„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ – Toleranzappell mit Pferdefuß

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ von Carol Rifka Brunt könnte der nächste große Hype nach Elena Ferrante werden. Kolumnist Sören Heim schaut sich den New York Times Bestseller zum Deutschland-Start an.


Erster Eindruck: Eine bigotte Erwachsenenwelt, das Innenleben eines Teenagers, der mit sich selbst kaum mehr als mit der Welt im Reinen ist. Ein zugänglicher einfacher Stil, ein Roman der sich nicht scheut, schmerzhafte Themen anzugehen. Angesichts des Hypes der um das Buch veranstaltet wurde und des eher nach einer Drohung klingenden Versprechens: „Eine bitter-süße Mischung aus Herzschmerz und Hoffnung.“ (Booklist) angenehm kitschfrei.

Der nächste Hype?

Denn gehyped wurde Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt kräftig („Der New-York-Times-Bestseller erstmals auf Deutsch / ZUM BESTEN BUCH DES JAHRES GEWÄHLT VON • Wall Street Journal • Oprah Magazine • Booklist • BookPage • Kirkus Reviews Liste“).
Seit dem 23. Februar liegt der Text nun auch in deutscher Übersetzung vor. Und wenn ein Buch so hochgeschrieben wird, kann man es sich ja auch einmal anschauen. Sonst verpasst man am Ende das nächste große Ferrante-Ding, versteht gar nicht, worüber der Biller sich aufregt und ist überhaupt mal wieder so ein ganz armer Außenseiter. Nein, ernsthaft. Worum geht es?

Die 14jährige June Elbus hat eine sehr enge Beziehung zu ihrem Onkel Finn. Der ist Maler, schwul und stirbt an Aids. Es sind die achtziger Jahre, die Krankheit ist noch ein sichereres Todesurteil. Die Familie beschuldigt den Freund Finns, Toby, den Onkel „umgebracht“ zu haben. Mit der Sexualität des Onkels will sie sich aber lieber nicht beschäftigen. June baut mit der Zeit eine Beziehung zu Toby auf, was, als es herauskommt, natürlich einen Skandal macht. Finn hat ein Gemälde hinterlassen, das sich als äußerst wertvoll herausstellt. Mit der Zeit stellt June Veränderungen an dem Gemälde fest. Ganz normalen Teenagerärger hat June natürlich auch. Schwierigkeiten in der Schule Anschluss zu finden, Reibereien mit der älteren Schwester. Wenn ihr alles zu viel wird, zieht sie sich in ein nahes Waldstück zurück und hört fernen Wölfen oder Kojoten oder Hunden (ganz sicher ist sie nicht) beim Heulen zu.

All das wird in einfachen Worten und Sätzen erzählt, auch Jugendliche dürften mit dem Text gut zurecht kommen. Überhaupt wirken die Interaktionen zwischen den Jugendlichen glaubhaft, was für diejenigen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen nicht immer so gilt. Dass Brunt größtenteils knappe Dialoge schreibt, gereicht dem Buch zum Vorteil. Sag den Wölfen, ich bin zu Hause lebt von dem turbulenten, selten widerspruchsfreien Innenleben der Protagonistin. Die wäre etwa bezüglich Finn merklich gern besser als der Rest ihrer Familie – wäscht sich aber trotzdem gleich dreimal die Haare, als der kranke Onkel sie vorsichtig mit den Lippen am Kopf berührt (zuvor hatte die Schwester sie mit einem Mistelzweig bedroht, weshalb sich June angstvoll den Todeskuss des Onkels ausmalt).

Angst des Romans vor der Homosexualität?

Zwei Themen scheinen von Anfang an das Buch zu bestimmen: Der Umgang mit der Sterblichkeit und dem Tod eines nahen Menschen einerseits, der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität und die Ächtung von Aids in den Achtzigern andererseits. Während das erste Thema tatsächlich in einfühlsamer Weise bearbeitet wird – June überwindet ihre Wut auf Toby und lernt mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen, in durchaus kleinen Schritten, nicht ohne Rückschläge – kippt die Auseinandersetzung mit Homosexualität ab der Mitte des Romans. Da beschwert sich noch zurecht June über eine Werbesendung gegen Aids:

Wie immer fingen sie mit Bildern von irgendeinem aufgeheizten Nachtclub in der Stadt an, in dem ein Haufen schwuler Männer in idiotischen Lederklamotten wie wild herumtanzten. Ich konnte mir Finn nicht einmal ansatzweise als halb bekleideten Cowboy beim Tanzen vorstellen. Es wäre doch ausnahmsweise mal nett, wenn sie ein paar Männer zeigen würden, die in ihrem Wohnzimmer Tee tranken und sich über Kunst oder Filme unterhielten. Wenn sie das zeigen würden, dann würden die Leute vielleicht sagen: »Oh, okay, so anders ist das ja gar nicht.«

