Ein Plädoyer für die Kunst des Balancierens über den Abgrund

Vom kalten Krieg zur spirituellen Intelligenz – wie psychologisches Wissen und ein Sinn für das Heilige dabei helfen können, den Extremen unserer Zeit zu begegnen. Und warum es sich lohnt, wieder neu über das Gute, Wahre und Schöne nachzudenken.

Foto: Anja Boltin

„Syrien ist die Wiege der Zivilisation und das Grab der Menschlichkeit,
der Beginn der Kultur und das Ende der Moral.“
Firas Lutfi, deutsch-syrischer Aktivist auf Facebook

Wir leben in einer Zeit der Extreme und der Wanderung auf schmalem Grat. Stimmt das? Hat nicht jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen? Ging es nicht auch früher hoch her? Was ist das Spezifische an den Extremen unserer Zeit?

Vom kämpfenden Gegeneinander zur Kunst, die Mitte zu lieben

Ich meine, es geht um eine grundsätzliche Neuausrichtung zu der Frage, was gut und böse, was richtig und falsch sei. Oder auch: schön und hässlich. Meine These ist: Psychologisches ebenso wie theologisches Fachwissen kann uns bei der anstehenden Neuausrichtung helfen.

Wenn ich im ersten Schritt bei mir selbst schaue, dann kenne ich den Kampf der Extreme nur zu gut. Er tobte lange in mir. Es war ein Kampf zwischen zwei Seiten. Auf der einen Seite hatte sich all das angesammelt, was mir in prägenden Momenten als gut, richtig und schön erschienen war oder entsprechend verkauft wurde. Und auf der anderen Seite hatte sich im Laufe der Jahre all jenes zusammengerottet, was in meinem Inneren jemals als böse, falsch und hässlich erkannt oder benannt worden war. Es waren zwei Seiten, die als ein mehr oder weniger bedrohliches Entweder-Oder daherkamen und es galt: Das Gute tun und das Böse lassen. Und es war völlig klar, dass wie im Märchen immer das Gute siegen musste. Aber ich bin älter geworden und ich habe mich von Erfahrungen verändern lassen und wenn ich heute die Augen schließe und versuche, mir diesen Kampf in einem Bild einzufangen, dann sehe ich, dass es eigentlich kein Kampf mehr ist, sondern eher eine Kunst. Es ist die Kunst des Balancierens über dem Abgrund. Vor meinem inneren Auge erscheint dann ein schmaler Grat, wie eine Slackline, wackeliges Terrain. Noch immer gibt es zwei Seiten, links und rechts von mir, aber sie kämpfen nicht mehr gegeneinander. Ich stehe auf einem Seil und da ich weder links noch rechts in den Abgrund fallen will, habe ich nach einigen Abstürzen und Wiederaufstiegen gelernt, die Mitte zu lieben und dort die Balance zu halten.

Links die Wohlfühlzone, rechts das Erschrecken

Das Neigen zur linken Seite mag ich eigentlich gern. Es fühlt sich GUT an, RICHTIG und SCHÖN. Dort wächst Vertrauen. Wenn ich nach links ausgerichtet bin, dann kommen mir Worte und Sätze in den Sinn wie: Alle Menschen sind gut! oder Vielfalt ist toll! oder Jede und jeder verdient eine zweite Chance oder Wenn alle für sich sorgen, ist für jede/n gesorgt. Manchmal auch: Komm, lass uns Kräfte messen! Oder: Das ist ungerecht, da muss man doch etwas tun!

Nicht so gern neige ich mich nach rechts, dort tummeln sich die Schatten, dort lauert alles BÖSE, FALSCHE und HÄSSLICHE. Wenn ich mich da unvorsichtigerweise zu weit hinauslehne, fürchte ich gleich abzustürzen und sofort schreit mich jemand an: Kopf oder Zahl? Entscheide dich! Etwas erschrocken begreife ich: Rechts geht’s ums Ganze, um Loyalität und Zugehörigkeit, um Freund und Feind. Es geht um Glauben und Werte und die Frage nach meiner inneren Haltung. Und es geht immer auch um Angst, um Wut und um das Verlassen meiner Komfortzone.

