Sich einlassen … ein Fallschirm für Lemminge

Tina Schlegel spannt den Bogen vom Sich-Einlassen zum Loslassen und meint, Angst ist der schlechteste Ratgeber von allen

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Während ich in einer meiner letzten Kolumnen über das Loslassen nachgedacht habe, geht es heute um das sich-Einlassen. Und ja doch, auch hier sind die schlauen Ratgeber nicht weit, die wir alle kennen und so lieben, weil sie bisweilen sogar Recht haben und uns auch daran erinnern, dass wir alle selbst hin und wieder zu schlauen Ratgebern mutieren. Keiner ist frei von der Gefahr, Dinge falsch oder vorschnell zu beurteilen, manchmal vielleicht auch deshalb, weil man nur meint, alle Fakten zu kennen oder sich schlichtweg ungünstig ausdrückt. Die Lieblingssätze lauten: „Die Dinge sind viel einfacher als du denkst“ oder „Du stehst dir mal wieder selbst im Weg“ – „herum“, denke ich im Stillen dann gerne dazu – oder, besonders schön und abgedroschen, weil es aus China kommt und von dort natürlich nur Weisheiten kommen, bei denen dann dieselben Menschen kurz seufzen und bekräftigend nicken: „Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht.“ Ach ja, ich weiß, ich seufze auch regelmäßig. Ist auch nicht weiter schlimm, manchmal tut sehr schmalspurige Philosophie auch ihren Dienst, das ist schon in Ordnung und wo ein jeder seine Hilfe findet, bleibt ihm selbst überlassen.

Das Reich der 1000 Möglichkeiten

Ich kenne diese Phasen sehr gut. Es gab einige Entscheidungen, die ich mir nicht leicht gemacht habe, manche stehen noch aus. Seit Jahren etwa beschäftigt mich die Frage, wie und wo ich leben will. Nichts Dramatisches. Im Grunde weiß ich sehr genau, wo ich leben will – ganze zehn Minuten bin ich mir absolut sicher. Mein Herz schwankt, zwischen einer Altbauwohnung unterm Dach in einer coolen und lebendigen Stadt und einem alten Bauernhof auf dem Land ohne Nachbarn in Sichtweite mit Schafen und Hunden und einem kleinen Schreibzimmer mit Aussicht. Wann immer ich glaube, jetzt hab ich es, jetzt weiß ich, was ich will, spazierte die jeweils andere Vorstellung vor meinem inneren Auge enttäuscht vor mir auf und ab. Nein, so einfach ist das gar nicht. „Mach doch einfach mal, wirst sehen, wird gut“, meinte da ein Freund. Aber Dinge werden ja nicht von selbst gut und überhaupt: Hier habe ich meine Mutter und meine beste Freundin, die wie meine Schwester ist. Hier ist meine Tochter aufgewachsen, hier liegt die Erinnerung an meine eigene Kindheit. Hier ist dieses zwar nie wirklich gefundene, aber doch latent vorhandene Heimatgefühl. Hier bewege ich mich in einem zwar ungewohnt engen Radius, aber dafür mit einer großen Portion an Sicherheit. Noch während ich dies denke, verziehen sich ganz unwillkürlich meine Mundwinkel. Sicherheit. Ich mag nicht an diesem Gefühl kleben, ich wollte immer eine Abenteuerin sein, und war es doch nie … „Dir stehen doch alle Möglichkeiten offen“, sagt da wieder jemand und „Du kannst frei entscheiden.“ So leicht ist das gar nicht, dieses „frei entscheiden“.

Fallschirm für Lemminge

Ich denke oft an Lemminge. Sie wandern irgendwann los und stürzen sich dann über einen Abgrund in die Tiefe. Sie sterben. Was denken sie sich dabei? Sagt irgendjemand zu ihnen: „Du hast so viele Möglichkeiten, du musst nur losmarschieren?“ Kam auch da ein schlauer Chinese vorbei und sagte mit feierlicher Stimme: „Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht?“ Nun ja, es ist ein Weg, aber einer in den Abgrund. Oder haben die Lemminge etwa schon eine Vorschau in die höhere Daseinsform erhalten? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Viele Menschen, die meinen, Ratschläge geben zu müssen, stecken aktuell nicht in so einer Situation. Sie blicken aus ihrer sicheren Position auf die unsichere des anderen und können sich daher auch aus dem Fenster lehnen. Im Grunde versuche ich genau das immer für mich zu vermeiden: Die unterschiedlichen Blickwinkel außer Acht zu lassen. Sie sind elementar. Und manchmal frage ich mich einfach, was so ein Lemming denkt, wenn er den letzten Schritt am Abgrund macht, wenn er merkt, dass dieser Schritt ins Leere geht, wenn er im Begriff ist zu fallen: Was denkt er? „Verflixt, ich habe die falsche Entscheidung getroffen?“ oder „Wer weiß wofür es gut ist?“ oder etwa: „Hauptsache ich bin diesen Weg gegangen, wie doof er endet, konnte ich ja nicht wissen.“ Wer weiß.

