ANARKH und ANARCHIE

Der Brand eines Denkmals, seine Bedeutung(en) und die Reaktionen darauf untersucht Kolumnist Wolfgang Brosche


Vermintes Gelände

Ich begebe mich auf vermintes Gelände – nicht, daß ich mich durch einen Fehltritt selbst in die Luft sprengen könnte ist die Gefahr, sondern der Widerwille jener, die sich trotzig weigern auch nur zu erwägen mir in meinen Zweifeln zu folgen und mich am liebsten aus den gleichen Gründen des Starrsinns erschlagen möchten wie etwa die Emissäre des Ayatollah Kohmeini den Autor der „Satanischen Verse“, Salman Rushdie. Der hatte den Koran mit anderer Bedeutung gefüllt – denn nicht wahr, die heiligen Schriften und andere Hohlphänomene lassen sich ja nach Interessenlage und Machtanspruch stets neu füllen. Aber die grimmige Totalität der Religionen und ihrer Machthaber duldet keinen Widerspruch oder gar Ablehnung, wie man es dieser Tage im inquisitorischen Edikt des Gegenpapstes Ratzinger erfährt, der aus den vatikanischen Gärten heraus gekommen ist, zu richten die Lebenden und die Toten, damit die reine Ecclesia erhalten bleibe. Um der Anarchie des Lebens zu wehren, muß es in Tod verwandelt werden, damit alles – wie wir zu Ostern erfahren – im Anarkh (im unausweichlich-vorbestimmten Fatum) seine Ordnung hat. Wenn dabei weltweit hunderttausende mißbrauchte Menschen an Leib und Seele draufgehen, dann ist das wohlfeil erkauft und auch für deren Sünden ist ja laut Benedikt Emeritus einer gestorben. Ich will aber nicht, daß einer für mich stirbt – und da fängt das Aufbegehren schon an.

