Shortlist-Rezensionen. II – Die Kieferninseln

In der zweiten Shortlist-Rezension geht es mit Marion Poschmann auf die japanischen Kieferninseln.


Die Kieferninseln von Marion Poschmann ist der Roman mit der schwächsten Exposition, die mir in meinen langen Jahren als Vielleser bisher untergekommen ist. Ein Akademiker mittleren Alters träumt, dass seine Frau ihn betrüge, nimmt die Sache für wahr und verlässt die Partnerin zwecks spontaner Reise nach Tokio. Diese Absurdität ist noch zu verschmerzen, sie passt in die spätere Anlage des Textes, und Protagonist Gilbert wird durchweg ein absurder Charakter bleiben. Dem Auftakt aber folgen 20-30 Seiten purer runtergeratterter Akademiker-Midlifecrisis-Klischees im Stile nüchternster Aktenvermerke. Nichts wird erfahrbar gemacht, nichts gar behutsam für später aufgehoben und an passender Stelle in die Erlebnisse Gilberts in Tokio verwoben. Stattdessen lesen wir Dinge wie:

„Gilbert Silvester, Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts,gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln. Das Projekt untersuchte die Wirkung von Bartdarstellungen im Film. Es ging dabei um Aspekte der Kulturwissenschaft und Gendertheorie, um religiöse Ikonographie und Fragen nach der Möglichkeit philosophischer Expressivität im Medium des Bildes (…)“

Und auch das moderne Tokio und die von Gilbert heftig erfahrene „kulturelle Andersartigkeit“ wird nach dem strengen Prinzip des „Tell, don’t show“, abgehandelt:

„(…) diese Stadt flößte ihm wenig Vertrauen ein. Die Passanten strahlten Perfektion aus, vollkommene Selbstbeherrschung, Antiseptik. Es gab nirgendwo diese schmuddeligen Ecken, in denen sich ungare Gefühle ansammeln konnten, Stellen mit achtlos hingeworfenen Abfällen, wo man in der Folge auch ungepflegte Menschen antraf, Stellen mit unangenehmer Ausstrahlung, um die man einen Bogen machte.“

Einstimmige, einäugige Presse

Die Kieferninseln von Marion Poschmann wurde in der Presse bisher hymnisch besprochen, besonders die poetische Sprache der auch gefeierten Lyrikerin wurde gelobt. So etwa in der TAZ

„Marion Poschmann schreibt eine abgründig heitere, makellos schöne Prosa, bleibt aber dabei jederzeit die Lyrikerin, unter deren metaphorischen Händen alles, was sie anfasst, zu symbolhafter Form aufläuft und sich damit dem allzu direkten Wirklichkeitsbezug entzieht. “

Es wäre schön, die Rezensenten bemühten sich, einige Passagen, auf die sich das überschwängliche Lob beziehen soll, abzudrucken, und vielleicht auf die eine oder andere bemerkenswerte sprachliche Wendung hinzuweisen; dann wüssten wir wenigstens, worüber zu diskutieren wäre. Denn nur selten schwingt sich die Kieferninsel wirklich zu einer Sprache auf, die über das reine Vermitteln von Informationen hinausweist. Das geschieht vornehmlich dann, wenn der Reisende Gilbert Passagen und Erlebnisse des früheren Reisenden Basho, dessen Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland  ihn auf seiner Japanexkursion begleitet, referiert. Sowie dort, wo sich Gilbert und der von ihm vorm Selbstmord bewahrte Yaso Tamagotchi, der ihn fortan begleitet, hier und dort ein wenig auf die Natur Japans einlassen. Allerdings ist das durchgängige Lob der „poetischen Sprache“ überhaupt fehl am Platz, es homogenisiert den vielleicht interessantesten Widerspruch, den Poschmann in ihrem Werk angelegt hat. Denn sicher ist es nicht so, dass die Autorin nicht öfter Sätze wie die folgenden schreiben könnte:

