Das neue konspirative Weltverständnis

Axel Weiss über Methodik und Wahnwitz alternativer Fakten und deren Wirkung.

Gemälde: Axel Weiss (Ausschnitt: HS)

Über die Bedrohung der Demokratie durch irrationale und unwissenschaftliche Weltbilder.

Nichts geht über die Vernunft. Besonders heute. Und ganz besonders im Lande des großen Immanuel Kant. Doch wenn wir das beunruhigende Phänomen des Postfaktischen noch rechtzeitig in den Griff bekommen wollen, müssen wir mehr tun.
So absurd die Angebote jener Zeitgenossen, die es nicht ertragen wollen oder können, einer illusions- und mitleidlosen, ziemlich unromantischen Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, auch sein mögen, so erfolgreich sind sie leider auch. Das Aufstiegsangebot von fake-Gurus mitsamt ihrem weltaufklärenden Supergeheimwissen kann für manch einen durchaus verlockend wirken. Wenn konspirative Weltinterpretationen dann in realpolitische Höhen wie inszenierte Terroranschläge und manipulierte Wahlen bis hin zur perfiden Unterstellung einer multiresistenten „Klimalüge“aufsteigen, wird es doch ein wenig eng für die noch aufgeklärte Postmoderne 2.0.

Jeder mit einem halbwegs vernünftigen Geist und Verstand erkennt doch von selbst, was das für Hirngespinste sind, könnte man nun sagen. Die Ereignisse der letzten Jahre – insbesondere in demokratischen Wahlkämpfen – zeigen jedoch, dass solche Phänomene die Zukunft moderner Gesellschaften auf eine Weise verändern könnten, die uns ganz sicher nicht egal sein kann. Wir müssen uns daher klarer positionieren gegen fake-Schleudern und Troll-Journalismus – es geht leider längst um das Überleben der Demokratie.
Der Gegner ist hier allerdings nicht immer leicht auszumachen, denn quasireligiös Erweckte und zutiefst Verschwörungsgläubige drängen eher selten mit den tatsächlichen Gründen für ihre Annahmen in die Öffentlichkeit. Entweder reicht die Erleuchtung dann doch nicht aus, um sich mit sachlich-rationalen Zeitgenossen anzulegen oder aber die Protagonisten sind einfach selbst zu schlau, um sich auf dieser Ebene zu korrumpieren.

Wenn Rechtspopulisten beispielsweise ernsthaft von einem ‚Bevölkerungsaustausch‘ in unserem Lande sprechen und dann auch noch erhebliche Wahlerfolge verzeichnen dürfen, spricht das eine deutliche (und hochgefährliche) Sprache. Die Tatsache, dass viele etwas annehmen oder glauben, wird leider wieder zunehmend mit der vermeintlichen Richtigkeit jener Vorstellungen verwechselt. Die Wissenschaft – besonders die Politikwissenschaft – lässt sich heute offenbar immer leichtfertiger in Frage stellen. Sollten verbreitete subjektive Annahmen tatsächlich wissenschaftliche Studien ersetzen können, dann könnten wir letztlich auch über chirurgische Methoden oder lebensrettende technische Zusammenhänge abstimmen lassen. Das will verständlicherweise niemand. Dass vermeintlich richtige Entscheidungen auf Grund falscher Annahmen allerdings auch konkret wirken, also zu Krankheit und Tod führen können, stellt für die meisten Konspirativen oder auch rational nur bedingt zugänglichen Impfgegnern und dogmatischen Schulmedizinverweigerern offensichtlich kein zentrales Problem dar.

