Wer Homöopathie entzaubern will, muss ans Gesundheitssystem ran!

Es bleibt zweifelhaft, ob Kampagnen gegen Esoterik die richtige Zielgruppe erreichen. Wer die Homöopathie zurückdrängen möchte, sagt Kolumnist Sören Heim, muss das Arzt-Patienten-Verhältnis verbessern.


Natürlich gab es auch an meinem letzten Beitrag zu den komplexen Hintergründen von Esoterischem- und Verschwörungsdenken wieder markige Kritik: Dem grassierenden Antirationalismus sei nur mit noch lauterem Trommeln für den Rationalismus zu begegnen. Alles andere hieße wohl „einknicken“.

Dabei hätte man von mir aus alle erkenntnistheoretischen Einwände ignorieren können, selbst als haltloser Empirist aber diesen doch nicht: Das Anschwellen der Rationalismuspropaganda korreliert relativ stark mit dem Aufstieg des neuen Irrationalismus, des Verschwörungsdenkens, der Esoterik. Korrelation impliziert keinen Kausalzusammenhang. Ja. Aber die Datenlage dafür, dass aggressive Wissenschaftswerbung samt bissiger Satire tatsächlich erfolgreich ist, ist doch relativ mau. Keine Sorge: Ich werde den Leser hier nicht mit einer Wiederholung der letzten Kolumne langweilen und verweise kursorisch auf zugängliche Bücher größerer Geister: Werner Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie, Reclam 1979 sowie Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper, München 1969. Martin Mahner/Mario Bunge, Philosophische Grundlagen der Biologie, Springer 2000. Und das etwas kompliziertere Gesamtwerk des Heisenberg-Schülers Karl Friedrich von Weizsäcker, wovon sich Die Einheit der Natur, dtv 1974, als relativ zugänglich erwiesen hat.

Was tun?

Stattdessen heute die klassische Frage Lenins: Was tun? Am Beispiel des Volksglaubens Homöopathie.

Homöopathie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wirkungsvoller als ein Placebo. Homöopathie ist meist ungefährlich, Homöopathie kann, wenn sie den Glauben an die Medizin unterminiert, bei den falschen Krankheiten allerdings lebensgefährlich werden.

Wer die Homöopathie zurückdrängen will, muss an das Gesundheitssystem ran. Denn die anti-homöopathische Propaganda dürfte längst jeden Bürger zumindest der westlichen Staaten erreicht haben. Kaum einer kennt nicht James Randi, Pen und Teller, Mitchel und Webb und andere große Öffentlichkeitsarbeiter, die das Thema nicht nur beackern, sondern dabei auch noch gut unterhalten. Die Deutschen kennen zumindest den weniger unterhaltsamen Vince Ebert. Ich selbst habe zahlreiche Bekannte über den himmelweiten Unterschied zwischen pflanzlicher Medizin und Homöopathie „aufgeklärt“ und dabei meist überzeugt. Ein Jahr später rennen die Aufgeklärten doch wieder zum Homöopathen. Warum?

Ein Beispiele: Ein Freund hatte Schmerzen im Mausarm. Eine Volkskrankheit für alle, die ständig am PC arbeiten. Oder an der Kasse. Diagnose: Epicondilitis. Die konservative Therapie (schonen, Schmerzmittel) versagt. Ein Homöopath verschafft relativ schnell Abhilfe mit Schröpfen und Schulter/Rückenmassagen. Das Schröpfen ist wohl eher Unsinn. Schmerzen in den Extremitäten aber können tatsächlich oft vom Rücken und den Schultern ausstrahlen oder zumindest durch falsche Haltung begünstigt werden. Das wird jeder ordentliche Physiotherapeut bestätigen. Ich hatte das gleiche Problem, mir half eine gute Physiotherapie samt Kraftaufbau. Mindestens einer meiner Ärzte, gegen die ich teils regelrecht ankämpfen musste, hätte lieber sofort operiert. Metastudien zeigen übrigens, dass die Operation das schlechteste Mittel gegen die landläufig „Tennisarm“ genannte Mikroverletzung ist.

