Meer-Schwein für alle

Tina Schlegel verschafft ihrem Ärger über die einsame Glyphosat-Entscheidung des Herrn Schmidt Luft und empfiehlt dem (Noch-) Landwirtschaftsminister, sich ein Meerschweinchen zuzulegen

Bild (gemeinfrei): pixabay

Ach Herr Schmidt, Herr Schmidt, wohin nur mit Ihnen? Letzte Woche war es Christian Lindner, über den ich mich wunderte, nun sind es Sie, der verhindert, dass ich einfach meine Kolumne schreibe und eigentlich will ich doch über die Liebe … Aber das geht jetzt natürlich wieder nicht, wo Sie doch – was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ich bin böse! Aber ich will ehrlich sein: nicht erst seit Glyphosat. Dieses Wort, das wie eine Rauchwolke über uns hängt. Es gibt gewiss Minister der Herzen, Sie allerdings sind ein Minister der Schmerzen, zumindest für mich, ein Bauchschmerzen-Minister, ein Landwirtschaftsminister ohne „Land“ im Sinn. Eine „Entscheidung für sich“, sagten Sie diese Woche nach dem Glyphosat-Debakel – korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber Glyphosat wird nicht nur in Ihrem Garten … Also gestreut wird es schon überall, nicht wahr? Womöglich haben Sie sich nicht ideal ausgedrückt; mit dem freien – sprich unabhängigen – Denken ist es ja nicht so ganz weit her. Aber ich werde schon wieder zynisch, obwohl mir das gar nicht liegt, Sie wecken meine niedersten Instinkte. Tina, beruhige dich, sage ich mir.

Bananenschale im Weg

Geht nicht, schon muss ich an meinen ersten Krimi denken, an die Szene im Wald, als der Jäger zum Gejagten wird. Da haben die Gäste bei Lesungen den Atem angehalten. Fand ich gut. Da hätten Sie mal dabei sein sollen. Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja, Sie haben ja nicht nur bei Glyphosat einen eigenen Denkansatz. Den Rest des Jahres waren Sie ja vor allem damit beschäftigt, der Fleischlobby die Füße zu küssen. Schon anstrengend, also, so stelle ich es mir zumindest vor. Auch gar nicht leicht, wenn man dann auch noch beschimpft und verunglimpft wird als Leberkäs-Minister, aber mal Hand aufs Herz: Tun Ihnen die ganzen Schweine nicht auch ein wenig Leid? Ich stelle mir gerade vor, dass Sie nach Ihrem Glyphosat-„Einkauf“ doch ausrutschen auf dieser vermeintlichen „Privatentscheidung“ wie auf einer Bananenschale und fallen und zwar tief in einen Alptraum hinein und in einem Schweinemastbetrieb aufwachen. Dort ein halbes Jahr in einem viel zu engen Kasten vor sich hin vegetieren und dann auf einen Transporter verladen werden. Eng und stickig und grausam lang die Fahrt. Im Schlachthof müssen Sie dann einen Tag lang warten und zusehen wie 1000e andere dem Tod entgegengetrieben werden, bevor Sie dann auch in die Gasgrube versenkt und dort qualvoll betäubt werden (wie 30 Millionen andere Schweine jedes Jahr in Deutschland), um genau dann wieder das Bewusstsein zu erlangen, wenn Sie kopfüber an einem Haken hängen und aufgeschlitzt werden. Zappelnd ringen Sie dann mit dem Tod, bevor Sie endlich Schnitzel werden dürfen … Drastisch finden Sie das? Nun, vor ein paar Monaten fanden Sie das alles ganz in Ordnung. Aus der Sicht des Herren-Wesens. Und das Schwein gehört gebraten ja auch zu unserer Leitkultur.

Leitkulturen

Da sind aber auch Begriffe durcheinandergeraten in den letzten Jahren: Schweinefleisch und Leitkultur. Nie hätte ich gedacht, mal in einem Land aufzuwachen, wo diese beiden Begriffe etwas miteinander zu tun haben. Schweinebraten und Kultur. Jetzt also Glyphosat. Gehört das dann auch mal zur deutschen Leitkultur? Bestimmt, kriegt man sicher unter, müssen nur die Wissenschaftler etwas am guten Ruf arbeiten. Grad wackelt’s ja ein wenig mit dem guten Ruf. Da tauchen „plötzlich“ Videos von sterbenden Kühen und anderen Tieren auf, und dieses ganze Insektenzeug aber auch. Kann das nicht ohnehin alles weg? In China bestäuben sie doch auch von Hand … Ach so, dort sind aber auch mehr Menschen, stimmt, wir wären viel zu wenige, oder, hm, weshalb muss ich gerade an die vielen Flüchtlinge denken, die wir nicht wollen? Gemeinsam ist man vielleicht doch stärker? Ich bin schon wieder böse, ich merke es.

