Sch*** auf Buchhandlungen. Also: Die Handlungen von Büchern

Wenn man es genauer Betrachtet, hat die Welt der Literatur überraschend wenig zu erzählen, findet Kolumnist Sören Heim. Es ist die Form, die das Erzählte so einzigartig macht. Wer gern liest und über eine Aufmerksamsspanne verfügt, die länger als von 12 bis mittags dauert, muss die viel stärker in den Mittelpunkt rücken. Das gilt besonders für Literaturkritik. Stattdessen wird Literatur zusehends wie Soziologie für Statistikfaule behandelt


Es gibt gar nicht so viele Buchhandlungen. Also: nicht Buchhändler. Sondern die Handlung, die in Büchern steht, und wegen der die Leute immer so aus dem Häuschen geraten. Ja ja, ich gebe zu, das Buch ist nicht so wirklich gut geschrieben, sagt einer, der zumindest noch die Möglichkeit von Literaturkritik zulässt. Aber die Handlung, Mann, die Handlung! Die ist doch voll spannend und krass oder relevant oder so.

Die meisten Handlungen kennen Sie doch!

Aber leider kenne ich die Handlung höchstwahrscheinlich schon. Denn die meisten Handlungen von Büchern kennt man ja, bevor man das Buch gelesen hat. Also, wenn man regelmäßig liest und sich das Gelesene auch vergegenwärtigt. Vielleicht gibt es zehn, vielleicht gibt es 50 Handlungsschemata und ein paar tatsächlich überraschende Variationen. Mehr wohl kaum. EineR verliebt sich unglücklich. EineR verliebt sich glücklich, doch die Familie steht im Weg. Gleiches, doch die Gesellschaft steht im Weg. Beides kann sich überlappen. EineR verliebt sich glücklich, doch aus dem Vollzug des Glücks entspringt das Unglück. EineR kämpft für eine gerechte Sache. EineR ist gezwungen, für eine ungerechte oder ambivalente Sache zu kämpfen. Nach mehreren Schwierigkeiten gelangt man dann doch zum Erfolg. Oder zum Misserfolg. EineR oder mehrere beginnen eine unscheinbare Mission und müssen am Ende die Welt vor dem Untergang retten (90% aller Fantasy-Titel, nicht nur die des Mainstreams). EineR verliert den Glauben an Gott. Oder findet zurück zu ihm. Und so weiter, und so fort. Desweiteren noch diverse Verbrechensaufklärungen.

Das einzige, was über die unerträgliche Monotonie der Literatur hinauszuheben vermag, ist die formale Gestaltung. Sicher, jedes klassische Thema lässt sich noch mit ein paar überraschenden Wendungen aufs Neue etwas spannender gestalten (der Held ist gar kein Held. Der scheinbare Hauptcharakter stirbt nach einem Drittel des Buches), doch verbraucht sich nichts schneller als Schockeffekte, oder das, was die akademisierte Auseinandersetzung mit Literatur „Dekonstruktion“ nennt. Darüber lassen sich viele Papers verfassen, aber lesen lassen sich kaum fünf solcher Bücher, ohne einzuschlafen. Nein: die Form. Dass die Literaturkritik besonders hier genau hinzuschauen habe, ist keine Spinnerei einiger weniger aus dem Elfenbeinturm, sondern der Kampf gegen die trostlose Wüste des „was passiert als nächstes?“ (und es passiert ja immer das Gleiche). Bevor ich die meisten Bücher gelesen habe, kenne ich sie. Wie sollte es auch anders sein? Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir Möchtegern-Individualisten gern zuzugeben bereit sind, und die Literatur, ebenfalls die fantastische, greift notgedrungen aus dem Leben. Orks und Cyborgs sind auch nur Menschen. Aber wenn einer dann diese Wendungen findet, diese Sätze, die das doch schon immer Bekannte im unbekannten Licht aufleuchten lassen, dann entsteht Kunst.

Kunst lässt sich nicht „spoilern“

Man erkennt sie in der Literatur, weil man sie nicht “spoilern” kann. Sie kann das Banale ebenso wie das Unerwartete zum Thema haben, doch so oder so: Man kann sie jedes Jahr aufs Neue lesen, ohne dass die Leseerfahrung ärmer würde. Große Kunst, das ist zuzugeben, braucht Vorbereitung. Immer weniger Leser können sich einem Kafka aussetzen, einer Lasker Schüler, einem Arno Schmidt oder einer Tony Morisson, ohne hilflos vor die Wand zu rennen, als die ihnen der Sockel jenes übermenschlich großen Werkes erscheint, das vor ihnen aufragt. Umso schlimmer, dass Institutionen, die das vermitteln könnten, sich genau dem verweigern. Denn an solcher Kunst könnten Menschen wachsen, selbst, wenn sie zuerst nicht behagt, vielleicht nie behagt. Schönheit ist nicht angenehm, ein jeder Engel ist schrecklich. Aber immer wieder fragen die Schulen nur das alte depperte „was will uns der Dichter damit sagen?“, und die Universitäten gehen dazu über, literarische Texte zu lesen wie Zeitdokumente, mit denen man Sozialwissenschaft betreiben kann (ich sagte es bereits vorher: Sozialwissenschaft für Faule, die weder thematisieren wollen in welchem Verhältnis man eigentlich aus Dickens über die viktorianische Gesellschaft schließen könnte, noch wollen sie ihre Thesen zu Aussagekraft und Wirkung empirisch an anderem Datenmaterial prüfen).

Die zentrale Frage, die die Beschäftigung mit Literatur zu stellen hätte, wäre vielmehr: Ist das schön? Und: Warum ist das schön? Keine Sorge, all das andere, womit sich Drittmittel einwerben lassen, würde weiter mit hineinspielen. Der Literatur ist die Gesellschaft in unmittelbarerer Weise Material als etwa der Musik, und ihre Schönheit steht immer im Verhältnis zum Gesellschaftlichen. Aber: Warum ist das schön, warum ist das groß, warum hat es Menschen etwas bedeutet, und bedeutet es uns auch heute noch etwas (nicht „soll es)?“ Die Bedeutsamkeit großer Kunst von schrecklichen Menschen lässt sich nicht wegdekretieren, sie lehrt allerdings womöglich einiges über die Menschheit und den einzelnen Menschen. Darum müsste es gehen. Alles weitere ist Beschäftigungstherapie, das Erlernen von Skillsets, mit denen sich mit etwas Glück in der prekären bürgerlichen Welt noch ein Irgendwas-mit-Medien-Job ergattern lässt, ein sich Vorbereiten darauf, die weiterhin massig produzierten Textwüsten für den Markt noch irgendwie fruchtbar zu machen.

Avatar

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

More Posts - Website

Follow Me:
TwitterFacebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.