Das Schlachtfeld der Bedeutungen

Aber sagen wir als erstes etwas Banales, das man nicht hören will, weil und wenn man an Bedeutungen hängt und sie verteidigt bis aufs Blut, auf die Kochen, aufs Mark: Nichts hat eine Bedeutung, die man nicht selbst schafft – und selbst das ist zweifelhaft. Wir hassen einander, bekriegen einander, ja, uns selbst auch, um der Bedeutungen willen, die im Grund nichts bedeuten. Wenn ich tot bin, ist die Welt nie gewesen. Ich ist das Schlachtfeld dieser Bedeutungen. Und wenn Knochen gebrochen, Markklumpen verschwendet und Ströme von Blut vergossen wurden über die Bedeutungshoheit, machen wir neue Bedeutungen daraus: Heldentaten oder niederträchtige Verbrechen. Machen wir Mythen, wobei Mythen immer etwas Gemachtes sind, machen wir ein Fatum daraus, weil wir die Realität nicht ertragen – also, um Roland Barthes umzudrehen, machen wir aus der Realität ein Simulacrum unserer Schwellbedeutungen.
Eine „Schwellbedeutung“ wäre zum Beispiel die Interpretation des Brandes von „Notre Dame“ – wie ich es gelesen habe – als Hinweis Gottes darauf, daß er die alte lateinische Messe wiederhaben möchte. Hat der Liebe Gott also gezündelt, weil er unzufrieden war? –
Die Semiologie ist doch im Grunde nichts anderes als ein Taschenspielertrick, eine augentäuschende Palmage, um den Tod, die Nichtigkeit der Existenz für einen geschwinden und spannenden Moment ins Irreale zu verwandeln – und das betrügerische Abrakadabra lautet : Verweile doch, du bist so schön! Das ist das Prinzip der Religion und damit jeder Herrschaft, die Vortäuschung für uns armselige Gestalten gäbe es Ewigkeit… aber selbst die wird enden, wie uns die Kosmologen längst erklärt haben.
Wir Autoren, Poeten und Rhapsoden, wir Maler, Filmemacher und Komponisten, allesamt taschenspielerische Märchenerzähler, – den Ayatollah und den Papst, ich gebe es nur ungern zu, muß man zu den fähigen Trickbetrügern dazuschlagen – wir also sind es, die Bedeutung erfinden, damit etwas sei in den Augenblicken der Ewigkeit, die selbst auch vergeht, wir werfen uns Bedeutungsbrocken hin, um die wir uns bis aufs Blut streiten und die wir für wichtiger erachten als Brocken an Brot. Die Simulation ist uns wichtiger als die Realität des Geschmacks und der Sättigung. „Post collatio animal triste.“
Nichts berührte mich peinlicher als die betenden und Kirchenlitaneien singenden Menschen vor dem Feuer von Notre Dame in Paris, erwarteten sie doch tatenlos zusehend – was hätten sie auch anderes vermocht – die Rettung in letzter Sekunde wie in einem Abenteuerroman von Dumas d.Ä. . Und es mußte ihnen ja auch wie eine Feuersbrunst aus einem dantesken Inferno erscheinen….sie fielen herein auf eine Simulacrum-Maschine: eine Kathedrale mit zugegeben fast tausendjähriger Geschichte, in ungeheurem Detailreichtum ausgeprägt ins Filigranste und Gröbste zugleich…und all die Dämonen und Engel, die Wasserspeier und die Lecheure, die Spitzbögen, die Jerusalem-Rosette und das Vierungstürmchen, die Säulen und Streben, die tausendjährigen Eichen, der Orgelgoliath mit dem Sturmgetöse und dem Hallelujahgejubel des Himmels, das ohrenbetäubende Bronzegeläut der Glocken, die Paramenten und Pantenen, die güldenen Kelche und Bischofsstäbe, all das Gold und der Glanz, der Pomp und die Pracht… all dies, das in lodernde Flammen aufging, als hätte Dante in den Flammen der Hölle die Auflösung, das Aufflammen und letzte Aufflackern bis zur schäbig verlöschenden Glut beobachten können, um es uns zu beschreiben, all das war ein großes Spektakel, so mörderisch und überbordend, daß wir für Augenblicke hinter der bedeutungslosen Grandiosität, dem Spektakel der Vernichtung, des Sterbens, des Todes vergaßen: tatsächlich brannte nur eine Kirche. Ein Hohlgefäß.
Doch jede Deutung, die man all dem Inferno hinzufügte…paßte, trug dazu bei zu den Manifestationen, ja Imaginationen der Macht und Herrschaft… das Feuer als verschlingender Erzähler – dahinter aber verbarg sich: Nichts. Eine Kirche ist nur eine Kirche, ist eine Kirche. Nur was wir hinein imaginieren und manipulieren macht aus ihr einen Funken Etwas.
Und wurde nicht schon, während sich die Vernichtung vollzog, geredet, gequatscht, gepredigt und geraunt von Bedeutung – herbeigeredet, alles herbeigeredet, nicht erst in dieser Nacht, sondern schon von Anbeginn des Baus, der niederbrannte. Das Herz Frankreichs hieß es, brenne, gar das Herz Europas, ein Inbild der Christenheit, des Abendlandes – dabei sind Abendland, Christenheit und Katholizismus eben auch nur Simulacra des Drangs zum Herrschen und all ihr prächtiges bric-a-brac, Flitter, Talmi, SIMILI, täuschende Tricks, die über Erniedrigung, die Kränkung des Todes hinwegtäuschen sollen, über das Allerbitterste die Nichts- und Niemandbedeutung.

Nur der Vollständigkeit halber: Die mit den schmutzigen Mündern und verdorbenem rechtem Atem aus der AfD und anderen Zusammenrottungen der Niedertracht, die inquisitorischen Schmierenkomödianten, wie der unflätig-ehemalige Theologe David Berger jubelten dissonant, weil sie ihr Gedräu vom Untergang des Abendlandes und dem Beginn „Eurasiens“ heraufziehen sahen – ein Wort aus dem Breivikvokabular – und ihnen wurde warm ums Gemächt und ums Herz…man kann sich eben auch an der Zerstörung weiden: auch eine Methode, sich seine Zeit zu vertreiben und Befriedigung zu finden im Tödlichen.

