Das neu-konspirative Weltverständnis

Axel Weiss über Methodik und Wahnwitz alternativer Fakten und deren Wirkung.


Über die Bedrohung der Demokratie durch irrationale und unwissenschaftliche Weltbilder.

Nichts geht über die Vernunft. Gerade heute und besonders im Lande des großen Immanuel Kant. Aber da war doch was? Ziemlich aktuell, in den letzten Jahren …

Die Ereignisse jener letzten Jahre zeigen, dass postfaktische Phänomene die Zukunft moderner Gesellschaften auf eine gefährliche Weise verändern könnten. Wir müssen uns klarer positionieren gegen die allgegenwärtigen fake-Schleudern und den Troll-Journalismus im Netz – es geht möglicherweise bereits um das Überleben der Demokratie.

Wenn Rechtspopulisten beispielsweise ernsthaft von einem ‚Bevölkerungsaustausch‘ in unserem Lande daherfabulieren und dann auch noch erhebliche Wahlerfolge verzeichnen können, spricht das eine deutliche und alarmierende Sprache. Die Gefährlichkeit jener radikalen Vereinfacher wird vielerorts noch immer massiv unterschätzt. Die Tatsache, dass viele etwas annehmen oder glauben (wollen), wird leider zunehmend mit der vermeintlichen Richtigkeit jener Vorstellungen verwechselt. Ob radikaler Impfgegner, irrationaler Wissenschaftsfeind oder kategorischer Systemhasser bis hin zum politischen Gewalthetzer – verschwörungsmystische Konzepte und Varianten sind oft durchaus breit angelegt und benötigen dringend mehr offene Auseinandersetzung und intelligente Gegenwehr in der Rezeption unserer Gesellschaft anstatt der großen medialen Bühne, die sie derzeit genießen dürfen.

Die Wissenschaft – und hier besonders die Politikwissenschaft – lässt sich heute offenbar immer leichtfertiger in Frage stellen. Dabei ist die Absurdität vieler postfaktischer Parolen offensichtlich. Sollten subjektive Annahmen tatsächlich wissenschaftliche Studien ersetzen können, dann könnten wir letztlich auch über chirurgische Methoden oder lebensrettende technische Prozesse und Zusammenhänge abstimmen lassen. Das will verständlicherweise niemand. Dass vermeintlich richtige Entscheidungen auf Grund falscher Grundannahmen allerdings auch konkret wirken, also zu Krankheit und Tod führen können, stellt für die meisten Luxusdurchblicker offenbar kein grundsätzliches Hindernis für das leichtfertige Spiel mit ihren abenteuerlichen Thesen dar. Spätestens auf dem Operationstisch wünscht man sich dann doch wissenschaftliche Expertise ohne wenn und aber – grundsätzliche Widersprüche im eigenen ‚System‘ wie diesen nimmt man einfach hin.

Postfaktisches und Methoden

Nicht nur die Ansprechpartner typisch postfaktischer Argumentationen sind mit allerlei Halbwahrheiten und schwarz-weißer Denkmalerei recht zufrieden – dieses Problem betrifft viele, gerade auch politisch denkende Menschen. Schnelle Lösungsangebote kommen der menschlichen Neigung entgegen, auch schnell und oberflächlich zu rezipieren – und dann etwas vermeintlich besser zu verstehen. Das verhilft dem Einzelnen, der sich in einer rasant komplexer werdenden Welt zunehmend ausgeliefert und orientierungslos fühlt, zu einer Art neuen Heimat. Man versteht die Welt dadurch ein bisschen mehr, dass sie einfacher gemacht wird als sie ist. Da bietet sich manchem Verunsicherten die Idee geheimer Strippenzieher und Schuldprojektionen geradezu an, um den als schmerzhaft empfundenen Kontrollverlust und die beschämende Hilflosigkeit der eigenen Person besser zu ertragen. Man könnte das Phänomen der neu-konspirativen Neigungen aufgrund der Vielfalt und Unübersichtlichkeit der modernen Medieninhalte fast als Reaktion auf eine kollektive narzisstische Kränkung interpretieren. Schließlich weiß tatsächlich niemand, wie das alles angesichts der globalen Problemgebirge noch ohne größere Katastrophen weitergehen soll. Verbreitetes Nicht- oder Falschwissen schützt allerdings auch nicht vor dem verbreiteten Gefühl des Ausgeliefertseins in unserer aktuellen Welt. Im Gegenteil – es reduziert unsere Chancen rechtzeitige Korrekturen und wichtige Innovationen einzuleiten erheblich.