Und dann geht der Roman selbst der heute noch so ubiquitären affektiven Ablehnung von Homosexualität feig aus dem Weg. Warum wurde diese Seite von Finns Leben so ausgeklammert? Warum erfuhren die Kinder nicht früher von Toby – die oben beschriebenen Auftaktszenen und eigentlich alles Weitere lassen nur einen Schluss zu: So ganz zurecht kommt man mit dem schwulen Verwandten eben nicht. Dass der Vater der Tochter später noch erklärt, das sei gewiss nicht wegen der Homosexualität, sondern weil die Mutter dem Bruder nicht verzeiht, dass der den einst gemeinsamen Künstlertraum lebe (und das wiederum auf Toby projiziert, denn Finn kann sie nicht böse sein), in Ordnung: Homophob sind viele, sein wollen es wenige. Und Grautöne tun Literatur gut. Aber in der Folge versucht der Roman alles, wirklich alles, um absolut keinen Zweifel daran zulassen, dass die Motive der Mutter die allerbesten sind und darin wirklich keineswegs auch nur der kleinste Schuss Homophobie mitschwingt. Und das ist dann doch ein wenig zu viel. Eine Familie aus einem eher ländlichen New Yorker Vorort in den Achtzigern, die sich genau so verhält, wie man sich verhalten würde, käme man mit der eigenen Homophobie nicht zurande, aber die qua Gottesurteil ganz sicher nicht homophob sein kann. Da untergräbt der Roman seinen besten, anfangs wirklich gut angelegten Konflikt.

Abseits davon bleibt Sag den Wölfen, ich bin zu Hause mindestens ordentlich. Es ist sicherlich kein großes literarisches Meisterwerk, aber durchaus ein Buch, das zurecht häufig positiv besprochen wurde. Vor allem ist es im Großen und Ganzen ein Roman, der ohne Prätention auskommt, also auch nicht über all zu hoch gesteckte Ziele stolpert. Eine zugängliche Lektüre auch schon für junge Erwachsene, die dennoch den einen oder anderen zum Nachdenken bringen könnte.

Zu häufigen Kritikpunkten:

Noch ein paar Bemerkungen zu im englischen Sprachraum häufig geäußerter Kritik. Man liest immer wieder, es könne nicht angehen, dass die 14jährige June in ihren Onkel „verliebt“ sei. Sogar die englische Wikipedia verkauft es als Fakt: „She is in love with her gay uncle, Finn Weiss, a fact she is scared to admit even to herself“ – Doch das ist in erster Linie etwas, womit Greta die Schwester aufzieht. Klar schwärmt June für den Onkel. Der versteht ihre intellektuellen Interessen, ist ein begeisternder Künstler und nimmt sie im Gegensatz zu den Eltern ernst. Später, als der Onkel tot ist, zieht sie sich den Schuh des „verliebt Seins“ an, scheint aber vor Allem Schwierigkeiten zu haben, verschiedene Formen der Liebe begrifflich zu trennen. Warum? Naja: Sie ist 14!

Sogar als quasi sexuelle Beziehung verdammen einige Kritiker die spätere Freundschaft zwischen June und Toby. Unsinn: Auch hier steht das Ernstnehmen und das füreinander da Sein im Vordergrund. June formuliert ganz klar, sie hoffe endlich einen Freund (nicht Boyfriend!) gefunden zu haben, der sie nicht verarsche. Und Toby sucht offenkundig auf nicht sonderlich geschickte Weise mit Finns Tod zurecht zu kommen. Ja: es gibt diese eine Szene:

Ich ging zum nächsten Bild über, in Erwartung einer weiteren Postkarte, aber stattdessen war es Finn. Ein Selbstporträt, das uns unverhohlen anstarrte. Es hatte nichts Ausgefallenes an sich. Es war einfach Finn mit seiner blauen Mütze und den blauen Augen, die aussahen, als wollten sie ohne Worte etwas sagen. Der alte Mann brüllte jetzt durch den Keller, und Tobys Hand lag noch immer über meinem Mund. Ich konnte seine Finger an meinen Lippen spüren, und wir hatten endlich aufgehört zu lachen. Wir glotzten beide Finn an. »Kommt raus da, verdammt noch mal!« Und die erdige Feuchtigkeit des Kellers und Tobys Finger, die sich wie Lippen auf meinen Lippen anfühlten. Und Finns Augen, die sagten: Ich liebe dich, June. Und ohne nachzudenken öffneten sich meine Lippen, und ich spürte, wie ich Tobys Finger küsste.

Hier aber überwindet June endgültig die Aidsangst vom Anfang des Romans. Es ist quasi ein Spiegel des ersten, nur vorgestellten Kusses des Onkels.

Sicher, als Eltern wollte man zurecht nicht, dass das eigene Kind eine klandestine Beziehung zu einem älteren Mann eingeht. Aber: das haben genau die Eltern zu verantworten, die Toby über Jahre vor den Kindern geheim gehalten haben und ihnen so kein normales Leben mit dem Onkel ermöglicht haben. Sicher, all das wäre glaubhafter, wäre Brunt nicht davor zurückgeschreckt, Homophobie tatsächlich zum Dreh- und Angelpunkt ihres Romanes zu machen. So hat sie Toby ganz unnötig eine zweifelhafte Vergangenheit angedichtet, lässt ihn mit June rauchen und Whiskey trinken, was die Angst der Eltern zu rechtfertigen scheint, während der Roman ansonsten doch eindeutig eine andere Perspektive verkaufen möchte. Darauf aber unlautere Absichten zu projizieren, hat selbst homophobe Untertöne.

Anspruch ***

Ausführung **

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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