Soviel Herz – Soviel Haß

Soviel Herz, soviel Herzen – soviel Haß, soviel Herzen, soviele Symbole, soviel Bedeutung, soviel imaginierte Deutung und beanspruchte Macht. Am gleichen Tage brannten unregistriert, ungezählt tausende Häuser überall in der Welt, deren einzige Bedeutung war, Menschen ein Dach über dem Kopf zu schaffen und Unterschlupf.
In einem Medizinlabor war es gelungen, las ich am nämlichen Tag, aus lebenden Zellen im 3-D-Drucker ein echtes, lebendes Herz nachzubilden, das keine Bedeutung hatte, außer ein Herz zu sein, um nach mühevoller Weiterentwicklung in zehn Jahren vielleicht einmal in die leere Brust eines Patienten transplantiert zu werden, ein Herz, das er nicht abstoßen wird, weil es aus dem ureigensten Gewebe der Kranken hernwuchs….kein Mythos: Wissenschaft. Keine Geschichte, keine Kopie, kein Simulacrum, sondern das Echte.

Leider nehmen wir unsere Bedeutungsaggregate ernst, unsere Mythenmaschinen und dann kommt im besten Falle ein Theater wie bei Shakespeare heraus, ein Symphonienzyklus wie bei Mozart oder ein Roman wie bei Victor Hugo…
Hélas, Victor Hugo – wie André Gide nicht ohne Grund – aber auch neidisch – klagte, denn nach „Notre Dame de Paris“, ein monströses Buch, das das ganze Mittelalter heraufbeschwor und jeden Steinbrocken des Baus noch vor der 3-D-Panoramaphotographie, traute man dem Erzähler zu, er könne womöglich Gott porträtieren, so wie man 100 Jahre später dem wahnwitzigen Regisseur Abel Gance zutraute, man müsse ihn nur mit einer Kamera in ein Flugzeug setzen und er käme zurück mit einem Bild Gottes. Natürlich wußte man gewiß, es gibt Gott nicht – aber man erlag den raunenden Beschwörern des Imperfekts und des Celluloids… Sie schufen Repräsentationen der Macht – Abel Gance mit seinem Ungeheuer an Opus, “Napoleon“, dem Film aller Filme und Hugo mit „Notre Dame“, der Beschreibung der Kathedrale als plastisches Ebenbild des gar nicht existierenden katholischen Himmels. Blendwerke und Repräsentationen von etwas Nicht-Existierendem; gefährliche, gefahrvolle und gefährdende Instrumente der Macht.
Aus Machtinstinkt, nicht aus Kunstsinn, hielten sich Herrscher Minnesänger, Hofpoeten, Lieblingsarchitekten, selbst so ein wirrer Kunstdilettant wie Ludwig II. von Bayern.
Wir Untertanen sollen uns an den Bedeutungen berauschen, an den Überhöhungen und Profanisierungen, damit wir nicht die Nacktheit ihrer Auftraggeber bemerken. Schon am Abend des Feuers, als die Einfältigeren in den Nachrichtenredaktionen davon faselten, Disney habe aus Hugos Roman einen „Zeichentrick-„Klassiker“ gemacht und es gebe auch mehrere Musicalfassungen und einen Film mit Anthony Quinn oder Anthony Hopkins „in der Hauptrolle“…(wobei die „Hauptrolle“ eben nicht Quasimodo spielt, sondern die Kirche, in der er glöcknert) breitete man die Profanisierungen vor uns aus – und wo profanisiert und popularisiert wird, ist die ursprüngliche Augentäuschung gelungen. Die Gefühlssimulation kann weiter wuchern – keiner bedenkt mehr das cui bono, wenn er von journalistischen Trickbetrügern an der Seine gefragt wird: „Madame, Monsieur, wie fühlen Sie sich, wenn Sie das Flammenmeer sehen?“ Was nicht gefühlt wird, ist keine Nachricht. Ohne Träne keine News.
Und damit die Vorgänge auf der Ile de la Cité in die höchsten Höhen des Leidens und Seufzens getrieben wurden, bemühte man Vergleiche mit den einstürzenden Neubauten der Twintowers in New York – Monumente des Kapitalismus und ein Monument des Katholizismus. Im Wesentlichen sind sie ja auch das gleiche in ihrem Bestreben allumfassend zu sein.