Was Gekränkte aber sicher nicht weiterbringt, ist das Benennen von Sündenböcken, die mit der Misere gar nichts zu tun haben – davon profitieren weder sie noch das Land oder das ‚System‘. Wissenschaftler, Journalisten, Ausländer und Flüchtlinge sind nicht dafür verantwortlich zu machen, wie sich Menschen fühlen, die sich vernachlässigt sehen. Dass eine wirkliche Vernachlässigung aber die politische Agenda mitbestimmt und man mit vielem anders und politisch verantwortungsvoller umgehen müsste, ist dadurch andererseits auch nicht in Frage zu stellen. Die Verwechslung jener beider Sphären hilft niemanden. Auch die vielen politischen Fehler, die in der jüngeren Vergangenheit gemacht worden sind, entbinden nicht von der demokratischen Notwendigkeit zu einer verantwortungsorientierten und menschenfreundlichen Haltung gegenüber seinen Mitmenschen – ganz egal, wie jene aussehen oder woher sie kommen mögen.

Fake-Katastrophen beginnen schon im kleinen – subjektiv wie objektiv. Sensationelle Meldungen machen nun mal mehr her, emotional beim Konsumenten wie ökonomisch bei den medialen Lieferanten. Eine Nachricht, die angesichts der zunehmenden Gewöhnung an globale Niedergänge noch in der Lage ist, ihre Empfänger aufzuwecken oder gar zu verstören, geht heute gerne auch mal ‚viral‘ durch die Netzwerke – allein dieser Begriff verdeutlicht die ansteckende Wirkung. Ob sie dann tatsächlich auch wahr ist oder nicht, ist dabei zunächst nicht so entscheidend – zumindest für einseitig zugeneigte Interessenten. Sie ist vor allem und erst einmal faszinierender als alle möglichen späteren Dementis ihrer selbst. Auch wenn solche Klarstellungen dann relativ zeitnah in der Öffentlichkeit erscheinen sollten (notfalls gar per Gerichtsbeschluss), ist es für deren neutralisierende Wirkung dann meist zu spät. Die persönliche Meinungsbildung wird kaum noch in Frage gestellt. Schließlich hat man in der Regel von sich selbst ein gutes bis kompetentes Bild und ist mittlerweile längst bei einem ganz neuen, vielleicht noch verführerischen Objekt des medialen Verlangens angekommen. Dass es sich bei den Informationen zur eigenen Meinungsbildung um gezielte Desinformation bis hin zur offensichtlichen Lüge handeln könnte, wird verständlicherweise lieber verdrängt als objektiv (und selbstkritisch) untersucht.

Die penetrante Wiederholung ist dabei eine der wirkungsvollsten Techniken, die populistischen und propagandistischen Lügen scheinbare Akzeptanz verleiht. Die konkreten Beispiele in der letzten Zeit sind eindeutig, man muss dazu nicht mal autoritäre rechte Fake-Großmeister und Demokratiefeinde wie Trump und Erdogan bemühen – populistische bis radikale neurechte Publizisten (eine komplette Liste derer und ihrer Medienverquickungen würde diesen Beitrag erheblich ausweiten) und auch ihre wutbürgerlichen Multiplikatoren in Deutschland beherrschen diese Technik offensichtlich immer perfider.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die vermeintliche Sinnstiftung hinter solchen Entwürfen. Sie verleiht jenen von der unspektakulären Wissenschaft entwurzelten Gemütern die Fähigkeit, sich die Welt so zurechtzubasteln, wie sie sie nun mal viel lieber hätten – eine Welt, in der sie selbst nicht so unbedeutend und wirkungslos sind. Dazu benötigt man passende Feindbilder. Leider ist hier neben individualpsychologischen Aspekten auch ein sehr problematisches Menschenbild versteckt, in dem das (uneingeweihte) Individuum per se für unmündig erklärt wird, ihm also die immanente Fähigkeit, selbst über Wahrheit und Lüge entscheiden zu können, abgesprochen wird. Stattdessen müssen viele eher leichtgläubige Menschen, die den offiziellen ‚Lügen‘ glauben, von der alternativen Wahrheit überzeugt werden. Das hat missionarische und hochmanipulative Züge und mit einer neutralen Wahrheitssuche nichts zu tun.
Die Welt ist nun mal kompliziert. Verschwörungsgläubige suchen aber gerne nach einer überschaubaren Erklärung für alles, auch wenn die Wirklichkeit für monokausale Zusammenhänge viel zu komplex ist. Und man sollte selbstverständlich nicht übersehen, dass Verschwörungserzählungen offenbar zunächst auch einen gewissen Halt geben können, zumal ja auch nicht alles gänzlich falsch sein muss, was in dieser oftmals ganz lustigen Interpretationsmaschinerie landet.

