Integration kann in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft nur die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Leben bedeuten. Integration betrifft somit zum einen nicht nur Menschen, die von irgendwo auf der Welt nach Europa kommen, sondern alle, die hier leben und zum anderen integrieren sich in moderne Gesellschaften einzelne Menschen und nicht Gruppen oder Kollektive.
Volle Identität
Verfolgt man jedoch die Integrationsdebatten der letzten Jahre, muss man den Eindruck gewinnen, es ginge nur um Migranten, ja eigentlich sogar nur um Muslime, die quasi als Kollektiv integriert werden müssten. Diese Entwicklung verdanken wir nicht zuletzt einem zunehmenden ideologisch und religiös begründeten Kollektivismus. Unsere Debatten – vor allem im Bereich Integration – sind von Identitätspolitik bestimmt oder, wie es die Philosophin Isolde Charim[1] beziehungsweise der Philosoph Sama Maani nennen, von einer Ideologie der vollen Identität und das nicht nur von rechts außen.
Identitätspolitik oder Politik der vollen Identität bedeutet, dass ein Teilaspekt individueller Identität zur identitären Definition eines Kollektivs überhöht wird. Noch vor rund 20 Jahren sprach niemand von Muslimen. Egal ob wohlmeinend oder abwertend wurde wahlweise von „Ausländern“ oder eben von Türken, Bosniern, Arabern etc. gesprochen, was auch schon problematisch war. Heute jedoch werden alle Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus mehrheitlich islamischen Ländern kamen, unter der Bezeichnung „Muslime“ subsumiert. Muslim ist zur Kategorie für das Andere – oder das Eigene – geworden. Anhand der Trennlinie „Muslim“ wird die Gesellschaft in ein „Wir“ und „die Anderen“ geteilt. Hier findet eine geistige Zwangskollektivierung statt. Individuen werden nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern stattdessen vollständig mit der ihnen zugedachten imaginären Kategorie „Muslim“ identifiziert. Imaginär, weil ein religiöses Bekenntnis kein angeborenes und unabwendbares Merkmal wie etwa die Hautfarbe ist. Es wird aber im Diskurs mittlerweile in gleicher Weise als quasi angeborenes Merkmal verwendet.
Das haben wir nicht nur den Rechten zu verdanken, die sich als vermeintliche Verteidiger des Abendlandes und der Aufklärung gegen Muslime positionieren, sondern ebenso den Vertreter/innen islamischer Organisationen in Europa, die fast alle den diversen Organisationen des politischen Islam nahestehen – und in deren Interesse es ist, eine muslimische Identität aufrechtzuerhalten bzw. zu befördern.
Identitätspolitik dominiert den Diskurs
Diese Identitätspolitik dominiert den öffentlichen Diskurs mittlerweile fast vollständig. In der Zeitung kann man lesen, dass in Österreich 700.000 Muslime leben. Vermutlich finden sich unter diesen „Muslimen“ etliche Atheisten, Agnostiker und Menschen, die nur die wichtigen Feiertage im Kreise der Familie feiern und ansonsten Gott einen lieben Mann sein lassen. Die Zahl erinnert an jene fast 2 Milliarden Muslime, die von Mohammed Karikaturen in Charlie Hebdo beleidigt waren. Hier werden Menschen mit einer vollen Identität ausgestattet, hinter der ihre Individualität verschwindet. Es geht nicht mehr darum, ob sie tatsächlich gläubig sind oder nicht, was alleine zählt ist ihre Herkunft. Aufgrund dieser werden sie dem Kollektiv Muslime zugeordnet, das als homogenes gedacht und dargestellt wird.