Hélas, Victor Hugo!

Den Tsunami an Bedeutung, der uns überrollt, trauerndes Schweigen erheischt, höchstens Klagen zuläßt, aber jedes Bedenken verbietet, haben wir Grunde dem Showman Victor Hugo zu verdanken. Einem Großzauberer der Sprache, der ein Spinnennetz an Bedeutung gewoben hat: tatsächlich will er eine Geschichte stiften, Historie, Tradition, Mythos – aber allein von Steinen zu berichten, würde wohl auch den ergebensten Architekturfan langweilen. Deshalb schafft er sich eine Komödianten-Truppe aus verfolgter Unschuld (Esmeralda), dem strahlenden Helden hoch zu Roß (Hauptmann Phoebus), einem vorwitzigen Studenten (Gringoire), dem schillernden Gauner (Bettlerkönig), dem düsterstem Schurken (Priester Claude Frollo) und dem verwachsenen, herzensguten Glöckner Quasimodo – in etwa ein Mensch heißt er und ist doch der menschlichste aus dem Ensemble dieses Theatro dei Pupi…die anderen Marionetten erfüllen Funktionen – aber Quasimodo funktioniert nicht althergebracht…doch das zu erörtern müssen wir uns auf ein anderes Mal aufsparen… nur so viel sei gesagt, denn das war damals neu: er ist der Schönste von allen….
…“Notre Dame de Paris“ ist eine Geschichtenmaschine mit Haupt-und Nebensträngen, so verzweigt und verwinkelt wie die Gassen und Straßen des mittelalterlichen Paris, so ausführlich wie es nur ein dickleibiger Roman der französischen Restaurationszeit sein kann, einer, der vorgibt, realistisch zu sein. Doch ist es nicht die Mittelalter-Chronik oder der Architekturbaedeker auch nicht der farbenprächtige Kostümfundus in Goldbrokat, das alles weiß Hugo zwar meisterhaft zu nutzen, das sind nur Requisiten, Spielbälle eines Sprachjongleurs. Hugo verwendet all seine Spracharabesken wie der Chorus in Master Williams „Heinrich V.“ die seinen, um uns vergessen zu lassen, daß er noch kein Breitwandkino zur Verfügung hat, aber weckt gerade auf dies Weis ganze Bilderfluten…wir werden ins Mitdichten hineingerissen, denn Wort-, Bilder und Bedeutungsfluten funktionieren nur mit unserer Beteiligung – ein Amtmann, ein BWL-Student oder ein JU-Vorsitzender wird sich nicht für „Notre Dame de Paris“ begeistern können – zur Begeisterung braucht es jene Zauberformel zum Wecken der Imagination in den ersten Zeilen des Buches: ANARKH – Schicksal, Fatum, Bestimmung. Schon gleich eine Täuschung, die wähnen läßt, es gäbe andere Lebenswege auf dem einzig gewissen zum Tode…
ANARKH – diese Buchstaben, so der Erzähler, habe er bei der Besichtigung der angeblichen Ewigkeitskirche in die Wand gekratzt entdeckt.
„Wer mochte wohl,“ fragt er sich und vor allem uns; „die gepeinigte Seele gewesen sein, die nicht von der Welt hatte scheiden wollen , ohne dieses Mal des Verbrechens oder des Unglücks an der Stirn der alten Kirche zurückzulassen?
Das ist der Köder, das ist das Stückchen Ariadnefaden, das aus dieser Bedeutungsmaschine mit dem Namen „Notre Dame de Paris“ heraushängt – und wir ergreifen es und geraten in eben diese Maschinerie, in eine ganze, eigene Welt von Bedeutung – eine Welt aus dem Nichts gebaut auf der Basis des einen Wortes: ANARKH, Weltimagination, Phantasie, die wir in den Stunden des Lesens für die Wirklichkeit nehmen – wir werden aufregend, anheimelnd, gruselig, kitschig schön auf unsrem Weg zum Tode unterhalten. Nicht die schlechtest Art diesen Weg hinter uns zu bringen. Es gibt auch andere –aber so geht es auch!