Das psychologische Problem ist wohl etwas anders gelagert. Eine solche, den anderen Mitbürgern aufgenötigte Selbstentmündigung bei gleichzeitiger Reduktion auf ein hermetisch geschlossenes Weltbild wirkt nicht nur individualpsychologisch, sondern auch in der äußeren, der politischen Wirklichkeit. Der verhängnisvolle Prozess einer weiteren Generierung und Manifestierung gezielter Falschmeldungen kann dadurch in Zukunft noch deutlich befeuert werden. Durch den massenhaften Einsatz bewusst gestreuter Zwecklügen können auch demokratische Willensbildungsprozesse zentral beeinflusst werden – allein das sollte uns genügen, diesen Problemkreis kritischer als bisher zu betrachten und ihm effizienter zu begegnen. Wenn dann auch noch bewusst eingesetzte Hass- und Hetzmanipulation dazukommt, wie es seit langem im Internet zu beobachten ist, wird das unselige Gebräu richtig gefährlich bzw. kann nicht mehr nur als Privatsache bzw. -meinung abgetan werden.

Faktenresistenz, Echokammern, Filterblasen

Ist das faktenresistente Weltbild erst einmal abgesteckt, lässt es sich relativ leicht im Außen manifestieren. Automatisch gesteuerte Filterblasen in den sozialen Netzwerken und das oberflächliche Horten von allem, was zur eigenen Theorie passt, verdrängen die ursprüngliche und natürliche menschliche  Unsicherheit gegenüber der großen Welt, die durch aberwitzige Globalisierungsvorgänge immer kleiner zu werden scheint. Die Echokammern der sozialen Netzwerke zeigen irgendwann dann nur noch gleichgesinnte Inhalte, die in diesem Teufelskreis dann leider auch als Bestätigung des eigenen dogmatischen Denkens fungieren können. Der verwirrende, unbequeme Rest der Realität lässt sich entweder ignorieren oder im eigenen Sinne umdeuten. Nie zuvor gab es eine solche Informationsvielfalt wie jetzt (bei gleichzeitiger algorithmischer Vorselektion der Informationen).

Die nüchtern-sachliche Argumentation wissenschaftlicher Autoren und Kommentatoren langweilt quasi-spirituell Erleuchtete angesichts der bequemen Auswahl vermeintlich attraktiverer Entwürfe. Politische Wissenschaft wird zunehmend als besserwisserisch oder realitätsfremd empfunden. Dieser früher benutzte Kompass durch die Medienlabyrinthe wird jetzt häufiger als falsch justierter, ewig gestriger Werkzeugkasten von ‚denen da oben‘ betrachtet, mit dem ‚Eliten‘ das Bewusstsein der ‚Massen‘ steuern bzw. manipulieren. Die schleichend radikale, kategorische Ablehnung der traditionellen Qualitätsmedien und ein diffuser Hass auf das ‚Establishment‘ können vorübergehend eine gewisse therapeutische Linderung in Aussicht stellen, sozusagen als symptomatisch wirkendes Medikament, um Zugang zur möglichen Heilung in diesem Dilemma postmoderner Existenz zu erlangen. Diese seltsame Haltung gegenüber dem Mitbürger, der damit in einer unkritischen Masse verschwinden soll, ist zugleich aber auch eine immanente Abwertung desselben.