In den Medien findet sich auch kaum ein Artikel zum Thema Integration, der nicht mit Frau mit Kopftuch bebildert ist, sogenannte „Sichtbare Musliminnen“, wie sie in den sozialen Medien in Kreisen identitärer Muslime genannt werden. So wird, von Medien und Vertreter/innen des politischen Islam gleichermaßen, Homogenität suggeriert: Muslimin, das ist die Frau mit Kopftuch – obwohl unter sich selbst als gläubig bezeichnenden Musliminnen nur knapp ein Drittel im Alltag Kopftuch trägt.[2] Im identitätspolitischen Diskurs klingt das anders.
Antirassistische Ignoranz
Auch ein Teil des linken Diskurses wird von Identitätspolitik bestimmt: Um sich von der identitären Politik der Rechten abzugrenzen, werden Muslime vermeintlich in Schutz genommen, womit in der Regel gerade die konservativen, auf Identitätspolitik beharrenden islamischen Kräfte, gemeint sind. Dementsprechend fallen die Reaktionen auf Ex-Muslime aus oder auf Menschen, die selbst einen muslimischen Familienhintergrund haben, aber öffentlich die Religion oder muslimische Communities kritisieren, wie etwa Hamed Abdel Samad, Necla Kelek oder Kamel Daoud. Sie gelten als Stichwortgeber der Rechten, als Störenfriede des vermeintlich antirassistischen Diskurses. Dafür, dass sie die ihnen zugewiesene volle Identität verlassen und eine individuelle Identität jenseits ihres Muslim-Seins beanspruchen, werden sie denunziert. Sie sind Opfer einer vermeintlich antirassistischen Ignoranz. Von identitär muslimischer Seite werden solche „Dissidenten der vollen Identität“ übrigens als „Hausmuslime“ bezeichnet – als Muslime, die der Mehrheitsgesellschaft näher stünden, als IHRER Community. Sie gelten als Verräter an IHREM muslimischen Kollektiv.
Identitätspolitik, egal von welcher Seite, spaltet die Gesellschaft in scheinbar homogene Gruppen und fördert, auch wenn sie sich antirassistisch gibt, letztlich Rassismus. Denn sie reproduziert genau das, was ihm die Basis ist: Gruppenidentitäten und die identitäre Verknüpfung von Individuen mit vermeintlich naturgegebenen Eigenschaften. Diese identitätspolitischen Diskurse negieren nicht nur die menschenrechtlichen Grundlagen unserer Gesellschaft – individuelle Freiheit und individuelle Rechte – sondern befördern letztlich Desintegration, weil sie exkludierte Gruppen überhaupt erst erzeugen.
Integration fördern bedeutet demgegenüber, diese identitätspolitischen Diskurse zu überwinden und Menschen prinzipiell als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zu betrachten, die sich als Einzelne integrieren und nicht in erster Linie als Angehörige eines Kollektivs.
[1] Isolde Charim, Volle Identität gegen nicht-volle. In R. Just, G. R. Schor (Hrsg.), Vorboten der Barbarei, Hamburg 2011.
[2] Ednan Aslan; Jonas Kolb; Erol Yildiz, Muslimische Diversität. Ein Kompass zur religiösen Alltagspraxis in Österreich, Wiesbaden 2017, S. 284 und 62.
Newsletter abonnieren
Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.
15 comments
Ben
Die einfache Zweiteilung der Welt in Nicht-Muslime und Muslime bzw. Gläubige und Ungläubige ist im Koran gesetzt. Sie ist genauso sinnfrei und schädlich für ein gemeinsames Miteinander wie die anderen dümmlichen Zweiteilungen der Gesellschaft in Linke und Rechte, Herrenmenschen und Untermenschen. In Deutschland leben 80 Mio Menschen die man nicht so simpel zweiteilen kann. Aber für diese 80 Mio menschen gibt es nur ein Regelwerk des Zusammenlebens. Das Grundgesetz und Europäische Werte. Wer dies nicht verinnerlicht und seine Religion über diese setzt, kommt in Deutschland nicht an, diskriminiert sich selbst. Im schlimmsten Falle führt radikalisiert sich diese Identitätssuche und führt zu den Ereignissen die wir derzeit erleben. Von solchen Menschen muss sich eine Gesellschaft letztendlich trennen.
