Das häßliche Entlein hinter der Kastanie

Ein paar Fetzen vom subkutanen Empfinden – ins Merkbuch der „Besorgten Eltern“
Von Wolfgang Brosche – Alice Miller gewidmet

Edvard Eriksen (Skulptur) / Denny Richter (Foto) unter CC-BY-SA-3.0, zugeschnitten

Nicht bloß ins Merkbuch – es müßte es ihnen ins Markbuch, ins Mark, eingeschrieben werden, den Eltern, die uns erklären, sie würden ihr Kind lieben, die aber nichts von ihm verstehen, die es nicht sehen, nicht hören und nicht fühlen, die alles aufs Kleinste, Intimste, Perfideste und Sorgsamste bekämpfen, was dem Bild ihres Kindes nicht entspricht, das sie sich gemalt haben und das im Grunde nichts weiter ist als ein Porträt ihrer elterlichen Wunschträume vom Besitz am Kind. Es geht den besorgten Eltern der „Demo für Alle“ nicht allein um die kindliche Sexualität, die sie fürchten (eigentlich fürchten sie ja die ihre) – es geht um alles: das Leben des Kindes, das sie beherrschen und sich einverleiben wollen. Das Thema Sexualität läßt ihren Kampf heroisch wirken, aber hinter dieser Camouflage steht die Zerstörung des Gefühls und der selbstständigen Lebensfähigkeit, stecken Herrschsucht über die und Ablehnung der neuen Generation.

Was ihr Vernichtungskampf, denn das ist der Kampf der „Demo für Alle“, im empfindsamen, neugierigen, lebenshungrigen Kind anrichtet, hat vor über 150 Jahren Hans Christian Andersen in seinen Märchen beschrieben: Metaphern und Allegorien der Traurigkeit, der Unterdrückung, der Lebensvergällung… er hat seine eigenen Erfahrungen mit soviel romantischer Schönheit verklärt, daß viele bis heute nicht begreifen, was er da eigentlich erzählt. Wahrscheinlich ist es ihm selbst nicht bewußt gewesen (wie auch – so viele Jahrzehnte vor Freud), denn er hat die Seelenzerstörung akzeptiert, wie alle Kinder, die sie durch Gewöhnung für den Normalfall halten, für den sie auch noch dankbar sein müssen, weil sie angeblich aus Liebe geschah, diese Vernichtung. Andersen hat die Tränen, die er geweint und die Tränen, die er unterdrückt hat, ästhetisiert und aus der Tragödie Märchen gemacht.

Ich erzähle hier für die Kinder, gegen die die „Demo für Alle“ kämpft, was mir mit Hans Christian Andersens Märchen geschah:

Dieses Buntstiftbild – ich malte von Beginn an immer lieber mit Faber-Buntstiften als mit den schmierigen Wachsmalkreiden für die Patschhände – das Buntstiftbild schien meiner Volksschullehrerin so erwähnenswert, daß sie es beim Elternabend ansprach. Immerhin wußte sie zu rühmen: „Der Junge hat Phantasie…!“ – Worauf meine Mutter bitter-geschmeichelt lächelte und anmerkte: „etwas weniger Phantasie und etwas mehr Sinn für Mathematik wie bei seinem Vater wäre besser. Er soll doch kein Träumer werden!“

Mir wäre lieber gewesen, die Lehrerin hätte die Genauigkeit gelobt, mit der ich die dicke Kastanie gemalt hatte, denn die hatte ich zuvor auf der Stadtpromenade eingehend studiert. Zweitklässerrecherche. Die Kastanie mußte stimmen, auch wenn es überhaupt nicht um sie ging. – Man sieht: dasVerschleiern und Verbergen war mir schon pflichtbewußt Natur!

Die Aufgabe: malt Euer liebstes Märchen. Und so malten sie denn mit ihren Wachsmalkreiden Rotkäppchenbäuche mit Spirrelarmen und Beinen und den obligatorischen Mantelknöpfen. Abstehende lange Haare für Frauen und glatte, kurze für Männer und verpaßten ihnen Röcke oder Hosen. Oft genug, weil man sich so gerne bestechen ließ mit Süßigkeiten, malten sie das Lebkuchenhaus aus Hänsel und Gretel. Schon Kinder lassen sich gerne mit Zückerchen abspeisen –weil sie gelernt haben, alles in sich reinzufressen. Ich ließ mir ja auch noch mit sieben Jahren weismachen, der Storch bringe bald ein Brüderchen wenn ich ihm jeden Abend zwei Stückchen Würfelzucker aufs Fensterbrett legte.