Postfaktisches

Die Ansprechpartner postfaktischer Argumentationen sind mit Halbwahrheiten und schwarz-weißer Denkmalerei dagegen oft ganz zufrieden. Kommen diese doch der menschlichen Neigung entgegen, schnell und oberflächlich zu lesen – und eben auch schnell und oberflächlich zu verstehen. Sie verhelfen dem Einzelnen, der sich in einer rasant komplexer werdenden Welt zunehmend ausgeliefert fühlt, zu einer Art neuen Heimat.
Es ist ja eigentlich ganz einfach: Man versteht die Welt dadurch ein bisschen besser, dass sie einfacher gemacht wird, als sie ist. Da bietet sich manchen schwer Verunsicherten die Idee geheimer Strippenzieher und Schuldprojektionen geradezu an, um den als schmerzhaft empfundenen Kontrollverlust und die beschämende Hilflosigkeit der eigenen Person etwas besser zu ertragen. Man könnte das Phänomen der konspirativen Neigung aufgrund der Vielfalt und Unübersichtlichkeit der modernen Medieninhalte fast als Reaktion auf eine kollektive narzisstische Kränkung interpretieren. Schließlich weiß tatsächlich niemand, wie das alles angesichts der globalen Problemgebirge noch ohne Katastrophen weitergehen soll. Verbreitetes Nichtwissen schützt leider auch nicht vor dem verbreiteten Gefühl des Ausgeliefertseins.

Die fake-Katastrophen beginnen oft schon im kleinen – subjektiv wie objektiv.
Sensationelle Meldungen machen nun mal mehr her, emotional beim Konsumenten wie ökonomisch bei den Lieferanten. Eine Nachricht, die angesichts der zunehmenden Gewöhnung an globale Niedergänge noch in der Lage ist, aufzuwecken oder gar zu verstören, geht heute gerne auch mal „viral“ durch die Netzwerke (allein dieser Begriff zeigt deren als ansteckend interpretierte Wirkung). Ob sie wahr ist oder nicht, ist zunächst nicht so entscheidend – zumindest für den diesbezüglich geneigten Interessenten. Sie ist vor allem und erst einmal faszinierender als alle möglichen späteren Dementis ihrer selbst. Auch wenn diese Klarstellungen dann mit dem dafür leider unvermeidlichen Zeitabstand doch noch in der Öffentlichkeit erscheinen (notfalls gar per Gerichtsbeschluss), ist es für ihre neutralisierende Wirkung meist zu spät. Die persönliche Meinungsbildung wird deswegen kaum noch in Frage gestellt. Schließlich hat man von sich selbst ein gutes bis kompetentes Bild und ist mittlerweile längst bei einem ganz neuen, vielleicht noch verführerischen Objekt des medialen Verlangens angekommen. Dass es sich bei den Informationen zur eigenen Meinungsbildung um gezielte Desinformation bis hin zur offensichtlichen Lüge handelte, wird verständlicherweise lieber verdrängt als objektiv untersucht.

Die penetrante Wiederholung ist dabei eine der wirkungsvollen Techniken, die populistischen Lügen Akzeptanz verleiht. Die konkreten Beispiele in der letzten Zeit sind eindeutig, man muss dazu nicht mal rechtsautoritäre fake-Großmeister und Demokratiefeinde wie Erdogan und Trump bemühen – auch radikale neurechte Publizisten und deren wutbürgerliche Multiplikatoren in Deutschland beherrschen diese Technik immer perfider. Gerade in jenen Kreisen ist es durchaus üblich, andere, vornehmlich linksliberale Kräfte als „rechts“ zu beschimpfen, um von ihrer eigenen tatsächlichen Nähe zu jenem dogmatischen Irrsinn abzulenken. Das funktioniert offenbar leider immer noch sehr gut.
Ein weiterer Aspekt ist die vermeintliche Sinnstiftung hinter solchen Entwürfen. Sie verleiht jenen von der unspektakulären Wissenschaft entwurzelten Gemütern die Fähigkeit, sich die Welt ein wenig so zurechtzubasteln, wie sie sie nun mal viel lieber hätten – eine Welt, in der sie selbst nicht so gänzlich unbedeutend und wirkungslos sind. Dahinter steckt neben individualpsychologischen Aspekten leider auch ein problematisches Menschenbild, in dem das (uneingeweihte) Individuum per se für unmündig erklärt wird, ihm also die immanente Fähigkeit, selbst über Wahrheit und Lüge entscheiden zu können, abgesprochen wird. Eine solche, den anderen Mitbürgern aufgenötigte Selbstentmündigung bei gleichzeitiger Reduktion auf ein hermetisch geschlossenes Weltbild ist zwar nicht wirklich neu, zieht mittlerweile aber wieder viele Menschen in den Bann (obwohl solcherlei anthropologische Anachronismen längst überwunden geglaubt waren).
Der politisch verhängnisvolle Prozess einer weiteren Generierung und Manifestierung gezielter Falschmeldungen könnte dadurch in Zukunft noch befeuert werden. Durch den massenhaften Einsatz bewusst gestreuter Zwecklügen können auch demokratische Willensbildungsprozesse zentral beeinflusst werden – allein das sollte uns genügen, diesen Problemkreis kritischer und rationaler als bisher zu betrachten.