Christina Falke
Die Mehrheitsgesellschaft wäre glücklich, wenn Muslime sich als Türken, Iraker, Kosovaren sähen mit unterschiedlicher Kultur und individuellen Eigenheiten, aber dem Grundgesetz gehorchend. Dann hätte wir diese unsäglichen Toleranz-und Leitkulturdebatten gar nicht. Fakt ist: Sie selbst heiraten nur Muslime (westliche Frauen sind oft nur sexueller Zeitvertreib, eine sehr verletzende Einstellung!, – und muslimische Mädchen werden in ihrem Umgang totalüberwacht und dürfen nur Muslime heiraten), sie selbst verwandeln Orte in homogene Muslimviertel mit Verdrängung der einheimischen Ursprungskultur. Ich bin froh über die europäische identitäre Bewegung, weil sie allein durch ihre Existenz die Freiheit der europäischen Frauen verteidigt. Es nützt uns Frauen nämlich herzlich wenig, wenn wir auf dem Papier „Vielfalt“ und „Freiheit“ haben, de facto aber mehr Zwangsehen und Ehrenmorde sowie Belästigungen und Bedrohungen westlicher Frauen im öffentlichen Raum – und diese Probleme nicht einmal ansprechen dürfen!!!!!!!!!!!!! Und erleben müssen, wie der Wert weiblichen Lebens in der westlichen Gesellschaft aufgrund dieser Tabuisierung sinkt. Die europäische identitäre Bewegung ist eine notwendige Reaktion auf das kollektive Auftreten der Muslime und deren Verachtung – und damit Spaltung- unserer Gesellschaft. Ein Blick über den Tellerrand Europas-z.B. zu den Philippinen- zeigt, dass andere Länder ganz ähnliche Probleme mit diesem Kollektiv haben – und ein Blick in die muslimischen Länder selbst offenbart wenig „Vielfalt“, „Toleranz“ und „Freiheit“. Daher geht die Problematisiereng einheimischer Identitätsbewegungen völlig am eigentlichen Problem – dem real existierenden Islam- vorbei.
Fred Groeger
Ach du Scheiße. Ich finde Hamed Abdel Samad ja eher rechtsaußen, weil er antilberalen Schwachsinn von sich gibt und gerne vor Rechtspopulisten und Rechtsradikalen Vorträge hält.
Aber was solls.
Fred Groeger
Na gut. Erstmal Kompliment:
Sie haben die „Bolschewistisch-Muslimische Weltverschwörung“ aufgedeckt.
Da Linken-Bashing ja gerade schwer angesagt ist, bekommen Sie dafür den Hipster-Keks der Jungen Union am goldenen Band.
Und jetzt zum Problemchen mit Ihrer These:
Da fehlen ein paar andere Betrachtungen von „Identitätspolitik“. Es kommt nicht nur aus dem „linken Diskurs“, dass plötzlich alle die arabische, türkische oder bosnische Wurzeln haben, automatisch und übereilt als „Muslime“ eingestuft werden.
Das war vormals eine sehr rechte Spezialiät und ist es auch oft immer noch. Es bringt echt wenig, wenn Sie behaupten, dass dieses bescheuerte Abstammungsdenken aus dem „linken Diskurs“ kommt, obwohl es eine typische „rechte“ und sehr „konservative“ Erfindung ist. Auch religiöse konservative Christen denken ja, dass sie ihren religiösen Kram an ihre Kinder vererben und lassen sie erstmal in irgendein geheiligtes Waschbecken tunken.
Für Antirassisten spielt es zwar durchaus eine Rolle, aber aus einem anderen Grund, den Sie entweder ignorieren oder beim Lesen von „Kurier“-Artikeln irgendwie aus den Augen verloren haben:
Wenn du „arabisch“, „türkisch“ oder auch „afrikanisch“ aussiehst dann stecken dich Rechtsradikale, aber auch Rechtspopulisten erstmal in die „Musel-Ecke“.
