Digitaler Kapitalismus: Robo Advice statt Robotersteuern

Im Zuge der Digitalisierung wächst die Ungleichheit. Warum wir nicht über Umverteilungsexzesse, sondern über eine Neu-Verteilung des Wohlstands diskutieren sollten – und wie eine liberale Lösung aussehen könnte. Gastbeitrag von Julius Reiter

Bild: pixabay

Der Chef des Softwarekonzerns Salesforce berichtete jüngst in Davos, dass neuerdings ein virtueller Manager namens Einstein an den Vorstandssitzungen teilnimmt. Die Künstliche Intelligenz, lobte Marc Benioff, liefere wertvolle Einschätzungen – und sorge somit für bessere Entscheidungen.

Einstein beweist eindrucksvoll: Angesichts rasanter Fortschritte in Sachen KI können Roboter nicht mehr nur simple Tätigkeiten übernehmen. Das ist zunächst einmal spannend, weil die Technik dazu beitragen wird, Management-Entscheidungen, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu verbessern.

Klar ist aber auch, dass KI-Roboter ihre menschlichen Kollegen nicht nur entlasten und ergänzen, sondern vielfach auch ersetzen werden. Und das wird vor allem jene ihre Jobs kosten, die nicht qualifiziert genug sind, neue Aufgaben zu übernehmen. Hinzu kommt, dass der potentielle KI-Ersatz die Verhandlungsposition der Gewerkschaften schwächt.

Das birgt gewaltigen gesellschaftlichen Sprengstoff. Denn wenn die Eigentümer der Unternehmen (das „Kapital“) satte Gewinne in Form einer „Digitalisierungsdividende“ machen und zugleich der Faktor „Arbeit“ weniger gefragt ist, wächst die Ungleichheit – und damit der Nährboden für Populisten vom rechten und linken Rand, die weg wollen vom freien Rechtsstaat und der sozialen Marktwirtschaft.

Ein Angriff auf die unternehmerische Freiheit?

Bislang wird in diesem Zusammenhang vor allem über Umverteilung diskutiert – zum Beispiel über Maschinen- bzw. Robotersteuern. Die Konzepte laufen meist darauf hinaus, dass Unternehmen auch für Roboter Sozialgaben zahlen. Das soll neue finanzielle Spielräume schaffen, etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Ich will solche Ansätze nicht pauschal verdammen. Aber als Liberaler sehe ich die Gefahr, dass sie in Umverteilungsexzesse münden, die Fehlanreize schaffen und die unternehmerische Freiheit über ein erträgliches Maß hinaus beschränken.

Ich meine deshalb: Bevor wir über die Umverteilung des Wohlstands diskutieren, sollten wir erstmal darüber reden, wie wir ihn neu sortieren bzw. von vornherein anders verteilen können. Denn dadurch würden wir das Problem an der Wurzel packen.

Wer diesen Gedanken weiterentwickelt, wird feststellen: Vermögensbildung ist kein Thema für irgendwelche Finanzheinis, sondern eine der zentralen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen dieser Tage. Denn wir müssen dafür sorgen, dass deutlich mehr Menschen Anteile an den Robotern besitzen. Anders ausgedrückt: Deutschland muss ein Land der Aktionäre werden.

Der FinTech-Boom fördert eine neue Aktienkultur

Ich weiß: Nach dem Desaster mit der Telekom-Aktie, dem Crash am Neuen Markt und dem Absturz der Bankaktien im Zuge der Finanzkrise sitzt das Misstrauen tief – und als langjähriger Anlegeranwalt kann ich das sehr gut nachvollziehen.

Was mich jedoch vorsichtig optimistisch stimmt: Derzeit wächst eine neue Generation von Aktionären heran, die über kostengünstige Online-Plattformen (sogenannte Robo Advisor) breit gestreut in den Aktienmarkt investiert, statt auf riskante Einzelwerte oder teure Fonds zu setzen.

Wenn Sie so wollen, helfen Roboter Anlegern also, Miteigentümer an anderen Robotern werden – ein wunderbares Beispiel dafür, wie innovative Geschäftsmodelle und Unternehmergeist dazu beitragen können, gesellschaftliche Probleme lösen.

Allerdings ist auch der Staat in der Pflicht – und ich finde es mehr als enttäuschend, dass Vermögensaufbau und Aktienkultur bei den Koalitionsverhandlungen nur am Rande eine Rolle spielen. Dabei wäre das ein Zukunftsthema, mit dem die GroKo vom Verwalter zum Gestalter werden könnte.

Wie wäre es beispielsweise mit einem Staatsfonds, der sich aus Haushaltsüberschüssen speist, über sogenannte ETF breit gestreut in den Aktienmarkt investiert und automatisch jeden Bürger zum Aktionär macht? Das könnte eine wichtige Säule der Altersvorsorge werden – und damit ein hocheffektives Instrument im Kampf gegen die Ungleichheit.

Professor Julius Reiter ist Gründer der Kanzlei Baum Reiter + Collegen in Düsseldorf. Als IT-Rechtler, Anlegeranwalt und Liberaler beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung und der Frage, wie ein moderner Daten- und Verbraucherschutz aussehen kann. Hier geht’s zu seinem Blog „Digital Fairplay – Menschen. Daten. Selbstbestimmung“

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