Drei Augenblicke mit Joan Crawford

Mit meinen Hommagen an Filmdiven will ich ergründen, was uns für sie schwärmen, von ihnen träumen läßt. Es sind weniger ihre Schönheit oder Schauspielkunst, denn die liegen in den Augen der Betrachter… Es ist etwas viel Intimeres – sie rühren uns an: unsere Sehnsüchte? Ja sicher – auch. Aber ich glaube sie rühren unsere Tristesse an, unsere Enttäuschungen, denen sie mit ihrem Glamour Linderung verschaffen. Hier sind meine drei Augenblicke der Linderung mit Joan Crawford…

Joan Crawford mit ihrem Sohn Christopher gemeinfrei

Wenn gar nichts mehr hilft gegen Depression und Verzweifelung, nicht einmal mal mehr ein Film mit Marlene Dietrich, die mich schon trösten konnte – und mußte – als ich 13 war….aber je älter ich werde, desto mehr wird selbst sie zum Ritual der Entrücktheit…wenn also nur noch wenige alte Filme helfen (junge schon gar nicht), dann ist die letzte Zuflucht, die es ja sowieso nur im Kino gibt, bloß noch bei Joan Crawford.

Mit drei Augenblicken – und das Augenblicken war Joan Crawfords Essenz, ihre Blicke waren so wie die Titan versengenden Blicke von Superman – hilft sie mir noch einmal durchzuhalten. Durchhalten, ja – die meisten ihrer Filme waren nämlich keine Liebesgeschichten (das täuschten sie nur vor und man nannte sie verächtlich „women´s films“) es waren Kriegs- und Durchhaltefilme. Filme von der Front der Gefühle. Und nur eine kam davon…

Und sollten Joans Filme nicht mehr funktionieren, mir beim davonkommen zu helfen, dann müßte ich verzweifeln, denn dann gibt es keine anderen Hilfsmittel mehr um zu überleben.

„Harriett Craig“

Ich will von meinen Geschichten mit diesen drei Augenblicken in drei Filmen erzählen – und man sollte diese Filme in eben dieser Reihenfolge anschauen, dann bereift man überhaupt alles, was zwischen Niederlage, Happy End und Überleben geschieht.

Wie uns ein Buch von ihrer Tochter („Mommie Dearest“) gezeigt hat, war Joan Crawford eben nicht die Verkörperung aufopferungsvoller Mütterlichkeit, als die sie uns in dem Film für den sie ihren einzigen Oscar bekommen hat, „Mildred Pierce“, präsentiert wird. Die Geschichte einer betrogenen Ehefrau, die alles tut, um ihre beiden Töchter durchzubringen, die sich unter größten Verlusten für sie aufopfert und sogar bereit ist, die Schuld und Strafe für einen Mord auf sich zu nehmen, den ihre ältere Tochter begangen hat. Ein Tearjerker, ein Tränenzieher, der schwülstigen Mutterliebe.

Eine Rolle aber die Crawfords tatsächlichem, gar nicht mütterlichen, Charakter näher kam – (gemessen an ihr waren die Diven Marlene Dietrich und Mae West Ikonen der Mütterlichkeit) – war die der „Harriet Craig“ (1950).

Verführerinnen, Salonschlangen, Vamps. All das hatte Crawford seit 1925, als sie mit gerade mal 20 zum Film kam, bereits gespielt. Dies war ihre erste durch und durch böse Rolle. Man kann aber Harriet Craig nur böse nennen, wenn man das verlogene Ideal der Mütterlichkeit und des Hausfrauendaseins für natürlich und richtig hält.

Harriet Craig spielt so lange dieses Haben oder Sein-Spiel mit, bis sie es selbst glaubt. Sie führt ihrem Mann eine blitzblanke, gediegene Villa. Repräsentiert als dekorative Frau an seiner Seite, schuftet sich krumm, um alles was sie hat, perfekt wirken zu lassen – was sie hat sind Villa und Kleider und Mann. Der amerikanische Traum! Dessen Rückseite aber besteht aus der permanenten Angst, zu versagen, nicht halten zu können, was man besitzt – auch den Mann, den sie zu halten versucht, indem sie ihm alles recht machen will und ihn damit auch terrorisiert –am meisten aber sich selbst. Putzwahn und Herrschsucht sind beide Seiten einer Medaille.