Faktenresistenz, Echokammern, Filterblasen

Ist das faktenresistente Weltbild erst einmal abgesteckt, lässt es sich relativ leicht im Außen manifestieren. Automatisch gesteuerte Filterblasen in den sozialen Netzwerken und das oberflächliche Horten von allem, was zur eigenen Theorie passt, verdrängen die ursprüngliche Unsicherheit gegenüber der Welt. Die Echokammern der Netzwerke zeigen irgendwann dann nur noch vermeintlich gleichgesinnte Inhalte, die in diesem Teufelskreis auch noch als vermeintlich realistische Bestätigung des eigenen dogmatischen Systems fungieren können. Der verwirrende, unbequeme Rest der Realität wird entweder ignoriert oder im eigenen Sinne umgedeutet. Die nüchtern-sachliche Argumentation wissenschaftlicher Autoren und Kommentatoren nervt quasi-spirituell Erleuchtete dann nur noch mit ihrem so komplizierten, unübersichtlich und realistisch komplexen Interpretationsangebot.
Der ehemalige bzw. bis dato benutzte Kompass durch die Medienlabyrinthe wird bestenfalls als falsch justierter, zumindest ewig gestriger Werkzeugkasten von ‚denen da oben‘ empfunden, mit dem die ‚Eliten‘ das Bewusstsein der ‚Massen‘ steuern bzw. manipulieren. Die radikale, kategorische Ablehnung der Mainstream-Medien und ein diffuser Hass auf das ‚Establishment‘ können vorübergehend sogar eine gewisse therapeutische Linderung in Aussicht stellen, sozusagen als symptomatisch wirkendes Medikament, um Zugang zur möglichen Heilung in diesem Dilemma postmoderner Existenz zu erlangen.
So wird es zur beunruhigenden und für die reale Demokratie gefährlichen Wirklichkeit, dass meinungsbasierte und meist gänzlich unwissenschaftliche Welterklärungen in so vielen einseitigen Netzvorträgen und schnell zusammengeschnipselten Onlinefilmchen die gewissenhafte Arbeit und jahrzehntelange Erfahrung gestandener Qualitätslektorate in ihrer Glaubwürdigkeit und Kompetenz zu übertreffen scheinen. Ein solches Urteilen in den Filterblasen setzt der intellektuellen Neutralität auf Dauer enorm zu. Die damit einhergehende Unterstellung, dass sich hochprofessionelle Journalisten ‚von oben‘ vorschreiben lassen würden, was sie inhaltlich zu schreiben haben, ist naiv und zeugt von völliger Ahnungslosigkeit bzgl. des täglichen Arbeitslebens in modernen Verlagen.
Postfaktische Gurus haben mit konspirationsaffinen Menschen – egal ob klug oder weniger klug, ob links oder rechts -, anscheinend immer leichteres Spiel. Menschen, die nicht in ihr Schema passen, werden zum Feindbild erklärt und herabgewürdigt, beschimpft und beleidigt.

