Das Ludwig-Fragment

Kolumnisten-Kollege Henning Hirsch verdanke ich diese Reminiszenz. Er machte mich auf den 172. Geburtstag von König Ludwig II. aufmerksam und nannte ihn ein Beispiel für den Niedergang der europäischen Monarchien. Ich empfand schon als ganz junger Mensch eine brüderlich-absurde Bewunderung für den unglücklichen König. Deshalb finde ich es angebracht, seiner eben nicht an einem glanzvoll-runden sondern an einem schiefen Datum – eben dem 172. Geburtstag – dem 25. August – zu erinnern. Denn Leben und Überleben ist ausschließlich Erinnerung vor allem an das, was nicht geschehen ist. WB.

Ludwig II portrait by Gabriel Schachinger gemeinfrei

„Salut le seul vrai Roi de ce Siècle!“

Paul Verlaine

“Je vous salue, mon Roi!”

W.B.

Majestät, sie nennen mich noch immer Majestät, doch das ist alles, was sie an Ehrerbietung, nur floskelhaft, mir noch entgegenbringen.

Ein feiner Streifen grauen Lichtes fällt durch einen Riß im Vorhang schräg durch die Dunkelheit im Wagen. Der Regen trommelt ohne Unterlaß seit achtzehn Stunden auf das Dach und rinnt am Schlag hinab und über das Emblem des Königs.

Das Licht reicht gerade aus, um zu erkennen, daß dieser Schlag von innen keine Griffe hat. Man hat sie abgeschraubt aus Vorsicht. Man will verhindern, daß er flieht.

Ich flieh nicht mehr – wohin auch? –. Ich baute eine Fluchtburg nach der anderen und sie erreichten mich gleichwohl. Die Residenz war kalt und zugig, es wehten Geister dort, lebendige Gespenster. Ob Linderhof, ob Herrenchiemsee, so weit von München und von all den Menschen, man ließ mich nicht allein, man kroch mir nach bis in mein Innerstes. Und selbst die Einsamkeit von Pöllatschlucht und Bergen, vom Schloß mit Palas, Sängersaal und Bergfried hoch oben über Tal und Ebene, Neuhohenschwangau*, war nicht mehr weit genug entfernt, als daß nicht schwarze Männer, mich zu holen, zu mir heraufgestiegen kamen.

Ich mag nicht mehr vor ihnen fliehen. Es gibt kein Heil mehr in der Flucht. Ganz gleich – ich flöhe oder bliebe – sie nehmen mich und binden mich; sie lassen mich nicht aus. Und alle Pracht und Herrlichkeit und Arbeit, ob Schlösser, ob Musik, ist so vergeblich. Sie sehen nicht und hören nicht, was ich zu sehn und hörn imstande bin. Sie nehmen mir, was ich erreichen könnte und was ich liebe; schon damals, als sie mir die Landschildkröte nahmen, die kleine Kröte, die nicht sprach, nur kroch und nur Salat fraß, die aber ihren Kopf nicht einzog in den Panzer, bei keinem andren war das so, wenn ich nach ihr die Hand ausstreckte. Sie ließ es sich von mir gefallen. Das aber war dem Vater schon zuviel. Er wollte nicht, daß ich mein Herz dran hinge an dieses seelenlose Tier. Man schaffte es hinweg, das kleine Panzertier aus Griechenland. Ich müsse lernen, sagte er, daß dieses Leben auch Enttäuschungen bereiten werde. Er tat wohl gut daran…

Die Kutsche hält nach achtzehn Stunden Fahrt.

Da sind wir nun in Berg.