Harriett vergrätzt alle Freunde, schafft das perfekte, einsam-sterile „schöner Wohnen“, und verzweifelt bis zum Wutausbruch ob des schief liegenden Sofakissens. Sie hat schon als Kind gelernt, daß eine Frau zwar alles tun muß, um den Mann zu halten, ihn aber auch überwachen, damit er nicht fremdgeht, so wie es bei ihren Eltern geschehen ist. Sie hat gelernt, daß Liebe Anstrengung bedeutet und das Gegenteil von Freiheit. So kommt es jedoch, daß am Ende nicht Nora ihren herrischen Helmer verläßt, um rein und allein zu sein – es ist Harriets Gatte, der geht, weil sie nicht frei sein kann.

Jetzt kommt Crawfords großer Augenblick, die in ihrer Karriere bis dahin zahlreiche denkwürdige Momente hatte – aber es waren Hollywoodmomente, kaum der Wirklichkeit abgeschaut. Dieser hier entspricht auch dem Leben der Diva:

Sie kanzelt ihren Mann, der ihr Vorträge über Liebe und Lieblosigkeit hält, kalt und klar ab – es ist wie das Kratzen manikürter Fingernägel auf Schiefer; Joan-Harriet verkündigt ihre Lebensweisheit: „Männer wollen Liebe, Frauen wollen Sicherheit!“

Dieser Satz stellt alle Sentimentalitäten des Melodrams in Frage. Aber er bestätigt auch – interessanterweise, ich muß es Euch doch sagen, Birgit Kelles Gesänge von der Mütterlichkeit; an Liebe ist Frau Kelle nicht interessiert, genauso wie Harriet Craig, sondern an den Aktien, an der Reputation, am Einfluß des Gatten und an dem Neid, den sie damit bei den Nachbarn und den sogenannten Freunden erweckt.

Als ich diesen Satz als Teenager, der sich in diesen Film verirrt hatte, auf dem Originaltonsendeplatz eines Dritten Programes zu später Stunde hörte – und Crawford hatte die dazu notwendige schneidige Stimme der tiefsten Enttäuschung – zuckte ich zusammen. Von da war ich verloren für die angeblichen Besorgnisse meiner Mutter um mein Leben und ihre sentimentalen Wünsche, daß es mir einmal besser ergehen sollte als den Eltern, denn auch sie trichterte mir ein: „Das wichtigste im Leben ist Sicherheit!“

Es mochte sogar stimmen für die darbende Nachkriegszeit als sie so alt gewesen war wie ich, da ich „Harriett Craig“ zum ersten Mal sah…. Schlagartig wurde mir klar, was das hieß: „Männer wollen Liebe, Frauen wollen Sicherheit“ – die Mißachtung der Liebe, des Abenteuers, der Nähe, der Zärtlichkeit und der Lebendigkeit.

Die letzte Einstellung zeigt Harriet Craig in ihrer gestylten und auf Hochglanz geputzten Wohnung. Sie ist ein Möbel unter Möbeln – hochpreisig und braucht nichts anderes als das Staubtuch und ein wenig Politur – um zu Glänzen.

„Männer wollen Liebe, Frauen wollen Sicherheit“ hieß auch – es gibt keine Liebe. Sie ist höchstens ein Zahlungsmittel und damit muß man geizen. Das habe ich von da an geglaubt – das Haben kommt vor dem Sein. Wenn Du nur etwas bist, bist du nichts! Wenn Du was hast, ist es was anderes! Wie konnte ich Kind nur Illusionen übers Leben haben? Mit Illusionen mußte ich, nach den Maßstäben von Harriet Craig und meiner Mutter, scheitern. Solche Mütter prägen ihre Kinder aufs Scheitern, wenn sie auch Stein und Bein schwören das Beste zu wollen (wie Joan Crawford in ihren Mutterrollen). – Ja es geht ihnen schon ums Beste, sie wollen es haben, das Beste ihrer Kinder…ihre Träume ihre Hoffnungen, ihre Liebe.

