Merry Christmas Charlie Manson?

Sören Heim liest den Manson-Family-Roman The Girls von Emma Cline. Er nimmt das zum Anlass, eine ganz andere Lektüre für zwischen den Jahren zu empfehlen.

Filip Goč - Hippie - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Schade: Ich halte Katherine Mansfield ja für die vielleicht größte Schriftstellerin der Moderne (das ist sozusagen ein „generisches Femininum“, Schriftsteller sind mitgemeint und gleichermaßen auf die Plätze verwiesen). Mit ihren unglaublich dichten, dabei doch so leichten Erzählungen hat Mansfield empirisch die Überflüssigkeit des Romans zu allen anderen Zwecken als denen des reinen Zeitvertreibs bewiesen. Auf Augenhöhe befindet sich noch Virginia Woolf, die mit To the Lighthouse gezeigt hat, warum der Roman in Ausnahmefällen vielleicht doch noch seine ästhetische Berechtigung haben könnte. Danach klafft eine große Lücke.

Warum schade? Der Guardian bewarb Emma Clines The Girls als einen Roman, wie er von Mansfield geschrieben sein könnte. Das klingt wie ein Oxymoron im Konjunktiv Irrealis, aber eine solche Schimäre sollte doch wenigstens einen Blick wert sein. Leider hat Cline wenig von der unerreichbaren Mansfield, und auch ansonsten bleibt der Roman hinter den Werbeversprechen von Verlag und Feuilleton zurück.

Ausgesparte Ideologie

Mit der Mansonfamilie etwa hat The Girls höchstens am Rande zu tun. Alle zentralen Punkte der Ideologie werden ausgespart. Das wäre zu verschmerzen, True-Crime und Literatur finden selten vorteilhaft zusammen. Aber auch der breitere Strom der Ereignisse, die man eher euphemistisch als Hippie-Bewegung bezeichnet, kommt eigentlich nicht vor. Ideologisch, weil die Morde der Russel-Sekte als simpler Racheakt am Musiker Mitch, der Russel keinen Plattenvertrag verschafft, neu gedacht werden. Cline umschifft dabei die Frage, ob nicht doch mehr von Russel/Manson in den Sixties steckte, als man vielleicht wahrhaben wollte: Rassismus, Führerkult, krasser Sexismus bis hin zum Missbrauch, Übermenschenideologie und Verschwörungsdenken: All das beschreiben Didion, Wolfe und Perry in ihren zentralen Büchern über die Zeit zur Genüge; bei Cline kommt bis auf den Sexismus nichts davon vor. Es bleibt die generelle, nie genauer beleuchtete, verklärte Verrücktheit einer einzelnen charismatischen Sekte.

Dazu trägt bei, dass der Roman auch sprachlich nichts vom Sound des Beat und seiner Epigonen aufgesogen hat. Protagonistin Eveline (Evie) Boyd berichtet zwar zwischendurch mal:

Mein Leben hatte, seit ich Suzanne kennen gelernt hatte, schärfere und geheimnisvollere Konturen gewonnen, hatte eine Welt jenseits der bekannten Welt offenbart, den Geheimgang hinter dem Bücherregal. So ertappte ich mich dabei, dass ich einen Apfel aß und selbst der feuchte Bissen Dankbarkeit in mir hervorrufen konnte. Die Anordnung der Eichenblätter über mir verdichtete sich in glashausartiger Klarheit, Hinweise auf ein Rätsel, von dem ich nicht gewusst hatte, dass man sich an seiner Lösung versuchen konnte.

