Alida Valli – Diva aus Perlmutt

Film heißt – mit schönen Frauen schöne Dinge machen…sagte Francois Truffaut und wenn man sieht, was er mit Jeanne Moreau, Catherine Deneuve und Fanny Ardant gemacht hat, dann wird klar, dies ist kein Spruch eines Machos, sondern eines zärtlichen Bewunderers.

Frank Sinatra mit Alida Valli gemeinfrei

Als Regisseur würde ich mich nicht scheuen mit Jake Gyllenhal, Gaspard Ulliel oder Henry Cavill noch schönere Dinge zu machen – aber da mich im Augenblick keiner läßt, will ich wenigstens an die schönen Frauen früherer Filmzeiten erinnern, deren klingende Namen – Alida Valli Isa Miranda Danielle Darrieux – und deren „fabulous faces“ heute kaum noch jemand kennt. Dem müssen wir abhelfen. Mit dieser kleinen Reihe möchte ich einige von ihnen ins Gedächtnis rufen oder erst hineinzaubern…

Augen ohne Gesicht

Ein Jahrmarktsorchestrion, splitternde Töne aus mißgesimmten Pfeifen, als wären sie kurz vor dem Zerbrechen und spieen eine letzte Melodie aus, eine nervige, fordernde Melodie. Wir sitzen in einem wackligen Wagen und fahren durch Nacht und Nebel, Gespenster aus Bäumen zu beiden Seiten der Straße.

„Les yeux sans visage“ heißt der Film…das erste Gesicht, das wir sehen, ist nicht das der Hauptfigur ohne Gesicht, sondern das von Alida Valli. Eine nicht mehr junge Frau bei Dunkelheit, Düsternis und Regen, angestrengt und angespannt einen zerbrechlichen Renault steuernd. Ein makelloses Gesicht allerdings, glatt wie Elfenbein und Perlmutt. Ihre Augen aber starren furchtsam in die Dunkelheit und noch bänglicher in den Spiegel, in dem ein schwarzer Schemen auf der Rückbank dräut: ein Schattenmantel, hochgeschlagener Kragen und ein Schattenhut, der wie ein Schatten vom Schatten ein Gesicht in undurchdringliches Schwarz taucht. Wir wissen sofort: da hockt eine Tote.

Alida Valli hält endlich an einem Flußufer und schleift die Leiche hinab ans Wasser, die dabei den Hut verliert und eine Flut blonden Haars, bizarr und fast lebendig in all der Düsternis, ergießt sich über die Tote.

Vier Minuten kein Wort, kein Laut – nur das Orchestriongesplitter und jetzt das endgültige Platschen der Leiche ins Wasser – und der entsetzte, vor sich selbst erschreckende Blick im vollendet glatten und vollendet angstvollen Gesicht von Alida Valli.

Es ist, gegen Ende der 50er Jahre, ein Gesicht „beyond beauty“… Einmal galt dieses Gesicht von Alida Maria Laura Altenburger, 1921 geborene Baronin von Marckenstein und Frauenberg, als das schönste Italiens, ja als eines der schönsten der ganzen Welt. Gleich was sie ab ihrem 15. Lebensjahr im Film spielte und sang, es mehrte ihre Beliebtheit und ihren Ruhm – das junge Mädchen wurde zur „Verlobten Italiens“ – selbst Manzoni hätte ihr wohl diesen Ehrentitel verliehen.

Kurz nach dem Kriege wurde David O. Selznick, der Produzent von „Vom Winde verweht“ auf sie aufmerksam, als er in Europa nach einer neuen Garbo suchte. Er engagierte sie und drückte die dunkelhaarige aristokratische Schönheit ausgerechnet dem Blondinenliebhaber Alfred Hitchcock für „The Paradine Case“ auf. Valli, wie sie damals nur genannt wurde, spielt darin eine abgrundtief schöne, gefährliche und skrupellose Frau, die eiskalt ihren wohlhabenden Gatte umbringt und als Mordangeklagte ihren Anwalt nahezu um den Verstand bringt mit ihrer kaltberechnenden Erotik. Man muß sie einfach hassen, man muß sie einfach lieben, so wie man die funkelnde Glut liebt oder das glitzernde Eis.

