Zeitenwende mit Ringelsocken – Die feine Kunst des Loslassens

Tina Schlegel will die Kunst des Loslassens erlernen und übt erstmal mit Ringelsocken

Bild: pixabay

Es sagt sich so leicht: Du musst loslassen. Ja, klar, muss man manchmal Dinge und Menschen loslassen. Manche sterben einfach weg, dann stellt sich die Frage gar nicht. Manche aber tauchen ab, dann stellt sich die Frage doch – wann muss man loslassen? Sich verabschieden von der Hoffnung, dass der andere dasselbe fühlt und wünscht und träumt? Im Laufe der Zeit verändern sich eben diese Dinge oft gravierend, Gefühle verschieben sich, Wünsche sind erfüllt, und Träume? Ja, Träume gibt man vielleicht auf. Und dann steht man da und erwägt die Möglichkeit des Abschieds und setzt den Schmerz des Loslassens jenem des Bleibens gegenüber. Loslassen – was ist das eigentlich? Wie lässt man denn die Gefühle, die man im Herzen hatte, aus seinem Inneren verschwinden? Winkt man ihnen hinterher? Jagt man sie zum Teufel? Ertränkt man sie im Wein? Ich schreibe Kriminalromane, ich könnte mir also eine böse Mordmethode ausdenken und die Gefühle einfach hinterrücks und heimtückisch … Ach nein, das ist ja alles Quatsch. Wann genau fängt es an, dieses Loslassen-müssen?

Auf zur nächsten Blume

Die meisten werden das schon einmal erlebt haben: Man verabschiedet sich von einer Beziehung (oder wird verabschiedet) und hat Liebeskummer mit allem, was dazu gehört, trauriger Musik, der besten Freundin, zu viel Wein und zu wenig Appetit und natürlich: trauriger Musik. Ach, sagte ich schon? Ist eben elementar. Und dann kommt ein ganz schlauer und sehr pragmatisch denkender Mensch um die Ecke und sagt genau diesen Satz: „Man muss loslassen können.“

Am liebsten würde man direkt zuschlagen, aber nein, man ist ja ohnehin geschwächt von den langen Nächten, die hinter einem liegen. Außerdem ist das natürlich ein sehr grundsätzliches Problem. Es geht um das Bedürfnis zu trauern. Und ja doch, auch das Recht auf Selbstmitleid für eine kleine Weile. Aber manche können das freilich anders. Etwas funktioniert, dann funktioniert es eben nicht mehr, ein Häkchen dahinter und „gut is“ – und weiter zur nächsten Blume. Nun ja, diese Art des Gefühle-Haushaltens ist gewiss nicht meine Stärke, andererseits kann ich mir auf die Fahnen schreiben, nicht wankelmütig zu sein. Dinge und Gefühle sind ja nicht deshalb verkehrt, weil sie nicht den gewünschten Erfolg bringen – in Liebesdingen etwa, weil sie  nicht erwidert werden. Das eigene Gefühl hatte einen festen Platz und daher auch seine Berechtigung. Dinge indessen kommen mir verkehrt vor (und waren es vielleicht auch schon davor), wenn sie einfach so über Bord geworfen werden können. Sie werden dann irgendwie ihrer eigenen Nichtigkeit überführt, eine Laune, nett und wenig nachhaltig. Auch ok, aber eben, anders als ich das fühle. Ich finde es nicht ganz schlecht, wenn Gefühle eine Weile verharren, selbst wenn sie schmerzen. Außerdem besteht ein großer Unterschied zwischen zwanghaft an einer unerfüllbaren Idee festzuhalten und über die Unerfüllbarkeit zu klagen und der Tatsache, dass man kein imaginäres Häkchen unter eine Sache setzt, aber dennoch mit dem Umstand der Unerfüllbarkeit seinen Frieden machen kann, das Gefühl aber als Teil seines Lebens begreift. „Loslassen“, es begleitet mich, bislang allerdings wurde es mir stets aufgedrängt. Wird Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und es vielleicht einmal aus eigener Kraft zu tun.