Märchen – das war für die anderen Schneewittchen mit ihren sieben Zwergen (hatte man auch richtig gezählt?), Dornröschen mit den en masse hingeschmierten Rosenpünktchen, und natürlich das grausliche Rumpelstilzchen, das sich ein Bein ausriß vor Wut…wie das nur gehen mochte, das Beine-Ausreißen? Aber der häßliche, widerliche, miese Gnom versank fürs Kinderrauben, Beinausreißen und seine Gehässigkeiten ja auch klaftertief in der Erde. Wenn man nur wüßte was ein Klafter war… Ich wußte es – ich hatte so lange gefragt, bis jemand im einbändigen Bertelsmannlexikon nachguckte, damit ich Ruhe gab. –Bald darauf schaute ich selbst nach! – Die meisten anderen fragten schon lange nicht mehr, dieses Stadium hatte man ihnen mit sechs bereits ausgetrieben. So ist das wohl noch immer in meiner katholischen Heimatstadt.

Die „grimm´schen“ Märchen – weshalb waren die eigentlich grimmig? – kamen bei dieser Malerei für mich nicht in Frage. Erstens kannte ich sie längst bis zur Langeweile auswendig und zweitens waren sie mir grob, seitdem ich das eine, wichtige, schönste Märchenbuch entdeckt hatte. Eigentlich durfte ich es nicht anfassen mit „meinen Futtfingern“. Es war ein Geschenk der ehemaligen Chefin meiner Mutter, deswegen schon verehrungswürdig und nicht fürs Kind. Anders als all die Lesering-Quartalsbücher war es leinengebunden! Lei-nen-gebun-den…genau wußte ich nicht, was das war – es war edler, ein beigefarbener Stoffeinband: vorne war eine Nachtigall eingeprägt, die den Mond ansang…und auf dem Rücken goldfarben im Schwung: „Hans Christian Andersen – Märchen“…

Was sind denn das für Kinder, die von dieser Besonderheit nicht neugierig angezogen werden….Das Buch roch schon ganz anders als die wenigen anderen, denn es war aaaalt, sehr aaaalt – von vor dem Kriege, kriegte ich zu hören. Das ist bestimmt was wert – sagte mein Vater, der bestrebt war, daß der Sohn was lernte und mir einimpfte: „Wissen ist Macht!“

Nur noch ein zweites Buch, das ich auch recht eigentlich nicht anrühren durfte, wurde ebenfalls so gehütet. Die Mutter meines Vaters hatte es über den Krieg aus Ostpreußen herübergerettet und stets mit Seidenpapier und dann im Schuber geschützt. Es war ebenso in dieses beigefarbene Leinen gebunden und auf dem Titel prangte in Gold „Hindenburg – Ein Denkmal für das deutsche Volk!“ – In dem atlasgroßen Buch durfte ich nur unter Aufsicht mit meinen Kinderhänden die riesigen Seiten umblättern – zuvor waren mir die Fingerchen abgewischt worden. Das Buch roch. Es roch ein wenig wie bei Gottesdiensten in der Diaspora-Krypta der evangelischen Kirche: alt und staubig und vergangen. Ungezählte Photos gab es darin – die meisten von diesem dicken Mann mit Pickelhaube; daß eine solche Haube nichts mit Hautunreinheiten zu tun hatte, erfuhr ich von meiner Großmutter, die diesen Hindenburg noch selbst auf dem Gute der Dönhoffs im ersten Weltkrieg bewundert hatte als Domestikentochter von sehr ferne.