Kein Dr. House in Sicht

Oder: Als ich etwa 17 war ging ich mit immer neuen fiebrigen Erkältungen über ein halbes Jahr zum gleichen Arzt. Regelmäßig wurden Antibiotika und Schonung verordnet. Die Erkrankung kam wieder, sobald ich mich nur ein bisschen versuchte, ins normale Leben zu integrieren. Späte Diagnose eines Spezialisten: Pfeiffersches Drüsenfieber. Bluttests waren viel zu spät angeordnet und dann auch noch falsch gelesen worden.

Ich könnte viele solcher Geschichten erzählen. Sie alle lassen sich auf zwei Dinge verkürzen: Zu wenig Zeit beim Patientenkontakt und mangelndes systemisches Denken. Das sorgsame Einbeziehen aller Symptome, das Dr. House zum beliebten Serienhelden werden ließ, ist, aus Zeitgründen, vielleicht auch aufgrund der sehr spezialisierten Ausbildung, bei Ärzten unterrepräsentiert. Man stürzt sich, wenn der Patient nicht selbst die Verbindungslinien zieht, stets auf das neueste Symptom. Schmerzen in Hüften, Rücken und Armen? Dass für all das ein zu Grunde liegendes Problem gesucht wird, geschieht leider viel zu selten und zu spät.

Der Homöopath dagegen nimmt sich die Zeit. Er lässt sie sich auch gut bezahlen. Und die Zuckerkügelchen, die dann verschrieben werden, sind manchmal eben genau die Pause, die das System braucht. Der Patient denkt, er tut was, tut aber nichts und nichts tun plus Placeboeeffekt wirken Wunder.

Sein und Bewusstsein

Wer die Verhältnisse ändert, ändert das Bewusstsein nachhaltig. Das ist keine marxistische Träumerei, das beweist nichts besser als der Kapitalismus westlicher Prägung. Der heute vorherrschende pragmatische Atheismus dieser Gesellschaften ist ja nicht in erster Linie Folge von Aufklärung, sondern eines steigenden und gesicherten Lebensstandards – entsprechend wackliger wird er, seit das neoliberale Paradigma das sozialstaatliche nachhaltig zersetzt. Solange das Arzt-Patienten Verhältnis sich nicht grundlegend ändert, wird der skeptische Kampf gegen die Homöopathie vor allem ein Ringen um das eigene Überlegenheitsgefühl bleiben. Während man einen Homöopathiegläubigen überzeugt, werden fünf eigentlich keineswegs überzeugte Kranke von Homöopathen geheilt, die sich Zeit nehmen und neben wirkungslosen und vielleicht auch gefährlichen Therapien eben auch immer mal wieder das Richtige machen. Sei es abwarten, seien es Massagen, sei es bei Schmerzen der Hand eine Kräftigung der Rückenmuskulatur zu empfehlen. Wie man das Gesundheitssystem entsprechend weitreichend umkrempeln könnte und das dann auch noch bezahlbar machen? Leute, soll ich alle Probleme in einem Text lösen?

Ein einfacher Vorschlag: deutlich erleichterter Zugang zu Physiotherapeuten, Logopäden und anderen anerkannten Spezialisten dieser Art. Lernt von den großen Fußballmannschaften und Sportlern generell: Ein Team hat einige wenige Ärzte, aber eine ganze Mannschaft an Physiotherapeuten. Operationen sind teuer, helfen oft wenig beim Bewegungsapparat, und legen den Patienten lange flach. Viele Volksleiden ließen sich wahrscheinlich alleine durch diese Maßnahme deutlich eindämmen. Und wer dazu mehr Geld für das Gesundheitssystem braucht, denke vielleicht mal über eine happige Steuer auf die Gewinne durch Zuckerkügelchen nach (Fehlanreize ausmerzen täte es aber auch).

Nein, das Aufklären über die Fakten gerade bei einem relativ einfach gelagerten Fall wie der Homöopathie, muss man deshalb nicht bleiben lassen. Aber das ist eben mit Blick auf das Ganze ein Herumdoktern an den Symptomen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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