Jetzt zeige ich noch mal mit dem nackten Finger auf Birgit Kelle. Ihr jüngstes Buch „Muttertier“ ist eine einzige Lügen-Fuge über: „Männer wollen Liebe, Frauen wollen Sicherheit“. – Dabei konnte Joan Crawford/Harriett Craig nicht ahnen, daß mal eine deutsche Autorin gerade darüber schreiben sollte.

Hab ich schon gesagt, daß meine Mutter zuweilen ihr Haar trug wie Joan Crawford? Daß sie, wenn sie sich zurecht machte, was selten geschah – ganz abgesehen davon, daß sie kein Make-Up auflegte, sondern sich bloß verächtlich schminkte – ein wenig aussah wie die mittelalte Joan Crawford mit dem überbetonten, harten Mund und den hohen Brauen, die die Bazookas ihrer Augen dramatisierten?

„Johnny Guitar“

Der zweite unvergessene Augenblick mit Joan Crawford hat auch, wie könnte es bei ihr anders sein, mit Sicherheit zu tun. Er findet sich in „Johnny Guitar“ jenem Antiwestern; Antiwestern weil hier Männer zwar mit-, aber kaum eine Rolle spielen. Der Western, nicht wahr? – ist eigentlich ein Männergenre, in dem sich die Männer, weil sie sich so fürchten einander zu umarmen, statt mit Sperma mit Blei beschießen. Auch im Western gibt es die Tradition, daß Frauen Sicherheit wollen, das Heim ausstatten und als „Schullehrerinnen“ arbeiten – also mit Betonung auf „Schule“, denn Lehrerinnen der Liebe sind sie höchstens als lockere Saloonprostituierte…. Aber die Prärienutten kriegen nie ihren Mann oder müssen vorher in Schönheit sterben wie Marlene Dietrich in „Destry Rides Again“(1939, von George Stevens)) oder „Rancho Notorious“ (1952 von Fritz Lang).

Dietrich spielte übrigens in drei Western – Crawford in nur einem. Denn Crawford paßte nicht in Ställe oder auf Kuhkoppeln. Sie konnte sich nur in der Großstadt entfalten, nicht zwischen Jauche und Hillbilly.

Deshalb gründet sie in „Johnny Guitar“ als Saloonbesitzerin Vienna (den Namen einer der europäischen Hauptstädte des 19.Jahrhunderts tragend) eine ganze Stadt of her own, um den größtmöglichen Profit aus einer Bahnlinie herauszuschlagen. Dabei geht sie nicht gerade zimperlich mit den Ranchern der Gegend um, die Verlegung der Schienen zu ihrem Etablissement würde direkt durch deren Besitz führen, und das hieße Zäune, Stacheldraht, Einschränkung der Viehherden und der männlichen Freiheiten; keine Abenteuer mehr mit den Kumpeln am nächtlichen Lagerfeuer. Es droht also ein Farmerkrieg, und den glauben die Rancher schon zu gewinnen weil Vienna ja bloß eine Frau ist.

Vienna aber, wie uns einer ihrer Angestellten in die Kamera versichert, steht ihren Mann wie ein ganzer Kerl – mit kurzem Haar, in schwarzen Jeans und mit dem Colt an der Hüfte. Sie würde sich gewiß allein behaupten, aber da sie eine Frau ist, die alles will, versucht sie auch noch emotionalen Mehrwert aus der Auseinandersetzung zu schlagen. Vienna bestellt den Revolverhelden Johnny Guitar, mit dem sie einmal liiert war, als Gunman in ihre Stadt. Offenbar ist Johnny inzwischen sanft geworden, ein wenig heruntergekommen und kann jeden Dollar gebrauchen. So kommt er denn an – die Revolver in der Satteltasche, und nicht unter seinem echten Namen Johnny Logan, sondern als Spielmann, als friedlicher Gitarrenzupfer „Johnny Guitar“.