Veränderungen kommen bekanntlich nicht nur von Erfahrungen und Älterwerden, sondern manchmal auch vom Lesen. Eines der für mich bedeutsamsten Fachbücher, das zunehmend für Klarheit in meinem Inneren sorgt, hat bei der Überarbeitung und Neuauflage nach zehn Jahren einen ziemlich stark veränderten Titel bekommen: Aus Der kalte Krieg im Kopf. Wie die Psychologie Naturwissenschaft und Religion verbindet (erschienen in 2005), wurde im Jahr 2015 Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Der Autor Julius Kuhl, Jahrgang 1947, ist emeritierter Professor für experimentelle Persönlichkeitspsychologie an der Universität Osnabrück. Er hat eine Theorie entwickelt, die in Fachkreisen unter dem Namen PSI (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen) bekannt ist.

Im Klappentext wird nicht weniger als die Antwort auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit versprochen, die Wiederannäherung von Religion und Wissenschaft:

 Intuitive Erfahrung und analytisches Denken, der fruchtbare Dialog zwischen Ich und Selbst, verbinden sich zu einer spirituellen Intelligenz. Kuhl rückt diesen in der spirituellen Ratgeberliteratur viel verwendeten, aber kaum genauer bestimmten Begriff näher an die wissenschaftliche Begründbarkeit … Die … Neuausgabe untersucht die Grenzen des analytischen Verstandes und zeigt zugleich die enorme Intelligenz intuitiver Erkenntnisformen auf.

Die Entscheidung des Verlages, einen Sachverhalt, der sich wohl kaum verändert hat, innerhalb von zehn Jahren völlig neu zu betiteln, weg vom Gegeneinander einer Kampfmetapher, hin zum öffnenden und auch Neues integrierenden Begriff der spirituellen Intelligenz, scheint mir ein gutes Beispiel zu sein für die Aufgabe, vor der wir alle in dieser Zeit der Extreme stehen: Aus einer Zuspitzung, die nur noch den Kampf zwischen zwei Seiten kennt, die sich im teilweise hasserfüllten Gegeneinander aufreibt, muss – wenn wir uns nicht gegenseitig vernichten wollen – wieder etwas Neues werden, etwas, das den Anforderungen einer globalisierten und digitalisierten Welt gewachsen ist. Und ich meine, wir brauchen gesamtgesellschaftlich eine zunehmende Bewusstheit dafür, was eine gesunde, reife und handlungsfähige Person kennzeichnet und wie eigentlich die volle Kraft und Größe menschlichen Potentials aussieht. Von Julius Kuhl lernen wir diesbezüglich, dass die Ausschöpfung unseres Potentials im Außen die Verbindung von Wissenschaft und Religion braucht und im Innen die Überwindung der sogenannten epistemischen Apartheid. Kuhl prägt diesen Begriff um zu zeigen, dass unser Gehirn verschiedene Erkenntnisformen kennt, die im Prinzip autonom voneinander agieren können, das zwar nicht müssen, aber zum Wohle aller besser in einen Dialog miteinander treten sollten. In einen Dialog, der von wechselnden Gefühlen moderiert wird, von einem zieldienlichen Pendeln zwischen positiven und negativen Gefühlen! Er plädiert für die Kunst des klugen Wechsels zwischen den unterschiedlichen Erkenntnisformen und zeigt auf, inwiefern emotionale Kompetenzen, Empathie, Sensibilität und Liebesfähigkeit als Vermittler und Begleiter eines gelingenden Dialogs fungieren und wie sie die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit bedingen.

