Datenschutz: Wie der Mittelstand von der DSGVO profitiert

Julius Reiter kann es nicht mehr hören: Unser Datenschutz werde im Silicon Valley milde belächelt, erzählen selbsternannte Digital-Vordenker. Na und? Wer den US-Daten-Kapitalismus zum Maß der Dinge verklärt, übersieht Wesentliches.

Bild: pixabay

Das Vorurteil, der Datenschutz und insbesondere die Ende Mai in Kraft tretende EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) seien ein Innovationshemmnis, ist leider weit verbreitet (auch in der Bundesregierung). Als Kronzeugen für ihre Thesen benennen Datenschutz-Skeptiker besonders gerne vermeintliche digitale Vordenker und Internetunternehmer im Silicon Valley.

Diese smarten und erfolgreichen Typen würden die europäische Datenschutz-Kultur milde bis spöttisch belächeln, heißt es dann – und sich angesichts des Anachronismus die Hände reiben, weil die DSGVO den Vorsprung der Rückstand der Europäer bei digitalen Innovationen manifestiert.

Ich meine: Wer so argumentiert, verklärt den Daten-Kapitalismus angelsächsischer Prägung – was mich an den New-Economy-Boom Ende der Neunziger erinnert, als US-Wirtschaft und Dollar florierten, während der Euro schwächelte. Auch damals zeigten viele auf den „Shareholder-Value-Staat“ USA und geißelten das höhere Maß an Regulierung in Europa als Wachstumsbremse.

Schwacher Mittelstand, hohe Ungleichheit – Vorbild USA?

Aber wie nachhaltig und breitenwirksam war der Boom? Heute sind die USA ein tief gespaltenes Land mit hoher Ungleichheit, schwachem Mittelstand und einem Präsidenten namens Trump. Sicher, die Gründe sind vielschichtig, aber worauf ich hinauswill: Wer strenge Regularien – sei es für die Finanz- oder die Digitalbranche – reflexartig als Wachstums- und Innovationshemmnis verdammt, denkt zu kurz.

Ich bin sogar überzeugt, dass die DSGVO langfristig zum Wettbewerbsvorteil für Europa wird, weil hohe Datenschutz-Standards für Vertrauen sorgen. Und ohne Vertrauen werden sich Innovationen vom Roboterauto bis zum Sprachassistenten langfristig nicht durchsetzen – zumindest aber nicht den erhofften (und angesichts hoher Entwicklungskosten häufig auch notwendigen) Absatz finden.

Hinzu kommt: Die US-Wirtschaft profitiert vor allem von Großkonzernen à la Google und Apple. Eine starke industrielle Basis oder gar einen Mittelstand deutscher Prägung gibt’s dort nicht mehr. Auch das kann man als Folge einer Entfesselung sehen, von der vor allem Großkonzerne profitiert haben.

Viele kleine Apples statt weniger Innovationstreiber

Wir haben dagegen einen starken Mittelstand, und ausgerechnet die vielgescholtene DSGVO könnte einen wesentlichen Beitrag leisten, dass kleine und mittlere Unternehmen den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen. Denn sie zwingt Mittelständler ganz nebenbei dazu, intensiv zu analysieren, welche Daten ihnen zur Verfügung stehen und wo sie herkommen.

Und aus meiner Datenschutz-Beratung weiß ich: Das führt vielfach dazu, dass sie im nächsten Schritt darüber nachdenken, welche innovativen Dienstleistungen und Geschäftsmodelle auf Basis dieser Daten denkbar sind.

Ich bin überzeugt: Wer konsequent diesen zweiten Schritt geht, kann in seiner Region und Branche zum „Early Mover“ werden. Statt sich über den – nicht zu unterschätzenden – Aufwand zu ärgern, sollten Unternehmer die DSGVO deshalb als Chance begreifen. So könnten etliche Mini-Googles und -Apples entstehen, die das Rückgrat unserer Wirtschaft – den Mittelstand – weiter stärken.

Professor Julius Reiter ist Gründer der Kanzlei Baum Reiter + Collegen in Düsseldorf. Als IT-Rechtler, Anlegeranwalt und Liberaler beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung und der Frage, wie ein moderner Daten- und Verbraucherschutz aussehen kann. Hier geht’s zu seinem Blog „Digital Fairplay – Menschen. Daten. Selbstbestimmung“

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