Sieht man besonders oft, wenn mal wieder irgendein Straftäter in der Boulevardzeitung Ihrer Wahl das passende Aussehen für den Stammtischrassisten hat.
„Der ist doch bestimmt Moslem!“
„Warum schreiben die Zeitungen denn nicht, dass der Moslem ist!?“
Undsoweiter.
Ich kann verstehen, dass Sie sowas nicht im Blickfeld haben, aber da Sie sich thematisch eigentlich selten mit Rassismus und offensichtlich noch weniger mit Antirassismus befassen, sondern in den letzten Jahren scheinbar mit „irgendwas mit Islam“ zu tun hatten, wünschte ich, Sie würden nicht so plump über fachfremde Themen schreiben.
Und nochmal was zum „Linken-Bashing“:
Die konservativen, nicht gerade liberalen Muslime zieht es eher zu den christlich-konservativen Parteien. (z. B. CDU)
Sie werden in den linken Parteien aus logischen Gründen eher wenige konservative Muslime finden, da diese ja nicht ihre „konservative Identität“ dort finden.
Bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen den Hipster-Keks der Jungen Union am goldenen Band erst zuschicken kann, wenn Jens Spahn den nicht mehr braucht.
Heiko Heinisch
Lieber Fred Groeger, ich schreibe ja auch nicht, dass das aus dem linken Diskurs kommt, sondern dass Identitätspolitik auch einen Teil des linken Diskurses bestimmt und von diesem befördert wird.
Und was die konservativen Muslime betrifft: Die finden sich eben auch in sozialdemokratischen und grünen Parteien in Europa. Die SPÖ etwa beherbergt mehrere Mitglieder der Milli Görüş (Nationale Sicht), einer konservativ islamistischen Bewegung. Die schwedischen Grünen wiederum waren von Muslimbrüdern bis hinein in die Parteiführung unterwandert.
Fred Groeger
Unsere Grünen sind auch von Konservativen wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer unterwandert. Vom Personal der SPD ganz zu schweigen. Leute wie Helmut Schmidt hatten auch ihre allzu konservative Denkweise.
Da möchten Sie was über Pauschalisierung schreiben, hauen sich aber selbst in die Pfanne, weil Ihnen natürlich wieder der Hinweis auf den „linken Diskurs“ rauspurzeln muss, für ein Phänomen, dass aber gar keinen „linken“ Ursprung im Denken hat.
Es ist doch auch ein Witz, wenn Sie die Unbeliebtheit von Hamed Abdel Samad und Necla Kelek damit in Zusamnenhang setzen:
Beide sind mehr oder weniger darüber gestolpert, dass sie mit pauschalisierten Überspitzungen abeiten. Das kann man bei beiden aus ihrer Lebensgeschichte heraus verstehen, muss man aber eben nicht gut finden.
(Hamed Abdel-Samad finde ich auch wegen seiner permanenten Selbstdarstellung eher absurd. Fehlt bloss noch, dass auf einem Bärenfell vor dem Kamin posiert, um wieder mal einen seine Beiträge mit Foto zu versehen.)
Und jetzt zu ihren „heißen Infos“ über die „Unterwanderung der schwedischen Grünen durch die Muslimbrüder“: Ist zwar hübsch immer auf solche „Skandale“ anzuspringen, aber wenn man mal nachforscht, war da mehr Schnappatmung als „Unterwanderung“. Kaum Fälle und keine Belege, dass einer der Fälle „Politik im Sinne der Muslimbrüder“ betrieb.
Dass es diese „Unterwanderungsversuche“ von „Milli Görüs“ immer wieder gibt, ist jetzt auch nicht der große Knaller.
Ich finde es aber scharf, dass Sie nicht im gleichen Maße erwähnen, dass es diese „Unterwanderungsversuche“ auch in der ÖVP gibt, wenn Sie über die SPÖ herziehen wollen. (ÖVP und AKP).
