Was habt ihr plötzlich gegen Nazikitsch? Zu Takis Würgers „Stella“.

Stella ist wirklich kein guter Roman. Aber nicht, weil das Thema per se „tabu“ sein muss. Auch als 08/15 Liebesgeschichte wäre Stella misslungen. Ob die Kritik es dann auch gemerkt hätte, fragt Kolumnist Sören Heim


Nein, Stella von Takis Würger taugt wirklich nicht für eine Debatte, ob man so über den Nationalsozialismus schreiben dürfe. Wenn man schon debattieren möchte, dann doch eher, ob man überhaupt so schreiben sollte. Meine Güte, der Roman beginnt wie die Rede eines Dorfbürgermeisters, wenn mal wieder wenig Zeit zur Vorbereitung war und die studentische Aushilfe schnell noch was zusammenschustern musste:

Im Jahr 1922 verurteilte ein Richter Adolf Hitler zu drei Monaten Gefängnis wegen Landfriedensbruchs, ein englischer Forscher entdeckte das Grab Tutanchamuns, James Joyce veröffentlichte den Roman Ulysses, die Kommunistische Partei Russlands wählte Josef Stalin zum Generalsekretär und ich wurde geboren.

So erzeugt man Aufmerksamkeit

Aber treten wir erst mal einen Schritt zurück. Als ich mir ein Rezensionsexemplar von Stella bestellt habe, wusste ich weder etwas über den Autor, noch war abzusehen, dass sich hier einer der größeren Literaturstreits des noch jungen Jahres entfachen könnte (und das trotz Monsieur Houellebecq!). Das Thema ließ alles erwarten von Nazikitsch bis hin zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, was Menschen unter welchen Bedingungen zu tun bereit sind, und der Name des Autors klang irgendwie cool, geradezu wie erfunden. Homer Simpson nennt sich Max Power, um zeitweise vor Selbstbewusstsein strotzend Wunderdinge zu vollbringen, warum nicht mal einen Text von einem Typen lesen, der sich Takis Würger nennt. Könnte ja gut sein.

Was sich seitdem an Stella am faszinierendsten finde ist, wie planbar das Erzeugen von Aufmerksamkeit für Literatur doch scheint, das nötige Geld und die Kontakte vorausgesetzt. Hanser wird sicher nicht auf all die Verrisse spekuliert haben, mit denen der Roman bedacht wurde. Aber dass der Text eines Autors, der erst ein mittelerfolgreiches Werk vorgelegt hat durch Blogs und Feuilletons rauf und runter besprochen wird, das alles ist vor allem eines: Eine gut orchestrierte Werbekampagne, die man sich für viele, auch viele bessere Werke, nunmal nicht leistet. Und Aufmerksamkeit ist in der spektakulären Medienökonomie nunmal das Wichtigste. Das hat nicht Hanser erfunden.

Ich habe schon mehrfach kritisiert, dass die professionellen Kulturjournalisten für gewöhnlich Werke unisono bejubeln, es sei denn es findet sich mal eines, auf das sich alle gemeinsam zu stürzen bereit sind. Zwischentöne finden kaum mehr statt und Stella gehört offenkundig zur zweiten Kategorie. Vielleicht ist der Würger-Sturm ja ähnlich überzogen wie die Beinahe-Heiligsprechung auf allen Kanälen, die etwa Lincoln im Bardo im vergangenen Jahr erfahren hat? Das war meine letzte Hoffnung, ehe ich dann auch mit dem Lesen, bzw. hören begann. Denn der Rezension liegt das Hörbuch zu Grunde.

Die Antwort: Ja und Nein. Vor allem aber nein. Nein, nein, nein.

Wer Wahrheit in Anspruch nimmt,
darf nicht meckern, wenn man ihm Fehler vorwirft

Es stimmt im Großen und Ganzen alles, was zum Beispiel die TAZ moniert. Der Roman geht mit dem historischen Material nachlässig um. Nachlässig nicht in einem moralischen, sondern zuvorderst ästhetischen Sinne. Die großen Fragen nach Schuld und Unschuld, Motivation der Charaktere usw. werden kaum gestellt, es sei denn einmal in äußerst direkter Weise, indem der Erzähler Plattitüden formuliert wie „Ich weiß nicht, ob es falsch ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.“. Dass man dem Roman zudem auch eine Verzeichnung der historischen Realität vorwirft, mag problematisch erscheinen, verlangt man eine hundertprozentige Trennung von Fiktion und Grundlagenmaterial. Eine solche Trennung muss ein Roman aber auch selbst nahelegen und durchhalten. Der Roman allerdings versucht Aufmerksamkeit gerade durch die Behauptung von Authentizität zu erregen. Würger stellt dem Text voraus:

Teile dieser Geschichte sind wahr.Bei den kursiv gedruckten Textstellen handelt es sich um Auszüge aus den Feststellungen eines sowjetischen Militärtribunals. Die Gerichtsakten liegen heute im Landesarchiv Berlin.