Vienna hat sich die Wartezeit vertrieben mit einem etwas zwielichtigen aber charmanten Schurken, dem tanzenden Kid, und beim Streit mit ihrer Nachbarin Emma Small (der Name sagt schon alles), um Bahnland und die erotischen Gefälligkeiten des Dancing Kid. Emma Small ist rasend eifersüchtig, denn Vienna hat skrupellosen Erfolg im Geschäft und bei Männern.

Als Emma der hochgeschlossene Kragen platzt, taucht sie mit ihren Cowboys in Viennas Saloon auf. Wir lernen so das ganze Ensemble des Filmes kennen – und es kommt zu einer brenzligen Situation, nicht nur zwischen Vienna und Emma sondern auch zwischen Johnny und dem Dancing Kid.

Regisseur Nicholas Ray hat sie Szene wie auf einer Bühne choreographiert. Vienna: mit dem Rücken zum Saloon an der Theke, auf der Johnny seine Gitarre abgelegt hat. Johnny fragt Kid, was es denn mit seinem Namen auf sich habe: „Können Sie tanzen, Dancing Kid?“

Kid spottet zurück. „Können Sie spielen, Johnny Guitar?“

Da geschieht eines der Wunder filmischer Erzählung, ganz kurz, und nur wer ein Herz hat wird den Moment nicht verpassen – und Ihr, da Ihr dies jetzt lest, auch nicht mehr.

Die Kamera erfaßt halbtotal Vienna von vorn. Ihr gleitet ein siegsicheres Lächeln über die markanten Crawfordlippen. Sie ergreift in einer einzigen Bewegung das Instrument, hebt es ohne nach hinten zu blicken über Kopf und ist sich sicher, daß es dort Johnny in Empfang nehmen wird. Keine verfehlte Geste, keine Saite reißt. Und auch Johnny, wie in einer einzigen Bewegung, die zwei Menschen braucht, um vollendet zu werden, ergreift die Gitarre und beginnt zu spielen.

Joan dreht sich noch immer nicht um und ihr Gesicht und das Lied von „Johnny Guitar“ sind eins, eine Synästhesie siegsicherer Liebe: Ja, er liebt mich noch immer, ich habe ihn wieder! (Das Lied „Johnny Guitar“ von Peggy Lee ist ein Höhepunkt des romantischen und des Westernfilms) – Haben oder Sein!

In der nächsten Szene – sie spielt nachts im leeren Lokal, da weder Johnny noch Vienna schlafen können, hat die Saloonschefin das Kostüm gewechselt. Statt schwarzer Hosen trägt sie einen Samtumhang, violett wie die Nacht. Sie erklärt Johnny, was in den Jahren, seit er sie verlassen hat, geschehen ist. Daß sie bitter und reich geworden ist – und was sie das gekostet hat.

Für jeden Nagel und jede Planke im Saloon hat sie zahlen müssen und wir verstehen: es hat sie mehr gekostet als Geld. Haben oder Sein. – Da endlich erbarmt sich der Abenteurer, der´s eben im Leben nicht geschafft hat wie Vienna, und schließt sie in die Arme.

Und jetzt sagt Joan Crawford – und es läuft einem durch Mark und Bein, wie sie es sagt, aber nur wenn man selber immerfort vergeblich darauf wartet, umarmt zu werden: „Why did it take you so long?“

Jetzt hat sie auch ihn – endlich! „Auch“ sage ich „auch ihn“ – sie hat ja schon alles andere… Männer wollen Liebe – Frauen wollen Sicherheit.

Der Film hat noch sehr schöne Enqueten. Vienna gibt sich sogar vordergründig fraulich. Im weißen Satinkleid, hochgeschlossen, spielt sie herzrührend auf dem Flügel. Sie entwickelt sogar etwas wie Mütterlichkeit, wenn sie einem sterbenden jungen Cowboy, der sie anhimmelt, den Tod erleichtert. Und sie wird beinahe so rein und unschuldig wie ihr weißes Kleid, gehängt. Natürlich entkommt sie und löst die verwickelte Geschichte: ihr reißt am Ende der Geduldsfaden und sie erschießt die Megäre Emma Small. Zwei Frauen, die mit den sechsschüssigen Westernpenissen genauso zielsicher umgehen können wie die Männer. Nicht umsonst bescheinigte Francois Truffaut in seiner Hymne auf diesen Film, der damals fast 50jährigen Joan Crawford, immer männlicher zu wirken.