So wird es zur beunruhigenden und zur demokratiebedrohenden Wirklichkeit, dass meinungsbasierte und meist gänzlich unwissenschaftliche Welterklärungen in so vielen einseitigen Netzvorträgen und schnell zusammengeschnipselten Onlinefilmchen die gewissenhafte Arbeit und jahrzehntelange Erfahrung gestandener Qualitätslektorate in ihrer Glaubwürdigkeit und Kompetenz zu übertreffen scheinen. Ein radikal eingeschränktes Urteilen in den Filterblasen setzt der intellektuellen Neutralität enorm zu. Die damit einhergehende Unterstellung, dass sich professionelle Journalisten sozusagen ‚von oben‘ vorschreiben lassen würden, was sie inhaltlich zu veröffentlichen haben, ist naiv und zeugt von gänzlicher Ahnungslosigkeit bzgl. des täglichen Arbeitslebens in Verlagen bzw. Lektoraten.

Postfaktische Gurus haben mit konspirationsaffinen Menschen, ob schlau oder weniger schlau, ob links oder rechts, ein zunehmend leichtes Spiel. Menschen, die nicht in ihr Schema passen, werden irgendwann zum Feindbild erklärt und herabgewürdigt. Meistens erscheint es den auf diese Weise betroffenen Verunglimpften dann auch nicht mehr besonders sinnvoll und angemessen, trotz allem immer noch den konstruktiven und argumentativen Austausch zu suchen und damit vielleicht das Schlimmste zu verhindern – das Abtauchen in sektenähnliche Sphären mit einer eigenen geistig-moralischen Währung und einer alternativen Pseudowirklichkeit.

Mit schematischen Feindbildern setzen viele Konspirative der ‚Lügenpresse‘ eine gefühlte ‘alternative’ Wahrheitsfindung entgegen. Rechtsgerichtete Gruppen und Parteien wie Pegida und AfD sowie neurechte Magazine und Blogs wie ‚Compact‘, ‚Kopp Verlag‘, ‚Junge Freiheit‘, ‚Klagemauer TV‘, ‚Sezession‘ usw. verfolgen die gleichen Ziele wie ‚KenFM‘ und ‚RT Deutsch‘ etc. (die sich selbst gerne auf der linken Seite des politischen Spektrums verorten aber eindeutig neurechte Weltbilder vertreten – Jebsen tritt z. B. öffentlich unter Elsässers unsäglichem Querfront Magazin ‚Compact‘ auf). Dazu gehört ein beunruhigender Neonationalismus, ausgedrückt unter anderem durch eine irritierende Bewunderung gegenüber autoritären Kräften (je nach politischer Richtungsperspektive, die bei Bedarf auch schnell ins Gegenteil umschlagen kann) sowie das gefährliche Geschäftsmodell einer tiefen Spaltung Europas. Zu allem Übel gesellt sich längst ein anachronistisches verfestigtes Feindbild zwischen den ehemaligen Blöcken des Westens und Ostens dazu, das seinen Ausdruck z. B. in einer gefährlichen Toleranz gegenüber autoritären Strukturen findet, solange diese ins eigene ideologische Weltbild passen. In gnadenlosen Monologen wird öffentlich darüber schwadroniert, dass Massenmedien die willfährigen Kontrollinstrumente der Eliten seien, dass die ‚Terrorlüge 9/11‘ inszeniert gewesen sei, dass die deutsche Politik sowieso komplett fremdgesteuert sei. ‚Alles Lügen‘, ‚alles inszeniert‘, ‚alles‘ läuft demzufolge auf den dritten Weltkrieg hinaus etc. etc. etc. Das Geschwurbel kennt kein Ende.

Der substantielle Unterschied zwischen vielen neurechten Gruppierungen und anderen Verschwörungserzählern ist nicht groß (wie auch immer sie sich selbst außen etikettieren mögen), die Gefährlichkeit jener groben und feindbildorientierten Parolen wächst mit der Zunahme des politischen Erfolgs von Populisten – und das weltweit. Das Bedienen von beliebten einseitigen Klischees und gemeinsame Feindbegriffe wie ‚Merkel muss weg‘, ‚Volksbetrug‘ / ‚Volksverräter‘, ‚Nato Kriegstreiber‘, ‚Systempresse‘ / ‚Lügenpresse‘ bis hin zur ‚Bundesrepublik Deutschland GmbH‘ zeigen eine erschreckende Einseitigkeit, Irrationalität und politische Naivität. Gleichzeitig sonnen sich die medial erfolgreichen und versierten Manipulateure im Ruhm des Internets und der Bewunderung ihrer Anhänger.