Es heißt „Paradine Case“ sei ein schwacher Film des Meisters Hitchcock, der nicht so recht wußte, was er mit der dunkelhaarigen Schönheit und ihrem teuflischen Engelsgesicht anfangen sollte. Aber das ist ungerecht – die Schwächen des Filmes gehen auf die Holzbohle Gregory Peck zurück – er spielt den Anwalt. „Valli“ beweist, daß sie eine wunderschön diabolische und diabolisch schöne Frau mit immensem Schauspieltalent ist. Haben denn die Herren Kritiker und die maulenden Männchen nicht hingeschaut: welche Eleganz, welche Selbstbeherrschung, was für beaudelairsche Umarmungen einer glitzernden Empuse? Also ehrlich – muß Euch ein schwuler Autor erklären was eine schöne Frau ist?

Aufgrund dieser Irrtümer hatte der Film nur mäßigen Erfolg in Hollywood. Einen Versuch wagte „Valli“ noch – sie übernahm die Rolle der Geliebten des Penicillin-Schmugglers Orson Welles in „Der dritte Mann“. Auch wer sie nicht kennt, hat sie, sofern er als Zuschauer Schwarz-Weiß-Werke nicht boykottiert, wie so viele dumme Kinogänger heute, mindestens einmal in der letzten Einstellung dieses Filmes gesehen. Hier hat der Regisseur Carol Reed mit einer wunderschönen Frau ein wunderschönes Ding gemacht – jawohl, ein Dinggg, unvergeßlich und schuf so eine der Ikonen der Filmgeschichte. Alida Valli – jetzt darf sie wieder ihren vollen Namen benutzen – geht bald drei Minuten über eine schier unendliche Allee auf dem Wiener Zentralfriedhof auf die Kamera zu. Es ist später Herbst, die kahlen Platanen werfen die letzten Blätter ab und vorne am linken Bildrand, an einen Pompe-Funébre-Wagen gelehnt, wartet auf sie Joseph Cotton, der hofft, daß sie ihn wenigstens ein wenig liebt, damit wäre er schon zufrieden. Aber Cotton hat ihren wahren Geliebten, den Schurken Orson Welles, an die britische Militärpolizei verraten, was sie dem jungen Mann nicht verzeihen kann – und sie schreitet, erhobenen Hauptes ohne ihn eines Blicks zu würdigen, an ihm vorbei, an der Kamera vorbei, aus dem Film heraus und in unser Bilder-Gedächtnis hinein. Wie spielt man einen nicht-geblickten Blick? Alida Valli hat es hier ein für alle mal im Kino, der Kunst der Blicke, gezeigt.

„Senso“

Obwohl Alida Valli schon in Italien ein Glamourstar war, war sie doch zu sehr vielschichtige Schauspielerin, als daß ihr der Aufstieg zur neuen Garbo in den USA geglückt wäre. Sie kehrte nach Europa zurück und spielte bis zu ihren Lebensende noch in über 100 Filmen und Fernsehproduktionen. Da sie eben keine Garbo war, deren Ruhm mit der Strahlkraft ihres Gesichtes verblaßte, mußte sie sich eben nicht zurückziehen und „I want to be alone“ hauchen.

Aus ihrer makellosen Jungschönheit wurde eine elfenbeinerne, gefaßt in Perlmutt. Auf dem Weg zwischen der einen zur anderen Art der Schönheit drehte sie 1954 den Film, in dem sie für ihren Mut zu rühmen ist, diese Übergangsphase ohne Scham zur Schau zu stellen. Gewiß trugen auch ihre angeborene aristokratische Contenance und Elegance (das muß man hier französisch aussprechen) dazu bei – die erstere Eigenschaft verrutscht genial und unter der Maske der Vornehmheit kommen die Leidenschaft in Liebe und Haß zum blendendem Vorschein.