Große Pläne

Ich denke an vorletztes Jahr, als meine Tochter in die Schule kam. Da sie nie den Kindergarten besuchte, war dies durchaus ein Einschnitt. Dieselben schlauen Menschen hauten mir das Wörtchen „Loslassen“ um die Ohren als sei es mit rotem Filzstift auf Plakate geschrieben. „Wird sicher schwer, oh je.“ Klar beschäftigte mich das, jedoch war nach sechs Jahren die Aussicht auf täglich vier Stunden Ruhe durchaus eine Verlockung. Was würde ich alles für Romane schreiben, Projekte vollenden … Oh ja. Und Sport würde ich machen, jeden Tag, klar. Und dann die Kisten im Keller sortieren, die sich stapeln und immer weiter aus der hintersten Ecke nach vorne rücken. Loslassen, ja, das wird fein, dachte ich im Stillen, während mich Freunde und Verwandte mitleidig ansahen und mir hin und wieder die Hand auf die Schulter legten mit den Worten „wird schon“.

Das große Scheitern

Dann kam dieser eine Tag: Ein Oma-Tag als Vorgeschmack, zum Üben gewissermaßen. Ich war alleine zu Hause und wollte arbeiten. Gedanken überfielen mich. All die Menschen, die mir immer erzählt haben, ich solle das Loslassen üben, Dinge einfach vorbeiziehen lassen, standen plötzlich vor mir und winkten mit ihren Schildern. Übe das Loslassen! Übe das Loslassen! Was, wenn ich gar nicht mehr tagsüber an meinen Büchern schreiben kann?, dachte ich plötzlich. Übe das Loslassen, sagte da wieder diese Stimme hinter mir. Das Wort „Zeitenwende“ schoss mir in den Kopf. In jeder Beziehung. Und dann eine Übersprungshandlung: Ich beschloss, meinen Schrank auszumisten. Im Hintergrund lief „Another Day“ in der Endlosschleife von Frank McComb. Eine Stunde später lagen Kleiderberge vor mir auf dem Bett. Meine Tochter würde bald hereinstürmen und sich einmal durchgraben. Ob ich auch …? Mein Blick heftete sich an gestreifte Socken. Die waren sicher mal in einem Sockenpaket dabei, anders konnte ich mir das nicht erklären. Ringelsocken also. Ich hielt sie in den Händen und drehte sie hin und her. Können weg, dachte ich überzeugt und: Ha, ich kann es ja doch, das Loslassen. Seht alle her, ich kann es!

Wenig später kam meine Tochter wieder rein. Sah den armseligen Kleiderberg neben der Tür, der nur aus einem Paar Socken bestand: geringelten.

„Mama, was wird das?“
„Das kommt weg“, erklärte ich selbstbewusst.
„Das?“ Sie grinste und hielt mir die Socken entgegen.
„Na und?“
„Die kommen nicht weg. Die sind super! Daraus bastel ich jetzt ein Sockenmonster.“

Und rannte mit dem Produkt meiner „loslassen“- Übung davon. Mein Blick wanderte zu dem großen Kleiderberg auf meinem Bett – vielleicht wirklich nicht meine Stärke. Eine Stunde später war alles wieder im Schrank. Ein Tag des Scheiterns also.

Heißluftballon

Wenn ich schon bei der Banalitäten-Loslassen-Übung scheitere, was wird dann aus den großen Dingen des Lebens? Egal. Ich habe keine Angst vor dem Scheitern, keine Angst vor Niederlagen in Gefühlsdingen. Ich vertraue mir, immer. Außerdem bin ich Utopistin und glaube daher, Gefühle, Ziele, Pläne, Wünsche, wie unerfüllbar auch immer, haben ein Recht darauf, Teil unseres Lebens zu bleiben. Sie waren einmal wichtig genug, dass man sie in sein Leben gelassen hat, und verdienen mehr als ein Häkchen und die Phrase: „Man muss halt mal loslassen“. Das wäre ja genauso, als würde jemand verlangen, aus einem Bett, in dem man nicht mehr liegen kann, einen Heißluftballon zu machen! Geht nicht, eben …

Ich indessen hab inzwischen ein zweites Paar Ringelsocken in meinem Schrank gefunden und in meine Handtasche gepackt. So habe ich es immer dabei. Das ist total gut für meinen Gefühlshaushalt, denn wenn nun das nächste Mal ein schlauer Mensch um die Ecke kommt, und sagt „du musst halt mal loslassen“, dann geb ich ihm sofort die Ringelsocken. Loslassen kann total einfach sein!

 

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr. Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch? Tina Schlegel im Netz Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden. Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

More Posts - Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen