Nicht schwul, aber auch nicht nicht schwul – Zu Ernie und Bert

Nachträgliche Erklärungen ersetzen nicht tatsächlich als homosexuell geschriebene Figuren, findet Kolumnist Sören Heim. Aber vielleicht verhilft es solchen ja zu mehr Akzeptanz.

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Es ist gut verständlich, dass Menschen, die sich für gleiche Rechte für Homosexuelle einsetzen, sich über die Meldung freuen, Sesamstraßen-Autor Mark Saltzmann habe erklärt, Ernie und Bert seien schwul (zu der genauen Aussage, die die Pressemeldungen stark zuspitzten: siehe letzter Absatz). Es gibt noch immer wenig offen homosexuelle Charaktere in Buch, Film und Fernsehen, und besonders: Kaum solche die nicht als schrille Effekte, als Accessoire dienen, sondern mit all ihren Eigenschaften zur fiktiven Normalität gehören. Da ist es doch schön, anzunehmen, dass hier zwei über Jahrzehnten vor unserer Nase herumgekaspert haben und dabei so „normal“ waren, dass die meisten von uns es nicht mal bemerkt haben.

Streng genommen richtig wird die Aussage dadurch aber nicht und nachträgliche Autorenerklärungen sind kein Ersatz für tatsächlich als homosexuell geschriebene Figuren (entsprechend irrelevant sind dann allerdings auch Erklärungen weiterer Sesamstraßenverantwortlichen und erboster Fans und Ex-Fans, Ernie und Bert seien nicht schwul).

Entscheidend ist was im Text (bzw. Film) steht

Denn: Ein Kunstwerk ist ein ästhetisches Gebilde, das seine Wahrheit aus sich selbst heraus erzeugt. Zu glauben, es gebe eine tiefere Wahrheit hinter dem Werk, die der Autor ohne Arbeit am Werk enthüllen kann, missversteht die Kunst (worunter natürlich auch jede Art von Unterhaltungskunst zählt) grundsätzlich. Ein weniger politisches Beispiel mag das leichter nachvollziehbar machen: Hätte J.R.R. Tolkien auf seine alten Tage behauptet, Frodos Heldentat am Schicksalsberg speise sich in Wahrheit aus der tiefen Unzufriedenheit, niemals den Durchbruch als Maler im Auenland geschafft zu haben, so würde man ihm mit Recht entgegnen: Wenn Du einen tragischen Künstlerroman willst: dann schreibe ihn. Vom Maler-Frodo steht nichts im Text!

Nun kann eine Intervention durch den Autor durchaus hilfreich sein: dabei zum Beispiel, bereits im Text angelegte Spuren, die man, sei es aus Nachlässigkeit, sei es aus Gewohnheit, sei es aus Bigotterie, bisher übersehen hat, aufzuspüren. Und Ernie und Bert waren sicher immer so ambig, dass sie eine Lesart als homosexuelles Pärchen nicht ausschließen. Nur macht das andere Lesarten nicht falsch.

Der Fall Dumbledore

Der Fall Ernie und Bert erinnert an eine weitere nachträgliche Für-Homosexuell-Erklärung eines bedeutenden Protagonisten: Dumbledore aus Harry Potter nämlich. Hier haben einige progressive Fans tatsächlich eine Problematik gesehen: Nichts in allen sieben Büchern und Filmen deutet darauf hin, dass der eigenbrötlerische Schulleiter schwul sein könnte. Ja: Er hat keine weiblichen Liebschaften und trägt extravagante Roben. Das wäre im besten Fall ein schlechtes Klischee von Homosexualität, das noch dazu um die wichtigste Komponente bereinigt ist: Schwul sein, das heißt nunmal sich körperlich, das heißt sich sexuell, zu Männern hingezogen fühlen. JK Rowling hat sich durch die nachträgliche Erklärung in die relativ vorteilhafte Position bugsiert, mit einem „schwulen“ Hauptcharakter um progressive Fans zu werben, ohne dass dieser durch eine einzige Tat oder einen Gedanken konservativere Fans verschrecken würde (womit nicht gesagt sein soll, dass das ihre Absicht war).

In einer Kindershow wie Die Sesamstraße mag man der Meinung sein, hat Begehren nichts zu suchen (aber wieso eigentlich? Wird denn die heterosexueller Liebe dort immer konsequent ausgespart?). Ein Buch, das sich rühmt, jungen Menschen die Wahrheit über Tod und Leben zu erzählen und dabei gern auch einmal drastisch wird: Das sollte seinen Lesern keinen schwulen Protagonisten zumuten können, der auch begehrt?

Trotzdem ein sinnvoller Schritt?

Selbst, wem die ästhetische Fragestellung, wie Wahrheit innerhalb eines Textes konstituiert wird, egal ist, sollte sehen: Die nachträgliche Erklärungen zu Handlungselementen und Charakteren nimmt den Autor aus der Pflicht. Sicher, die Erklärung muss nicht direkt nachteilig sein, mag sogar positive Auswirkungen haben. Vielleicht ist es etwas, das dem Autor später eingefallen ist und das er gerne umgesetzt hätte. Vielleicht ist es etwas, das immer so sein sollte, aber die Macht des Studios oder der gesellschaftliche Druck standen im Weg. Vielleicht gibt man auch so bereits einigen Fans Hoffnung und eine positive Identifikationsfigur. Aber: Sollen homosexuelle Figuren in Büchern, Film und Fernsehen tatsächlich ankommen und nicht weiterhin als Exoten innerhalb eines vorgeblichen normalen heterosexuellen Umfelds gehandhabt werden, müssen sie als solche geschrieben werden. Sonst entsteht ein steriles, vom Begehren bereinigtes, Bild von Homosexualität. Nach dem Motto: „Ich hab nix gegen Schwule, solange sie nicht auf Männer stehen“.

Saltzmann selbst sagte übrigens im Originalinterview, er habe Ernie und Bert sich immer als schwul vorgestellt und nach seinem eigenen Leben gemodelt. Das ist eine ganz andere Aussage als die zuerst in der Presse kolportierte. Mit so viel Differenzierung lassen sich aber halt keine Schlagzeilen machen. Zudem würde der Autor sich freuen, wenn heute ein tatsächlich als homosexuell geschriebenes Pärchen in die Sesamstraße einziehen könnte. Und wenn die Erklärung zu Ernie und Bert dem zu mehr Akzeptanz verhelfen würde, wäre das sicher zu begrüßen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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