Vom kalten Krieg zur spirituellen Intelligenz

Vielleicht werden wir in Zukunft ganz neue Formen des Zusammenspiels von Glaubenssystemen und politischen Systemen brauchen, wenn wir aus der Sackgasse der Wer-gehört-zu-Deutschland-Debatte herauskommen wollen. Politisches Handeln ist eng verbunden mit den Erkenntnissen der Wissenschaft. Politiker fordern wissenschaftliche Expertisen und richten ihr Handeln daran aus. Vielleicht kommen wir ja zu besseren politischen Modellen, wenn wir verstehen, wie die unterschiedlichen Erkenntnissysteme in uns zu einem gelingenden Zusammenspiel analytischer und intuitiver Denkweisen beitragen und wenn in der Politik in Zukunft auch Psychologie und Theologie gleichermaßen gewürdigt zu Wort kommen.

Es gibt einen Roman, den ich sehr liebe und der in meinen Augen recht gut die Gratwanderung illustriert, die es zu meistern gilt, wenn wir die Dualität von gut und böse (richtig/falsch, schön/hässlich) neu denken wollen.

Der Roman ist von Elif Shafak (Die 40 Geheimnisse der Liebe) und handelt von der Begegnung zwischen Rumi, dem hochgebildeten islamischen Gelehrten des 13. Jahrhunderts und dem Sufi-Mönch Shams-e Tabrizi. Diese Begegnung wird als tiefe, alles umfassende Liebeserfahrung für beide Männer beschrieben und macht aus Rumi, dem Schriftgelehrten, Rumi, den Poeten, der nach seiner Wandlung so viele Menschen in der Tiefe berühren konnte. Für mich ist die Liebe dieser beiden Männer das Sinnbild für einen ausbalancierten Dialog der Extreme. Auf der einen Seite der schon immer direkt mit Gott verbundene, Visionen empfangende Sufi-Meister, der nur seiner eigenen Wahrhaftigkeit treu ist und auf der anderen Seite der Gelehrte, der alle Regeln und Gebote seiner Zeit kennt und in allem vorbildhaft agiert. Was dem Gelehrten jedoch fehlt, was ihn einsam sein lässt, das kann er nur in lebendiger Beziehung erfahren und nur dann, wenn er sich innerlich tief berühren lässt. Indem er in Shams den Bruder erkennt und ihn als Lehrer akzeptiert, gewinnt er das Tüpfelchen auf dem i, das erst die von Liebe getragene Begegnung und bewusste Hingabe der beiden Männer an einen gemeinsamen Prozess ermöglicht und einen Künstler aus ihm macht. Die lebendige Verbindung eines tief Glaubenden mit einem allumfassend Wissenden – das ist die Aufhebung der epistemischen Apartheid! Wenn die beiden Extreme sich berühren, dann werden Menschen aus einem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Und wachgeküsst können wir – vielleicht ganz im Sinne von Beuys – alle zu Künstlern werden und lernen, unseren je ureigenen Schöpfungsprozess kreativ und zum Wohle aller in die Welt zu bringen.