Intelligenzfalle

Doch nicht alles ist schlecht daran. Die an sich zu begrüßende kritische Reflektionsfähigkeit, dem journalistischen Mainstream (mindestens) das gleiche Misstrauen entgegen zu bringen wie den unzähligen und scheinbar neuen Internetquellen, könnte man grundsätzlich sogar als potentiell hilfreich einschätzen. Gelegentlich kann das dadurch beförderte Denken in Alternativen auch Neues und bislang Unterbewertetes hervorbringen. Und man darf den Massenmedien auch nicht alles glauben bzw. abnehmen und muss selbstverständlich grundsätzlich auch dort kritisch bleiben. Mit der Flut jener über das Netz konsumierten und erheblich vereinfachenden sowie oft radikalen Erweckungsrufen sollte man dann aber bitte mindestens (!) genauso kritisch verfahren.
Hier schnappt manchmal wohl auch die sogenannte „Intelligenzfalle“ zu (ein Begriff, der von dem britischen Kognitionswissenschaftler Edward de Bono geprägt wurde). Man kennt diesen Ansatz sonst eigentlich nur aus der Kreativitätsforschung. Die Grundidee dabei: viele durchaus oder gar besonders intelligente Menschen sind oft Gefangene falscher bzw. ungeprüfter Ansichten. Wer längere Zeit ein falsches bzw. destruktives Denken einübt, wird irgendwann zu einem erfahrenen und erfolgreichen Falschdenker. Wenn er sehr intelligent ist, dann argumentiert er grundsätzlich auch sehr geschickt. Andere widerlegen zu können, bringt zudem Erfolg und zeigt für viele so etwas wie geistige Überlegenheit. Wer kritisch oder destruktiv vorgeht, hat aufgrund der Reaktion seiner Umwelt möglicherweise auch mehr Spaß an seiner Intelligenz als ein konstruktiver Erneuerer (dessen Ideen sich in der Regel nur sehr mühsam umsetzen lassen, wie die Geschichte zeigt). Und schließlich: wenn man weiß, dass man sein Gegenüber vom eigenen Standpunkt überzeugen kann, warum sollte man dann ein Thema noch gründlich bzw. selbstkritisch untersuchen bzw. echte Alternativen suchen?
Ein professioneller Kreativer und Querdenker kann auf vergleichbare Weise strategisch etwas Neues schaffen. Er gibt sich naturgemäß nicht mit Standardansätzen zufrieden. Wenn diese ausreichen würden, hätte man ihn ja nicht benötigt. Er sucht also prinzipiell nach Alternativen, auch nach zunächst ganz ungewöhnlichen, ohne diese jedoch frühzeitig einzuordnen oder gar zu bewerten. Mit einer oft abwegig erscheinenden Idee erzeugt der geübte Kreative dann die erwünschte Wirkung und verblüfft sein Gegenüber, um dessen Denken ebenfalls in ungewohnte Bahnen zu lenken. Und tatsächlich ist es ja nur ein anderer Blickwinkel, der uns stets überraschende Möglichkeiten in origineller Hinsicht eröffnet.
Nur gibt es da einen ganz entscheidenden Unterschied: das Ziel eines Kreativprofis ist nicht die manipulative Verdrehung der Wirklichkeit, sondern deren Bereicherung durch neue und konstruktive Lösungsansätze (außer in der manipulativen Werbung, aber wer nimmt die noch ernsthaft ernst?). Kreativkönner trauen sich grundsätzlich selbst nicht und prüfen daher alle oft hart erarbeiteten Entwürfe entsprechend objektiv und selbstkritisch. Erst wenn so viele Alternativen wie möglich vorliegen und sie miteinander verglichen werden können, kann man sicher sein, auch die beste Lösung gefunden zu haben.
Das ist ein völlig anderes Vorgehen als das der meisten konspirativen Welterklärer, auch wenn es im ersten Moment ähnlich lustig, spannend und vielversprechend aussieht. Vielleicht liegt darin ja ein gewisser Reiz für den heutigen Agitator und Verschwörungsfan, der bei diesem Vergleich allerdings auf halbem Wege stehen bleibt, was dann eben fatale Folgen für die Wahrheit hat – und verdientermaßen auch für seine Glaubwürdigkeit.