Und einen Acidtrip handelt sie eher lakonisch ab (überhaupt werden Acid und Speed ständig synonym gebraucht, was Erfahrungsberichten nach zu urteilen vor allem davon zeugt, dass die Erzählerin mit LSD nie in Berührung gekommen sein kann):

Mitch hatte ein bisschen Acid dagelassen, das er von einem Labor der Stanford University besorgt hatte. Donna vermischte es mit Orangensaft in Pappbechern, und wir tranken es zum Frühstück, sodass es uns vorkam, als surrten die Bäume vor Energie, die Schatten purpurn benetzt. Später fand ich es seltsam, einzusehen, wie leicht ich in alles híneingeriet. Wenn Drogen da waren, nahm ich sie. Man befand sich im Augenblick – als alles damals passierte. Wir konnten stundenlang über den Augenblick reden (…)

Doch jeder Versuch, das Lebensgefühl, das die Ersatzfamilie für die Erzählerin interessant gemacht hatte, tatsächlich herauszuarbeiten, fehlt.

Einfach geliebt werden wollen?

Aber gut: vielleicht wurde das Buch ja einfach in falscher Weise gehyped?

Diese Behauptung lässt sich jedoch nicht aufrechterhalten: Ein Roman über die Verlockungen der Sixties will The Girls ja offenkundig sein. Alle Protagonisten werden in irgendeiner Weise von dem „ganz Neuen“, das sich da entwickelt hat, aus der Bahn geworfen. Nur: Wie sich das angefüllt haben könnte, was eigentlich emotional wie geistig diesen unglaublichen Sog ausmachte, der Menschen dazu brachte, aus dem bürgerlichen Leben ernsthaft auszusteigen, Kinder dazu, von zuhause weg zu laufen und das System infrage zu stellen ohne, wie es bis dahin immer Usus gewesen war, dem wenigstens eine neue politische Vision entgegenzustellen, all das transportiert der Roman nun mal nicht.

Stattdessen: Geliebt werden wollen! Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografien der Frauen, die im Mittelpunkt des Romans stehen. Frau will geliebt werden: Von den Jungs in der Schule, von Vaterfiguren, von fremden Männern. Und würde fast alles dafür tun. Aus diesem Grund begeben sich die „Girls“ in die missbräuchlichen Beziehungen zu Russel und Mitch, aus diesem Grund schleppt die Mutter der Erzählerin immer neue wirklich unsäglich dumme Männer an, und in der nächsten Generation wiederholt Sasha, mit der Evie Bekanntschaft schließt, mit ihrem mindestens emotional gewalttätigen Boyfriend gewissermaßen das Muster der Erzählerin. Kann man sich vorstellen, dass Katherine Mansfield einen ganzen Roman mit solch eindimensionalen unterwürfigen Frauen bevölkert hätte? Wie vielschichtig, tief- und auch abgründig zeichnete Mansfield ihre ja auch meist weiblichen Hauptcharaktere doch auf einem Bruchteil des Platzes, den sich Cline genommen hat.

What would Catherine do?

Überhaupt, Mansfield: The Girls besteht eigentlich aus nur sieben Szenen (Rahmen I: Eveline erzählt Jugendlichen von der Kommunenzeit – Rückblende I : Hat Ärger mit Mutter und lernt Suzanne & Russel kennen – Rahmen II Sascha fragt Eveline aus – Rück II: Party mit Russel/Mitch, Hauseinbruch – Hausarest bei Vater – Flucht in Kommune/Morde – Rahmen III: Bewertung des Vergangenen ). Ich könnte mir vorstellen, unter den Fingern der vom Guardian beschworenen Mansfield wäre aus dem Text tatsächlich eine eindringliche dichte Erzählung geworden, 40-50 Buchseiten Maximum.

Aber gut: damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht lohnt, den Text zu lesen. Mansfield als Maßstab, diese Latte hat der Guardian einfach deutlich zu hoch gelegt. Als Coming of Age story mit Psychothriller-Elementen ist The Girls zumindest ein ziemlicher Pageturner und liest sich zugleich angenehm herunter. Meine Empfehlung für zwischen den Jahren: in Emma Clines The Girls einen Blick zu werfen, kann sicher nicht schaden. Unbedingter Lesebefehl aber für alle Noch-Ignoranten gilt für Katherine Mansfields The Garden Party and other short stories, die auf Englisch gemeinfrei zu haben sind. Auf Deutsch gibt es u.a. Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden sowie diverse andere Ausgaben.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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