Das Problem dieser „Identitätspolitik“, die es durchaus gibt, kommt nicht aus einem „linken Diskurs“. Und diese „Identitätspolitik“ betrifft ja nicht nur Muslime. Im Zweifelsfall unterstützt jede ideologische Fraktion gerne religiöse Spinner, wenn es dem eigenen „Freund/Feind“-Bild entspricht. Das war schon immer so, ist keine große Entdeckung.
Heiko Heinisch
Die Unterwanderungsversuche gibt es bei allen Parteien, die nahe an der Macht sind, also natürlich auch bei der ÖVP. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass etwa Funktionäre der Milli Görüs gleichzeitig Funktionen in der ÖVP innehaben. Entsprechende Informationen nehme ich jedoch gerne entgegen. Bei der SPÖ lassen sich jedoch MG-Funktionäre in politischen Funktionen finden. So ist etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, der Generalsekretär der MG in Freistadt gleichzeitig Abgeordneter der SP im Gemeinderat. Das war aber nicht der Punkt, um den es in meinem Artikel ging. Der beschäftigt sich mit Identitätspolitik und identitären Diskursen und die finden sich meiner Meinung nach von der Sozialdemokratie bis weit nach links eher (und zwar nicht nur in Österreich, sondern auch im restlichen Europa) als in konservativen Millieus.
Fred Groeger
Da würde ich spontan mal Hasan Vural von der ÖVP nennen, der eigentlich Verstrickungen zu AKP hat. Letztendlich war es bis ca. 2013 so, dass die „Konservativen“ Parteien in der EU übewiegend die Einstellung hatten, dass die Mischung aus religiöser Rechte, Nationalgeklimper und Wirtschaftsliberalismus, für die Erdogan steht, eben eine typische „konservative“ Partei darstellt. (Auch wenn dieser Irrtum bereits seit den „Gezi-Park-Protesten“ zerbröckelte)
Bei der Unterwanderung von „Mili Görüs“ bei sozialdemokratischen Parteien oder den Grünen, ergibt es auch keinen Sinn so eine Verschwörungstheorie rauszuposaunen, es hätte etwas damit zu tun, dass diese „Unterwanderung“ durch falsch verstandene „Identitätspolitik“ von „Linken“ begünstigt wurde.
Beim Parteibeitritt wurde bestimmt nicht gefragt, ob diese Personen „Mili Görüs“ nahestehen, bloss weil sie Moslems sind.
Da müssen Sie auch realistisch bleiben, Heiko Heinisch:
Wenn Grüne oder Sozialdemokraten Mitglieder aufnehmen, müssen sie nun nicht davon ausgehen, dass Leute, die der Partei beitreten wollen, ausgerechnet solchen Sekten wie „Mili Görüs“ angehören oder nahestehen, die ideologisch eher erzkonservative Gegensätze zur Partei bilden.
Und die Sache mit der „Identitätspolitik“ oder „identitären Diskursen“ ist ja nun auch nicht so ganz so, wie Sie es vereinfacht darstellen wollen.
Tatsächlich sind die Beispiele, die Sie da nennen, zumindest Hamed Abdel-Samad und Necla Kelek, eher in Verruf, weil es in ihren Werken und Vorträgen zu starken Pauschalisierungen kommt.
Hamed Abdel-Samad ist doch bereits durch „Der islamische Faschismus: Eine Analyse“ in eine selbstverschuldete Schieflage geraten, weil dort pseudohistorisch Zusammenhänge konstruiert wurden, die haarsträubend sind, tatsächliche Fakten komplett ignoriert wurden.
Das hatte schon „Udo Ulfkotte“-Niveau.
Sollen jetzt alle Abdel-Samad bejubeln, auch wenn er Blödsinn schreibt?