Diese willkommene Hilfe freut den clever-skrupellosen russischen Präsidenten genauso wie seinen grotesk-narzisstischen US-amerikanischen Kollegen (der dem ersteren noch immer eine seltsam unkritische Bewunderung erweist) – schließlich unterstützen solcherlei Konspirativkräfte in Deutschland deren autoritären Nationalismus und ihre spalterische Anti-Europa-Politik in willkommener Einheit und Einfalt. Zweifellos sind beide Seiten noch immer imperialistisch orientiert und damit erheblich an der katastrophalen Entwicklung im Nahen Osten beteiligt – erst die Bomben der USA im Irak, jetzt die Bomben Russlands in Syrien. Und selbstverständlich dienen diese Feindbilder letztlich vor allem den großen Spaltern -mittelfristig wäre die weitaus bessere Prophylaxe für den globalen Frieden selbstredend eine zweckorientierte Annäherung beider Blöcke, also eine konstruktive Zusammenarbeit und Entideologisierung auf beiden bzw. allen Seiten.
Natürlich wäre es für die Welt wesentlich gesünder und dem Frieden förderlicher, wenn man eine Annäherung beider Blöcke durch eine realistischere Einschätzung derer gemeinsamen Interessen unterstützen würde anstelle ein neuaufgelegtes Ost-West-Blockdenken zu befeuern, das stets eine Seite verharmlost und die andere übermäßig diabolisiert. Es ist ja offensichtlich, dass beide Großmächte oft genug leider auch eine menschlich rücksichtslose Imperialpolitik betreiben. Eine subjektive, von den eigenen Filtern vorgeprägte Analyse hilft dagegen niemandem, sie verschlimmert nur das Grundproblem der Gefahren für die Demokratie.
Würde man die ungeheuren Rüstungsaufwendungen tatsächlich in echte Kriegs – und Terrorverhinderungsprojekte stecken, wie z. B. eine nachhaltige Entwicklungshilfe, Schulen und Krankenhäuser in den Krisenregionen des Nahen Ostens und in Afrika, hätte man eine zukunftsfähige Vision von Humanität und Klugheit im transnationalen Politikgeschehen vorzuweisen. Gleichzeitig würde man damit die künftigen Migrationsbewegungen in jenen Ländern langfristig positiv beeinflussen und den Opfern von Kriegs- und Klientelpolitik eine Zukunftschance in ihren eigenen Ländern geben. Das würde nicht nur unserem Gewissen helfen, sondern auch unserer Sicherheit dienen. Den globalen Terror wird man auf Dauer wohl nur mit dem Austrocknen der entsprechenden Geldquellen und dem Aufbau von vernünftigen Infrastrukturen in den Herkunftsregionen bekämpfen können.

Im Gegensatz zu früher gibt es heute leider immer mehr auffällige Gemeinsamkeiten zwischen den linken und rechten Enden der politischen Denkangebote. Bezeichnend ist das grundsätzliche Misstrauen vieler Konspirativer gegenüber der ‚Mainstream‘-Presse im Austausch mit dem nahezu kritiklosen Glauben an selbstgewählte Internetquellen, die vorgeblich in irgendeiner mysteriösen, bislang unbekannten Tiefe recherchiert haben wollen. Je weniger die Gläubigen einer geplanten Medienverschwörung mit der Realität jenseits ihrer neu- und selbstgewählten Medialität in Berührung kommen, desto besser und nachhaltiger funktioniert das vermeintlich alternative System.
Das Internet liefert dafür schließlich das perfekte Instrument. Wenn man es möchte, findet man dort jegliche Wahrheitsalternative und kann sich damit gut gegen Kritik von außen wappnen. Die für eine Demokratie so entscheidende sachliche Debatte und Auseinandersetzung auf der rationalen Ebene entzieht sich auf diese Weise Stück für Stück. Ein vernunftorientierter Zugang zu diesen hermetisch abgeschlossenen Glaubensgemeinschaften von außen wird – ähnlich anderen Sekten – auf diese Art und Weise nahezu verschlossen.