Während die anderen großen Diven als sie nicht mehr ganz jung waren, den Wechsel vom Schwarz-Weiß zu den gnadenlosen Farbenfilm des üppigen Technicolor scheuten, wußten der Regisseur Luchino Visconti und seine Kameramänner (Aldo, Giuseppe Rotunno und Robert Krasker) genau jene leichten Verschattungen und Misstöne, jenes kaum merkliche Verblassen der Rosenhaut auszunutzen, um die Geschichte der Contessa Livia in „Senso“, das Abrutschen von der besessenen Liebe in besessenen Haß zu erzählen – realistisch bis aufs Blut, das in dem Schlachtengemälde von Custozza vergossen wird und poetisch wie das Tempera des Verfalls von Venedig.

Eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts, die nur das lebende Bild des Kinos unvergeßlich machen kann, ist Marlene auf dem Faß mit Zylinder und in Seidenstrümpfen ihre Beine vorführend. Alida Vallis cinematographisches Denkmal ist das der Contessa Livia im samtvioletten Reifrock vor dem Meer der trocknenden Weizenernte, hitzeumflirrt, auf dem Dachboden der Güter ihres viel zu alten Gatten. Die Kornspeicher bergen beige seinen Besitz – aber seine Frau im amethystfarbenen Kleid besitzt er nicht.

Für Alida Valli ist die Contessa die Rolle ihres Lebens: es ist als schwängen Lebensahnungen ihrer Vorfahren durch die üppigen Bilder. Alida Valli war ja Nachkommin eines österreichisch-italienischen Adelsgeschlechtes aus der Gegend um Venedig. Als Gesellschaftsdame gelangweilt, verspielt und kurz vorm Verblühen, lernt die Contessa im venezianischen Opernhaus einen österreichischen Offizier kennen. Gutaussehend bis zur Schönheit und sich dessen wohl bewußt. Sie beginnt, wie man so sagt, eine leidenschaftliche Affäre und um ihn an sich zu binden, veruntreut sie sogar Gelder der italienischen Rebellen gegen die österreichische Besatzungsmacht, die man ihr anvertraut hatte. Das Geld braucht der bankrotte Offizier als Bestechungssumme, um sich krank schreiben zu lassen, damit er nicht an der sich abzeichnenden Schlacht um Custozza teilnehmen muß. Was ihm als Rest übrig bleibt, verjubelt er mit Prostituierten. Die Contessa wird dessen gewahr – so tief ist ihr Lebensriß, so vernichtend der Schmerz enttäuschter Liebe, daß sie ihren Geliebten bei seinem Vorgesetzen als Deserteur denunziert. Der Fahnenflüchtige wird exekutiert, die Contessa wohnt der Erschießung bei. In ihrem Gesicht (avec des yeux – und was für Augen) spiegeln sich Befriedigung, Entsetzen und Wahnsinn.

Welche italienische Schauspielerin jener Zeit hätte sowas spielen können? Doch nicht die aufkommenden Busenstars Gina Lollobridiga oder Sophia Loren – und auch nicht die grandiose Anna Magnani, die fast alles spielen konnte sogar Schönheit, obwohl sie nun wirklich nicht schön war. Magnani war eben zu proletarisch alkoholisiert – aber Alida Valli war die Verkörperung von Grazie und Grandezza, war fähig, all dies plus das Abkippen in den Wahnsinn in ihrem Gesicht zu zeigen.

