Ehe muss man haben dürfen

Die Ehe für Alle ist kein Antidiskriminierungserfolg, sondern Sieg des Konsumismus.


Homosexuelle haben in der Vergangenheit einen berechtigten, harten und häufig mutigen Kampf um Anerkennung geführt. Das Institut der eingetragenen Lebenspartnerschaft (samt Ehegattensplitting) – im Volksmund Homo-Ehe – ist eine wichtige Errungenschaft, mit der materielle Benachteiligung beendet wurde. Die letzte Etappe, deren Ziel mit der Parlamentsabstimmung am 30. Juni 2017 erreicht wurde, stand jedoch nicht mehr im Zeichen von Antidiskriminierung. Sie war vielmehr Ausdruck des Bedeutungswandels der Ehe.

Die letzte Etappe war auch kein Feldzug der Gay Community, sondern einzelner Aktivisten und vor allem von Teilen der politischen Klasse, denen es nicht um Rechte für sich oder andere ging, sondern um den finalen Triumph  beim beliebten politischen Spiel des ungefragten Minderheitenschützens. Ein Erfolg, der ausgekostet werden kann, wenn der Gegner am Boden liegt. Wenn viel Jubel kommt von jenen, die immer brav klatschen, sobald jemand laut „Applaus Applaus“ ruft. Wenn ein paar Vorzeigereaktionäre zetern oder ihnen die Gesichtszüge entgleisen. Und wenn die Medien eine „historische Entscheidung“ vermelden.

Ehe in der Konsumgesellschaft

Die „historische Funktion“ der Ehe für Alle ist es, in der fortgeschrittenen Konsumgesellschaft für Gleichheit zu sorgen. Nicht Gleichheit der Menschen, sondern Gleichheit der Konsumenten. Die traditionelle Ehe ist in einer Zeit, in der die freie Wahl von Lebensformen und -stilen und Identitäten  dominierendes Ideologem geworden ist, ein Fremdkörper. Sie ist eine Lebensform, die nicht allen offen steht, die nicht käuflich ist. Mit dieser prinzipiellen Exklusivität verweigert sich die traditionelle Ehe dem Warencharakter. In der Konsumgesellschaft ist jedoch etwas, das man haben will, aber nicht haben kann, ein Sakrileg, das nicht geduldet werden kann.

Der Bedeutungswandel von Ehe und Familie ist noch in einer zweiten Weise im Kontext des Übergangs von der Produzenten- zur Konsumgesellschaft zu sehen. Die Ehe als Keimzelle der Familie ist die Institution, in der Kinder zur Welt kommen und großgezogen werden. Sie ist somit primär Ort der Re-Produktion (oder Er-Zeugung) und nicht der Konsumtion. Mit zunehmender Kinderlosigkeit und Verkürzung der durchschnittlichen Dauer hat sich die Ehe schon deutlich in die Konsumgesellschaft eingepasst. Sie ist immer weniger der Ort, an dem man sich ein gemeinsames Leben aufbaut, und immer mehr Ort gemeinsamen Konsums geworden. In der Ehe erwirbt man gemeinsam Hochzeitsfeiern, Eigenheim, Familienauto, Reisen. Die Gemeinsamkeiten, die bei der Wahl des Ehepartners eine wichtige Rolle spielen, sind oft Konsumgewohnheiten. Das einzige, was in dieser ehelichen Konsumgemeinschaft nicht gemeinsam verbraucht, sondern eben gezeugt, zur Welt gebracht, erzogen, gebildet, in der Persönlichkeit geformt wurde, waren Kinder, als Relikte der Produzentengesellschaft.

Den Ball reinmachen

Ging es all jenen, die die Ehe für Alle zur Koalitionsbedingung gemacht haben, darum, letzte Reste der Ehe als Stachel im Fleisch des Konsumismus zu entfernen? Die meisten sehen es wohl anders, einfacher, als „Sieg der Liebe“ oder dergleichen. Im parteipolitischen Kontext ging es darum, eine Chance zu ergreifen, ohne sich Gedanken um Kollateralschäden zu machen. Mit perfekter Deutlichkeit brachte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann auf dem Punkt, was geschah: „Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Und der Torwart ist nicht mal drin. Da muss man ihn reinmachen.“ Aber auch die Kanzlerin, die ihn auf den Punkt gelegt hat, hatte ja nur eine Chance ergriffen. Sie mag es hinterher bereut haben, doch als sie in der Brigitte-Talkrunde die Frage eines jungen Manns, der sich als „großer Fan“ von ihr vorstellte,  beantwortete, wollte auch sie nur punkten. Statt eine klare politische Position zu beziehen, zog sie es wie so oft vor, sich als nachdenklicher und für alles offener Mensch zu präsentieren. Sie sprach von jener lesbischen Frau, die ihr erzählte, dass sie mit ihrer Partnerin acht Pflegekindern hat. Das sei für sie ein „einschneidendes Erlebnis“ gewesen.

