Marvel’s „The Punisher“ oder der demontierte Racheporno

Gastbeitrag von Fred Gröger zur Entstehungsgeschichte der Netflix-Serie „The Punisher“ … Verfilmung (2004) mit Thomas Jane in der Hauptrolle und John Travolta als Mafiaboss-Gegenspieler ist übrigens auch nicht schlecht

Bild (gemeinfrei): pixabay

Wenn man über Comic-Charaktere schreibt, die teilweise schon seit über 40 Jahren oder länger existieren, kommt man oft nicht daran vorbei, über die naiven Wurzeln zu berichten, die heute teilweise in den schrittweise erwachsener gewordenen Interpretationen und Adaptionen noch immer  eine gewichtige Rolle spielen.

Wer nie etwas von „The Punisher“ gelesen, gesehen oder gehört hat: Schon bei der Entstehung im Jahr 1974 wurde er nicht als „Held“ entwickelt, sondern er wurde als Gegenspieler für eine „Spider-Man“-Story eingeführt.

Der Idee nach war er ein Produkt der damaligen Zeit, denn in den 1970ern hatte ein Filmgenre einen Höhenflug, das ich bewusst abfällig als „Racheporno“ bezeichne. Ob „Dirty Harry“ (1971), „Death Wish“ (Ein Mann sieht rot, 1974) oder „McQ“ (ebenfalls 1974), in diesem Jahrzehnt gab es einen bemerkenswerten Anstieg an Filmen, die sowohl überzogene Gewalt, als auch das propagierte Mittel der Selbstjustiz entgegen aller Gesetze verherrlichte.

Daher ist es schon eine natürliche Entwicklung, dass auch in die damals noch sehr zahmen und bunten Bilder der Marvel-Comics ein „Rächer“ Einzug hielt, der diesem populären Bild entsprach.

Die Entstehungsgeschichte des „Punisher“, übersetzt ungefähr „Bestrafer“, ist deshalb auch denkbar schlicht gestrickt und passt zum „Racheporno“:

Ein hochdekorierter Marine auf Heimaturlaub geht mit seiner Frau und seinen Kindern zum Picknick in den Central Park, wo sie in eine Schießerei einer Mafia-Fraktion geraten und die Familie des Soldaten auf einen Schlag ausgelöscht wird. Anschließend begibt sich Frank Castle, der Marine, auf einen Rachefeldzug gegen „das Verbrechen“, der nicht mit der Tötung der Mörder seiner Familie endet, sondern immer weiter läuft und eine Blutspur hinter sich herzieht.

Wäre der „Punisher“ für einen Film entwickelt worden, wäre er vermutlich wie die Charaktere aus „Dirty Harry“ und „Death Wish“ zu einem typischen Vertreter des „Racheporno“ mit 5-6 schlechter werdenden Fortsetzungen geworden.

Der Antiheld für den Helden der Geschichte

Aber er wurde für „Superheldencomics“ konzipiert. Und das  Superheldengenre der „kostümierten Nachtwächter“ hat ein Problem, wenn die „grundguten Jungs“, sich wie immer in Spandexklamotten auf edle Weise mit den „abgrundtiefbösen Jungs“ um die Stadt prügeln, dann aber jemand auftaucht, der mit brutalerer und tödlicher Gewalt nicht mehr dem „Codex der köstumierten Verbrechenskämpfer“ folgt.

Daher war der „Punisher“ erst nur als Schurke für den sauberen „Spider-Man“ gedacht, der – nachdem er seinen geliebten Onkel Ben durch ein sinnloses Verbrechen verlor – zwar auch auf einem Selbstjustiztrip war, dies aber gezielt mit dem Spruch seines Onkels „Aus großer Macht folgtgroße Verantwortung“ eher in ein moralisch eingeschränktes Handeln umsetzen konnte. „Bisschen verprügeln, niemals töten, die Verbrecher werden der Polizei übergeben.“ Das typische Motto fast aller damaligen Comic-Superhelden.

Und hier bekamen die Auftritte des „Punisher“ über die Jahrzehnte oft die Funktion, dass sich Superhelden wie „Spider-Man“, aber auch in ganz besonderem Maße „Daredevil“, durch den Zusammenprall mit dem mordenden Antihelden selbst definieren konnten. Für „Daredevil“ der in
den Comics der 1980er durch Frank Miller eine Neuinterpretation als getriebener Held erhielt, der an sich selbst zweifelte, war der „Punisher“ wie ein Blick in einen blutverschmierten Spiegel.

Auch in der Netflix-Marvel-Serie „Daredevil“ wurde der „Punisher“ zu einem Zeitpunkt eingeführt, an dem der blinde Titelheld, der in seiner „normalen Identität“ ein Strafverteidiger und zur Gewaltlosigkeit erzogene Sohn eines ermordeten Preisboxers ist, sich immer mehr eingestehen musste, dass er einen Hang zur Gewalt hat, der durch das nächtliche Verprügeln von „Schurken“ verhängnisvoll stärker wurde. („Daredevil“ rennt im Verlauf der Serie immer wieder als Katholik zur Beichte, sieht selbst die Gewalt seiner nächtlichen Verbrechens-bekämpfung als „Sünde“).