Kein Wunder, daß sie nur wenige Jahre später für den Horrorfilm entdeckt wurde. Nicht als Scream-Queen…in ihrem grandiosen Gesicht läßt sich der wahre Horror ablesen, der nach einem greift, wenn man spürt, daß das Leben verrinnt, die Schönheit verrunzelt, der Mut aufs Morgen versickert…

Elfenbein und Perlmutt

Einige Jahre später, 1958, hat Regisseur Georges Franju erspürt, was dieses Gesicht ausdrücken kann. „Les Yeux sans Visage“ erzählt die Geschichte eines Chirurgen, der einen Unfall verursacht, bei dem seine junge Tochter schwerste Verbrennungen davonträgt. Ihr Gesicht ist zerstört – und sie muß eine Maske tragen, die das vernarbte Antlitz vor den Blicken der anderen verbirgt; nur ihre Augen ohne Gesicht sind noch zu erkennen. Mit Besessenheit versucht der Vater ein Verfahren zu entwickeln, das es ihm ermöglicht, die Gesichter schöner jungen Mädchen, auf das zerstörte seine Tochter zu verpflanzen. Aber alle Versuche scheitern. Nach ein paar Tagen in denen es so aussieht, als erlangte seine Tochter ihre Schönheit zurück, nekrotisiert ihre Haut und das Transplantat muß entfernt werden.

Nur einmal ist die Operation geglückt – bei einem ersten Versuch: da gab der Chirurg Alida Valli ihr verlorenes Gesicht zurück. Wir erfahren nie so ganz was geschehen ist – aber es steht zu vermuten, es war ein durch Ausschweifungen verlebtes Gesicht. Einzig eine Narbe am Hals zeugt von der schauerlichen Operation – die Ende der 50er noch eine Utopie war, aber heute längst Wirklichkeit geworden ist. Wie besser kann diese Frau mit dem – ich sagte es bereits – elfenbeinernen Gesicht die Narbe verbergen, als unter dem Perlmutt einer Perlenkette….hier die aristokratische Makellosigkeit und da gewagt verborgen die Wundmale des Verlustes.

Aus Dankbarkeit gegenüber dem Professor besorgt Alida Valli ihm für seine Experimente junge schöne Mädchen und entsorgt die entstellten Leichen auf Fahrten wie jener am Beginn des Filmes durch Nebelschwaden und endgültige Nacht.

Bei der Uraufführung von „Les Yeux sans Visage“ sollen sieben Besucher in Ohnmacht gefallen sein – aber der Film ist keineswegs eine Schlachtorgie, kein OP-Porno. Allein die Intensität der beiden Hauptdarstellerinnen Edith Scob als entstellte Tochter und Alida Valli als vom Leben Entstellte, das Vielsagende der beiden verweigerten und präsentierten Gesichter, schafft jene Atmosphäre der unerhörten Anspannung zwischen Hoffnung und Furcht, Heilung und Entstellung, Jugend und Vergehen – die so sehr unsere Zuschauerhirne penetriert wie die Splittermusik vom elegischen Orchestrion.

Alida Valli spielte von da an bis zu ihrem Tod im Jahre 2006 noch in vielen Filmen – folgerichtig sogar in Arbeiten des italienischen Horrorpapstes Dario Argento – und brachte mit ihrem Namen ein Air von Glamour und Größe, Angst und Aristokratie, eben Grandezza ein, die nur ihr eigen war.

Traurig, daß sie heutzutage nur noch so wenige Verehrer kennen – das wird sich jetzt hoffentlich ändern, da ich die Neugier auf sie geweckt habe. Viele andere Regisseure, unter anderem Bernardo Bertolucci, Michelangelo Antonioni, Yves Allégret, Claude Chabrol, Margarethe von Trotta haben mit ihr schöne Dinge gemacht, grausame und großartige. Viva la Valli; die Frau mit dem Gesicht aus Elfenbein und Perlmutt.

Und beim nächsten Mal präsentiere ich noch ein schönstes Gesicht der Welt aus Italien: Isa Miranda! Nicht zu verwechseln mit Carmen Miranda – die nehmen wir uns für später vor…

 

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