Das langsame Sterben der „Walking Dead“

Einst feierten Fans und Feuilleton „The Walking Dead“ als „beste Fernsehserie der Welt“. Auch die Quoten kannten nur eine Richtung: nach oben. Inzwischen sieht das anders aus: Die Quoten sinken und Fans mäkeln an den neuen Folgen herum. Schuld daran haben auch die Drehbuchautoren, die den Zombies inzwischen eine Nebenrolle zugewiesen haben.

Müssen sie sich sorgen um ihre Rollen machen? Rick-Darsteller Andrew Lincoln und Norman Reedus, der Daryl Dixon spielt, aufgenommen im Juli 2016 bei der Comic Con in San Diego. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Gage Skidmore, Peoria, AZ

Dass der Himmel nicht die Grenze ist, erfahren die Macher von „The Walking Dead“ (TWD) gerade Woche für Woche. Während die fünfte Staffel der Zombie-Apokalypse noch fast 15 Millionen hatte, schafft die aktuelle Staffel 8 gerade mal etwas mehr als acht Millionen. Irgendetwas muss mit dem früheren Sheriff Rick Grimes und seiner Gemeinschaft passiert sein, damit das einst als „beste Serie der Welt“ gefeierte Programm derart an Zuspruch verlieren konnte.

Am plötzlichen und unerwarteten Sterben vieler Hauptfiguren kann es nicht liegen. Zum einen gehört der Tod beliebter Charaktere von Anfang an zur Grundstruktur des Endzeitepos. Ricks Ehefrau Lori, Sheriff-Kumpel Shane und Tierarzt Hershel sind nur die bekanntesten Personen, die es nicht einmal bis in die gefeierte Staffel Fünf geschafft haben. Außerdem funktioniert auch eine Serie wie „Game of Thrones“ trotz oder gerade wegen ihres noch höheren Verschleißes an Helden nach wie vor prächtig.

Zenit ist Überschritten

Wie Politiker laufen auch Serien Gefahr, mit zunehmender „Dienstzeit“ an Glanz und Strahlkraft zu verlieren. Selbst an der Handlung von „Game of Thrones“ mäkeln ja inzwischen einige herum. Dabei ist dieses Format „erst“ in Staffel 7 angekommen und liegt damit eine Runde hinter den „Walking Dead“ zurück. Anderen Programmen ging schon früher die Luft aus. Und deutsche Endlosproduktionen wie „Tatort“ oder „Der Alte“ wirken mit ihrer kultivierten Langeweile ohnehin wie die wahren lebendigen Toten. Wen wundert da, dass ein Plot, der auf die ewige Konfrontation einiger Überlebender der Apokalypse mit den Heeren von Untoten setzt, irgendwann auserzählt erscheint.

Vermutlich haben die Serienmacher diese Gefahr erkannt und deshalb früh die Perspektive gewechselt. Bereits von der dritten Staffel an ließen sie Ricks Gefolgschaft nicht bloß gegen Zombies kämpfen, sondern immer öfter auch gegen feindlich gesinnte Menschen. Am Anfang hat sich dieser Twist ausgezahlt. Durchaus eindringlich wurde vorgeführt, wie menschliche Wesen im Kampf ums nackte Überleben ihre, über Jahrhunderte hinweg antrainierten Konventionen vergessen und – angesichts des Fehlens jeder staatlichen oder religiösen Ordnung – wieder bei der ewig gültigen Botschaft ankommen, die Thomas Hobbes auf den Punkt gebracht hat: „Homo homini lupus“ („Der Mensch ist dem Menschen Wolf“).

Zombies sind nur noch Staffage

Was die TWD-Produzenten offenbar nicht bedacht haben: Je übler die Menschen werden, desto mehr verkommen die Zombies zur Staffage. Dabei waren sie einst als tragendes Element und Namensgeber der Serie angelegt. Im Krieg des Rick-Lagers gegen die Truppen des aktuellen Superschurken Negan werden die Untoten nur noch als Waffen eingesetzt. Die Menschen fürchten die Zombies nicht mehr, weil sie die meiste Zeit damit beschäftigt sind, sich vor ihres Gleichen zu fürchten. Im Spruch eines Twitter-Nutzers: Negan hat „The Walking Dead“ getötet, steckt deshalb mehr als nur ein Körnchen Wahrheit.