Es gab auch noch andere Photos in dem Buch – alle in scharfem Schwarz-Weiß: und so erfuhr ich bereits mit sieben, was Schützengräben, Stacheldraht und Tannenberg bedeuteten. Damit ich nicht darauf warten mußte, daß die Großmutter mir vorlas (Ach, Lorrrbas, das verstajhst du doch sowiesau noch neecht!), lernte ich ganz rasch die gotischen Buchstaben, in denen dieses Buch gedruckt war. Was hätte ich mich amüsiert, hätte ich damals schon gewußt, was ich mit dreizehn lernte: daß das Drucken dieser Lettern einmal „Blackscheißerei“ hieß…

Das andere Buch, das bald wichtiger wurde, war keine Blackscheißerei: in Book Antiqua gedruckt mit zarten Serifen – eine Schrift, die ich noch heute für meine Texte auf dem Computer einstelle und die zu lesen ich mir, mit Verlaub nur zum Spiel, nur Spaß? Nein, in vollem Ernst – selbst beigebracht hatte. Jawohl – das geht…ich wollte nicht immer warten, bis ein mißmutiger Erwachsener Zeit und Lust fand, mir vorzulesen. Da ich drei Wochen – die lange Ferienzeit vor dem damals österlichen Beginn des Schuljahres (jetzt könnt Ihr aber ausrechnen, wie alt ich schon bin) unruhig wurde, weil die Fibeln fürs erste Jahr bereits gekauft waren und herumlagen und lungerten und mein Interesse anlockten – wagte ich mich selbst ganz alleine ans Lesenlernen – das konnte doch nicht so schwer sein. War es auch nicht; es ging eben von allein, weil es für mich gemacht war.

Junge, wenn ich Dir das jetzt schon beibringe, dann langweilst du dich in der Schule und wirst nichts mehr lernen wollen!

Weshalb also vergeblich betteln – den billigen Mist: oben Bild – unten Satz: Das ist Heiner – Heiner ist ein Junge… Das ist Grete – Grete ist ein Mädchen…brachte ich mir doch wohl ruckzuck selbst bei – und Haus und Auto und Garten und Vatermutterkind aus der Bausparkassenwelt dieser Fibeln kriegte ich auch noch hin.

Tatsächlich – ich langweilte mich im ersten Schuljahr – wie in den meisten anderen auch – außer in Mathematik – da war ich später an-ge-öööödet…und daß man im Sportunterricht nicht lesen, sondern turnen sollte, machte mich fertig. Verschwendete Zeit…in der ich nicht vom häßlichen Entlein lesen konnte. Es gibt keine wichtigeren Geschichten für Kinder als solche vom häßlichen Entlein, vom Tannenbaum oder von der Kleinen Seejungfrau.

Die Geschichte vom Swan in Disguise hat immerhin noch ein logisches Happy-End, ein zwangsläufiges, kein aufgepapptes: der junge Schwan, der in das kleinbürgerliche Nest der Enten geraten ist, die sich nur ihre Entenwelt vorstellen können und deshalb das kleine, graue, andersartige Geschöpf verspotten und quälen verwandelt sich am Schluß in einen majestätischen Vogel, der sein Haupt erhaben ins heilig-nüchterne Wasser tunkt…aber in dieser Art erhaben wird man nur wenn man zuvor gelitten hat; seit der Heilanstalt in Tübingen wußte Friedrich das…

Die Entlein Friedrich oder Hans-Christian müssen leiden, weil sie so sind wie sie sind. Wie kann ein solches Entlein wissen, daß es mit jeder Faser seines Körpers und jeder Sehnsucht nach Liebe genauso viel wert ist wie alle anderen, daß in ihm Schönheit und Liebenswertes schlummern – vor allem nicht, wenn man es ihm nicht sagt, sondern ihm dagegen jeden Mut nimmt, verächtlich klein und niedrig und schäbig und häßlich schimpft, bis es selbst daran glaubt, verdrängt wird, nicht einmal den Mut zum Widerstand schöpfen kann, nachgibt, sich zurückzieht ins Zwielicht und schließlich in die Schatten, damit es dann allein auf dem Teiche schwimmt, sich in vorauseilendem Gehorsam absondert und den anderen sogar in ihren vernichtenden Attacken recht gibt, das selbst sein Leben einschränkt indem es immer kleinere Kreise im kalten Wasser zieht, allein in die Nacht eingeht, sogar einfriert, weil die anderen ihm seinen Bewegungsspielraum nicht gönnen – das festsitzt in der einsamen Kälte…

Und diese Geschichte sollte ich als Fünf-, Sechs-, Siebenjähriger nicht kennen und nicht verstehen? Aber ja doch…ich saß auch fest auf dem Spielplatz des Kindergartens im öden Sandkasten und schaute sehnsüchtig hinüber auf den Hof der benachbarten Schule, wo die Großen, die Lesen von der Lehrerin gelernt hatten, ihre Pausen verbrachten. Hier gehörte ich nicht hin zwischen all die lauten, tobenden Kinder, die immer den gleiche Ringelreihen spielen wollten, immer den gleichen Sandkuchen backen, immer die gleichen Märchen von Rotkäppchen, Schneewittchen oder Hänsel und Gretel hören wollten, nie etwas anderes.