Tomaten für den Mond

Glyphosat, allein der Name klingt schon hässlich. Dieses Gift auf Raten also weitere fünf Jahre. Spannend. Vielleicht klären sich dann wichtige Fragen. Mal ist es nämlich krebserregend, mal wieder nicht, wobei das mit dem „krebserregend“ ja auch recht schwer zu diagnostizieren zu sein scheint. Da fällt mir der beliebte Satz buchstäblich vor die Füße: „Wir können zwar auf den Mond fliegen, aber …“ Manche Dinge gelingen scheinbar auch zahllosen Wissenschaftlern nicht. Allein wer mag schon ernsthaft an Bestechung denken? Nicht doch, bei einer so wichtigen Sache, die alle angeht und die das Leben unschuldiger Bürger betrifft? Von den vielen bedrohten Tierarten gar nicht erst anzufangen. Bestechung? Nie. Auch Sie, Herr Schmidt, werden in der Glyphosatfrage freilich im Sinne des Allgemeinwohls gehandelt haben, damit wir schön unser bildhübsches Gemüse in großen Mengen im Supermarkt bestaunen dürfen, bevor es zu Tonnen wieder auf die Müllkippe gefahren werden darf. Denn der wichtigste „Vorteil“ von Glyphosat ist ja, dass man noch mehr Ertrag erwirtschaften kann, so dass das Gemüse noch billiger wird. Komischerweise sind das dann auch solche Tomaten, die, wenn man sie mal im Gemüsekorb vergisst, nach drei Wochen immer noch gleich aussehen. Pfui Spinne. Die kann man dann höchstens noch auf den Mond schießen … Zurück zum Schwein, daran hänge ich schon sehr, Sie merken es, Herr Schmidt.

Glücksschweinchen

Wussten Sie eigentlich, dass das Schwein ein Glückssymbol ist? Noch nie zu Silvester ein Schweinchen geschenkt bekommen? Doch, doch, Schweine bringen Glück, wenn man sie nicht gerade in die Pfanne haut. Schizophren eigentlich, dass gerade wir in Deutschland das Glücksschwein so hochhängen, wo wir es doch ständig in die Pfanne hauen. Ich hätte da immer Angst, dass auf dem Herd vor mir mein Glück zerbrutzelt. Aber ich bin ja auch ein empfindsames Seelchen, nicht so hart gerüstet und gepolstert wie Sie, Herr Schmidt. Dennoch glaube ich, dass es jetzt ein wenig eng wird für Sie. Denn es wird Sie wundern, aber ganz dumm sind die Menschen hierzulande dann auch wieder nicht. Behäbig und bequem bis zum Abwinken, aber irgendwann kommt doch der Moment, wo der innere Schweinehund einfach überwunden wird. Schon wieder ein „Schwein“.

Wissen Sie, was auch sehr hübsche Tiere sind? Meerschweinchen. Putzig, wenn sie mit ihren kleinen Füßchen durch die Gegend rennen. Sehr süß, wenn sie auf einer Gurke knabbern und kuschlig sind sie obendrein. Auch sie werden allerdings gegessen. Argentinien liebt Meerschweinchen in allen Variationen und isst – wie  wir – gern Schwein am Spieß. Dort ist das erwachsene Meerschweinchen am Spieß nur etwas kleiner als unser Spanferkel, was soll’s, kann man ja Schweinchen am Stiel nennen. Ich nehme an, für Sie ist das genauso in Ordnung, Hauptsache: Schwein.

Ein bisschen Meer geht immer

Die Frage ist, wie geht es weiter? Sie haben gestern die Fleischlobby, die gewiss zu den einflussreichsten gehört, heute nun die Chemielobby bedient. Käme noch die Waffenlobby dazu, wäre das das große Trio. Ich will nicht unken, aber Gelegenheit böte sich durchaus. Trump und Kim Jong-un freuen sich bestimmt. Ich wäre an Ihrer Stelle so clever, beide zu bedienen, unbemerkt, erstens bringt es doppelt Kasse, zweitens löst es vielleicht zwei Probleme auf einen Streich, aber halt, verflixt, Sie sind ja Landwirtschaftsminister, das wird schwer. Obwohl, Ihnen fällt bestimmt was ein, vielleicht wechseln Sie ja den Ministerposten in der neuen Regierung. Oder Sie liefern gefrorenes Schweinefleisch und Katapulte nach Nordkorea, die können dann damit testen, wie weit Sie schießen können. Aber halt, ich wollte doch nicht wieder zynisch …

Meerschweine gibt es übrigens auch in groß, das wird Sie vielleicht interessieren. Sie heißen Capybara (Wasserschwein), leben in Südamerika und werden bis zu 50 Kilogramm schwer. Sie sind außerordentlich drollig, aber ich muss zugeben, dass ich ohnehin eine Schwäche für Vierbeiner habe. Meer-Schwein klingt außerdem so schön nach Urlaubs-Glück. Und wer einmal gesehen hat, wie Schweine im karibischen Meer schwimmen, wie sie dort durch das Wasser jagen und lachen dabei, der wird nie wieder eines essen. Ja, Herr Schmidt, vielleicht brauchen Sie einfach ein Schwein für sich. Ein Meerschwein … Eines zum Liebhaben, täglich Füttern und Versorgen und Streicheln. Das lehrt Verantwortung und Mitgefühl und trägt zur Persönlichkeitsbildung bei. Nur zu, versuchen Sie es!

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin

Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr.

Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken

Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch?

Tina Schlegel im Netz

Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden.
Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

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