Intelligenzfalle

Selbstverständlich ist nicht alles nur negativ an einer konspirativen Grundhaltung. Die an sich zu begrüßende kritische Reflektionsfähigkeit, der journalistischen Mehrheit zumindest das gleiche Misstrauen entgegen zu bringen wie den unzähligen und scheinbar neuen Internetquellen, könnte man grundsätzlich auch als potentiell hilfreich einschätzen. Gelegentlich kann das dadurch beförderte Denken in Alternativen auch Neues und bislang Unterbewertetes hervorbringen. Und man darf den Massenmedien schließlich auch nicht alles glauben bzw. abnehmen, sollte also selbstverständlich auch diesbezüglich stets kritisch bleiben. Mit der Flut jener über das Netz konsumierten und erheblich vereinfachenden sowie leider oft auch radikalen Erweckungsrufen sollte man dann aber bitte mindestens genauso kritisch verfahren.

Hier schnappt manchmal wohl auch die sogenannte ‚Intelligenzfalle‘ zu (ein Begriff, der von dem britischen Psychologen und Kognitionswissenschaftler Edward de Bono geprägt wurde). Man kennt diesen Ansatz aus der Kreativitätsforschung, allerdings mit der umgekehrten Zielsetzung. Die Grundidee: viele durchaus oder gar besonders intelligente Menschen sind oft Gefangene falscher bzw. ungeprüfter Ansichten. Wer längere Zeit ein falsches bzw. destruktives Denken einübt, wird irgendwann zu einem erfahrenen und erfolgreichen Falschdenker. Wer sehr intelligent ist, argumentiert meist auch sehr geschickt und kommt daher schnell zu guten Ergebnissen. Andere widerlegen zu können, bringt zudem Erfolg und zeigt für viele so etwas wie geistige Überlegenheit. Wer kritisch oder destruktiv vorgeht, hat aufgrund der Reaktion seiner Umwelt möglicherweise auch mehr Erfolg – und Spaß an seiner Intelligenz – als ein konstruktiver Erneuerer (dessen Ideen sich in der Regel nur sehr mühsam umsetzen lassen, wie die Geschichte zeigt). Und schließlich: wenn man weiß, dass man sein Gegenüber vom eigenen Standpunkt überzeugen kann, warum sollte man dann ein Thema noch weiter gründlich untersuchen bzw. weitere Alternativen zum Vergleich überprüfen?

Es mag erstaunlich klingen, aber ein professioneller Kreativer und Querdenker kann auf vergleichbare Weise strategisch durchaus etwas Neues schaffen. Er gibt sich naturgemäß nicht mit Standardansätzen zufrieden. Wenn diese ausreichen würden, hätte man ihn ja nicht benötigt. Er sucht also prinzipiell nach Alternativen, auch nach zunächst ganz ungewöhnlichen, ohne diese jedoch frühzeitig einzuordnen oder zu bewerten. Mit einer oft abwegig erscheinenden Idee erzeugt der geübte Kreative dann die erwünschte Wirkung und verblüfft sein Gegenüber, um dessen Denken ebenfalls in ungewohnte Bahnen zu lenken. Und tatsächlich ist es ja nur ein anderer Blickwinkel, der uns stets überraschende Möglichkeiten in origineller Hinsicht eröffnet.
Nur gibt es da einen ganz entscheidenden Unterschied: das Ziel eines Kreativprofis ist nicht die manipulative Verdrehung der Wirklichkeit, sondern deren Bereicherung durch neue und konstruktive Lösungsansätze (außer in der manipulativen Werbung, aber wer nimmt die noch ernsthaft ernst?). Kreativkönner trauen sich grundsätzlich selbst nicht und prüfen daher alle oft hart erarbeiteten Entwürfe entsprechend objektiv und selbstkritisch. Erst wenn so viele Alternativen wie möglich vorliegen und sie miteinander verglichen werden können, kann man sicher sein, auch die beste Lösung gefunden zu haben.
Das ist allerdings ein völlig anderes Vorgehen als das der meisten konspirativen Welterklärer, auch wenn es im ersten Moment ähnlich lustig, spannend und vielversprechend aussieht. Vielleicht liegt darin ja ein gewisser Reiz für den heutigen Agitator und Verschwörungsfan, der bei diesem Vergleich allerdings auf halbem Wege stehen bleibt, was dann eben fatale Folgen für die Wahrheit hat – und verdientermaßen auch für seine Glaubwürdigkeit. Denn der kreative Profi rückt nach der Ideensuche seine wilden und frei-assoziativen Ideen anschließend rational wieder zurecht, um zu einer brauchbaren Auswahl und optimierten Zielformulierung zu kommen – der Verschwörungsmystiker nicht, er bleibt bei seinem Unsinn.