In diesem Moment des Zweifels an den eigenen Methoden der Selbstjustiz konnte der heldenhafte „Daredevil“ sich dann mit dem antiheldenhaften „Punisher“ quer über Hausdächer prügeln und sich über den Schrei „Ich bin nicht so wie du!“ wieder als Held und Beschützer mit moralischen Grenzen definieren.

Solo für den „Bestrafer“ beginnt als gewaltverherrlichender Racheporno

Hier kommt ein Problem. Der Einstieg in die Handlung der alleinstehenden Serie beginnt mit den Elementen der Gewaltverherrlichung eines „Rachepornos“. Bereits in der ersten Episode erhält der „Antiheld“ Frank, der versucht, als Bauarbeiter unter falschem Namen unterzutauchen, mal wieder die Gelegenheit, äußerst brutal mit einem Vorschlaghammer auf böse Schurken einzudreschen und sie zu entsorgen.

Hier sorgten die Autoren dafür, dass alle Mordopfer von Frank möglichst in jeder Nuance als die „absolut Bösen“ dargestellt werden und dem Zuschauer, trotz absolut verrohter Gewalt, ein Gefühl von scheinbarer „Gerechtigkeit der Selbstjustiz“ vermittelt wird. Das ist leider der Standardtrick, der auch immer im „Racheporno“ vorgeführt wurde und wird: Egal wie ekelhaft und überzogen die Gewalt des Protagonisten ist, solange man das Opfer der Rache als noch böser und verkommener zeigt, wird der Zuschauer den Mord und die Quälerei des Schurken als verdiente „Gerechtigkeit“ empfinden. Die Frage, ob der vemeintliche Held nicht an irgendeinem Punkt der ausgeübten Gewalt eine unnötige Grenz-überschreitung begeht, wird durch die Faszination des primitiven, visuell miterlebten Blutrausches, ins gedankliche Nirgendwo verschoben.

Idealismus als Leuchtfeuer und Rettungsanker in einer amoralischen Geschichte

Die Autoren, die „Frank Castle“, den „Punisher“, für Netflix tauglich gemacht haben, hatten schon etwas an seiner Entstehungsgeschichte geschraubt.

Zwar wurden auch hier seine Ehefrau und Kinder von Mafiosi ermordet, im Hintergrund lauerte aber eine düstere Verschwörung, die etwas mit seiner Vergangenheit als Elite-Soldat zu tun hat. Im Vordergrund der Handlung steht ein rätselhaftes Video, das die Ermordung eines afghanischen  Polizisten bei einem Verhör durch einen CIA-Agenten, umgeben von maskierten US-Soldaten, zeigt. Nach gezeigter und angedeuteter Folter wird der Polizist auf Befehl von einem der Soldaten ohne Zögern mit einem Kopfschuss hingerichtet.

Die „wahren Helden“ der Story sind eine idealistische „Homeland Security“-Agentin, die selbst afghanische Wurzeln hat und aus sehr persönlichen Gründen versucht die Ermordung des afghanischen Polizisten, der eine Familie hinterlässt, aufzuklären, ein untergetauchter „Whistleblower“, der ihr dieses Video ursprünglich zukommen ließ und der Soldat, der das Video heimlich drehte.

Frühzeitig wird klar, dass Frank Castle alias „The Punisher“ irgendetwas mit der Ermordung zu tun hat, oder etwas darüber weiß, aber das ist dann eben die Story, die man hier nicht verraten darf.

Im Kern bleibt hier nämlich wieder das Prinzip, dass sich der Antiheld im Vergleich zu den Helden befindet, die dem Zuschauer eine Alternative zur nihilistischen Einstellung von Frank Castle bieten.

To be Frank

In den 13 Stunden von „Marvel`s The Punisher“ wird in der Nebenhandlung auch ein psychologisches Trauma ausgedrückt, das bis tief in die aktuelle Stimmung der US-Gesellschaft reicht. Die Illusion des sauberen und heldenhaften Krieges zerfällt, wie auch schon in der VietnamÄra (aus der die Figur des Frank Castle ironischerweise ursprünglich stammt), durch die Traumatisierung von Soldaten, die oft nicht nur körperlich versehrt, sondern auch psychisch überlastet aus den eben doch nicht sauberen Kriegen zurückkehren.

Das Motiv der Rückblenden, die vorher eher nur die Ermordung von Frank Castles Familie als bewegendes Trauma zeigten, wird hier ausgebaut und der Zuschauer bekommt eine leise Ahnung davon, wie zerstört Frank schon vorher war. Auch hier bleibt es bewusst ambivalent: In einem Flashback schnauzt er seinen Sohn dafür an, weil er ein rassistisches Schimpfwort für all die Afghanen benutzt, die sein Dad getötet hat, in anderen Flashbacks zeigt sich in Gesprächen mit zweifelnden kämpfenden Kameraden, dass Castle leider kein Problem mit Unrecht in einem dreckigen Krieg hatte.

