Wetter ist nicht Klima!

… aber Dauer, Frequenz, Wiederholungen extremer Wetterereignisse gehen fließend in Klima über. Der Klimawandel ist da, und das Lavieren lächerlich bis gefährlich.

Mitten im Rhein - Eigenes Bild

Zum ersten Mal seit Mai oder Juni hat es vergangene Woche so richtig geregnet. Ein heißer Sommer wie es lange keinen mehr gab. Aber: „Klima ist nicht Wetter!“, tönt es schon wieder allerorten, ehe man auch nur vorsichtig in den Raum werfen könnte, solche für Europa ungewöhnlichen Heißperioden könnten etwas mit dem Klimawandel zu tun haben. „Klima ist nicht Wetter!“ – In dieser Absolutheit stimmt das natürlich auch erst mal.

Aber: Es ist ja nicht der erste ungewöhnlich heiße Sommer in jüngerer Zeit. Tatsächlich ist in meiner Heimatstadt der Rhein zum dritten Mal in fünf Jahren im Sommer derart ausgetrocknet, dass man im Flussbett spazieren gehen kann. Dazu kamen, begünstigt durch die niedrigen Sommerpegel, noch zwei Niedrigwasser-Winter sowie ein weiteres Herbstniedrigwasser. 2011. 2002 könnte der Pegel schon einmal ähnlich niedrig gestanden haben, ansonsten erinnere ich mich aus meiner gesamten Kindheit an kein ähnliches Ereignis.

Die Sache mit dem Kopfweh

Wetter mag nicht Klima sein. Dauer, Frequenz, Wiederholungen extremer Wetterereignis aber gehen fließend in Klima über. Wetter ist auch nicht nicht Klima. Sicher: Wenn Sie einmal Kopfweh haben, ist das kein Grund zur Besorgnis und höchstwahrscheinlich kein Hirntumor. Haben sie aber seit Monaten Kopfweh, gibt es in Ihrer Familie eine Neigung zu Tumorbildung und dann auch noch wissenschaftliche Untersuchungen (CT-Bilder zB), die auf einen Tumor schließen lassen, sollten Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, ein ernsthaftes Problem zu haben. In etwa so ist die Lage in diesem heißen Sommer: Es handelt sich um kein isoliertes Ereignis, sondern eines von vielen, das zudem in Übereinstimmung mit Voraussagen der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler eintritt, und das theoretisch in einer Weise erklärt werden kann (Veränderung des Jetstreams), die ebenfalls in der Klimaforschung antizipiert worden war. Spitzbergen übrigens meldete zuletzt 91 anormal warme Monate in Folge.

Und es ist ja nicht so, dass die Klimawandel-Leugner – die ich übrigens eine ganze Zeit lang gern bei ihrem präferierten Terminus „Skeptiker“ genannt habe – selbst eine kohärente Theorie aufstellen würden, mit der sich die beobachteten Wetterphänomene erklären ließen. Vielmehr wechselt man für jedes einzelne Phänomen ad hoc die Erklärung, um sie halbwegs passend zu machen. Dass die neue Erklärung auf früher „erklärte“ Phänomene dann nicht mehr passt, interessiert nicht. Da wird aus Skepsis dann Verleugnung.

„Ich habe den Tim nicht geschlagen“

So war während der knapp zehn Jahre, in denen die Erderwärmung auf hohem Niveau auszusetzen schien, das Modell der kalten Sonne en vogue. Die Erwärmung habe mit einer Zeit erhöhter Sonnenaktivität zu tun gehabt, die nun stark abfalle (der zweite Teil stimmt, seit Jahren lassen sich auch von Laien immer weniger und nur noch kleine Sonnenflecken beobachten). Man solle sich im schlimmsten Fall eher auf eine Kaltzeit wie die des Maunder-Minimums einstellen, und sich über jedes Grad menschgemachte Erwärmung (wenn es sie denn gäbe) freuen. Die geringe Sonnenaktivität blieb, die Erwärmung aber kam zurück. Eine Zeit lang war dann wieder das erklärungslose „Klima ist nicht Wetter“ Leitspruch. Zuletzt geht der Blick auf die Tatsache, dass Warmzeiten erdgeschichtlich der Normalfall sind, die Klimaerwärmung also in erster Linie eine Rückkehr zur Norm sei. Das aber ist wieder nur die halbe Wahrheit und verdrängt, dass als Kipppunkte in Richtung früherer Warmzeiten etwa starke vulkanische Aktivität, also Phasen großen CO2-Ausstoßes ausgemacht werden – Der Mensch in unserem Fall also trotzdem der wahrscheinliche Schuldige bleibt.

Nicht jedes Wetter ist Klima, aber Klima ist als Folge von Wettern greifbar und die Wahrscheinlichkeit, dass wir den diesjährigen weltweiten Jahrhundertsommer auch als Folge des Klimawandels zu betrachten haben ist groß. Alternative Modelle haben nicht nur keine Erklärkraft, sie sind genauer betrachtet noch nicht mal Modelle. Wenn ich den einen Tag Regen dadurch erkläre, dass vielleicht einfach der Mond, der bekanntlich aus Käse ist, schwitzt, und den anderen durch pinkelnde Außerirdische, lenke ich vor allem von dem zu erklärenden Phänomen ab. Und genauso ist es mit Leuten, die heute gebetsmühlenartig wiederholen: „Klima ist nicht Wetter! Und außerdem: kalte Sonne!! Und außerdem: Warmzeit normal!! Und außerdem: Ist doch schön, wenn es wärmer wird!!!!“. Hinter Argumentationsreihen nach dem Motto „Ich hab den Tim nicht geschlagen, ich kenne den Tim ja gar nicht, und wenn ich ihn geschlagen hätte, hätte er es verdient gehabt und er soll nicht so rumheulen, so fest war das gar nicht“ steckt nicht nur keine Substanz. In ihnen wird direkt die Mühe spürbar, mit der eine unangenehme Einsicht abgewehrt werden soll.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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