Menschen, die gelernt haben, am Abgrund zu balancieren ohne abzustürzen, werden meist zu Sacred Activists. Sie arbeiten hart und mit Herzblut für ihre Träume und sie haben ein Bewusstsein entwickelt, wonach ihnen irgendetwas wirklich und nicht verhandelbar heilig ist. Dieses Etwas dient dem Leben und es nährt die Seelen der Menschen, egal in welchem Kleid es daherkommt. Durch ihren Sinn für das Heilige, können diese Menschen auch das Heilige in allem Lebendigen sehen, anerkennen und achten. Das imprägniert sie gegen absturzgefährdendes Schwarzweißdenken und gegen den Impuls, andere Lebewesen zu Objekten zu machen. Heiliges gibt es – um in meinem persönlichen Bild zu bleiben – sowohl links als auch rechts vom Abgrund. Es gibt ein heiliges Ja! und es gibt ein heiliges Nein! Wir wissen das, wenn wir Goethes Mephisto zugehört haben oder die Tiefe indigener Weisheiten lieben. In der Mitte balancieren ist eine Kunst, die notwendig wird für alle, die verstanden haben, dass nur im Märchen das Gute immer gewinnt. Und für alle, die erkannt haben, dass Märchen dazu da sind, von uns gelesen und ganzheitlich intuitiv erfasst zu werden. Jedes Hineinfallen in den Abgrund macht uns zwar – wenn wir es schaffen wieder aufzusteigen – zu einer reiferen Person, aber jeder Absturz scheint mir im Grunde auch ein unnötiger Verrat an uns selbst. Abstürzen tut weh und aufsteigen strengt an, aber persönliche Reifung darf auch leicht geschehen, nämlich genau dann, wenn wir uns diesem Prozess freiwillig öffnen, bewusst balancieren lernen und wenn ein neues Miteinander entsteht, weil Menschen einander dankbar sind, wenn sie sich dabei auf Augenhöhe begleiten dürfen.

Wer balancieren gelernt hat, erfährt eine tiefe Freude und spürt den innigen Wunsch, andere mitzunehmen in eine neue Welt, eine Welt, die das Gute wie das Böse anders integriert und in der es nicht nötig ist, die Frage nach Richtig und Falsch absolut zu setzen. Alles darf im Fluss bleiben und je nach Kontext immer wieder neu verhandelt werden.

Die Kunst, mittig am Abgrund zu balancieren, verlangt genau die sowohl bei Psychologen als auch Theologen hoch im Kurs stehenden Faktoren seelischer Gesundheit: Einen Sinn für Kohärenz, für das Heilige und Lebensdienliche, die Fähigkeit zur Regulation positiver wie negativer Emotionen, hier insbesondere die Regulation von Wut und Angst, das Aushalten von Trauer und die Fähigkeit, freudvolle Momente zu feiern. Wichtig ist auch das Aufbauen, Erhalten und notfalls Wiederaufbauen von Vertrauen, um Bindungen und Loyalitäten aufrecht zu halten. Es braucht die Fähigkeit, in Übereinstimmung mit der eigenen inneren Stimme eindeutig Ja! und Nein! zu sagen. Jedes vermiedene Ja! und jedes nicht gesprochene Nein! ist im Grunde ein Verrat an sich selbst und erschwert das innere Reifen bzw. lässt es nur unter Schmerzen geschehen. Nicht nur die Psychotherapeut/innen in allen Landesteilen können ein Lied davon singen. Wo Menschen nicht gut reifen können oder wollen, verstärken sich automatisch unbewusste Ängste, die nach Kuhls PSI-Theorie dazu führen, dass Menschen einander zu Objekten machen und zueinander keine persönlichen Beziehungen mehr aufnehmen können.

Für den Weg, der vor uns liegt, braucht es mehr Menschen mit ausgeprägten intuitiven Kompetenzen, mit Liebes- und Empathiefähigkeit sowie eine hohe Ernsthaftigkeit und Sensibilität, um Gefahren zuverlässig zu erkennen. Wir dürfen nicht länger vor beängstigenden Realitäten fliehen, seien es die Urheber von Hasskommentaren im Netz oder Plastikteilchen im Ozean. Gerade da wo es besonders schwierig wird, müssen wir die Komfortzonen verlassen, Verantwortung übernehmen, handlungs- und dialogfähig bleiben und mit einem Mindestmaß an persönlicher Reife den Tatsachen ins Auge blicken … um unsere Chancen auf ein Überleben auf diesem Planeten zu erhöhen.

Anja Boltin

Anja Boltin

Geboren 1974 in Thüringen. Als empfindsames Kind sozialisiert unter den Bedingungen einer Kollektivgesellschaft und mit 16 Jahren in einen komplett anderen Rahmen geworfen. Studium der Psychologie und Ausbildungen in Systemischer Therapie und Systemischer Paartherapie. Verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

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