Metakritik und self fulfilling prophecy

Das Modell kann beliebig erweitert werden. Für den sich selbst als hochkritisch befähigt Einstufenden gehört es geradezu zum guten Ton zu bezweifeln, dass Politiker mit großer Verantwortung (also medial abgenudelte Leute) auch wirklich etwas Nachhaltiges, Positives und für die Gesellschaft langfristig Gutes entwickeln wollen bzw. können. Es fällt manchen Wutbürgern heute offenbar sehr schwer, sich vorstellen zu können, dass die da oben es nicht immer nur böse meinen und dass jene legitim Gewählten durch realpolitische Notwendigkeiten dummerweise oft gezwungen sind, schwere bzw. schwer erklärbare Kompromisse einzugehen, um das ganze gesellschaftsfreundliche Basisprojekt überhaupt noch zu erhalten.
Angesichts der eigenen Machtlosigkeitsempfindung werden Details dann schnell zum Indiz, die leicht auszumachenden Fehlleistungen der verachteten ‚Mainstream‘-Medien (die sich im Übrigen ganz erheblich voneinander unterscheiden) – schließlich sind es ja auch nur Menschen, die da schreiben – werden zum pauschalen Verdacht erhoben. Alles unter dem Deckmantel der hochkritischen Netzrecherche. Jene ist dann sozusagen die vermeintlich erhabene Metakritik einer altmodischen Politikwissenschaft, die ja sowieso nur das tut, was die da oben von ihr erwarten. Wo immer da auch in der Tiefe des Netzes geschürft wird – jene an sich zu begrüßende kritische Grundhaltung wandelt sich dabei oft in eine durchaus komplizierte aber trotz allem völlig einseitige Feindbildphilosophie, die am Ende den zum ‚Freund‘ erklärt, der den gleichen ‚Feind‘ hat – oder umgekehrt. In rechts- wie linksextremen Lagern ist man überzeugt, das man gezielt von oben belogen wird, selbstverständlich auf raffinierte und hinterhältige Art und Weise. Eine tolerante, kritisch-rationale und systemoffene Weltsicht ist damit praktisch ausgeschlossen.
Dass in der unvorhersehbaren und hochkomplexen Wirklichkeit sogar die demokratischen Anführer nur auf Sicht fahren, während sich die Welt unablässig verändert, hält man schlicht für naiv. Einerseits trauen Verschwörungsgläubige und mit Geheimwissen erleuchtete  Politgurus diesen letztlich willkommenen Feindbildvertretern gnadenlos zu, die aberwitzigsten, und unmenschlichsten Katastrophen durchzuplanen und zu inszenieren, andererseits halten sie gerade jene Menschen gleichzeitig für völlig unfähig, alltägliche Politik im Kleinen wie im Großen vernünftig zu gestalten.
Solcherlei Widersprüche vieler zu einer konspirativen Weltsicht neigenden Kritiker der politischen und medialen Mitte setzen sich fort – es erscheint ihnen attraktiver, pauschal und undifferenziert an der Qualitätspresse zu zweifeln als an sich selbst. Dass ihre Filter, mit denen sie apriori ihre Recherchen gestalten und justieren, konstruktivistisch das gewünschte Ergebnis vorwegnehmen könnten, wird dabei übersehen oder bewusst ausgeblendet. Überhaupt werden sie ja ständig von oben (oder jenseits) belogen und betrogen – kulminierend im Begriff der ‚Lügenpresse’, der – vornehmlich von rechtsextremen und rechtspopulistischen Kreisen verwendet – als zentrales politisches Kampfwort bei ‚Pegida‘ und ‚AfD‘ zu trauriger Bekanntheit geworden ist und die Diskussionskultur in Deutschland negativ beeinflusst. Mit echter Medienkritik hat dieses Schlagwort aber rein gar nichts zu tun, eher mit einem tief autoritären Gesellschaftsverständnis. Denn wer allen Andersdenkenden und demokratischen Medienorganen grundsätzlich unterstellt, dass sie stets nur lügen, der will ausschließlich seine eigene Meinung in den Medien vertreten sehen und keine andere. Tarnung ist dabei die schlichte Aussage, ‚dass man das ja wohl noch sagen dürfe‘ bzw. gemeint ist damit, dass man das nicht mehr sagen darf, also die anderen oder eben die vermeintlich vom Staat gelenkten Medien die eigene politische Auffassung bereits im Keim ersticken würden. Davon kann im Medienbetrieb hierzulande aber wirklich keine Rede sein. Im Gegensatz sind es gerade autoritäre Staatssysteme, die von manchen Wütenden verklärt werden. Dort läuft es dann tatsächlich so ab, wie sie es den vielgeschmähten demokratischen ‚Systemmedien‘ unterstellen.
Es wird immer deutlicher, dass eine Menge an gesellschaftlichem Grundvertrauen verloren gegangen ist. Wenn Bürger und Wähler ihren Teil des Gesellschaftsvertrages nicht mehr erfüllen wollen und immer davon ausgehen, dass die da oben sie sowieso hintergehen, sitzen sie permanent in der eigenen Falle.

