Der zensierte Zensor – zur Neuauflage von Pascual Duartes Familie

Mit „Pascual Duartes Familie“ erscheint ein faszinierender Roman in neuer deutschsprachiger Auflage. Doch warum verkauft man den Autor als Franco-Gegner?


Camilo José Cela ist Nobelpreisträger, Träger des literarisch noch höher einzuschätzenden Premio Cervantes und war Francist. Das ging nicht nur soweit, dass er sich der „Cuerpo de Investigación y Vigilancia“ als Denunziant andiente und das Regime auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter verteidigte, anscheinend arbeitete auch noch weiter eifrig für die Zensurbehörde, die immerhin unter anderen sein Debüt Pascual Duartes Familie sowie das für die Nobelpreisvergabe entscheidende Der Bienenkorb wegen Gewaltdarstellung und sexueller Freizügigkeit unterdrückte. Auf welcher Basis deshalb Piper erklärt: „Cela nahm zunächst auf Seiten Francos am Spanischen Bürgerkrieg teil, wurde aber später zu einem radikalen Gegner seiner Diktatur„, ist mir nicht ersichtlich. Zahlreiche spanischsprachige und englische Quellen sprechen von einer bleibenden Verbundenheit zum Regime, im besten Fall von einer gewissen Distanz – aber Gegnerschaft? Und auch noch radikal?

Ästhetizismus und Barbarei

Nun ist es nicht neu, dass Parteigänger des Autoritären große Literatur vollbringen. Eine genauere Untersuchung über das Wesen der „unheimlichen Nähe von Ästhetizismus und Barbarei“, wie es Thomas Mann formulierte, stünde weiterhin aus. Ein Grund dürfte aber in dem im ästhetischen Sinne per se autoritären Charakter von Kunst, die egal wie sehr sie sich hinter Fragment, Dekonstruktion usw. zu verstecken sucht, immer aufs Ganze geht, zu finden sein. Ein Gegenmittel womöglich darin, sich das totalitäre Moment des Ästhetischen einzugestehen – gerade auch um der Versuchung der sinnstiftenden Verbrämung der ästhetischen Totalität als gesellschaftliche Berufung, Dichter-Religion oder ähnlichem Schwachsinn zu entgehen.

Doch genug des Exkurses. Cela gilt als Begründer des sich durch besonders explizite Gewaltdarstellung auszeichnenden Tremendismo und so scheint die Art und Weise, wie sich die Politik im Werk des Autors niederschlägt, bereits früh und umfassend geklärt. Doch sollte man sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Weder heroisiert Pascual Duartes Familie den Kampf, die Gewalt, selbst wie zB Jünger oder D’Annunzio, noch wird die Gewalt auch nur in einem höheren ästhetischen Gurken aufgehoben (zB Georges Alagabal). Zudem ist Pascual Duartes Familie weniger gewalttätig als jede heutige leichtere Feierabendserie.

Fatalismus und scheinbare Assoziativität

Nun tatsächlich zeichnen vor allem zwei Punkte den Roman aus. Da ist sein stoischer Fatalismus, der an Amoralismus grenzt, gerade deshalb aber fähig ist, einen durchaus bewegenden Einblick in eine Fülle weggeworfener Leben, allen voran dem des Hauptcharakters Pascual Duarte, zu werfen.

Und da ist die nur auf den ersten Blick assoziative Konstruktion, von der der Autor des fingierten Lebensberichts sagt:

„Ich erzähle, wie es mir gerade einfällt und in den Sinn kommt, ohne mich dabei aufzuhalten, meine Gedanken wie einen Roman zu konstruieren. Denn abgesehen davon, daß daraus wahrscheinlich nichts würde, liefe ich immer Gefahr, solange zu reden, bis ich plötzlich den Atem verlöre und feststeckte und nicht mehr wüßte, wo ich eigentlich hinaus wollte“.

Pascual wächst in einfachen Verhältnissen auf. Der Vater kann lesen, die Mutter nicht, der Sohn soll lieber etwas aus sich machen als auf die Schule zu gehen. Der Vater stirbt früh, der kleine Bruder auch, die Schwester prostituiert sich und heiratet dann in eine kaum bessere Ehe. Pascual schwängert nach der Beerdigung des Bruders seine Angebetete, heiratet, man verliert das Kind, Pascual fühlt sich in der Ehe gefangen. Ein weiteres Kind wird geboren und stirbt wiederum früh. Die frühen Kapitel enden jeweils mit unerwarteten gewaltvollen Akten, die direkt aus einem Moment der Zärtlichkeit hervorgehen. Einmal geht es dem geliebten Hund nicht gut. Wer würde erwarten, dass der Absatz, der mit „Und dann kam der Tag, wo er mir so traurig über mein Fortgehen erschien, daß mir nichts anderes übrig blieb als umzukehren…“ beginnt, mit der Tötung des traurigen Hundes endet? Einmal begibt sich Pascual zum Familienpferd, das die Ehefrau abgeworfen hatte, weshalb die eine Frühgeburt erleidet. In rasender Wut sticht Pascual das Pferd mit einem Messer ab.

Trickreich erzählt

Doch Cela erzählt nur auf den ersten Blick ungebrochen. Später erleben wir, wie Pascual nach einem Streit mit der Ehefrau in allen Einzelheiten einen Mord beschreibt. Als die Aufzeichnungen wieder einsetzen, befindet er sich auf der Flucht. Auch erfahren wir endlich, dass Pascual seine Aufzeichnungen im Gefängnis verfasst. Aha, denkt der Leser, der hat seine Frau ermordet, musste ja so kommen. Es dauert, bis sich die Sache vorerst wieder entwirrt: der Mord war Fantasie, Pascual ist vor der Ehe geflohen und nach zwei Jahren wieder zurückgekehrt. Hier trifft er auf den neuen Liebhaber der Frau und jener ist es, der sein Opfer wird. Aber auch dafür sitzt er nicht ein, als er seine Memoiren schreibt. Nach drei Jahren schon wird er wegen guter Führung entlassen. Die Familie hatte ihm eine neue Frau gesucht, die beiden heiraten, aber leiden unter den Intrigen der Mutter. Und diese ist erst das entscheidende Opfer, das uns der Fiktion zufolge den Roman beschert.

Pascual Duartes Familie ist eine konzentrierte, eindringliche Erzählung, die man wahrscheinlich in einer Sitzung herunterlesen wird. Einfach auf den ersten Blick, in Wahrheit durchdacht bis ins Letzte. Keine Apologie, sondern eine Vivisektion gewaltsamer Verhältnisse, die aus einer Mischung von Armut, Pech und Bosheit erwachsen. Freilich: Auch keine Verdammung, eher ein gleichgültiges „es ist halt so“. Wer eine Verbindung der politischen Haltung des Autors zu seinem ästhetischen Schaffen sucht, wird wohl am ehesten genau darin fündig: In der Vorstellung, dass die Welt sich nicht ändern lasse und man aus jeder Situation dann eben auch das Beste herausholen könne. Aber das bleibt Spekulation. Ich kenne Cela nicht gut genug. Es mag unzählig andere biografische Gründe für dessen tatkräftige Unterstützung des Francismo gegeben haben. Pascual Duartes Familie ist in jedem Fall ein hervorragendes Romandebüt, und wer nicht aus Prinzip die Bücher unsympathischer Autoren boykottiert, darf ruhig einmal einen Blick auf die Neuauflage wagen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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