Die Kanzlerin entzog der Frage zudem den politischen Charakter, indem sie sie zur individuellen Gewissensentscheidung erklärte, was dann auch zur Parlamentsentscheidung ohne Fraktionszwang führte. Merkel selbst begnügte sich damit, die Abstimmung ermöglicht zu haben. Sie konnte es sich daher erlauben, gegen das Gesetz zu stimmen und damit für konservative Wähler gerade noch mal so wählbar zu bleiben. Eine inhaltlich argumentative Begründung vermied sie.  Da hätte sie sich womöglich angreifbar gemacht.

Man muss ja nicht

Was kommt nun? Die Standesämter werden den Ansturm überstehen. Und auch mit einer Welle von Adoptionsanträgen ist nicht zu rechnen. Ein schwuler Freund kommentierte: „Solange man nicht heiraten MUSS, ist die Ehe für Alle doch ganz ok, oder?“  Ein paar Promis müssen natürlich ran: unsere Umweltministerin, die allerdings mit ihren 65 Jahren sicher kein geeignetes Beispiel für das dringende Bedürfnis sein kann, eine Familie gründen zu dürfen, oder die beiden gestandenen Pflegemütter, die die Kanzlerin so berührt haben. Auch auf dem Fragesteller und neuen Nationalhelden Ulli Köppe lastet ein gewisser Druck. Doch wer nicht aus Vorzeigegründen genötigt ist, kann den Siegespokal des historischen Kampfs an sich vorbeiziehen lassen.

Manche erinnern sich ja vielleicht auch noch an vergangene Zeiten, als Homosexualität sich regelmäßig mit dem Stolz verband, sich außerhalb von traditionellen Rollenmustern und Lebensweisen zu bewegen. Auch heute legen sicher längst nicht alle übermäßigen Wert auf die fürsorgliche Bevormundung und den Verehelichungsdruck ihrer selbst ernannten Vorkämpfer. Gibt es wirklich so viele, die staatlich anerkannte LGBTQIerende sein und die die eigenen Formen des Zusammenlebens gegen die staatlich beantragte Standardehe tauschen wollen? Geht nicht vielleicht sogar den meisten diese Verhätschelung und Eingemeindung langsam auf die Nerven, weil sie ihre sexuelle Ausrichtung als Privatsache betrachten und sie nicht „unter den besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ gestellt werden wollen? Und was ist mit denen, die den ideologischen Ballast der Ehe nicht wollen? Ihnen wird jetzt die Option der rechtlichen Gleichstellung mittels eingetragener Partnerschaft genommen.

Der Hype um die Ehe für Alle zeigt vor allem eins: dass die Institution der Ehe an Bedeutung verloren hat. Die Ehe hat an Kraft verloren. Sie ist weniger eine Lebensform als ein beim Staat zu beantragender Status. Das mag man beklagen oder gutheißen. Es heißt aber, dass das, was viele als Kampf um Gleichberechtigung interpretieren, nur ein Statusgerangel ist.

Dennoch wird der „Kampf“ natürlich weitergehen. Mein Tipp: Als nächstes kommt die Quote für Homoeheleute in der Werbung für Familienautos.

Thilo Spahl

Thilo Spahl

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Redakteur bei der Zeitschrift NovoArgumente.

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  • Hellmut Lotz

    Ganz bestimmt. Als Aristoteles vor zweieinhalbtausend Jahren erklärte, dass die Familie die kleinste Einheit der Gesellschaft sei, dachte er an iPhones und Luxushochzeiten.

    Der Autor sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wenn Thilo Spahl seiner Behauptung nachgegangen wäre, dass die Gay Community nicht für die Ehegleichheit gewesen wäre, dann hätte er festgestellt, dass seine „Sichtweise“, um es höflich zu sagen, der empirischen Prüfung nicht standhält.

    Millionen Homosexueller und ihrer Verbündeter haben die Ehegleichheit in Deutschland gefeiert, so wie in jedem Land, in der sie eingeführt wurde.

    • thilospahl

      Dass allerorten brav und fleißig gefeiert wurde, heißt noch lange nicht, dass Homosexuelle und „ihre Verbündeten“ ein dringendes Bedürfnisse nach der Ehe hatten und nun zu Millionen die Standesämter stürmen.

      • Hellmut Lotz

        Die Beweislast für Deine Behauptungen liegt bei Dir. Ich kenne keine Homosexuellen, die nicht gleichberechtigt sein wollten. Deine Hypothese ist bizarr und ohne empirischen Beleg.

