Die Kolumnisten

persönlich. parteiisch. provokant.

Studium ist Ausbildung: Bedingungsloses Grundeinkommen für Studierende

Studierende sind eigentlich das, was früher die Lehrlinge waren, denn nach dem Studium sind die meisten von ihnen nicht Elite, sondern Wissensarbeiter, Angestellte in den Wissensfabriken, ob privat oder im öffentlichen Dienst. Aber sie bekommen kein Lehrgeld, das sollte sich ändern.

Studium ist Ausbildung
Ausbildung für die Wissensfabrik Bild von Andrew Tan auf Pixabay

Ein großer Teil eines jeden Jahrgangs, der gegenwärtig die Schule verlässt, wird Wissensarbeiter. Studium ist heute Ausbildung, das was vor ein paar Jahrzehnten die Lehre nach der Realschule war. Junge Menschen lernen immer seltener einen klassischen Ausbildungsberuf, sie gehen nicht mehr in die Lehre, um nach drei Jahren Schlosserin, Friseur, Elektrikerin oder Verkäufer zu sein. Rund die Hälfte von ihnen macht Abitur, und die meisten der Abiturienten besuchen anschließend eine Hochschule oder eine Universität, um nach dem Studium Bachelor oder Master zu sein.

Auch wenn man das Wort Master aus dem Englischen ins Deutsche mit „Meister“ übersetzen könnte, werden die Absolventen der Hochschulen nicht als Vorarbeiter oder Teamleiterin eingesetzt. Längst studiert man nicht mehr, um später mal zur Elite zu gehören. Der Begriff ist ein Euphemismus, denn die Master von heute sind einfache Angestellte, Wissensarbeiter in den Wissensfabriken, ob sie nun BWL oder Informatik, Mathematik oder Kulturwissenschaft studiert haben.

Studenten: Lehrlinge von heute

Es hat in den letzten Jahrzehnten eine Inflation der Bildungsabschlüsse stattgefunden, und das muss man gar nicht beklagen. Das Abitur von heute ist der Realschulabschluss von Vorgestern, was früher der Facharbeiter war, ist heute der Bachelor, vielleicht sogar der Master. Auch, dass das alles heute länger dauert als früher, ist nicht zu beanstanden, denn möglicherweise muss man heute tatsächlich mehr lernen, um in den Wissensfabriken einen anständigen Job zu machen, als man es in früheren Jahren musste. Vielleicht braucht man einfach länger, um geistige Fähigkeiten einzuüben, als man braucht, um manuell zum Fachmann zu werden. Das Studium ist zu einer ganz normalen Ausbildung geworden, das, was früher die Lehre war.

So weit, so gut. Es ergibt sich allerdings ein grundlegendes Problem: Die Auszubildenden werden von den Unternehmen oder Behörden bezahlt, in denen sie ihre Ausbildung machen. Das ist für die Arbeitgeber am Ende vielleicht ein Null-Summen-Spiel: In den ersten Lehrjahren haben sie mehr ausgegeben, als ein Azubi an Leistung erbringen konnte, gegen Ende der Ausbildung sind die Auszubildenden fast schon vollwertige Facharbeiter.

Wer aber bezahlt die Studierenden, wenn ihr Studium doch auch eine Ausbildung für einen Beruf ist? Einige bekommen immerhin Bafög, die anderen bekommen was von den Eltern. Meistens reicht das nicht, sodass viele Studierende neben dem Studium arbeiten gehen müssen – das macht das Studium ineffektiv und zieht es in die Länge. Man stelle sich vor, Lehrlinge würden neben der Lehre noch irgendwo jobben, um sich die Lehre leisten zu können.

Bedingungsloses Bafög fürs Studium als Ausbildung

Von den Freien Demokraten kommt jetzt eine Idee, die man als bedingungsloses Bafög für alle bezeichnen könnte. Jede Studentin und jeder Student bekommt ein Grund-Bafög, das nicht zurückgezahlt werden muss. Das wäre sozusagen Vergütung für das Studium als Ausbildung. Im Gegenzug entfallen alle Vergünstigungen, die die Eltern bisher für den Unterhalt der Kinder bekamen (Kindergeld bzw. Kinderfreibeträge auf die Steuerlast).