Ebenso wie der Roman eine Maschine zur Erzeugung von arbiträren Bedeutungen ist, stellt auch die echte Kirche, Kathedrale oder Kulisse (da geht es schon los mit den Bedeutungen, den Zeichen, den Symbolen, dem Auffüllen des Simulacrums mit Hilfe von Nuancen) eine solche Maschine dar, die Bedeutung erzeugt: den Katholizismus, die Macht des Aberglaubens, die Herrschaft über die Köpfe und Herzen, über Angst und Ehrfurcht ad infinitum Doch wie uns der Brand eigentlich gezeigt haben sollte: nur ein Gebäude aus behauenem Stein, gebrannten Ziegeln, morschem Holz…Schutt und Asche!
Nunja, um die Mitte des 19.Jahrunderts erfreute sich der historische Panoramaroman größter Beliebtheit, in Ermangelung des noch nicht erfundenen Monumentalfilms. Die Verfilmungen von „Notre Dame“ waren stets Kabinettstücke des „gebt uns nur immer mehr“ an Stars, an Massen, an Buntheit und Unerhörtem und Ungesehenem bis zum Prachtbusen von Gina Lollobrigida. Victor Hugo und später die Regisseure William Dieterle und Jean Delannoy schufen eine ganze Welt und ihre Erklärung. Sie packten alles hinein: Liebe, Haß, Niedertracht, die Naivität Esmeraldas und den Heroismus des Underdogs Quasimodo, die Unmenschlichkeit des Hexenwahns und den zaghaften Beginn der Aufklärung mit aufmüpfigen Studenten, dem Aufstand des Plebs, mit schillernden Gaunern und Verbrechern der Unterwelt von Paris – ein Pandämonium….
Und all diese Zutaten des Romans und des Gebäudes setzten sich fest seit 1831, seinem Erscheinungsdatum, in unseren Köpfen als mythische Verklärung…so kam es aus dem vielleicht erfundenen, vielleicht tatsächlich in den Stein gehauenen ANARCH im April 2019 beim zufälligen Brand einer Kirch eine Götterdämmerung der-Dämmerung der Christenheit wurde; Walhalla allenthalben. Die Menschen glauben dem Mythos mehr als dem Feuer – deshalb knieten sie auf dem Pflaster der Ile de la Cité und beteten und choralten…
Und so ging es weiter am nächsten Tag, als die letzten Glutnester gelöscht waren: der abgebrannte Mythos, das Phantasierte, wurde wichtiger als das Leben. Auf einmal konnten zwei Milliardärsfamilien jeweils 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Mythos spenden. – Nur mal nebenbei erwähnt: Notre Dame ist wie Neuschwanstein nicht nur eine Mythosmaschine – beide sind auch Gelddruckmaschinen. Sie lassen uns den Tod vergessen – aber hélas – auch das Leben…
Die jungen Mädchen auf den Knien betend weckten eine Erinnerung aus Kindertagen… Was erwarteten sie bloß vom Lieben Gott? Daß der wie Gulliver auf den Plan trat und den Palastbrand löschte in Lilliput? Seht selbst nach, wie er oder der Brandstifter und Löschspezialist Trump das wohl gemacht hätten…
ANARKH – war doch längst ausgemachte Sache, da gab es nichts zu retten – das mußte brennen bis auf die Grundmauern. Denn Gell, Godot kommt nicht…nicht um zu löschen, nicht um zu erlösen und nicht einmal um ein Schwätzchen mit Vladimir und Estragon zu halten, den Dombauleuten der Absurdität.
Die Welt geht nicht unter, weil eine Kirche abbrennt.