Metakritik und self fulfilling prophecy

Es fällt manchen Wutbürgern heute offenbar sehr schwer, sich vorstellen zu können, dass die da oben es nicht immer nur böse meinen und dass jene legitim Gewählten durch realpolitische Notwendigkeiten oft gezwungen sind, schwere bzw. schwer erklärbare Kompromisse einzugehen, um das ganze gesellschaftsfreundliche und demokratische Basisprojekt überhaupt noch am Leben zu erhalten.
Angesichts der eigenen Machtlosigkeitsempfindung werden Details oft schnell zum Indiz – die leicht auszumachenden Fehlleistungen der verachteten ‚Mainstream‘-Medien (die sich im Übrigen gerade in unserem Land glücklicherweise erheblich voneinander unterscheiden und uns mit einer außergewöhnlichen Vielfalt verwöhnen) – schließlich sind es ja auch nur Menschen, die da schreiben und argumentieren – werden zum pauschalen Verdacht erhoben. Alles unter dem Deckmantel der hochkritischen Netzrecherche. Jene ist dann sozusagen die vermeintlich erhabene Metakritik einer altmodischen Politikwissenschaft, die sowieso nur das tut, was die da oben von ihr erwarten. Wo immer da auch in der Tiefe des Netzes geschürft wird – jeder Rest einer an sich zu begrüßenden kritischen Grundhaltung wandelt sich dabei in eine letztlich einseitige Feindbildphilosophie, die am Ende den zum Freund erklärt, der den gleichen Feind hat. In rechts- wie linksextremen Lagern ist man überzeugt, das man gezielt von oben belogen wird, selbstverständlich auf raffinierte und hinterhältige Art und Weise. Eine tolerante, kritisch-rationale und systemoffene Weltsicht ist damit praktisch ausgeschlossen.
Dass in der unvorhersehbaren und hochkomplexen Wirklichkeit sogar die demokratischen Anführer meist nur auf Sicht fahren können, während sich die Welt unablässig verändert, hält man schlicht für naiv. Das Paradoxe daran ist allerdings, dass Verschwörungsgläubige und erleuchtete Politgurus einerseits diesen letztlich willkommenen Feindbildvertretern gnadenlos zutrauen, die aberwitzigsten und unmenschlichsten Katastrophen durchzuplanen und zu inszenieren, andererseits aber gerade jene Menschen gleichzeitig für völlig unfähig halten, alltägliche Politik im Kleinen wie im Großen vernünftig zu gestalten.

Solcherlei Widersprüche vieler zu einer konspirativen Weltsicht neigenden Kritiker der politischen und medialen Mitte setzen sich fort – es erscheint ihnen attraktiver, pauschal und undifferenziert an der Qualitätspresse zu zweifeln als an sich selbst. Dass ihre Filter, mit denen sie vorselektiv ihre Recherchen gestalten und justieren, konstruktivistisch das gewünschte Ergebnis vorwegnehmen könnten, wird dabei ausgeblendet. Überhaupt werden sie ja ständig von oben (oder von wo aus auch immer) betrogen – kulminierend im Begriff der ‚Lügenpresse’, der – vornehmlich von rechtsextremen und rechtspopulistischen Kreisen verwendet – als zentrales politisches Kampfwort bei Neonationalisten längst zu trauriger Berühmtheit aufgestiegen ist und die Diskussionskultur in Deutschland negativ beeinflusst.
Mit echter Medienkritik hat dieses Schlagwort nichts zu tun, eher mit einem tief autoritären Gesellschaftsverständnis. Denn wer allen Andersdenkenden und demokratischen Medienorganen grundsätzlich unterstellt, dass sie stets nur lügen, der will ausschließlich seine eigene Meinung in den Medien vertreten sehen und keine andere. Tarnung ist dabei die schlichte Aussage, ‚dass man das ja wohl noch sagen dürfe‘ bzw. gemeint ist damit, dass man das nicht mehr sagen darf, also die anderen oder eben die vermeintlich vom Staat gelenkten Medien die eigene politische Auffassung bereits im Keim ersticken würden. Davon kann im Medienbetrieb hierzulande aber keine Rede sein. Im Gegenteil: Es sind gerade autoritäre Staatssysteme, die von manchen Wütenden rosig verklärt werden. Dort läuft es dann tatsächlich so ab, wie sie es den vielgeschmähten demokratischen ‚Systemmedien‘ unterstellen. Dort dürften sie sich nicht frei äußern – hier schon.