Heiko Heinisch
Danke für den Hinweis! – Von Verschwörungen habe ich übrigens nicht gesprochen. Darum geht es auch nicht. Dass sich in Europa gerade bei SP und Grünen viele konservative bis fundamentalistische Muslime tummeln liegt eben genau an dem von mir beschriebenen identitätspolitischen Zugang:
Parteien haben irgendwann gemerkt, dass sie mit ihren rein autochthonen Mitgliedern die Gesellschaft nicht mehr abbilden und waren aus dieser richtigen Analyse heraus bemüht, Migranten aufzunehmen. Dieses Bedürfnis war bei linken Parteien sicher stärker ausgeprägt als bei konservativen oder rechten. Sie hatten allerdings nicht damit gerechnet, dass gerade organisierte Muslime (und das sind in der Regel die konservativen bis fundamentalistischen) diese Öffnung der Parteien als Chance begreifen würden, politische Macht zu erlangen. Und das fiel ihnen umso leichter, als „Migrant“ sein in den meisten Fällen als Eintrittskarte ausreichte. Darüber hinaus wurde eben nicht genauer hingesehen, andernfalls hätte man die Einstellungen von etwa Milli Görüs Anhängern zumindest bemerken müssen. Da gab es einfach kein Problembewusstsein – und es gibt noch immer sehr wenig – Migranten, später Muslime, wurden erst einmal als an sich gut betrachtet. Umgekehrter Rassismus könnte man sagen.
Es geht auch nicht darum, Hamed Abdel-Samad oder Necla Kelek zu bejubeln. Man kann ihre Thesen falsch finden und darüber streiten – aber hier läuft offensichtlich etwas anderes: Der Versuch, Menschen mundtod zu machen, ihre Auftritte und medialen Äußerungen zu verhindern. Und diese Versuche kommen nun einmal aus den islamischen Verbänden und von links. Kamel Daoud wäre auch ein gutes Beispiel für die Aversion vieler Linker gegenüber muslimischen Dissidenten. – An Pauschalisierung liegt es übrigens nicht, denn pauschalisiert wird von vielen, ohne dass das auch nur annähernd ähnliche Konsequenzen hätte.
Fred Groeger
Das mit dem „umgekehrten Rassismus“ ist aber eben eine konfuse (Verschwörungs)Theorie, die Sie gar nicht belegen können. Ich verstehe warum Sie das denken (oder eher glauben), es funktioniert aber nicht so.
Es gibt ja eben sehr gewichtige Gründe, warum sich in den letzten Jahren „Linke“ aber auch „Liberale“ öfter vor Muslime stellen müssen, obwohl sie inhaltlich überhaupt nicht mit muslimischem Glaubenstralala konform sind:
Muslime haben derzeit als eine der kleinsten religiösen Gruppen z. B. in Deutschland die meiste „Hetze“ der Mehrheitsgesellschaft abbekommen.
Das fing schon mit der absurden „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“-Debatte an, Thilo Sarrazin und ziemlich albernen Parteibildungen wie „Die Freiheit“.
Eine Debatte, dass wir durch das Grundgesetz nunmal „Glaubens-und Bekenntnisfreiheit“ haben und auch Religionen ertragen müssen, die merkwürdige Fundamentalisten an ihren Rändern haben, fand nur begrenzt statt.
Das hilft dann auch nicht sonderlich gegen Fundamentalismus.
In Deutschland und (vermutlich auch Österreich) hat das dann den Beigeschmack, dass es von einer interessanten Islamkritik, die so sinnvoll ist auch Probleme in fundamentalistischen Teilen anderer Religionen (Christen, Juden, Hindus) oder gefährlichen Autoritätsphilosophien wie dem Konfuzianismus (unter Deutschvietnamesen leider verbreitet) in eine zu breite und pauschale Pseudokritik abzurutschen, die dann beispielsweise ihren Gipfel in „PI-News“, „PEGIDA“ und FPÖ/AfD am rechten Rand findet.