Aber da winkt jemand

Bauernhäuser sind das eine, die muss ich ja nicht suchen, aber manchmal wird man von Entscheidungen auch gefunden. Sie stehen an Bahnhöfen oder sitzen in Cafés und winken einem zu. Hallo, hier bin ich, nimm mich!, flüstern sie. Entscheide dich für mich, lasse dich einfach darauf ein. Männer finden mich, winken, locken, hauchen, wie leicht doch alles ist, einfach einlassen. Einfach machen. Einfach losrennen, sich in die Arme eines anderen stürzen, einfach einfach einfach … Nichts ist einfach. Nicht einmal das Verlieben. Es ist ein Gefühl, Peng, gewiss, aber plötzlich schlägt sich dieses Gefühl dann mit 1000 Gedanken, die alle den Lemming retten wollen. Aus Angst. Vermutlich mutiert der Denkapparat vom jugendlichen Leichtsinn eines Lemmings, der den freien Fall schon cool finden würde, wüsste er davon, hin zu einem Fallschirmverkäufer mit Helfersyndrom, steht dort in Warteposition und nimmt jede Entscheidung erstmal gründlich auseinander. Verlieben? Ernsthaft? Überleg doch … Sich einfach einlassen auf dieses Gefühl ist zwar wunderschön, aber eben nicht so einfach. Ich zum Beispiel merke, dass meine Tochter, dieser kleine Zwerg, immer durch mein Verliebtsein hüpft. Unwillkürlich betrachte ich jeden potentiellen Partner auch mit ihren Augen – ist er auch lustig genug für uns? Gefühle sind nicht mehr nur eine Frage des eigenen Herzens. Und manchmal, und das ist vielleicht besonders schwer, ist ein sich-Einlassen zwangsläufig auch an ein Loslassen gekoppelt. Da kann man sich nur einlassen, wenn man etwas Altes loslässt. Eine alte Liebe etwa, die längst keine mehr ist und sich eingependelt hat in die Gewohnheit aneinander und die Angst davor, diese Gewohnheit zu entlarven und aufzubrechen. Eine alte Liebe, einen Menschen loszulassen, ist womöglich am schwierigsten und gleichzeitig am notwendigsten, um überhaupt wieder einen Weg in seinem Leben zu erkennen. Und obwohl ich das weiß, ist er mir rausgerutscht, dieser kluge Rat an einen Freund: „Du bist doch frei, du kannst tun und lassen was du willst. Du hast keine Kinder. Verlasse deine Frau und verliebe dich neu. Du musst dich nur einlassen.“ Besser jetzt, dachte im Stillen hinzu, als nochmal 20 Jahre zu warten und dann die eingefrorene Zeit zu bedauern, die hinter einem liegt.

Loslassen und sich-Einlassen

Mir scheint, das „sich-Einlassen“ ist ab einem gewissen Alter und mit einem gewissen Erfahrungsstand sogar und vor allem eine Frage von Loslassen. Aber wann beginnt das mit dem Loslassen-müssen?  Muss ich immer etwas loslassen – die andere Idee, einen anderen Menschen, Ängste? Und wann ist das eine geschafft und fängt das andere an? Geht es Hand in Hand? Oder lasse ich mich erst ein und kann dann erst das andere loslassen? Kaufe ich mir den Bauernhof und behalte die Stadtwohnung? Habe ich Affären, um zu prüfen, ob sie Beziehungen werden können? Wann renne ich wirklich los?

Erst gestern habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen. Sie erzählte von einer wichtigen Entscheidung in ihrem Leben: Sie wollte ihren Mann verlassen. Ich konnte mich gut an die Zeit erinnern. Immer ging es hin und her in ihrem Kopf, zwischen Sicherheit und Freiheit, Gewohnheit und Erneuerung. Mal schwankte es in die eine Richtung, dann, wenn die Nacht kam, oft wieder in die andere. Unheimliche Schatten sprangen um sie herum. Es sollte Jahre dauern. Es hat auch mit dem Leidensdruck zu tun, den ein Mensch in einer bestimmten Situation hat, wie groß muss er werden, dass man ein Risiko eingeht? Jeder Mensch ist anders, was dem einen als Risiko erscheint, kommt dem anderen nur wie ein Abenteuer vor. Meine Freundin konnte die Entscheidung einfach nicht fällen und dann, erzählt sie und nimmt ein Stück von ihrem Apfelkuchen, dann kam dieser eine Tag. Wie immer war sie aufgestanden und hatte das Frühstück vorbereitet. Sie hatte zur Abwechslung einmal gut geschlafen und fühlte sich erleichtert. Während die Kaffeemaschine ihre gurgelnden Geräusche von sich gab, sei alles in ihr plötzlich ganz still geworden. Ihre Hand verharrte in der Luft auf dem Weg zur Kanne und da hatte sie mit einem Mal gewusst, welche Entscheidung sie zu fällen hatte. Es war keine Frage mehr. Sie begriff in diesem Moment, dass die Entscheidung eigentlich schon in ihr gelegen und nur der richtige Augenblick gefehlt hatte, sie zuzulassen. Auch das klingt banal? Nach dem Motto: Alles braucht eben seine Zeit? Vielleicht. Vielleicht sortiert sich aber im Kopf auch etwas und wenn auf der Seite, die gegen eine Entscheidung spricht, nicht mehr ein Gegenargument – die Stadtwohnung –, sondern nur noch das Wort „Angst“ steht, dann kann man getrost sagen: An der muss ich nicht festhalten. Die Angst darf man loslassen, immer. Angst darf weder das Loslassen, noch das sich-Einlassen bestimmen, denn nichts tut später und rückblickend so weh wie das Gefühl der Angst, das den Blick auf neue Wege vernebelt hat.

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr. Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch? Tina Schlegel im Netz Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden. Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

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