Am Schluß müssen Vienna, die leicht angeschossen wurde, und Johnny noch durch einen reinwaschenden Wasserfall und küssen sich in der letzten Szene, wie sich das zu gehören scheint. Vienna ist beträchtlich kleiner als ihr Johnny, der nicht zum Schuß gekommen ist. Aber der aktivere Part ist eindeutig Joan Crawford – sie küßt ihn.

Ja, man kann – hat mir dieser Film so hartnäckig wie seine Hauptfigur vorgelogen (und dafür sei beiden gedankt) – man kann den Mann kriegen, den man will. Dafür sind ja Filme gemacht worden, daß sie uns über die Wirklichkeit belügen. Und in der Nacht, nachdem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, habe ich ohne Zweifel im Halbschlaf geseufzt: „Why did it take you so long to come bak?“ Aber ich wachte auf vor der Umarmung und mein Bett war leer wie zuvor.

Das war mein zweiter Augenblick mit Joan Crawford. Ich könnte noch viele Konnotationen dieses schönen Farbfilms anreißen … eigentlich war Joan Crawford eine Schwarz-Weiß-Schönheit und in Technicolor wäre sie enttäuschend gewesen. Aber das konnte sich die Filmfirma Republic nicht leisten (also, weder die Enttäuschung, noch Technicolor), sondern nur ein Billigfarbverfahren, das sehr künstliche Pasteltöne zeitigte und aus dem Western einen delirierenden Traum von Western machte – and these colours were very becoming – jedenfalls für die nicht mehr ganz junge Joan Crawford.

Im Übrigen ist das Happy End ist unwichtig…wichtig ist einzig der kurze Moment mit dem Gitarrenschwung und das Lächeln der liebessicheren Joan.

L´ affaire est dans le sac. Affäre heißt ja auch Geschäft. Aber daß das Paar happily ever after leben würde, down on the farm…das wollen und können wir uns gar nicht vorstellen. Wie das ausgehen könnte, das hat uns eine andere Diva, eine höchsttalentierte junge Kinobestie (hach, „ein junger Film“, ich gesteh´s, ab und zu auch mal was Junges…Ich bin ja Gott sei Dank inkonsequent) Yavier Doulon in „Tom at the Farm“ (2013) gezeigt. Mit der Diva Xavier beschäftige ich mich ein anderes Mal. Dessen Film endet in Mord und Totschlag und wieder enttäuschter Liebe. Immerhin ist diese kanadische Regiekanaille von einer wild-dramatischen Schönheit wie Joan Crawford und genauso talentiert in der Darstellung entbehrter und verweigerter Liebe. Geht hin und guckt…

„Sudden Fear“

Zwischen „Harriet Craig“ und „Johnny Guitar“, drehte Joan Crawford einen Thriller, „Sudden Fear“ (1952), ein Film, der schon die Keime legte für die Terror- und Horrorfilme wie „What ever happend to Baby Jane“ oder „Straight Jacket“ am Ende ihrer Karriere, als ihre strenge Schönheit der Enttäuschung und des schließlich vergeblichen Durchhaltens, sich ins Grausame verwandelte..

In „Sudden Fear“ spielt sie die höchst erfolgreiche Bühnenautorin Myra, so alt wie sie selbst, nämlich Mitte Vierzig – die für jeden Aktschluß, jedes Bonmot, die ihr glückten, vielleicht eben soviel bezahlen mußte, wie Vienna für die Nägel und Planken in ihrem Saloon. Sie ist reich und berühmt und wie sich das für erfolgreiche Frauen im Hollywoodfilm jener Zeit gehört, einsam aber wenigstens attraktiv. Ihre Jugend hat sie Vater Freud geopfert und ihn bis zum Tode begleitet und gepflegt…habe ich Freud gesagt? Verzeihung, es war ein ebensolcher Versprecher.