Du mit deinem Entlein, das ist uns zu traurig… Du bist uns zu traurig… Ich gehörte nicht zu ihnen wie der noch verborgene Schwan nicht zu den Enten. Es ist ja kein Wunder, daß Du keine Freunde hast, du bist immer so komisch. Du mußt dich mehr anpassen… Natürlich mochte ich´s noch nicht begreifen, daß sich ein Schwan nicht den Enten anpassen kann, aber spürte, daß Entengrütze nichts war für mich – doch worauf ich Hunger hatte, das hatte ich noch nicht entdecken dürfen. Ob der Prager Hungerkünstler auch diese Geschichte kannte?

Ich war der einzige in der Schule, der sie kannte und auch noch selbst gelesen hatte. Also malte ich sie… Aber die Empfindung der eigenen Häßlichkeit – und häßlich hieß damals und heißt heute noch immer: du bist nicht so wie wir und deshalb weniger wert – ab in die Schatten, frier doch endlich ein in deinem Teich….bist doch selber schuld dran – diese Empfindung des Ungenügendseins, des Unrichtigseins, der Verfehltheit, dies sind die Urgründe der Einsamkeit, ließ mich das Entlein, das ich liebte, nicht einmal mehr malen…was ich malte, war die Kastanie auf dem Geflügelhof…

Und wo ist das Entlein, fragte die bedauernd schauende Lehrerin… „Das schämt sich, weil es so häßlich ist und traut sich nicht unter die anderen und deshalb versteckt es sich hinter dem Baum.“

Die übrigen jungen Entlein in der Klasse schnatterten vor Heiterkeit und Häme… immerhin: war das eine Ahnung von verblüffter Anteilnahme im Gesicht der Lehrerin? Aber ich hatte mich getäuscht. Für sie lag ich knapp neben der Aufgabe, originell zwar, aber dennoch verfehlt. Denn: „Das schönste Märchenbild ist doch dies hier von…, der hat das Rotkäppchen gemalt, wie es sich gehört – man erkennt es auf den ersten Blick! Ja – dachte ich, Rotkäppchen muß sich ja auch nicht schämen…

Das Schämen war mir schon zur Natur geworden – als Erwachsener sieht man mit dieser Schamidentität dann aus wie der Nicht-Schwule Marcel, den Hedwig von Beverfoerde diabolisch stolz und mit Triumph auf ihren Demos präsentiert)… nicht zur zweiten Natur, sondern zur ersten! Welche Zerstörungen ich mit mir herumtrug, das habe ich erst viele Jahrzehnte später begriffen, denn ich hielt die ständigen Korrekturen meines Selbst du Seins für richtig und normal. Wie Hedwig von Beverfoerde und ihre Elternkohorten fürchteten die meinen sich vor meinen Gefühlen und Sehnsüchten. Ich sollte ihrer bloß nicht gewahr werden: also wurde gerügt, korrigiert, verborgen und verschwiegen: Wie stehst Du denn da? Du streckst die Hüfte vor, wie ein Mädchen! Wirst Du wohl anders stehen, sonst setzt es was! Wie steigst Du denn aufs Fahrrad, wie ein Mädchen? Ein Junge schwingt sich beim Fahren drüber! – Da spürte ich, daß Mädchen zu sein etwas Schlechteres war und Minderes und ich eigentlich etwas Besseres sein sollte. Dünkel und Grandiosität sind immer nur die Kehrseite der Scham.

Warum hängen im Friseurgeschäft nebenan immer nur Plakate mit Frauen, sollen Männer dort etwa nicht schön gemacht werden? Also, wirst Du wohl solche Frage lassen! Frauen müssen sich für Männer schön machen nicht umgekehrt!