Der König beugt sich vor, löst das Rolleau und schaut durch eine Scheibe – mit einem langen Riß – hinaus. Im Glas erblickt mit müdem Schrecken er sein eigenes Gesicht: das war wohl einmal schön gedacht, nun ist es aufgedunsen, die Augen rotgerändert und blaß der Teint und fettig, auch ein paar Pusteln auf der Haut und graue Stoppeln um seinen sonst noch schwarzen Bart. Er öffnet nicht den Mund, er weiß, darin vermodern schwarze, braune Stumpen; die schönen weißen Zähne sind verrottet von zuviel Arrak und Likör und Süßigkeiten, von denen er als Kind nur träumen konnte, die ihm die Mutter und der Vater stets verwehrten. Ein Prinz, der muß verzichten können, ein wenig Hunger muß er immer spüren!

Die Zähne waren einmal makellos – er weiß noch wie er selbst und Otto, sein junger Bruder, sich heimlich vom Unterrichte absentierten, bei einem Zahnarzt auf der Maximilianstraße Einlaß erheischten, der kannte wohl die Prinzen gleich – sie boten ihm die schönen Zähne an, er möge sie für Entgelt ihnen ziehen. Sie hatten reden hören, daß dafür Bedarf bestände, wenn man Gebisse fertigt. Sie wollten von dem Geld nur einmal sich Profiteroles und Naschwerk leisten. Der Zahnarzt aber schickte gleich zur Residenz, sie wurden abgeholt und ohne Vesper in ihr Bett gebracht. Zuvor jedoch ließ sich der Herr Papa herab, der König selbst, ganz eigenhändig, die Hintern seiner Söhne zu versohlen. Sie schieden von ihm mit Verbeugung und mit Dank für diesen Schmerz und für die Scham. Wie hatten sie die königlichen Eltern mit einem solchen Bubenstück verletzt!

Profiteroles, die schmeckten wunderbar, als er, ein junger König jetzt, sie sich bestellen durfte – und nicht nur die, er ließ sich alles kommen, was man ihm vorenthalten hatte, es wurd im Lauf der Jahre immer mehr, es mußte immer mehr und mehr doch werden, es mußte ein Genuß dabei sein, der ihn sättigte. Man brachte ihm aus der Auvergne die Pasteten und foie gras, confit canard, pruneaux d´Agent, gigot á la bretonne, souffle glacé, die grande cuisine á la Careme, aus Wien kandierte Veilchen, Kastanien aus Sardinien und Caviar vom Don und Trüffel aus dem Perigord, Chartreuse und Riesling und Tokajer, Moet Chandon und weißen Port und Rotwein aus Burgund, all die Genüsse fremder Länder und all die Weine vom Rhein, der Mosel und der Rhone, und die Liköre und die Brände aus der Schweiz und Arrak aus Konstantinopel und Rum aus der Karibik. Das ging hinein, das ging hindurch durch seinen großen Körper. All das aß er allein, trank er allein in kalten Nächten in Linderhof an seinem Tischchen, das man versenken konnte. Da lud er sich die Pompadour dazu und Louis Seize, den unglücklichen König und manchen Ritter aus dem Sagenbuch und manchmal schöne dunkle Burschen mit vollem schwarzen Haar, behaarter Brust und einem langen Kunis**. Die soffen Enzian zur Nacht und dösten auf der Chaiselongue halb ausgezogen, manchmal nackt. Dann ließen sie es zu, betäubt vom Schnaps, daß sie ihr Souverän berührte, den Kunis und den Pectoralis und den Glutaeus Maximus. Die Worte hatte er in seiner Jugend bei einem Vortrag an der Universität, bei einem Anatom, mit Wonne aufgeschnappt, sie schmolzen auf der Zunge.

Am nächsten Morgen erhielten diese Männer, noch übernächtigt, vom Haushofmeister, reiche Gaben, Manschettenknöpfe mit dem Schwanenwappen, Golduhren mit Emaille und Siegelringe, fünfhundert oder tausend Mark und ein Gebot zum Schweigen.