Wenn Sie sich also ernsthaft fragen, warum Antirassisten sich oft schützend vor Muslime stellen:
Das ergab sich daraus, dass viele „Islamkritiker“ ihre „Islamkritik“ ungefähr so undifferenziert betreiben, wie Antisemiten ihre „Israelkritik“.
Ben
Wird der Identitäre Diskurs von den Bürgern, Muslime wie Nicht-Muslime, geführt oder durch die Islamverbände getrieben, die durch Medien und Politik hierfür eine Bühne erhalten? Wenn stets erklärt werden muss, dass wir doch alle eine Gesellschaft teilen, dann ist dieser Zustand eben nicht erreicht, denn sonst müsste dies ja nicht diskutiert werden sondern wäre bereits als eine Selbstverständlichkeit etabliert, die nicht diskutiert werden müsste. Erstaunlicherweise müssen solche Diskussionen nicht mit und über andere religiöse Minderheiten diskutiert werden. Also muss es doch Gründe hierfür geben. Können solche Gründe darin liegen dass andere religiöse Minderheiten eben nicht Privilegien über den Rechtsweg einklagen oder permanent über Diskriminierung und Intoleranz klagen sonder es ihnen gelingt ihre Glaubensausübung in Einklang mit dem Grundgesetz zu leben und nicht dominant zu präsentieren? Bisher habe ich nicht wahrgenommen dass Christen Gebetsräume an Schulen einklagen, Hinduisten sich darüber beschweren dass ihre Heiligen Kühe gemolken, geschlachtet und verzehrt werden oder Juden die Kippa in den Rechtsreferandardienst einklagen. Ich nehme auch nicht wahr das Kirchen- und Papstkritiker als Christianophob stigmatisiert oder mit dem Tode bedroht werden. Die eigene Persönlichkeitsentwicklung oder Identitätsverwirklichung endet dort wo sie beginnt andere einzuschränken oder rechtswidrig agiert. Die Politik sollte ihre Partnerschaften mit den Islamverbänden überdenken und ändern. Es gibt junge Alternativen, die ein progressives Islamverständnis vermitteln und hierfür von den Verbänden (und leider auch Muslimen) angegriffen werden, aber keinen Rückhaltung durch die Politik erfahren. Das muss sich ändern.





















Ul Rich
Die Gefahr die Welt in „Muslime“ versus „nicht Muslime“ zu teilen ist in der Tat beängstigend. „Muslime / nicht Muslime“ als Zentrale Kategorie für ein Wir und die Anderen – Wir die Guten und die Anderen die Bösen!
Dass von Seiten der Rechten diese Kategorisierung undifferenziert befördert und politisch ausgeschlachtet wird ist nicht verwunderlich. Aber umso verwunderlicher ist es dass die Linken ebenfalls keine differenzierte Haltung zustande bringen, jegliche Kritik an Problemen mit dem Islam wird als Rassismus bezeichnet und sofort bekämpft.
Meines Erachtens ist eine Kategorisierung „Muslime / nicht Muslime“ strikt abzulehnen und am Besten ganz wegzulassen. Anstatt dessen sollte man diejenige Kategorie befördern welche wirklich Bedeutung hat. Es ist die Grundsätzliche Frage: Stimmt ein Mensch mit den Werten einer aufgeklärten, säkularen, demokratischen, rechtsstaatlichen und an den Menschenrechten orientierten Gesellschaftsordnung überein? Ja oder Nein?
Europa hat es insbesonders durch die Aufklärung geschafft ein Ort der Freiheit zu werden. In welcher jeder Mensch unabhängig von „Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, politische oder sonstige Anschauung, nationale oder soziale Herkunft, Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, Vermögen, Geburt noch der sonstige Status“ frei leben kann.
Die Zentrale Frage und entscheidende Kategorie ist deshalb bist du „ein Freund der aufgeklärten Freiheit“ oder „ein Feind der aufgeklärten Freiheit“