      • Ulf Kubanke

        auf letzteres kommt es auch nicht an, sondern auf das zurverfügignstellen der wahlmöglichkeit. selbst wenn es null wollen würden, hätte der staat bzw die gesellschaft diese verpflichtung erfüllen müssen, als bringschuld schon allein wegen § 175 und der wirklich mehr als mau gelaufenen rehabilitierung.

        • derblondehans

          … klar kann der Staat ein Gesetz anordnen, dass Schwule, Lesben, Transgender, u.ä., gleiche Rechte bekommen, oder sogar als Personen des biologisch anderen Geschlechts gelten, von allen als solche entsprechend zu behandeln sind … das Gesetz, kann sie/ihn/es jedoch nicht tatsächlich in eine Person des biologisch anderen Geschlechts umwandeln und die zugehörigen biologischen Funktionen verschaffen, die zu einer zygotischen Fortpflanzung fähig sind. Womit wir dann wieder da sind, was die Ehe für eine Gesellschaft bedeutet. S.o..

          Das staatliche Gesetz wäre übrigens schlichtweg irrelevant. Ideologie. Firlefanz. Etwa wie, ich fordere die freie Sicht zum Mittelmeer – nieder mit den Alpen.

  • derblondehans

    … nein, die Ehe ist immer noch die Ehe.

    Es gibt keinen Grund zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und Ehe Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn. Die Ehe ist – schon immer – die auf Lebenszeit angelegte Vereinigung von Mann und Frau.

    In einer Ehe geht es ausschließlich um das Kindeswohl, den Anspruch des Kindes auf die wirkliche Mutter und den wirklichen Vater und die Bevorzugung der Familie, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann. Bei homosexuellen Handlungen bleibt die Weitergabe des Lebens ausgeschlossen.

    Daher! sollten Wünsche und Begehrlichkeiten anderer, aus welchem Grund auch immer, keine ‚Gleichstellung‘, die es faktisch ohnehin nicht gibt, selbst wenn sich das Gesetz dafür entscheiden sollte, erfahren. Meine ich.

    • Hellmut Lotz

      Nein, die Ehe war zwischen Mann und Frau und Frau und Frau. Dann wurde die Dienerin mit einbezogen. Vergewaltigung führte zwangsläufig zur Ehe. Der Gatte wurde dann halt nach der Hochzeit massakriert. Wenn der Gatte starb musste der Bruder ran.

      Lies die Bibel und lerne, wie die Ehe nicht schon immer war. Genesis oder das erste Buch Mose sind ein gute Anfang.

      Die Ehe war schon immer anders, in jeder Generation. Heute erkennen wir die Menschlichkeit Homosexueller an. Also genießen sie auch alle Bürgerrechte.

      • derblondehans

        … werter H.L.,

        ich habe begründet was die Ehe für eine Gesellschaft bedeutet. Ich wiederhole: In einer Ehe geht es ausschließlich um das Kindeswohl, den Anspruch des Kindes auf die wirkliche Mutter und den wirklichen Vater und die Bevorzugung der Familie, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann. Bei homosexuellen Handlungen bleibt die Weitergabe des Lebens ausgeschlossen.

        Das kann sogar ein Mensch nachvollziehen, der die ‚Heilige Schrift‘ nicht gelesen hat. Wenn Sie sich aber auf die ‚Heiligen Schrift‘ berufen wollen, haben Sie, mit dem was Sie hier schreiben, ganz schlechte Karten; sowohl aus dem ‚Alten Testament‘, wie aus dem ‚Neuen Testament‘ begründet.

        Übrigens, das ‚Alte Testament‘, die hebräische Bibel, sollten Sie als ‚kulturelle Gedächtnisgeschichten‘ und nicht als ‚Darstellungen konkreter Ereignisse‘ lesen.

        • Wolfgang Brosche

          Herr Hans kann und will nicht aufhören Homosexuelle als Menschen zweiter Klasse -nach dem Willen seines Gottes der allerdings eine Ausgeburt seiner Weltsicht ist, um seinen Rassismus und Klassismus zu bestätigen – einzuordnen. Er ist und bleibt der richtige, gerechte und gerechtfertigte Mensch..die anderen sind noch eine richtige Menschen – erst wenn sie ihm gleichen dann vielleicht! Die Aufklärung ist mit Leuten und an Leuten wie ihm gescheitert…. er läßt sich doch nicht seine Juden, Neger und Homosexuellen wegnehmen…wo kämen wir denn hin wenn alle Menschen gleich wären…so gleich wie weiße cis-Männer…

          • derblondehans

            … W.B., in Rabulistik müssen Sie noch üben.

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