Er selber wollte nicht mehr wissen, was in der Nacht zuvor, die längst vergangen, geschehen war. Doch kein Gebet nahm ihm die Scham und Schuld. Er ließ zur nächsten Nacht die Kutsche oder seinen Schlitten kommen und fuhr durch dunkle Wälder, die nicht bargen. Es war nur Pracht und Gaslicht und Gespann…und bald darauf ein neuer Jüngling, der seinen Ekel nur mit Arrak oder Rum und Enzian überwand.

Selbst das ist jetzt vorbei – in Berg wird man ihn zügeln, wird nicht erlauben, daß er trinkt und ißt und Körper unbekannter Burschen zur Nacht berührt, damit ihm Schlaf kommt und Vergessen.

Man öffnet jetzt den Schlag der Kutsche: da liegt nun Berg im nassen Abendlicht. Der stete Regen erster Junitage hat Weg und Beete aufgeweicht; und was schon blühte, ist zerrupft und braun. Die Blumen sind verdorben.

Die Wachen vor der Tür sind keine Zierde königlicher Macht, sie sind Gefängniswärter.

Frühsommerregen prasselt unaufhörlich auf Schloß und Bäume, eben erst erblüht, und auf den See im Hintergrund. Ein fingerfeines stakkato, unendlich und ermüdend, doch immerfort und immer da und stets den Schlaf behindernd und verwehrend.

Am Ufer in der Ferne ragt ein schwarzer Stamm in diesen Regen auf – da hat der Blitz sein Werk getan – der hat gebrannt und ist verkohlt und wird wohl bald gefällt.

Mit seinem schwarzen Schirm, den er nicht aufspannt, tritt Doktor Gudden näher. Er stützt sich auf, ganz wie ein Fährmann auf die Ruderstange, die der bis in den Grund durchs Wasser niederdrückt.

Er spricht nicht, deutet mit der Hand zum Eingang des Gebäudes. Er weist mit Gesten seinen König an. Der ist entmündigt und hat sich zu fügen.

Der eine Zerberus der Wache vor dem Schloß ist dem Entmündigten bekannt – schlecht sitzt die graue Uniform an dessen Körper, dem einmal maßgeschneidert die Livree in Linderhof Gold, Glanz und Würde gab.

Aus dem Lakaien, der mich einst bediente, ist ein Gendarm geworden. Der salutiert nur stumm, doch wenn ich ihn berühre, muß er doch lächeln wenigstens als Geste der Erinnerung.

„Sie sind es, Sauer,“ und Ludwig tippt mit seiner Hand dem Manne auf den Ärmel. „Sie haben mich verlassen, und ich verlor Sie aus den Augen. Hier sehen wir uns wieder.“ Der Angesprochne lächelt, doch verlegen.

Der wacht jetzt über meinen dünnen Schlaf, damit die Ärzte sorglos schlafen können. Ich werde bitten, Sauer zu entfernen. Der ist ein Wächter vorm Verbotenen Palast, in den man nicht hineindarf, weil einen drin der Tod ereilt. Hier allerdings ist es wohl umgekehrt, denn ich darf nicht hinaus.

Der schwarze Zug von Arzt und König und zwei Assistenten bleibt schweigend in der Halle stehn. Der Arzt – im schwarzen frac, schwarz das gilet und schwarz auch der Zylinder in der Rechten – weist mit dem Hut zur Treppe. Purpurrot beläufert steigt die hinauf zum Krankenzimmertrakt. Dort oben wartet schon der nächste Assistent; den schlanken Körper hüllt ein weißer Kittel ein. Den Blick des Königs kann er nicht bestehen. Lag eben noch die Hand auf dem Geländer, drückt er sie jetzt gleich an die Hosennaht und wird für einen Augenblick noch einmal Untertan. Doch dann besinnt er sich – er ist der Pfleger und kann im Schloß den Schlüssel hinter seinem König drehn.

Der Zug der schwarzen Ärzte, dahinter lilienweiß der Pfleger, durchschreitet eine schwere Doppeltür, an die man wohl ein neues Schloß montiert hat – das hat von außen nur ein Schlüsselloch und keine Klinke.