Nein, Du kriegst kein Goldkettchen, wär ja noch schöner. Ob der Nachbarsjunge eines hat, geht uns nichts an. Die Eltern werden ja schon sehen, was sie damit anrichten, wenn sie sowas erlauben..

Selbst deine Schwester klettert bis in die höchsten Äste der Bäume, obwohl sie ein Mädchen ist, du schaffst es kaum auf den ersten Ast.

Was krähst du denn, daß Du schon wieder vom Fahrrad gefallen bist? Ein Indianer kennt keine Schmerz, du Memme.

Jetzt reiß dich zusammen, wenn ich mit dir schimpfe, du Sissy! – Was hatte ich mit der österreichischen Kaiserin zu tun? Nichts – aber das erfuhr ich erst als ich im Schul-Oxford-Dictionary nachlas, daß „sissy“ ein übler Besatzungsoldatenslang für „Tunte“ ist. Du Sisssssy – Setzte sich als Ohrenkneifer fest. Heul also nicht du Sissy, ich will dir doch nur helfen, daß du im Leben zurecht kommst. Mir macht das doch auch keinen Spaß. Du mußt dich schon anpassen, wenn aus dir was werden soll…

Ad infinitum…selbst als ich schon kein Kind mehr war. Ich setzte die Rügen und Korrekturen unhinterfragt selbst fort, weil ich meinte, meinen liebenden Eltern das schuldig zu sein. Und so wurden die Kreise auf meinem Lebensgeflügelhof immer enger, bis ich eingefroren war wie das Entlein und auch noch meinte, mir geschähe es recht.

Was aber wäre mir geschehen, zu was wären sie imstande gewesen, hätten sie gewußt, daß ich mit acht schon in den vier Jahre älteren Nachbarssohn verschossen war? Der war schon groß und spielte manchmal mit uns Kleinen, baute mit uns Tipis und Raumschiffe aus Waschmaschinenkartons. Der konnte so viel. Und hatte so schöne Beine und sein blondes Gesicht und seinen blauen Blick und schon einen verwirrenden Stimmbruch. Wenn Jochen auf die Äste der Trauerweide kletterte und dort mutig stand wie der Prinz an Bord seiner Fregatte, während die Zweige um ihn rauschten wie Fahnen des Schiffes im Wind… dann blickte ich mit meinem achtjährigen seelischen Fischschwanz zu ihm hinauf wie die Kleine Seejungfrau aus den gischtenen Fluten vom Meeresspiegel nach oben zu den Menschen…

Wie gerne hätte ich in den Indianerzelt-Wolldecken einmal nur in seinen Armen gelegen. Ja – mit acht schon, da hätte ich mich wohler gefühlt als in den knochigen Armen meiner strengen Mutter. Aber in Jochens Armen zu liegen, das durfte nicht sein, das wußte ich genau. Das war verboten. Die rüden, atemnehmenden Umarmungen der Mutter waren natürlich nicht verboten, aber sie beengten und bedrängten mich – und so schüttelte ich sie ab. Sie war beleidigt, es kam zu Diskussionen – um denen zu entgehen erwehrte ich mich zum Schluß aller Umarmungen. Wenn es nur diese Umarmungen gab, dann lieber gar keine. Ich war das Kind, das nicht umarmt werden wollte. Und da ich wußte, daß die anderen Umarmungen verboten waren, schwieg ich darüber, aber die Sehnsucht nach ihnen, die damals nicht sexuell war, sondern eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme, verbot ich mir ebenso, auch wenn das schmerzte wie Schnitte mit einem scharfen Messer in die Haut. Aber ein richtiger Junge kennt keinen Schmerz. Und der Klügere gibt nach…damit lockte meine Mutter meinen Ehrgeiz…mit jener Formel der dumpfen Unterwerfung und des sich Dreingebens. Wenn der Klügere nachgibt, friert er ein im Ententeich.

So war es kein Wunder, daß ich zu jener Zeit angeschaudert-angezogen wurde, vom zweiten Märchen in dem leinengebundenen Buch, das mein Leben bestimmte: „Die kleine Seejungfrau“.