Tatsächlich begannen die Einschaltquoten, irgendwann um Negans ersten Auftritt herum, deutlich zu sinken. Was aber nicht an der Figur per se liegt, sondern an der endgültigen Abkehr von den Ursprüngen der Serie. Ricks Gruppe strebt nun nicht mehr danach, einen Ausweg aus ihrer postapokalyptischen Welt zu finden, also ein Art „Dryland“ wie in Kevin Kostners wesensgleichem Film „Waterworld“. Ihnen geht es nur noch darum, ihr kleines, Alexandria genanntes Refugium gegen aggressive menschliche Feinde zu verteidigen. In den Vordergrund sind Kampfszenen gerückt, wie man sie aus tausenden Action- oder Kriegsfilmen zur Genüge kennt. Hinzu kommen ausgiebige Charakterstudien der beiden Antipoden Negan und Rick. Beinahe die halbe siebte Staffel hindurch wurde gezeigt, wie sich die Persönlichkeit des Ex-Sheriffs angesichts der zahlreichen Demütigungen durch Negan verändert. Was Freunden des Cine Arte unter anderem Umständen ein Fest wäre, kommt vielen Stammkunden von „The Walking Dead“ dagegen höchst gewöhnungsbedürftig vor.

Hat Negan „The Walking Dead“ getötet?

Vielleicht hat Oberschuft Negan mittlerweile auch zu viele und zu beliebte Hauptfiguren getötet. Eines seiner ersten Opfer, Glen Rhee, war vom Serienstart an dabei und neben Rick sowie Motorradfan Daryl Dixon vielleicht einer der größten Sympathieträger überhaupt. Dass dann noch Ricks Sohn Carl nach einem Zombiebiss sterben musste, ließ den Fanfrust endgültig anschwellen. Viele treue Zuschauer sahen in dem Sheriffsprössling nicht nur den künftigen Anführer, sondern beinahe schon eine Art Messias für eine Welt im Endzeit-Modus. Selbst Negan war vom Jungen seines Erzfeindes so begeistert, dass er ihn vom Stand weg zu seinem Schüler machen wollte. Vielleicht hätte sich daraus sogar eine Art Anakin/Darth Vader-Metamorphose entwickeln können. Es wäre mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee in der jüngeren Geschichte von „The Walking Dead“ gewesen.

Wie gesagt: Auch bei „Game of Thrones“ wird wie am Fließband gestorben, dennoch scheinen einige Figuren sogar George R. R. Martin, dem Erfinder dieser Serie mit dem Motto „Jeder Mensch muss sterben“, heilig zu sein. Dass den Machern von „Walking Dead“ nichts heilig ist, passt zwar zu ihrem apokalyptischen Stoff. Fans brauchen aber Idole und Identifikationsfiguren. Sollte bald auch Rick, der im Laufe der jüngsten beiden Staffeln deutlich an Tatkraft und Führungsqualitäten eingebüßt hat, von Negan oder den Zombies ins Jenseits befördert werden, dürfte dies das endgültige Aus für TWD einläuten. Meiner Meinung nach kann eine solche Serie ohne ihre zentrale Ankerfigur auch nicht funktionieren. So wenig, wie „Dallas“ ohne Bobby Ewing funktioniert hat. Deshalb ließen die Produzenten ihn wieder auferstehen, als der Quoteneinbruch zu schlimm wurde. In die alte Erfolgsspur gelangte die Öl-Seifenoper trotzdem nie wieder.

Zurück zu den Anfängen

Aber selbst wenn Rick in der neunten Staffel wieder mit von der Partie sein sollte, wären die „Walking Dead“ längst nicht über dem Berg. Die Serie müsste erst zu ihren Wurzeln zurückfinden und trotzdem noch genug Neues bieten, was in etwa der Quadratur des Kreises gleichen dürfte. Das heißt: Falls der Krieg zwischen dem Sheriff und Negan irgendwann endet, darf nicht gleich ein neuer, noch üblerer Bandit zum Tanz bitten. Besser wäre es, den Faden, der mit der geplanten Reise von Ricks Gemeinschaft zu ehemaligen Regierungsstellen in Washington gelegt wurde, wieder aufzunehmen. Irgendwo muss es Hoffnung auf ein Ende der Zombie-Apokalypse geben. Rick & Co sollten danach suchen und sich nicht weiter als Endzeit-Rambos verschleißen. Wenn auch das nichts hilft, müssen die Produzenten den Mut haben, das Kapitel „The Walking Dead“ zu schließen. Es hat eben doch alles ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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