Mehr Aufklärung

Ein Parteiensystem kann Rufe nach echter Volkssouveränität und totaler Demokratie nie gänzlich repräsentieren oder verwirklichen. Und leider haben viele Konzerne bisher die Methode perfektioniert, nationale Regierungen zu ihrem eigenen Nutzen auszuspielen – siehe Klimawandel, Abgasvertuschungen, Steuervermeidung, Arbeitnehmerrechte, Lohnentwicklung, Lobbyismus usw., was die Neigung zu Verschwörungstheorien und agitatorischer Vereinfachung zweifellos begünstigt – und bis zu einem gewissen Grad erklärt.
Wir brauchen also definitiv mehr Aufklärung in der Zivilgesellschaft – da führt kein Weg vorbei. Wenn wir die Demokratie dauerhaft schützen wollen, sollten wir über vieles ganz neu nachdenken. Wie zum Beispiel über eine angemessene Wahlrechtsänderung bzw. Herabsetzung des Wahlalters. Es geht schließlich um die Zukunft der jungen Menschen – warum dürfen sie dann nicht selbst mitbestimmen? Es ist ja ein Wahlrecht und keine Pflicht. Infolgedessen sollten wir auch ein sinnvolles Schulfach zum selbstständigen denkenlernen einrichten – in politischer, sozialer, ethischer, erkenntnistheoretischer, empathischer und ernährungsphysiologischer Hinsicht, um nur einige der wichtigsten Aspekte zu nennen.
Obwohl die (rationale) Kritik an unseren Politikern und Medien durchaus berechtigte und sehr wichtige Komponenten hat, liegt in ihrer zunehmenden postfaktischen Institutionalisierung gleichzeitig ein enormes Hemmnis in Bezug auf die für kreative und nachhaltige Lösungen nötige Offenheit und Wertneutralität. Diese kann letztlich nur von der Wissenschaft garantiert werden, niemals von Populisten, so erfolgreich diese auch sein mögen.
Selbstverständlich gibt es keine absolute Wahrheit, nicht einmal eine gänzlich objektive – zumindest keine, die uns Menschen zugänglich wäre. Aber auch dann, wenn die Wissenschaft beileibe nicht alles beantworten kann, bietet sie uns doch die größtmögliche Annäherung an objektive Aussagen. Wenn wir das Feld unwissenschaftlichen und irrationalen Interpretationen überlassen, verlieren wir immer mehr rationale und wissenschaftliche Deutungshoheit.
Niels Bohr hat es bereits vor etwa einem Jahrhundert auf den Punkt gebracht:
„Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein.“
Vielleicht sollten wir wieder mehr auf humanistische Denker und Wissenschaftler hören und sie in wichtige Entscheidungsprozesse einbinden. Das klingt zunächst nicht besonders abenteuerlich, es wäre aber gesund für alle.

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“All our knowledge begins with the senses, proceeds then to the understanding, and ends with reason. There is nothing higher than reason.” (Immanuel Kant)

Axel Weiß

Axel Weiß

Axel Weiß - Pädagoge, Grafik-Designer / Maler, Musiker

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