Man kann so ein Bafög für alle als kleinen Testlauf für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ansehen. Die Idee des BGE ist ja auch, alle staatlichen Zuschüsse zum Leben, die mit Nachweisen der eigenen Bedarfs- oder Notsituation verbunden sind, zu ersetzen durch einen Fixbetrag, der jedem Menschen zusteht. Das Bafög für alle ist nichts anderes als ein BGE für Studierende – auch wenn hier ein Teil des Geldes, den der Mensch zum leben braucht, als Darlehen gezahlt wird, welches irgendwann bei Leistungsfähigkeit durch Arbeitseinkommen mal zurückzuzahlen ist.

Klingt gut, bringt aber im Moment der Einführung Probleme. Die FDP schlägt als Nicht-rückzahlbaren Teil des Bafög für alle 500 € pro Monat vor. Man kann nun ausrechnen, dass dies für jemanden, der heute den Maximalbetrag des Bafög zuzüglich Kindergeld bekommt, einen Verlust von rund 175 € pro Monat bedeutet. Betrachtet man die Eltern und die Studierenden gemeinsam, profitieren vom FDP-Modell die mittleren Einkommen am meisten, auch bei hohen Einkommen profitieren unterm Strich Eltern und Studierende, der Nachteil aus dem Wegfall der Steuerfreibeträge bei den Eltern ist geringer als die 500 €, die die studierende Tochter bekommt.
Dieses Problem bleibt natürlich relativ bestehen, wenn man den Bafög-Betrag so weit erhöht, dass es auch für den Sohn der Geringverdiener ein kleines Plus gibt, denn dieses Mehr käme ja auch der berühmten Chefarzttochter zu gute.

Warum sollte man die Idee, auch als sozialer Liberaler, trotzdem verteidigen?

Freiheit für die Studierenden – auch von den Eltern.
Zunächst, weil kein Studierender sich mehr nackt machen müsste, um Bafög zu bekommen. Keine Notwendigkeit mehr, haarklein aufzuführen, wer in der Familie wie viel verdient, wie viel einer auf der Hohen Kante hat. Auch keine Möglichkeiten zum Tricksen mehr für Leute, die geschickte Steuerberater haben. Das schafft Bürokratie ab, reduziert Misstrauen.

Dann, weil es allen Studierenden echte Unabhängigkeit von ihren Eltern sichert. Wie viele Studierende bekommen das Kindergeld nicht überwiesen, weil es bei den Eltern landet? Ich kenne Fälle, in denen der Stress für die Betroffenen groß war, und manche haben um des lieben Friedens mit den Eltern Willen drauf verzichtet. Wie viele Studierende mit besser verdienenden Eltern aber auch, bei denen die Zuwendungen von der Befriedigung der Vorstellungen der Eltern abhängen?

Sicherlich kann man an den Details des Konzeptes noch etwas machen. Denkbar ist z.B., dass man den Nicht-Rückzahlbaren Anteil des Bafög um bis zu 200 € pro Monat erhöht, wenn sich eine entsprechende Härtefall-Situation nachweisen lässt. Man sollte aber die Idee eines Bafög für alle nicht gleich totreden, weil man meint, dass sie von einer Partei kommt, der man gern soziale Kälte nachsagt.

Elternunabhängiges Bafög schafft Freiheit für die Studierenden, Unabhängigkeit. Es ist die Ausbildungsvergütung für die Wissensarbeiter, deren Studium Ausbildung ist, und damit eine Komponente der Modernisierung unseres erfolgreichen Ausbildungssystems.

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8 comments
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derblondehans

… es gibt gegen ein bedingungsloses ‚Grundeinkommen für alle‘ [sic!] nur ideologische Gründe. Meine ich.

