Arte, der WDR & die List der Vernunft

Nichtausstrahlung und anschließender Leak könnten das beste sein, was „Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ hätte passieren können.

Jerusalem, Israel 43835, by Ted Eytan unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Mittlerweile ist der Backlash da. Arno Frank vom Spiegel hat die umstrittene Doku Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa gesehen und bescheinigt ihr „mit Elan ins Minenfeld“ zu stolpern. Einige „handwerkliche Fehler“, misst man die Doku Auserwählt und Ausgegrenzt an einem allerdings selten erreichten Ideal, rechnet Frank den Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder vor, so „… hat Joachim Schroeder die NGOs vermutlich zu Recht angeklagt, sie zu seinen Vorwürfen aber keine Stellung beziehen lassen“, und schlussfolgert: „Wenn das kein handwerklicher Fehler ist, gibt es kein Handwerk.“

Eine weitreichende Polemik, die diese Dokumentation, deren inhaltliche Richtigkeit zahlreiche Experten beglaubigt haben, außerhalb der leider längst normalen Fehlertoleranz stellt, die bei Fernsehproduktionen unter Zeitdruck für einen eigentlich immer viel zu beschränkten zeitlichen Rahmen längst veranschlagt werden muss. Geht es gegen Israel, wurden den öffentlich Rechtlichen solche Fehler bisher höchstens von medialen Außenseitern vorgerechnet. Der Regisseur und Blogger Gerd Buurmann hat dankenswerter Weise an mehreren Stellen einige typische „Fehler“ gesammelt, die u.a. den Sendern, die Hafner/Schroeder jetzt abgelehnt haben, so unterlaufen, wenn es nicht um Antisemitismus sondern um den international beliebten Sport der Israel Kritik geht. So betitelte das ZDF einen Beitrag:

Erzogen zum Hass? Wie israelische und palästinensische Kinder dazu gebracht werden sollen, sich gegenseitig zu verachten – und zu töten.“

Wenn Fehler toleriert werden

Buurmann erklärt:

„Auf Nachfrage von mir erbrachte das Magazin keinen einzigen Beweis für die Behauptung und löschte den Vorwurf einfach.“

oder

„In einem anderen Bericht unter dem Titel „Gaza im Winter“ durfte Markus Rosch behaupten, in Gaza Stadt lebten über 100.000 Menschen auf 12 Quadratmetern. Auch diese Zahl war nachweislich falsch! “

[auch die wohl eigentlich gemeinte Zahl von 100.000 Menschen auf 12 Quadratkilometern ist so kontextlos hochsuggestiv]

In solchen und den vielen weiteren gelisteten Fällen scheint es tatsächlich kein Handwerk zu geben, das sind Verdrehungen, auch faktischer Natur, wie man sie mit Krieg assoziiert. Die Handwerksschelte aber blieb weitgehend aus.

Die List der Vernunft

Ich sage „Backlash“, und ich sage „mittlerweile“, weil dem Film schon vor Erscheinen etwas gelungen ist, das eigentlich beinahe undenkbar schien. Denn tatsächlich mag man fast nachvollziehen, wie unbedarfte Zuschauer auf die Idee kommen könnten, die Dokumentation Hafner/Schroeder zeichne Israel in übertrieben positiver Weise. Wer in der Filterblase rund um die links/bürgerliche Medienwelt zwischen Zeit, Taz, Süddeutscher und den ÖRs sozialisiert wurde, wo die Darstellung von Gaza als Freiluftgefängnis keine Seltenheit ist, die Angriffs- und Vernichtungskriege der umliegenden arabischen Staaten von 1948 und ’67 tendenziell als israelische Aggression umgedeutet werden, wo Lügen von Organraub und abgegrabenem Wasser durchaus ihren Platz finden und selbst noch die bemerkenswerte Tatsache, dass in Gaza der einzige „Völkermord“ stattfindet, dessen Opfer immer zahlreicher, älter und gesünder werden (obwohl Hamas und Fatah ihr bestes tun, das zu verhindern) nicht für Stirnrunzeln sorgt, müsste nach allem was wir über den menschlichen Umgang mit kognitiver Dissonanz wissen angesichts des Materials von Hafner/Schroeder auf Renitenz schalten.

Die Blockade von Arte und WDR hat nun ironischerweise genau dieser viel verhängnisvolleren Blockade Risse zugefügt. In fast allen wichtigen Medien bis hin zur Taz und zur Süddeutschen, die in der Vergangenheit mit der wohl stärksten anti-israelischen Schlagseite aufgefallen ist, fanden sich ausgewogene kluge Artikel dazu, warum der Film unbedingt gezeigt werden müsse, die sich nicht auf die wohlfeile Position des Pseudo-Voltaire („Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen“) beschränkten, sondern in überraschend deutlicher Weise betonten, warum eine ausgiebige Recherche in Nahost zum Verständnis des europäischen Antisemitismus wichtig sein könnte, wobei auch der neuere linke und muslimische „antizionistische“ Antisemitismus in den Blick gerückt wurde. Das wiederum hatte den Effekt, dass – soweit sich meine Beobachtungen aus Facebook-Kommentaren seit dem Bild-Leak am Dienstag verallgemeinern lassen – Hafner/Schroeder mit einer Grundoffenheit gegenüber getreten wurde, die bei einer regulären Ausstrahlung eher nicht zu erwarten gewesen wäre. Preaching to the Public statt Preaching to the Choir. Wer an Hegels List der Vernunft in vernunftarmen Zeiten noch glauben möchte: Hier könnte sich ein mustergültiges Beispiel abzeichnen, in dem Dummheit, Tollpatschigkeit oder böse Absicht letztlich einen aufklärerischen Effekt zeitigen.

Attacken auf Faktenebene hoffnungslos?

Dafür spricht auch, dass der Backlash bisher zaghaft ausfiel. Weder Frank noch andere Kritiker (etwa Mirna Funk, die den Film „Pro-Israel-Propaganda“ nennt) haben Hafner/Schroeder bisher ernsthafte inhaltliche Fehler nachweisen können, man kapriziert sich auf den Ton und das Handwerkliche. Ein Themenfeld, das zwar Anlass zu einem medienkritischen Rundumschlag, zur Kritik ausgerechnet dieser besonderen Doku allerdings kaum gibt. Somit dürften zumindest bei einem Teil der bisher einfach uninformierten Zuschauer auf diese Weise bisherige „Fakten“ zum Nahostkonflikt tatsächlich erstmalig durch Fakten erschüttert worden sein.

Insofern ist denn auch Franks versöhnlicherem Schluss nicht zuzustimmen, das Werk hätte durch redaktionelle Überarbeitung (die ja bisher auch nicht zur Debatte gestanden zu haben scheint) sehr viel überzeugender werden können. Für den Kampf gegen moderne Formen des Antisemitismus war die Verstocktheit der Öffentlich-Rechtlichen womöglich ein (leider: noch immer viel zu kleiner) Segen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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