Mein Weltenbrand

Meine prägende Erinnerung aus einer Zeit, lange bevor ich die Bekanntschaft von Samuel Beckett gemacht habe und der diese Bedeutung zu geben heute mir auf diese Weise gefällt, war mein Weltenbrand, nach dem nichts mehr so war wie zuvor und auch nie wieder werden konnte – und heute weiß ich sogar, daß das „zuvor“ nie so war, wie ich es mir gedacht hatte…
Hier sind meine Requisiten und ihre Bedeutung:
Ein später Nachmittag, ich bin zehn Jahre alt, es klingelt. Eine Stimme ruft durchs Treppenhaus hinauf – wir hatten noch keine Telephon, für meine Mutter war das Geldverschwendung: „Sie sollen rasch ins Krankenhaus kommen. Ihre Mutter liegt im Sterben!“
Ich wußte, daß die Großmutter im Krankenhaus lag – aber urplötzlich begriff ich, daß man mir Kind alles Wichtige verschwiegen hatte. Die Mutter rannte los, nicht mal das Geld für ein Taxi gab sie aus – ein Dauerlauf von einer halben Stunde mit festgezurrtem Kopftuch. Rasch noch ein Zuruf: „Paß auf deine Geschwister auf und bete für die Oma“…und die Maschinerie kam in Gang: auf eine sechsjährige und einen Zweijährigen aufpassen, die nichts begriffen, aber furchtsam weinten, während ich in meiner Verzweiflung selbst nicht weinen dürfte – obwohl mir das Weltende dämmerte…ich ahnte: die da starb war die wissende Zeugin des Geizes, der mich umgab…und die verlor ich… der Himmel hörte nicht, er trübte sich ein, draußen vor dem Fenster , es blieb nur das gelbe Licht der Straßenlaternen…
Irgendwann spät erschienen Vater und Mutter in dieser schlaflosen Verzweifelung , umarmten uns nicht und flüsterten: jetzt ist die Oma im Himmel….in diesem Himmel aus Nacht und gelblichem Licht?
Bestimmt nicht – aber einen anderen Himmel, das wurde mir klar – gab es nicht. Um mir klar zu werden, daß es auch keinen Gott gab, brauchte ich noch eine Weile, bis es mir aufstieß, daß dieser imaginierte Erziehungsagent meiner Eltern und Lehrer und des Pfarrers sich mehr interessierte, ob ich mit schlechtestem Gewissen an mir herumfummelte aber nicht für mein Herzeleid nach der Todesnacht auf Knien… es brauchte noch Jahre bis ich mich quälend langsam ganz von der Mythenmitmachmaschine löste – denn davon haben wir am meisten Angst: aus den Mythen, den Lügen herauszufallen. Mythen und ihre Bedeutungen schaffen Identität – aber fragen nie nach dem nackten Leben so lange oder wie kurz auch immer es währt.
Und darum glaube ich all den Lügen nicht mehr vom Sinn des Wiederufbaus der Kirche Notre Dame, der Repräsentanz des Abendlands und der Religionen oder von Wiedervereinigung oder Auferstehung und der gleichen Humbug – Götter, Opfer, Vaterland, Heimat… Bitten und Beten, Kasteien und Verzichten für etwas Höheres setzt die Bedeutungen ein, die ihr wollt – Zaubertricks, Tinnef, Simili, Simulacrum Täuschung…
Die niedergebrannte Kirche ist Asche, meine Großmutter ist nicht im Himmel, sondern seit Jahrzenten verwest – selbst ihr Grab existiert nicht mehr, denn es war nur für 25 Jahre gepachtet – was soll ich an ein Stiefmütterchenbeet pilgern?. Es ist nur noch ein wenig von ihr in meinen Gedanken – und das auch nur, weil ich ein Elephantengedächtnis besitze; nur wer vergeßlich ist und nie hinter die Bedeutungskulissen geblickt hat, fällt auf Mythen herein. – und wenn ich nicht mehr da bin, ist auch meine Großmutter nicht mehr gewesen. Und mit mir wird es selbst auch nicht anders gehen.