Erst waren es nur die Aquarelle der Illustratorin Ruth Koser-Michaels…die waren so fremd und so schön: die versunkene, antike Marmorstatue eines Epheben, fast nackt und türkis, auf dem Grunde des Meeres. Daß die kleine Seejungfrau ihn liebte, den schönen Griechen in ihrem Garten unter Wasser, war zu verstehen. Aber sie selbst war doch niedlich, mit ihrem Fischschwanz und den darauf zur Zierde geklemmten Muscheln, die ihren Rang bezeugten. Denn sie war eine Meeresprinzessin, die jüngste, die zierlichste, die schönste, die zarteste, gedankenvoller, empfindsamer als ihre Schwestern, die jedoch Wohlgefallen in den Augen des elterlichen Meereskönigs fanden.

Als sie aber aus ihren Unterwassergärten mutig aufsteigt und den vorübersegelnden Prinzen entdeckt, den schönen, lebendigen Menschen auf seinem stolzen Schiff, jenes Wesen, das ihr Herz erfüllt wie es die anderen Meereswesen niemals könnten, ist es um sie geschehen. Den darf sie nicht begehren, sie soll einen Nöck nehmen wie alle anderen und sich zufrieden geben mit den heimischen Gärten.

Aber da sie sich nicht dreinschickt, denn die Liebe ist gar zu hartnäckig und nicht abzutöten, schleicht sie sich zur Meereshexe. Uuuh – war das ein Bild in dem Buch: die alte Vettel, umringt von Seeschlangen, zahnlos und mit wirrem Haar und Klauenhänden.

Die Hexe konnte aus der kleinen Seejungfrau einen Menschen zaubern – aber um welchen Preis: die Prinzessin mußte ihre Stimme hergeben, durfte nicht mehr zärtlich singen in den Wellen, mußte schweigen und an ihren Worten und ihrem Gesang ersticken. Sie bekam ihre Menschenbeine und wurde ihren Fischschwanz los, der unter Menschen für Verachtung und Abscheu gesorgt hätte; die Hexe sorgte für die Täuschung. Aber die Täuschung kostete bei jedem Schritt Schmerzen in den Füßen, als liefe sie auf scharfen Klingen. Und ihre Füße mußte sie des Nachts im Ozean kühlen, weil sie wund waren und bluteten.

All diese Schmerzen und das Schweigen und die Stummheit nahm die Seejungfrau hin – nur weil sie als Mensch dem Prinzen nahe sein wollte, in den sie sich verliebt hatte. Aber wie kann der Prinz dieses schweigsame, stumme Geschöpf, das ihm ergeben anhängt wie man seinen Eltern anhängt, lieben? Er schätzt sie, er mag sie, er findet sie niedlich, erbaulich, charmant – aber er liebt sie nicht. Er liebt die normale, blonde, redselige Prinzessin des Nachbarlandes. Und dabei wäre es doch so wichtig, lebenswichtig, wie die Meereshexe erklärt hat, daß der Prinz die kleine Seejungfrau aus tiefst Herzen liebt. Denn nur dann sind alle Qualen gerechtfertigt und sie kann ein richtiger Mensch werden. Gelingt es ihr nicht, den Prinzen zur Liebe zu bewegen, wird sie sterben, dahingehen, sich auflösen, das Leben aushauchen, wird sie sinnlos zu Gischt und Schaum, denn ungeliebte Seejungfrauen kommen nicht in den Himmel der Menschen; du Meereswesen haben keinen Himmel.

Wenn ich mit dem häßlichen Entlein empfinden konnte – wie nicht umso mehr ein paar Jahre später mit der kleinen Seejungfrau? Als der Prinz die Prinzessin heiratet und mit ihr auf seinem prächtigen Schiff davon segelt, taucht die kleine Seejungfrau zum letzten Mal ins Meer und wird zu Gischt und Schaum und ist nicht mehr.

Abscheulich habe ich mit meinen acht Jahren darüber geweint und die Geschichte gehaßt und die Bilder; aber schon Tage nach dem ersten Lesen schlich ich mich wieder heran, überblätterte hastig das Aquarell der Meerhexe und blieb verzagt beim letzten Bild. Es zeigte das zarte Gesicht der kleinen Seejungfrau und ihre traurigen Augen schon fast überspült von Gischt und Schaum und in der Ferne segelte der glückliche Prinz davon. Das wurde ein Lebensbild.