Mehr Aufklärung

Es wird immer deutlicher, dass eine Menge an gesellschaftlichem Grundvertrauen verloren gegangen ist. Wenn Bürger und Wähler ihren Teil des Gesellschaftsvertrages nicht mehr erfüllen wollen und immer davon ausgehen, dass die da oben sie sowieso hintergehen, sitzen sie permanent in der Falle. Ein Parteiensystem wie das unsere kann Rufe nach echter Volkssouveränität und totaler Demokratie tatsächlich nie gänzlich repräsentieren oder verwirklichen. Und leider haben viele Konzerne bisher die Methode perfektioniert, nationale Regierungen zu ihrem eigenen Nutzen auszuspielen – siehe den dramatischen Klimawandel, kriminelle Abgasvertuschungen, illegale Steuervermeidung, eingefrorene Arbeitnehmerrechte, anachronistische Lohnentwicklung, ungebremster Lobbyismus usw., was die Neigung zu Verschwörungstheorien und agitatorischer Vereinfachung zweifellos begünstigt – und bis zu einem gewissen Grad erklärt.

Wir brauchen viel mehr echte Aufklärung in der Zivilgesellschaft – da führt kein Weg vorbei. Wenn wir die Demokratie dauerhaft schützen wollen, sollten wir über vieles ganz neu nachdenken. Wie zum Beispiel über eine angemessene Wahlrechtsänderung bzw. Herabsetzung des Wahlalters. Es geht schließlich um die Zukunft der jungen Menschen – warum dürfen sie dann nicht selbst auch mitbestimmen? Es ist ja ein Wahlrecht und keine Pflicht. Infolgedessen sollten wir auch ein sinnvolles Schulfach zum selbstständigen denken-lernen einrichten – in politischer, sozialer, ethischer, psychologischer, erkenntnistheoretischer, empathischer und ernährungsphysiologischer Hinsicht, um nur einige der wichtigsten Aspekte zu nennen.

Obwohl die (rationale) Kritik an unseren Politikern und Medien durchaus berechtigte und wichtige Komponenten hat, liegt in ihrer zunehmenden postfaktischen Institutionalisierung gleichzeitig ein enormes Hemmnis in Bezug auf die für kreative und nachhaltige Lösungen nötige Offenheit und Wertneutralität. Diese kann letztlich nur von der Wissenschaft garantiert werden, niemals von Populisten, so erfolgreich diese auch sein mögen. Selbstverständlich gibt es keine absolute Wahrheit, nicht einmal eine gänzlich objektive – zumindest keine, die uns Menschen zugänglich wäre. Aber auch dann, wenn die Wissenschaft beileibe nicht alles beantworten kann, bietet sie uns doch die größtmögliche Annäherung an objektive Aussagen. Wenn wir das Feld unwissenschaftlichen und irrationalen Interpretationsdogmatikern überlassen, verlieren wir immer mehr die eigene rationale Deutungshoheit.

Niels Bohr hat es bereits vor einem Jahrhundert auf den Punkt gebracht:
„Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein.“
Vielleicht sollten wir wieder mehr auf humanistische Geister und verantwortungsvolle Wissenschaftler hören und sie in wichtige Entscheidungsprozesse einbinden. Das klingt zunächst nicht besonders abenteuerlich, wäre aber sehr gesund für uns alle.
Fakten bleiben Fakten, aus welcher Perspektive sie auch immer betrachtet werden mögen.
Wenn wir uns trotz allem den gesunden Luxus erlauben wollen, uns selbst nicht mehr ganz so wichtig zu nehmen, hilft uns vielleicht der liebenswerte Gedanke von Heinz Erhardt weiter: „Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken.“
Das betrifft die Freunde der Verschwörungen natürlich ganz besonders.

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Axel Weiß

Axel Weiß - Pädagoge/Lehrer, Grafiker/Maler, Musiker/Gitarrist

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