Wir wissen also was die Klimakteriumsstunde geschlagen hat, als sie auf einer Broadwayprobe ihres neusten Stückes das Gefühl hat – tatsächlich ist es ist Kalkül, weil sie genau weiß, was auf dem Theater richtig ist, damit ihre Stücke reüssieren – das Gefühl also, wie sie meint, daß ein Schauspieler nicht ganz der Richtige für die männliche Hauptrolle ist. Jack Palance, dieser wunderbar Häßliche, ist recht gekränkt und rauscht unter Flüchen ab.

Umbesetzt wird das Stück ein Knaller und die erschöpft-erfolgreiche Myra fährt mit dem Zug durchs ganze Land an die Westküste, weil sie es haßt, zu fliegen. Und, quel hazard, begegnet dem weit jüngeren, so attraktiv-häßlichen, Jack Palance im Abteil erster Klasse. Sie nähern sich an, sie pokern – denn Poker hat sie auch mit ihrem Vater gespielt – und gewonnen. Stud-Poker spielen sie –was für ein Wortspiel, das die Zensur damals gar nicht kapierte: sie spielen um den Hengst.

Es kommt wie es drehbuchtechnisch kommen muß: im Aussichtswagen bei sternenklarer Nacht beglücken die beiden sich mit Shakespearezitaten. Als sie in San Francisco ankommen sind sie ein Paar. Sie heiraten bald; er kann alle Ehegeschicke so lenken, daß seine Gattin sich hoch versichern läßt und ihm alles vererben wird.

Aber quel bizarre hazard – es ist eben ein Hazard-Spiel – entdeckt Myra, daß alles nur Intrige ist. Tatsächlich sind Liebe, Zuneigung und Sex, den sie wohl in ihrem Alter zum ersten Mal hatte, ausgeklügelt arrangiert gewesen. Sie ist in eine Falle getappt – und erfährt entsetzt, daß ihr Göttergatte sie verunglücken lassen will, damit er erbt; natürlich.

Aber wie das alles der Polizei erzählen – es wäre zu erniedrigend – und würde die das glauben? Dem zärtlich-intriganten Gatten die Intrige beweisen ist unmöglich, denn das Paar scheint doch so glücklich und er so verliebt. Die einzige Möglichkeit, seinen Mörderklauen zu entkommen, ist selbst zu morden. Und da sich Myra auf Dramaturgie und Effekte als Bühnenautorin versteht, legt sie einen Plan auf, der sich gewaschen hat. Präzise wie ein Uhrwerk, das man im Vorspann des Filmes ticken sieht, muß er ablaufen, der Plan.

Wie sie diesen Plan realisiert, das zeigt der Film in einer zehnminütigen Sequenz ohne Dialog. Was wir sehen und mitempfinden sind eben doch nicht so kaltblütige Präzision und fast das Scheitern am Gewissen, halbherzige Reue und obsiegend-gerechte Abscheu. Es ist zu kompliziert das im Einzelnen auseinanderzuklamüsern – da ist das erzählende Bild selbst meinen Worten über; und das will schon was heiße! Bestellt ihn Euch übers Internet, seht ihn selbst, den 65 Jahre alten Film – so zerreißend-spannend wie ein Hitchcock, den der Meister nicht gemacht hat.

Ich habe ihn einmal morgens (und danach noch zwei Dutzend Male) morgens um drei nach einem sehr feuchtem Abend mit zwei Kamerakollegen und einem Cutter vorgeführt, die dabei wieder nüchtern geworden sind, so spannend war das – sage keiner alte Schätzchen wären bloß alte Schätzchen – es sind Trouvaillen.

