E-Privacy: Wie unabhängig sind die Medien?

Julius Reiter ist weit davon entfernt, sich in die Phalanx derer einzureihen, die die Medien pauschal diskreditieren. Aber ein paar Fragen zu den geplanten Anti-Tracking-Regeln sind erlaubt.

Bild: pixabay

Noch ist die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) nicht in Kraft getreten, da steht bereits die nächste einschneidende Veränderung auf der Agenda: In Brüssel wird derzeit heftig über die „E-Privacy-Verordnung“ gestritten, die vor allem das sogenannte Webtracking erschweren soll.

Bislang können Unternehmen Internetnutzer weitgehend ungehindert durchs World Wide Web verfolgen und aufzeichnen, welche Seiten sie besuchen und wie lange sie verweilen. Auf Basis dieser Informationen können sie ihnen dann maßgeschneiderte Werbung präsentieren.

Das ist für viele Medienhäuser eine wichtige Zusatzeinnahme. Zudem können sie dank Webtracking das Verhalten ihrer Portal-Besucher minutiös auswerten – um ihre Themen stärker auf die Nachfrage auszurichten, aber auch, um zielgenaue Angebote zu machen (etwa, wenn die Aktivität Einzelner nachlässt und laut Big Data somit eine Kündigung des Online-Abos droht).

Verlage warnen vor besserem Datenschutz

Medienhäuser und Verlage gehören deshalb gemeinsam mit Lobbyisten der Werbebranche zu denjenigen, die die E-Privacy-Verordnung besonders heftig kritisieren. So warnt etwa der Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), dass „Anreize, in Qualitätsjournalismus in Europa zu investieren, ohne Not geschwächt“ würden. Springer-Chef Matthias Döpfner sprach diese Woche im Handelsblatt-Interview sogar von einer „existentiellen Bedrohung“ für die Verlagsszene.

Das wirft die Frage auf: Wie unabhängig berichten Journalisten über die E-Privacy-Richtlinie, wenn ihre Eigentümer sich derart klar positionieren (und ihren Mitarbeitern zugleich das Gefühl geben, dass das Geschäftsmodell und damit auch ihr Arbeitsplatz bedroht ist)? Das sollten wir zumindest im Hinterkopf haben, wenn wir Analysen, Kommentare und Interviews lesen.

Nicht weniger Misstrauen ist angebracht, wenn sich Digital-Berater und Agentur-Chefs über die E-Privacy-Pläne echauffieren. Sie verdienen ihr Geld schließlich nicht selten mit Online-Werbung oder entwickeln Geschäftsmodelle, die zum Teil auf dem Webtracking basieren.

Datenschutz darf weder aufwändig noch kompliziert sein

Aber wer besonders laut schreit oder Horrorszenarien entwirft („Europa darf die Datenrevolution nicht verpassen“), hat dadurch nicht recht. Deshalb zu den Fakten: Bei der E-Privacy-Verordnung geht es schlicht um Datensouveränität und Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht: Niemand darf Internetnutzer verfolgen, ohne dass sie das erlauben!

Es ist deshalb richtig, dass das Europaparlament die ausdrückliche Einwilligung sowie „Privacy by Design“ fordert (demnach müsste der Tracking-Schutz im Browser voreingestellt sein): Es reicht eben nicht, wenn Nutzer widersprechen oder technisch eingreifen können – Datenschutz darf weder aufwändig noch kompliziert sein.

Ich meine: Medienhäuser sollten umdenken und die Einflüsterungen ihrer Digital-Experten und -Berater hinterfragen. Denn Geschäftsmodelle, die darauf basieren, Kunden virtuell zu verfolgen und zu vermessen, dürften wenig nachhaltig sein.

Deshalb mein Vorschlag: Lamentiert nicht über E-Privacy, sondern fangt an, die Vorteile des Trackings zu erklären – und um die Zustimmung der Kunden werben. Dann fühlen sie wertgeschätzt statt ausspioniert.

Professor Julius Reiter ist Gründer der Kanzlei Baum Reiter + Collegen in Düsseldorf. Als IT-Rechtler, Anlegeranwalt und Liberaler beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung und der Frage, wie ein moderner Daten- und Verbraucherschutz aussehen kann. Hier geht’s zu seinem Blog „Digital Fairplay – Menschen. Daten. Selbstbestimmung“

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