Die Fenster des Salons hat man vergittert – man fürchtet, daß der König sich hinausstürzt. Kein Spiegel mehr, ja nicht mal eine Vase, nichts was in Scherben gehen könnte und einen scharfen Schnitt ermöglichte.

Dann kommt die Tür zum Schlafgemach: die hat man ausgestattet mit Klappe und Spion. So bleibt noch nicht einmal der Schlaf des Königs dem schwarzen Arzt verborgen. – Als ob er schlafen könnte, da er doch weiß, daß fremde Blicke ihn belauern.

Nach achtzehn Stunden Fahrt im Regen ist dies die Klause für den Rest der Zeit. Noch immer schweigen alle.

„Sie könnten es mit mir wie mit dem Sultan machen, Herr Doktor Gudden. Das ginge schneller und es machte Ihnen keine Schererei…“

Der Doktor weicht zurück, fühlt sich ertappt: „Ich bitte, Majestät, dies alles schmerzt mich mehr als Sie. Ich will doch nur Ihr Bestes!“

„Schon gut, mich hat die Fahrt sehr angestrengt. Darf ich ein wenig allein sein?“

Der Arzt zieht dienernd sich zurück, verbeugt sich nochmals an der Tür – was soll dies Spiel? – und schließt sie hinter sich. Und gleich erlischt das Licht im Fokus des Spions: man hat sofort ein Auge auf den König.

Der König setzt den Reithut ab, fühlt an der Krempe bis zum Helm hinauf. Selbst die Agraffe haben sie mir abgenommen. Nicht einmal diese Zierde haben sie gelassen. Die Nadel selbst schien ihnen zu gefährlich. Der Stein war ein Smaragd, der brach das Licht in seinem Schliff. Der spiegelte die Welt in grünen Schatten und machte sie erst schön. Ein Spielzeug und ein kühler, glatter Trost zuzeiten. Ein Spiel mit Licht und Transparenz, das nichts bedeutet.

Als ob ein solcher Stein und all die Schlösser und all die Opern Wagners, die ich zahlte, wirklich trösten könnten. Sie lenkten ab von Scham und Einsamkeit. In diesem Glanz verloren sich die Schlacken der Begierde – au nom du Pére, du Fils et Saint Esprit!

Das ließ mich der Versuchung widerstehen, bis ich erneut versagte. Die Unaussprechlichkeit all der Begierden nach Nacken, Händen, Haaransatz, nach einem Bariton und männlichem Profil. Ich konnte sie nur königlich umwerben, doch nicht als Ludwig, nicht als Mann – das mußte immer scheitern. Darauf lag Sünde und lag Fluch. Ich durfte immer nur von Ferne lieben.

Man sagte, ich sei schön gewesen, was aber nützte diese Schönheit, wenn sie sich immer nur verbergen mußte, da sie nur Camouflage- Gewand des Königs war. Anbetung blieb mir nur von Weitem, zaghafte Schatten nie erfüllter Nähe. Ich mußte mich beherrschen, doch das gelang mir nicht; ich herrsche nicht einmal mehr über mich.

Wie stark der Regen heute abend fällt. Das ist kein Frühling. Das ist ein Herbst, zu spät gekommen. Es kommt kein Sommer mehr – die Wachen draußen und die Ärzte, die lassen keinen Sommer mehr hinein.

Dann eben eine letzte Promenade, im Regen, durch den Schlamm des Ufers, die Schirme aufgespannt, mit Dr. Gudden, diesem Charon, neben mir und diesen schwarzen Wachen in der Ferne. Es bleibt der See, der schäumt im Regen, der See ist tief, man sinkt hinunter wenn man das Atmen aufgibt. Und dann ist Ruhe und übers Ufer rauscht die Gischt…

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*Neuhohenschwangau hieß das erst nach Ludwigs Tod in Neuschwanstein umbenannte Schloß in der Planungs- und Bauphase

**Kunis ist ein altbayrisches Dialektwort für den Penis

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