Heinrich Böll bewahren

Ende letzten Jahres wäre Heinrich Böll einhundert Jahre geworden. Ich bin einer jener, die von ihm tief geprägt wurden und die, wie ich für mich und die anderen hoffentlich zu Recht sagen kann, sein Werk in das eigene mitgenommen haben.


Foto:CC BY-SA 3.0 de  / File:Bundesarchiv B 145 Bild-F062164-0004, Bonn, Heinrich Böll.jpg / Erstellt: 22. Dezember 1981/ Bearbeitung: HS)

 

 

Heinrich Böll ist im Kanon der Schriftsteller, die mich durch mein Leben begleiten, einer aus dem guten Dutzend, die von größter Wichtigkeit sind. Handke ist ein weiterer, Heine, Borchers (der besonders), Robert Walser, Charles Bukowski. Ihnen allen ist gemeinsam: Sie tragen mir eine Realität zu, die so wahr ist, dass sie die Wirklichkeit außerhalb der Bücher vergrößert, schärft und Unsichtbares sichtbar macht. Die Fiktion in Bölls Büchern ist wie eine, durch ein Teleskop herangeholte, Realität, eine die sich sonst in den Weiten des Lebens verliert. Man kann, was man sonst nur gehört hätte, was nur neben anderem geschehen wäre, zu einem eigenen machen.

Inhalt vor Form

Dass dies gelingt, ist der Sprache Bölls geschuldet. Wie Borchert, aber auch Heine und Bukowski, schafft er es, jede Manieriertheit zu vermeiden. Nie ist die Form ihm wichtiger als der Inhalt. Immer transportiert die Sprache das Zuerzählende. Da gibt es keine Überhöhungen, die ja oft eher tragisch-komisch wirken. Bölls Sprache ist zugleich poetisch und sachlich. Und sie ist fern jeder bildungsbürgerlichen Angeberei und jeder Künstlichkeit.
Das hat mich früh schon für ihn eingenommen. Böll blieb, in ganz anderer Weise als z.B. Borchert, ein Begleiter. Sicher auch deshalb, weil sein klares öffentliches Eintreten gegen Berufsverbote, für Bürgerrechte, weil seine Romane eben nicht nur aus der Vergangenheit berichteten (auch wenn das, was die frühe Nachkriegszeit betrifft, für mich geschichtliche und nicht lebenszeitbegleitende Romane waren), sondern aus meinem konkreten Leben berichteten, meinen Erfahrungshorizont spiegelten oder erweiterten. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) etwa, die „Fürsorgliche Belagerung“ (1979) ein paar Jahre später dann, und auch sein letzter, zu Lebzeiten erschienene Roman, „Frauen vor Flußlandschaft“ (1985).

Ein Grund zur Freude

Die „Berichte zur Gesinnungslage der Nation“, ein schmales Büchlein, das 1975 bei Kiepenheuer und Witsch erschien, Bölls Hausverlag, war jenen, die von der Publikation getroffen wurden Grund zur Aufregung, uns aber, die wir von Berufsverboten bedroht, betroffen und zum Teil eingeschüchtert waren, die, wie ich auch, mehrfache Anwerbeversuche durch den Verfassungsschutz erlebten, ein Grund zur Freude. Denn natürlich war diese satirische Kurzgeschichte mehr als nur eine literarische Veröffentlichung. Sie war eine weitere Solidaritätsadresse Heinrich Bölls auch mit uns. Immerhin die Solidarität eines Nobelpreisträgers.

Das irische Tagebuch

Wann ich zum ersten Male Heinrich Böll las, weiß ich nicht mehr. Vielleicht mit zwölf oder dreizehn Jahren. Vielleicht auch erst mit Vierzehn. Aber was ich damals las, das weiß ich noch. Ich las das „Irische Tagebuch“. Und es wurde durch das Buch weniger das Interesse für den Schriftsteller, als für Irland geweckt. Ein Land, in dem ich mich stets heimatlich gefühlt habe, auch wenn ich nur Urlaubsgast dort war.
Für den Schriftsteller Böll interessierte ich mich erst später. Und es war nicht die zuerst „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, sondern „Wanderer kommst Du nach Spa“ und gleich darauf die „Ansichten eines Clowns“. Wie zuvor schon Wolfgang Borchert vermochte es Böll mich ganz und gar mitzunehmen in eine Welt, die sich ja vor meiner Haustür befand, oder jedenfalls noch in die damalige Gegenwart hineinwirkte, und doch in der Narration, in der Fokussierung und der literarischen Überhöhung intensiver, wirklicher, bedrückender auch, wirkte.
Böll und Grass waren die großen beiden Autoren zur Zeit meiner Jugend. Komplettiert durch Koeppen und Walser, durch, den sozusagen neuen Stern, Handke, durch Max von der Grün und den Nachgelassenen: Seghers und Tucholsky, Kästner und Heine, später dann auch durch Charles Bukowski. Über allem aber schwebte, ich erwähne es wegen meines, sich aus dieser Affinität ergebenen Blicks auf Literatur: Borchert.
Böll war mir dabei immer der, der für jene schrieb, die in seinen Romanen aufschienen. Die vermeintlich einfache Sprache, die zu wählen ein Wagnis und die zu beherrschen eine schweres Geschäft ist; die literarische Welt, die immer auch kleinbürgerlich war, bedrohlich, vom Erzähler humanistisch dargelegt und doch ausweglos, brutal, bös‘.

Der Menschenrechtler

Und dazu das Engagement Bölls, der über sein literarisches Wirken hinaus ja eine öffentliche Person war. Auf ganz andere Art als Grass, der der Politik Ratschläge gab, ging Böll daran, sein humanistisches Werk mit humanistischem Tun zu verbinden. Als Vorsitzender des „Verbandes deutscher Schriftsteller“ etwa, als engagierter Streiter für Menschenrechte und Demokratie. Auf Demonstrationen und Blockaden, als Beobachter und Berichterstatter. Das hat mich, der ich ja auch immer ein Aktivist war, eng mit ihm verbunden, enger als die schriftstellerische Arbeit.

Böll droht, trotz aller Preise, trotz aller Werke ein gelindes Vergessen. Es liegt an uns, es zu verhindern. In den Theatern, auf den Lesebühnen, in den Verlagen, die die Rechte haben. Wie nur wenige andere ist Böll, künstlerisch gewichtig, sprachgewaltig, ein Berichterstatter aus einem grauen Deutschland und von bleiernen Jahren. Wir müssen ihn uns bewahren, in dieser wiederum grauen, bleiernen Zeit.

 

Leander Sukov

Leander Sukov

Leander Sukov hat in Hamburg Volkswirtschaft studiert und war während des Studiums Geschäftsführer der Vereinigten Deutschen Studentenschaften. Bis zur Kanzlerschaft von Gerhard Schröder war er Mitglied der SPD. Er ist nun Mitglied der LINKEN. Sukov hat für eine Reihe von Printmedien als Theater- und Literaturkritiker gearbeitet und das Nachrichtenportal RedGlobe gegründet, welches er heute nicht mehr selbst betreibt.
Er ist hauptberuflich Schriftsteller und der Verlagsleiter der Kulturmaschinen-Verlages.
Zusammen mit anderen Journalisten und Autoren betreibt er die Rezensionswebsite Cultureglobe.de.

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