Wer baute das siebentorige Theben?

Und gerade deshalb müssen wir in jeder Generation neu die Fragen nach der Macht stellen. Müssen wir aufschreien, wenn wegen erfundener Bedeutungen nonchalant aber zutiefst obszön inzwischen bereits 300 Millionen für den Wiederufbau gespendet werden….also fragen wir:
„Wer baute das siebentägige Theben?“

UND WARUM – nein, das alles ist kein ANARKH – denn mehr wert als all der Firlefanz, den ich ganz zu Beginn aufzählte, haben die heilen Knochen eines abgebrannten Dommaurers, sein gesättigter Leib und das Dach über seinem Kopf – und wenn das zufriedenstellend geregelt ist, dann komme ich und erzähle euch etwas, verdrücke vielleicht sogar eine Träne für eine abgebrannte Kirche…

Epilog

Der bekannte Schweizer Skeptiker und Atheist Valentin Abgottspon (der originelle Name ist nicht Fatum, sondern nichts weiter als Zufall), der auch erkannt hat, daß der Wiederaufbau der Kathedrale im Grunde die alte Mythen- und Bedeutungsmaschinerie zwecks Verschleierung von Herrschafts- und Machtstrukturen in Gang setzte, könnte sich den Neubau immerhin vorstellen, wenn es – und da stimme ich ihm von Herzen zu – ein machtvoll leuchtendes Fenster gebe zu Ehren von Jean Meslier, gleichsam dem kaum bekannten Stammvater Aufklärung.
Der 1684 geborene radikale Aufklärer erkannte als junger Priester, wie eng Kirche und Adel zusammenarbeiteten, um ihre Herrschaft zu festigen und auszubauen. Seine atheistischen Schriften mußten im Untergrund zirkulieren und erschienen gedruckt erst 130 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1729.
Seine „Acht Beweise für die Eitelkeit und Falschheit aller Religionen“ entlarven im Grunde auch alles weltliche Machtstreben und die Unterdrückung der Menschen durch Bedeutungsphantasmen – wie sehr aber diese Phantasmen, Zaubertricks , der ganze Hokuspokus von „gemachter Bedeutung“, die Menschen noch heute im Würgegriff hat, zeigt uns der Brand von Notre Dame, von den knienden Betern bis zu den großzügigen Spendern, die zum Erhalt geraunter willkürlicher Bedeutung mehr locker machen als jemals für das Leben. In diesen „Beweisen“ schreibt Meslier: „Religionen sind allesamt menschliche Erfindungen, nichts als Irrtümer und Einbildungen. Religionen dulden die Missbräuche der Tyrannen und andrer Herren. Es gibt keine Spiritualität und keine unsterbliche Seele.“
Aus diesen Erkenntnissen leitete Meslier die Notwendigkeit einer Revolution ab – die in letzter Konsequenz, wie uns ausgerechnet der Brand von Notre Dame und die Reaktionen darauf lehren, noch längst nicht realisiert wurde. Die trügerische Idee des ANARKH, des vorbestimmten und immer verhängnisvollen Fatums also war es, die an der Anarchie, also dem herrschaftsfreien Leben hindert –und so kam Meslier zu dem bitteren Schluß: „…daß alle Großen der Erde und alle Adligen mit den Gedärmen der Priester erhängt und erwürgt werden sollten!“
Ich bin mir sicher, daß es gerade deswegen kein Fenster für den Bedeutungen, Mythen, Religionen und Herrschaft zerschlagenden Meslier im Neubau von Notre Dame geben wird, denn der wird, wie der Bau zuvor, der Festschreibung von Herrschenden und Untertanen von Macht und Untertänigkeit dienen – und die Spenden dafür tragen allemal dazu bei!

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