Erzählungen aus dem Hochsicherheitstrakt von Edirne

Einen neuen Band mit Gefängniserzählungen aus der Türkei bespricht Literaturkolumnist Sören Heim.

pixabay, gemeinfrei

Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, hier eine Serie zu zeitgenössischer türkischer Literatur zu beginnen. Was ich dazu weiß, stammt aus eigener Lektüre, und als Experte würde ich mich nicht bezeichnen. Aber dank interessanter Rezensionsexemplare hat es sich nun scheinbar doch so ergeben. Das hier zumindest ist die vierte Kolumne zum Thema. Auffällig, wie viele Texte dabei aus dem Gefängnis kommen oder vom Gefängnis handeln. Das spiegelt sicherlich einerseits die Situation in der Türkei heute wieder, ebenso wie die an Willkürherrschaften nicht arme Geschichte. Es mag aber auch den deutschen Leseerwartungen geschuldet sein, dass gerade solche Texte übersetzt werden und andere eher nicht.

Von politischem Interesse – aber auch gut?

Morgengrauen (Oder: Morgen Grauen?) ist ein schmaler Band mit Erzählungen von Selahattin Demirtaş, der bis Februar 2018 Co-Vorsitzender HDP war und die Zeit im Hochsicherheitsgefängnis von Edirne mit Schreiben totschlägt. Zu den wie in jüngerer Vergangenheit meist fragwürdig wirkenden Hintergründen der Verhaftung informiert kusorisch Wikipedia.

Nun macht allerdings politisches Engagement noch keinen guten Schriftsteller und wenn jemand Belletristik veröffentlicht, der anderweitig bekannt geworden ist, bin ich erst mal skeptisch: Hat hier einfach ein Verlag eine Chance gewittert? Hat der Autor sich das Handwerkszeug erarbeiten können, dass man meist nur durch viele Jahre des (oft erfolglosen) Schreibens erlangt?
Demirtaş scheint zumindest aus einer ordentlichen Grundlage schöpfen zu können. Seine Texte sind einfach, gradlinig, auch sprachlich leicht gehalten, dabei aber in den besseren Momenten wie eine Reihe schmerzhafter Punchlines. Manche Erzählungen, etwa die in der Çukurova spielende „Seher“, die dem Band auch den Titel verleiht (Seher heißt Morgengrauen bzw. Zwielicht) sind sogar wirklich gelungen. Eine junge Liebe, heimlich ausgetauschte Bicke und eine gemeinsame Ausfahrt. Dann plötzlich das Umschlagen der Stimmung: Eine Vergewaltigung. Und als die traumatisierte Seher endlich zu Fuß zu Hause ankommt, eine weitere schockierende Wendung: Unter glaubhaftem Bedauern bis hin zur Agonie bereitet der Vater den Mord an der Tochter vor, um die Ehre reinzuwaschen, was der Bruder ausführen soll. Worauf die Tochter in schmerzhaftem Einverständnis sogar noch anbietet, sich selbst zu töten, damit wenigstens der Bruder nicht ins Gefängnis muss.

Texte von wechselnder Qualität

Andere Erzählungen, wie etwa die der Sperlingsfamilie, deren Nest geräumt wird („Der Mann in uns“), sind all zu offensichtliche Parabeln, aber immerhin noch pfiffig erzählt. Immer spielen das Gefängnis und die innerfamiliäre Gewalt herausragende Rollen. Selbst in einer kleinen Liebesträumerei wie „Schönen Gruß an die schwarzen Augen“, in der ausnahmsweise einmal keine schreckliche Wendung lauert, droht der Zorn der Familien, während die späte Enthüllung, dass unser Träumer ausgerechnet das Gefängnis mit erbaut, in dem der Autor derzeit sitzt, uns aus dem „was wäre wenn“ herausreißt.

Einige weitere Texte sind offenkundig nicht mehr als Gedächtnisprotokolle, man kann sie kaum Erzählungen nennen. Allerdings dürften die Verhältnisse in einem Hochsicherheitsgefängnis auch nicht geradezu dazu einladen, immer bis ins Letzte an den eigenen Texten zu feilen.

Dennoch liefert Morgengrauen genügend literarisch genießbare Texte, als dass man den schmalen Band aus diesem Grund lesen kann und sich nicht von dem spektakulären biografischen Hintergrund ködern lassen muss.
Demirtaş widmet seinen belletristischen Erstling „allen misshandelten und ermordeten Frauen“, was sich in den zahlreichen starken Frauenfiguren in den Texten widerspiegelt. Das ist angesichts der Tatsache, die die Rolle der Frau im Kampf um die Ausrichtung der modernen türkischen Gesellschaft spielt, durchaus konsequent. Manchmal kommt es allerdings all zu plakativ herüber.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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