Das bedingungslose Einkommen ist für die nahe Zukunft absehbar. Steuerkram ist nebensächlich, lösbar. Wer das nicht sieht, für den ist die automatisierungs- und Informationstechnologie Neuland. Die Ex lässt grüßen.

Übrigens ein schöner Nachweis, für den konterrevolutionären Sozialismus in all seinen Varianten, samt EU, Schulz und Mohammedanismus, einschließlich Völkerwanderung und Zwangsumsiedlungen.

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Jochen Heller

Seltsamer Vergleich: Azubis erhalten Geld, Studierende nicht, beide lernen.

Auszubildende und Lehrlinge (= Handwerk) in der dualen Ausbildung mit den zwei Lernorten Betrieb und Berufsschule, ggf. noch überbetrieblicher Bildungsstätte, sind Beschäftigte der Ausbildungsbetriebe. Sie zählen als halbe Kraft, verdienen häufig weniger als die Hälfte der Vollzeitentlohnung und setzen ihre Arbeitskraft für den Betrieb bisweilen auch zu einem höheren Zeitumfang als der Hälfte der Vollzeit ein. Sie müssen angelernt werden, wie andere Kolleg*innen auch, und wenn sie angelernt sind, tragen sie zur Produktivität des Betriebs mit bei. Dafür erhalten sie ein Gehalt. Lehrgeld ist Arbeitslohn.

Studierende verbringen ihre Lehrzeit überwiegend an dem einen Lernort Hochschule. Sie absolvieren im Rahmen ihrer Lehre auch Pflichtpraktika, die ggf. als solche entlohnt werden, aber regelmäßig denke ich unvergütet sind. Inwieweit Praktikant*innen etwas zur Produktivität eines Betriebes beitragen können hängt m.E. von der Länge des jeweiligen Praktikums ab. Insoweit ist möglicherweise ein kostenfreies zweiwöchiges Praktikum leichter zu rechtfertigen als ein sechsmonatiges. Zumindest sind Praktikant*innen keine Beschäftigten und Studierende somit auch nicht. Studentische Hilfskräfte tragen ihren Teil zur Produktivität der Hochschule bei. Dafür erhalten sie eine Vergütung als Beschäftigte der Hochschule.

Studierende sind vergleichbar mit Lernenden in einer rein schulischen Ausbildung, etwa angehende Erzieherinnen oder Medizinisch-Technische-Assistentinn*en oder entsprechende Berufe. Diese sind auch keine Beschäftigten und erhalten daher keine durchgängige Ausbildungsvergütung. Ja, und die müssen ggf. wie Studierende nebenher jobben, um sich ihre Lehre leisten zu können.

Bachelor-Absolvent*innen lösen nicht die Facharbeiter*innen ab. Die duale Ausbildung besteht fort und ist weiter eine Alternative zum Studium oder zu einer rein schulischen Ausbildung – oder zu einer rein praktischen Anlerntätigkeit. Die duale Ausbildung hat noch – insbesondere bei Unternehmen, die auf langfristige MItarbeiterbindung setzen – weitere Vorteile, die nicht so ohne weiteres aufgegeben werden.

Mit Bedingungslosem Grundeinkommen hat das Lehrgeld nichts zu tun. Es ist ein Gehalt, gezahlt vom Ausbildungsbetrieb und nicht als Transferleistung vom Staat.

Also warum dieser seltsam hinkende Vergleich?

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Jochen Heller

Wird eigentlich ein Studium zwangsläufig effektiver und schneller bei vollkommener, bedingungsloser materieller Absicherung?

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    derblondehans

    … zwangsläufig nicht, aber höchstwahrscheinlich effektiver und schneller. Was für eine Frage!? Ich habe noch nie gelesen, dass, beispielsweise, ein Harvard-Absolvent sich neben sein Studium um seinen, ggf. auch familiären, Unterhalt kümmern muss.