Er arbeitet immer wieder mit diesen Prozessakten, die auch nicht in verfremdender Weise innerhalb des Kunstwerks montiert sind, sondern offenkundig zum Zwecke der tieferen Verortung des Romanes im „Authentischen“ alle paar Minuten runterzitiert werden. Das Porträt der echten Stella Goldschlag lacht dem Leser vom Cover entgegen. Und ein Apparat mit Quellen ist dem Roman, wie einer wissenschaftlichen Arbeit, nachgestellt.

Aus dem Material strickt der Autor zudem dann nur eine blasse Geschichte. Stella bleibt Figur im schlechtesten Sinne, ohne einen Charakter, den man versuchen kann nachzuvollziehen oder von dem man abgestoßen werden könnte. Und der Erzähler ist – noch schlimmer – ein Naivling, den es allem Anschein nach nur braucht, um die eigentlich düster-toughe Geschichte der Greiferin Stella in diesem gefühlig-sensiblen Ton zu erzählen, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur jüngerer Tage wohl einen höheren Anspruch nahelegen soll. Darauf, dass Würger unter anderem den gesamten Aspekt der Farbenblindheit des Maler werden wollenden Erzählers anfangs mit großen Tamtam eingeführt und dann praktisch vergisst, haben auch schon mehrere Rezensenten zu Recht hingewiesen.

Man könnte weitermachen, aber wozu? Stella ist literarisch vermurkst, und das liegt tatsächlich zu allerletzt daran, dass man über das Thema des Romans nicht hätte schreiben dürfen oder können.

Denn eine Jüdin als Täterin (in diesem Fall ja auch nicht ohne Ambivalenzen) – natürlich ginge das, wenn man denn schreiben kann und die Komplexität des Falls zwischen äußeren Zwängen, Verinnerlichung und Persönlichkeitsstruktur ernsthaft untersuchen möchte. Warum denn nicht? Oder: Der Nationalsozialismus als Hintergrund für wilde Gangstergeschichten? Ein Feuilleton, das gerade noch Babylon Berlin und dessen Stiefelnazi-Bösewichte hochleben ließ, sollte daran eigentlich nichts zu meckern haben. Nur erreicht eben Würger nicht einmal das Niveau des erzählerisch selbst nicht gerade atemberaubenden Babylon Berlin.

Wo die Kritik versagt

Und darin liegt dann doch wieder ein partielles Versagen der Kritik: Hätte Würger nämlich irgendeinen 08/15 Selbstfindungs-Intellektuellenroman so anfangen lassen „Im Jahr 1922 verurteilte ein Richter Adolf Hitler zu drei Monaten Gefängnis wegen Landfriedensbruchs, ein englischer Forscher entdeckte das Grab Tutanchamuns, James Joyce veröffentlichte den Roman Ulysses, die Kommunistische Partei Russlands wählte Josef Stalin zum Generalsekretär und ich wurde geboren…“, und danach auf diesem Niveau weitergeschrieben, es hätte durchaus passieren können, dass man ihn mit den Jubelarien aufgenommen hätte, die solche Veröffentlichungen meist begleiten. Und auf der anderen Seite war die Frage, „darf man so über den Nationalsozialismus schreiben?“ nie eine, die Literaturkritik in der Breite tatsächlich ernsthaft aufgeworfen hätte. Wirklich von aller Kunst zu verlangen, zu reflektieren, dass die Bedingungen ihrer Produktion durch Auschwitz durchgegangen sind, das überlässt man dann doch lieber den verschrobenen Außenseitern der Kritischen Theorie. Stella ist kein guter Roman. Aber nicht mal in erster Linie als NS-Roman. Es ist wahrscheinlich noch nicht mal der schlechteste deutschsprachige NS-Roman. Von daher scheint die Aufregung doch etwas überzogen.

Die Rechnung der vergangenen Jahre ging ja: Nazis, etwas Provokation, bisschen Emo-Kitsch, ein wenig Zerknirschtheit über die Vergangenheit, ein wenig Finger zeigen: Die Deutschen waren das aber nicht alleine! – das ist sowohl bestsellerverdächtig als auch preiswürdig. Würger hat vielleicht etwas dicker aufgetragen als andere, aber vorauszusehen, dass die Rechnung plötzlich nicht mehr aufgehen würde, das war doch wirklich nicht….

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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