Später bestätigte mir die Literaturforschung, bestätigte mir der grandiose Hans Mayer in seiner grandiosen Monographie über die literarischen „Außenseiter“, daß die Kleine Seejungfrau ein Selbstporträt von Hans Christian Andersen ist. Der hatte seinen Jugendfreund Collin geliebt, aber gelernt als häßliches Entlein bereits, daß er schweigen mußte. Jede Minute mit dem geliebten Gefährten erfüllte ihn und schmerzte ihn wie Dolche, die seine Haut einritzten. Als der junge Mann heiratete wie der Prinz, zerbrach der Dichter und wurde zum Kauz und schwieg immer weiter und schrieb immer weiter. Und würde berühmt und wohlhabend und reüssierte bürgerlich, aber wurde auch immer merkwürdiger, zum Außenseiter und zum menschenfeindlichen Eigenbrötler. So schützte er die anderen vor der Wahrheit…und auch sich selbst.

Psychologische Theorien behaupten, Kreativität und Kunst seien das Ergebnis von Enttäuschungen, Frustrationen, Depressionen. Wenn solche Schmerzen – wie Messerschnitte in den bloßen Füßen – der Preis sind, dann will ich gerne auf Kunst verzichten.

Ein großer Wesenszug dieser Kunst, die selbst wahr ist, ist bemerkenswerterweise die Lüge, das Verschweigen, die Negation der Wahrheit. Wie tödlich diese Lüge, dieses Verschweigen ist, macht Andersen bereits in seinem ersten Werk zum Thema – vor einigen Jahren erst entdeckt, dem Gedicht vom sterbenden Kind. Da beschreibt der junge Autor noch ungelenk und unbewußt, was wir nicht sehen wollen. Wir Leser blicken durch die Augen des sterbenden Kindes auf die Mutter. Die Mutter wird uns zum Leidensmenschen. Das leidende kleine Kind aber hat eine ungeheure Größe. Es versucht sterbend, das Sterben leicht zu nehmen, damit die Mutter nicht leiden muß – die es doch überlebt. Das Kind stirbt nicht einmal seinen Tod, sondern den, den die Mutter ertragen kann. Mehr Vernichtung eines Kindes gibt es nicht.

Diese entsetzliche Selbstopferung verlangt die „Demo für Alle“. Ihre Granden der Mißachtung Hedwig von Beverfoerde, Beatrix von Storch, Gabriele Kuby, Mathias von Gersdorff und die anderen wollen Kinder nicht schützen vor materieller, emotionaler, sexueller Ausbeutung, vor Armut, Grausamkeit und Schmerz, sie wollen sich selbst vor ihren Kindern schützen. Und die wirklich barbarische Grausamkeit dabei ist, daß sie behaupten, aus Liebe zu handeln.

Lieber Hans Christian Andersen, es mußten 150 Jahre ins Land gehen, bis Ihre Geschichten übers Poetische, Romantische, Ästhetische hinaus, solche Bedeutung erlangen konnten. Heute kommt das häßliche Entlein hinter dem Kastanienbaum hervor!

Gleichwohl, ich könnte – nicht auf Sie – aber auf weitere Hans-Christian Andersens verzichten. Sie werden verstehen!

Das Gedicht vom sterbenden Kind:

http://andersen.sdu.dk/vaerk/detdoendebarn/schley_e.html

PS: Im Übrigen gilt dies für alle Kinder, die Spielplatz, Boxring und Schlachtfeld der elterlichen Projektionen, die Handpuppen oder Marionetten ihrer Eltern sind, in denen die Eltern ihr nicht geglücktes Leben verlängern wollen und deshalb das eigene Leben der Kinder unterdrücken. Auf diesem Prinzip beruht nämlich unsere Gesellschaft: dem Prinzip des Zerstörens der Hoffnung! – Haben oder Sein!

Oder wie sagt Mathias von Gersdorff: „Die Kinder gehören den Eltern!“ – Doch zu diesem grausligen Conquistadoren des kindlichen Glücks beim nächsten Mal! Wen nannte ich zu Anfang auch grauslig? Ach ja – den Typen, der sich um jeden Preis ein Kind aneignen wollte…und den´s darüber zerriß.

  • Mkaysen

    Schöner Text, hat mich schwer ins Schwelgen gebracht, sodass ich mir glatt die alten Märchenbücher meiner Eltern noch einmal angeschaut habe, gerade schon wegen der schönen Illustrationen von Ruth Koser-Michaels. Danke dafür!

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