die Nazizeit als Vogelschiss betrachten, gar stolz darauf sind, der Nation anzugehören, die den größten industriellen Massenmord organisiert und eiskalt durchgeführt hat. Die kommen erst gar nicht zu solchen Veranstaltungen und selbst wenn sie kämen, wären viele von denen gar nicht in der Lage zu verstehen, dass das, was diese große kleine Frau da erzählt, eben kein Märchen ist, auch wenn es für sie märchenhaft endete. Zu den Filmen aus den KZs mit Leichenbergen und ausgemergelten lebenden Toten saufen die ihr Bier und hören Rechtsrock, verhöhnen die Toten und verherrlichen ihre Mörder. Wie erreicht man die? Über die Schule? Ja, da muss man gründlich über die Zeit berichten und auch die Entwicklung ganz deutlich klar machen. Aber Schule ist bei dem Thema nicht der beste Lehrer, weil das alles nach Lernen-müssen klingt, und sich manch einer einfach ausklinkt. Viele wollen gar nichts von „den alten Geschichten“ hören. Games wären vielleicht ein Weg, Netflix-Serien, aber eben auch Musik.

Ließe man einen rechts angefixten 16-jährigen vielleicht mal eine Stunde alleine mit Esther Bejanaro, könnte er schon vom nationalen Größenwahn geheilt sein. Die Frau predigt nicht, sie „opfert“ nicht rum, obwohl sie jedes Recht dazu hätte. Sie erzählt nur, was sie erlebt hat. Die Vorstellung, dass dieses Mädchen – das man in der alten Frau sofort erkennt – einem Dr. Mengele ausgeliefert war, dass sie schon auf dem Transport nach Auschwitz Menschen sterben sah, dass man versuchte, sie zu entwürdigen, indem sie geschoren und nackt von SS-Schergen inspiziert wurde – alleine diese Vorstellung lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Und dieses Mädchen hat das alles ertragen müssen. Und sie hat überleben wollen, auch weil ihre Kameradinnen aus dem Lager sie angefleht haben zu überleben, als sich ihr als „Viertelarierin“ die Chance bot, in ein anderes Lager zu kommen. Um Zeugnis abzulegen. Um nicht Hass auf ihre Peiniger zu verbreiten, sondern um die Wahrheit zu sagen. Um mit der Wahrheit zu warnen. Um zu verhindern, dass das Vergessen am Ende gewinnt.

Rache an den Nazis

Esther Bejarano bezeichnete die Tatsache, dass sie noch lebt, als ihre Rache an den Nazis. Es ist eine sehr gute „Rache“. Ich hoffe, dass Frau Bejanaro noch ein sehr langes Leben hat, und dass sie weiter von Schule zu Schule ziehen kann, um den Schülern ohne Moral- oder Nazikeule zu vermitteln: Ich war ein Kind wie ihr. Ich hatte niemandem etwas getan. Ich war nicht einmal anders als ihr. Und trotzdem wollten sie mich vernichten. Und wenn diese Faschisten wieder an die Macht kommen, werden sie es wieder versuchen. Vielleicht nicht gleich als Erstes wieder die Juden, aber vielleicht die Muslime oder die Schwulen oder einfach irgendeine Gruppe, über die sie sich wieder erheben können. Denn das brauchen die Faschisten: sich über andere erheben, um der eigenen Mickrigkeit zu entfliehen. Dafür, dass das nie wieder geschieht, lebt Esther Bejarano und hoffentlich künftig jeder, der in einer ihrer Veranstaltungen von ihrer Energie und ihrem unstillbaren Lebenswillen angesteckt wurde. Und hier singt sie noch einmal das Lied, das ihr Leben rettete.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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