Der Kampf um die Erkenntnis, dass Krieg schmutzig ist und schmutzige Folgen hat, wird in der Serie auch auf zwei Nebenschauplätze verlagert: eine Selbsthilfegruppe für Veteranen und eine moderne Söldnerfirma, die zynisch um Ex-Soldaten wirbt. Einer der kleinen Höhepunkte ist hier, wenn der Leiter der Selbsthilfegruppe und der befreunde Besitzer des Söldnerunternehmens um die Seele eines eindeutig traumatisierten Veteranen kämpfen, der nicht mit mehr mit dem Leben in einer friedlichen Welt zurecht kommt.

Dazwischen hängt ungewollt Frank Castle, der es mit beiden Seiten zu tun bekommt. In das Gefühlsleben von Frank wird der Zuschauer nur bruchstückhaft hineingelassen, es wird vieles angedeutet, aber letztlich zeigt sich nur in gewisser Deutlichkeit, dass er sich intensiver vom Trauma der ermordeten Familie motiviert fühlt, bei jeder Gelegenheit über seine Gefühle und Traumata mit anderen Charakteren zu reden, aber mit einem abblockenden Rückzug auf Distanz geht. Das mag für viele Zuschauer platt wirken, wird jedoch von den Drehbuchautoren gut in Dialoge umgesetzt und von „Punisher“-Darsteller Jon Bernthal überzeugend gespielt. Er ist mit seinem physischen Erscheinungsbild und der brutalen Mimik die Idealbesetzung für den groben verrohten „Krieger“.

Die Demontage des Rachefeldzuges

Es ist schwierig darüber zu schreiben, ohne wesentliche Aspekte der Handlung vorab zu verraten, aber der aufmerksame Zuschauer wird beim Erlebnis dieser neuartigen Adaption des blutigen Rächers „The Punisher“ geschickt mit etwas konfrontiert, das normalerweise im Racheporno-Genre so nicht vorkommt. Wenn er nämlich genau darauf achtet, wer Castle ist und wie seine Vergangenheit hier präsentiert wird, ist er, nach der Logik des vermeintlich gerechtfertigten Mordens aus Rache, selbst ein potentielles Ziel eines solchen Feldzuges.

Er war in dieser Version schon lange vor der Ermordung seiner Familie selbst ein Täter. Die sonst oft in solchen Rachegeschichten konstruierte Geschichte vom Opfer, das ein Recht hat, die Peiniger seiner Vergangenheit gnadenlos auszulöschen, wird geschickt ad absurdum geführt, wenn man die vorangegangenen Taten des „Rächers“ selbst beachtet.

Die Helden der Story bleiben andere Charaktere, die sich tatsächlich um Recht und Gerechtigkeit bemühen, aber der „Punisher“ wird auch hier tatsächlich nur als „halbsympathischer“ Antiheld demaskiert, der zwar oft von der Korruption der Zielpersonen seiner Rache redet, aber doch, trotz diverser Gelegenheiten zum Ausstieg, längst selbst zugelassen hat, dass er selbst korrumpiert wurde.

Er ist nicht wesentlich besser als viele der „namenlosen Schergen“, die er im Verlauf der Handlung „stilvoll und beeindruckend“ als „Kampfmaschine“ niedermetzelt. Das wird dem Zuschauer von Frank Castle selbst unter die Nase gerieben, sobald er Aussagen über die von ihm begangenen Taten trifft.

Leider wird dieser geschickte Kniff, der diese Adaption außergewöhnlich clever für eine plumpe Rachegeschichte macht, wohl in der Blutlache der gut gefilmten, aber gewaltverherrlichenden Coolness der Actionsequenzen, jämmerlich ersaufen.

Nichtsdestotrotz sehenswert, wenn man keine Probleme mit teilweise verstörender Gewalt hat. Freunden der Selbstjustiz- und Racheporno-Thriller würde ich diese Serie sogar sehr ans Herz legen, aber sie sollten ruhig auch mal länger darüber nachdenken.

Fred Groeger

Fred Groeger

Fred Groeger,
1976 im damaligen Westberlin geboren, dort aufgewachsen und trotz intensiver Versuche des Fernbleibens auch zur Schule gegangen, hat kein Problem damit, sich auch den schlechtesten Film anzusehen und anschließend darüber zu reden oder zu schreiben.
Kinobesuche mit ihm entpuppen sich kurz nach Verlassen des Kinosaals als Tortur, da man seinen unvermeidlichen Ausführungen folgen muss.

Wenn er nicht gerade auf die Leinwand oder den Bildschirm starrt, übt sich Fred in fernöstlichen Kampfkünsten oder genießt lange Strandspaziergänge um die Krumme Lanke, die aber dann doch recht kurz werden, da die Krumme Lanke gar nicht sehr viel Strand zu bieten hat.

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