„Matsushima-Kaigan. Verhangener Himmel, ein seidiges Grau, über das sich die Wolken schoben, schlanke und flache Wolken wie von japanischen Wandschirmen, Wolken aus abgerundeten Streifen und funkelnden Blattgoldquadraten, nur angedeutete, stark stilisierte Wolken, deren Funktion sich darauf belief, Teile der Landschaft zum Verschwinden zu bringen. Längst vergangener Himmel einer Postkarte, deren Rückseite man vergilbt wähnte, von muffigem Geruch und mit Grüßen in einer altmodischen Schrift bedeckt. Etwas Vergilbtes lag über Matsushima, etwas Unglaubwürdiges, als hätte sich sämtliches Fernweh hier versammelt und fände nun keine neue Richtung mehr.“

Vielmehr sind die nüchterne Exposition, die mehr aktenkundig gemachte als wirklich erzählte Zumutung des modernen Japans für Gilbert, bewusst jenen Momenten der doppelten Reise gegenübergestellt, in denen die Reisenden auf Bashos Spuren wandeln (der seinerseits wiederum auf den Spuren Saigyos wandelte). Das Problem dabei: man muss natürlich auch diese Passagen, die am Ende gut und gerne 80 % des Werkes ausmachen, erst einmal lesen. Und abseits von der Pflicht des Rezensenten sehe ich nicht, warum man das wollen sollte. Gut ausgedacht ist die Errichtung einer modern-faktischen und vormodern mystisch-subtilen Sprachdichotomie (ausformuliert auf S.150). Bezweifelt werden darf, dass Poschmann für das Modern-Faktische eine auch literaturfähige Sprache gefunden hat. In der platten Behandlung des Kontrastes verfällt Poschmann leider letztlich doch ganz der im Roman monierten Unsubtilität zeitgenössischer westlicher Rede.

Einmal mehr darf auch verwundern, dass angesichts eines Werkes, das durchaus seine glanzvollen Momente hat, gegen das allerdings begründete kritische Einwände gemacht werden können, das Presseecho so einhellig positiv ausfällt. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Feuilletonisten ängstlicher noch als etwa Politik oder gar Sportjournalisten auf die Meinung der anderen Kritiker schielten.

Was gelingt

Kommen wir zum Schluss aber dann doch zu den guten Momenten: die absurde Selbstüberschätzung, nach der der bornierte Depp Gilbert sich während der Reise dazu aufschwingt, den suizidalen Yaso unter anderem im richtigen Haikuschreiben, im Buddhismus und überhaupt darin, was es heißt „Japaner zu sein“, zu belehren, wird konsequent durchgehalten und ist ein willkommener Kontrast zur klassisch spirituellen Sinnsuche im Osten. Angenehm auch, dass Poschmann sich den heute wieder so verbreiteten psycho-/soziologischen Motivationen jeder einzelnen Handlung verweigert und dem Lauf der Geschichte viel Freiheit gegenüber neonaturalistischen Dogmata gestattet. So ist denn auch der Schluss, der die Erzählung endgültig vom reichlich Unplausiblen ins Fantastische oder Geträumte verschiebt, und Yaso immer mehr als Teil Gilberts erscheinen lässt, so erwartbar wie folgerichtig. Allerdings: das Gelungene wird vom Misslungenen torpediert. Beispielsweise die Absurdität, die stets mit bedeutungsschwangerer Ernstheit vorgetragen wird: Sie beißt sich doch in eher unvorteilhafter Weise mit dem allzu sprechenden Namen Tamagotchi, der dem suizidalen Reisebegleiter untergeschoben wird.

So bleibt Die Kieferninseln im Ganzen ein etwas bemühter Intellektuellenroman, der sich lesen lässt, ohne dass er zur Lektüre zwingt. Für die Buchpreisjury könnte er damit durchaus ein idealer Kandidat sein; auch weil es sich um einen dieser Texte handelt, deren Fans stets werden behaupten können, die Kritiker hätten das Werk einfach nicht richtig verstanden. Während eine akribische Klärung dessen, was es eigentlich zu verstehen gäbe, dem Zauber des Werkes nicht gerecht werde…

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen