Gassenhauer IV – Die blaue Gasse

Im vierten Teil der Gassenhauer geht es nach Sizilien. Die Blaue Gasse ist ein plapperndes Kleinod, das auf den zweiten Blick eine unerwartete Ordnung aufweist.

City gorge - von senza senso unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Welch ein Buch. Ich sage nicht, welch ein Roman. Denn zum Roman fehlt Die Blaue Gasse von Giuseppe Bonaviri beinah alles. Ganz besonders aber ein roter Faden. Ein schwelgerisches Buch aber ist es. Ein Buch von dennoch präzis poetischer Sprache, voller genauer, teils im wörtlichen Sinne „sur“-also über-realer Beobachtungen. Eine fiktionale Lebenserinnerung.

Stadt, Land, Sex, Tod

Die Blaue Gasse beginnt auf dem Land, wo sie eine kleinbürgerlich-bäuerliche Familie und vor allem Erzähler Giuseppe, der als letzter Überlebender fünfer Geschwister das Wort führt, auf ihre kleinen Besitzungen begleitet, deren Ertrag die Familie wie viele Bewohner des Städtchens Mineo auf Sizilien über den Winter bringt. Spielerisch erleichterte Arbeit, Spiel und allerlei ernste Scherze prägen die Tage der Kinder: Wenn etwa eines der Geschwister im Korn verschwindet und nicht mehr aufzufinden ist, scheint plötzlich nicht nur die Ahnung des Todes an sich, sondern konkret auch der vom alten Erzähler-Ich erinnerte spätere Tod des Bruders auf. Doch auch wenn das beschwerliche Leben der Bauern und strenge Hierarchien in den Blick gerückt werden, ist der Ton auf dem Land größtenteils heiter.

Ernsteres ist aus Mineo zu berichten. Von den Häusern der Gasse, die halb über dem Abgrund thronen, von schwer zu verheirateten Töchtern, von Schocks die so einfache Dinge wie die Rückkehr einer Ex-Bewohnerin aus New York und die Mode, die diese Rückkehr mit sich bringt, auslösen können. Von Erdrutschen in der Provinz, von Kindern die sich nach dem frühen Tod der Eltern allein durchschlagen. Aber auch von Bildung, insbesondere astronomischer, die Onkel Michele wie das Wissen um arkane Magie in die Gasse trägt. Dennoch bleibt der Ton meist ein erzählerisch tänzerischer, wann immer eigentlich Bedrückendes berichtet wird schwenkt die Erinnerung rasch wieder zu Kinderspielen und mit der Zeit immer öfter zu Erprobungen kindlich-jugendlicher Sexualität (Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass dem ein oder anderen Leser im zweiten Teil am Ende ein paar Penisse zu viel vorkommen werden – das Genital ist eine Klippe, die männliche Altersliteratur selten erfolgreich umschifft).

Wo ist Mussolini?

Es drängt sich auf derweil, dass Kindheit fast obsessiv in den Mittelpunkt gerückt wird, obschon eigentlich etwas ganz anderes zu erzählen wäre. Manche Wendung des Erzählers lässt vermuten, dass hier etwas verdrängt wird oder verschwiegen werden soll. Und tatsächlich, in einem Buch das zwischen den 20er und 40er Jahren und in Sizilien spielt kommt Mussolini etwa nur ein einziges Mal in einem Nebensatz vor, der Kampf der Regierung mit den lokalen Mafiastrukturen überhaupt nicht und ebenso wenig Afrikafeldzug und Zweiter Weltkrieg. Dagegen steht die Faszination des Erzählers für alles unter der Erde befindliche: Käfer, Maden, ungenannte Bedrohungen, die jederzeit herauskriechen könnten und bereits die ersten Landkapiteln unheimlich unterfüttern. Noch später baut sich immer wieder eine untergründig bedrohliche Atmosphäre im Heiteren auf. Hier mag sich auch dem Autor Unbewusstes bahnbrechend. Ich tendiere aber dazu, das Verfahren als gewollten Kunstgriff zu lesen: Grabe. Schaue hinter die Fassaden, sagt Die Blaue Gasse.

Und vielleicht findet sich, wenn man lang genug gräbt (oder hoch genug steigt?) dann doch noch ein roter Faden. Denn der Himmel selbst kontrapunktiert hier und da das Erdreich. Und auf eine astronomische Lektion Micheles zum Thema Wandelsterne, insbesondere zur Bewegung des Roten Mars (und ist das nicht der Gott des Krieges?) verengt sich das letzte Kapitel des Buches. Folgendermaßen schließt Bonaviri.

Der bläuliche Dunst hatte seinen Höhepunkt erreicht und wurde schwächer, er war nur mehr ein vages, blaugefärbtes Lüftchen, das niedersank. Der Mars hatte das Dach der Baccanellis hinter sich gelassen, um in die tiefen Täler unterhalb von Mineo vorzudringen. Wer weiß, ob er sich dort am Himmel verlieren oder in den Tälern versinken würde. Wir standen in einen aschfarben Dämmer getaucht, kaum ragten unsere Köpfe daraus hervor. Ich spürte den süßen Hauch aus Ninas Nasenlöchern, aber ich sah sie nicht mehr. Nach einem Stimmengewirr aus vielen unterschiedlichen Tönen war plötzlich eine männliche Stimme zu vernehmen: «Es ist das Nichts, nur das Nichts.››
Und mit einem schönen Klang in der Stimme sagte Linuccia: «Das Licht wird zurückkommen.››
Niemand hörte sie, nur ich und mein Bruder, der jetzt nicht mehr ist.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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