Und warum ist „Sudden Fear“ so spannend? Herrschaftszeiten: Diese stummen zehn Minuten sind der Triumph des Gesichtes von Joan Crawford, der Triumph über enttäuschte Liebe, Seelenmord und sogar das Altern. Da merkt man, daß Crawford schon im Stummfilm angefangen hat, sie muß nicht reden wie die Statisten in deutschen Fernsehfilmen. Alles, aber auch alles, spielt sich in ihrem Gesicht, zwischen ihrem Mund und ihren unvergleichlichen Augen ab. Diese Augen starren, stieren, weinen, sie beobachten, zögern, siegen und glänzen. Glänzen…ob sie nun zwanzig ist oder 45, eine Frau oder wie man seit jener Zeit tuschelnd in Hollywood manchmal meinte, vielleicht ein verkappter Mann – Joan Crawford gelingt mit den Augen alles: Liebe, Enttäuschung, Angst, Rache und Wut, der stumme Schmerzensschrei nach Vergeltung, der Wille zum Überleben und zur Selbstbehauptung.

Man kann, sagten mir diese Augen, verweigerte und enttäuschte Liebe überleben … wenngleich die Blicke auch (wie in den späteren Filmen der Crawford) schier wahnsinniger, nein, wahnseliger, werden…

Natürlich ist Myra im Finale des Filmes in Todesgefahr – aber durch einige weitere Zufälle passiert es, daß nicht sie das Opfer ihres untreuen Mannes wird, sondern dessen neue Geliebte: er fährt diese Geliebte über den Haufen und sich selbst vor die Wand. Es gibt Gerechtigkeit im Filmhimmel.

Als wären jene zehn schweigenden Gesichtsminuten, man hört einzig einige Geräusche und musikalische Akzente, nicht schon die Apotheose ihres Gesichtes gewesen – erleben wir jetzt die Krönung. Nach den gewaltsamen Toden ihrer Widersacher weicht das Entsetzen aus Joan Crawfords Gesicht im Morgengrauen während die Sonne über San Francisco aufgeht. Sie zieht sich das weiße Seidentuch, das Gegenteil eines Unschuldssymbols vom Kopf – sie mußte es für ihren Plan tragen – und schüttelt mit dem befreiten Haar die Last dieser Nacht ab und erhebt das Kinn, die Stirn, das ganze Gesicht straff ins Morgenlicht und geht ohne Illusionen und ohne Liebe, niemand wird ihr vorwerfen können, sie sei schuld am Tode des Mannes, als Siegerin von der Walstatt.

Sein oder Haben. Nun geht es ums Sein und es war der Mann, der behauptete: Frauen wollen Liebe, Männer wollen Sicherheit. Dafür kam er auch bei der skrupellosen Verfolgung seiner Ziele um.

Senkt die Fahnen!

Drei Augenblicke mit Joan Crawford! Gestatten Sie Herr Kracauer, daß ich mir Ihre Worte über Asta Nielsen, die auch fast nur mit den Augen spielte, borge? „Senkt die Fahnen vor ihr, denn sie ist unvergleichlich und unerreicht!“

Drei Augenblicke, in denen ich gelernt habe, daß Liebe eine Illusion, wenn auch eine Notwendigkeit ist – also eine notwendige Illusion – daß Liebe immer etwas mit „Haben oder Sein“ zu tun hat, immer mehr Verlust ist als Gewinn, daß Frauen womöglich härter sein können und müssen als Männer – denn alle Männer in diesen Filmen sind nicht besonders anziehend und gefühlvoll. Eher sentimental und verbrecherisch. Ach, alle Männer die man lieben möchte, sind Verbrecher – jedenfalls die, denen ich begegnet bin. Und weil ich Joan Crawford in diesen drei Augenblicken begegnet, bin kann ich das aus Überzeugung sagen.

Da haben wir sie – die Gefühlslektionen in (!!!) und im Kino…für das Leben. Ist doch klar, was ich wählen würde, wenn ich mich zwischen dem Leben und der Liebe entscheiden müßte! Noch nicht einmal für die Liee – Für das Kino natürlich, denn das ist, ich weiß es inzwischen – auch dank Joan Crawford – das einzig wahre Leben.

Und wenn Ihr über Joan was wissen wollt, guckt nicht in Wikipedia rein – schaut euch ihre Filme an, der Mensch würde euch womöglich enttäuschen.

Joan Crawford starb vor 40 Jahren im Mai 1977

 

 

 

 

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