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      Jochen Heller

      Lustig, dass Harvard erwähnt wird jedoch nicht die durchschnittliche Verweildauer der Studierenden dort – die ich auch nicht kenne, aber darauf anzuspielen, dass die meisten Studierenden an einer us-amerikanischen Privathochschule aus gut bestalltem Hause kommen sagt nichts aus darüber, ob das Studium zwangsläufig oder höchstwahrscheinlich effektiver und schneller absolviert wird. Dabei wird ggf. von denen, die das Studium im wahrsten Sinne zu finanzieren haben und nicht „bloß“ die Lebenshaltungskosten, etwas Druck ausgeübt, das Studium doch bitte nicht zu sehr schleifen zu lassen. Aber welchen Anreiz haben die Studierenden? Studieren macht Spaß, Student sein macht Spaß, also warum damit aufhören, wenn man nicht muss?
      Ich hatte ja, als ich meine Frage schrieb, die viel gerühmte, klassische Zeit der BRD im Hinterkopf, als man noch ganz versonnen Diplom und Magister studierte, oder ein Studium mit der Promotion beendete – auch den Lebensunterhalt mit Bafög oder durch die Eltern finanziert, ohne Studiengebühren. Die materiellen Sorgen waren nicht so ausgeprägt. Die Freiheit des Studierendenlebens wird heute noch mit glasigem Blick besungen. Und die Verweildauer war nicht all zu kurz. Ich sage nur: Humboldt! Wogegen ich gar nichts habe, nebenbei bemerkt.
      Aber in diesem Artikel: Mannomann. Da steht eigentlich bloß dummes Zeug.

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        derblondehans

        … werter J.H., ich weiß nicht warum Sie nicht wissen, dass andere nicht wissen, warum Sie und andere, sich, zum Beispiel durch ein Studium, wo auch immer, aus welchem Grund auch immer, weiterbilden wollen. Oder auch nicht. Es ging mir eigentlich um die Effektivität in einem Studium. Schon gut. War ein Fehler mich zu melden. Ich bin gar nicht hier.

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Jochen Heller

Immer wieder komme ich auf diesen schrägen Artikel heute zurück: Wie schnell kam man denn „vorgestern“ zu seinem Abschluss? Hat das Studium regelmäßig unter fünf Jahren gedauert und war die Schulzeit kürzer als 10 bis 13 Jahre? Und war das Abitur inhaltlich oder in der gesellschaftlichen Wertigkeit höher angesiedelt?

Ich weiß gar nicht, wovon der Kolumnist schreibt.
Er schreibt sicherlich persönlich, parteiisch und provokant. Ich bezweifel allerdings, dass er selbst weiß, worüber.

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Lölö

Hier, Studentin, erhalte keinen Unterhalt, kein BaföG und kein Kindergeld (mehr, Altersgrenze überschritten, da Elternteil verstorben und Leistungsnachweis erst verspätet möglich, da ->), chronisch krank. Sechs Monate arbeitslos, obwohl ca. 250 Bewerbungen geschrieben, auch keinen Cent vom Staat. Krankenkasse frisst 100€ pro Monat, unabhängig davon, ob man Einkommen hat. Als Erste in der Familie Abitur, alle anderen haben nur Hauptschulabschlüsse, selbst sechs Jahre eine Hauptschule besucht. Nachgewiesene „intellektuelle Hochbegabung“, die bisher aber nicht gut genug umgesetzt werden konnte. Es fragt niemand nach, was man denn tut, wenn man sich endlich zum Studienabbruch nötigen lassen hat, spätestens nach Anklopfen des Beitragsservice‘, der sich ebenfalls im Recht wähnt, von jemandem weit unterhalb des Existenzminimums Abgaben einzufordern, die für seinen Einkommensbereich nicht bestimmt sind, stellt man sich schnell die Frage, wofür das Ganze? Eine Ausbildung wäre nicht einfacher finanzierbar. Zu niedrige Ausbildungsgehälter, kein BAB. Nebenjob am Wochenende wäre nötig – da . Lebenslanges Nachgehen von ungelernten Arbeiten liegt da näher.
Hätte ich mich mit 18 zur Gebärmaschine degradieren lassen, wäre meine Grundsicherung mir sicher.
Ich werde von Tag zu Tag wütender.