Künstler, lasst das Jammern sein (organisiert euch!)

Alle paar Monate ein Künstler-Brandbrief. Doch das Auskeilen gegen fragwürdige Zahlungsmoral und Billigkonkurenz ist oft selbst vom Jeder gegen Jeden denken geprägt, das die Preise für Kunst niedrig hält. Besser: Zusammenarbeiten. Den „Nachwuchs“ aufbauen.


Wer regelmäßig online unterwegs ist (also: jeder) dürfte schon unzählige davon gelesen haben. Auf Facebook, in Blogs, manchmal sogar in den Großen Zeitungen. Künstlerklagen nämlich. Klagen über das liebe Geld. Sie kommen grob in drei Kategorien daher. Einerseits solche, die die Kostenloskultur bei Veranstaltungen anprangern und für Gewöhnlich Vergleiche ziehen wie „stell dir vor ich sage zum Bäcker: Für deine Brötchen zahle ich nicht, aber wenn ich drüber spreche wie gut die sind gewinnst du ganz viele neue Kunden“ (Das ist, by the Way, genau die Art und Weise wie erfolgreiche Künstler an Klamotten, Autos und vieles mehr kommen).

Dann gibt es Klagen über Bitten um Freundschaftsdienste durch Bekannte, Freunde, Verwandte. Zuletzt wird gerne die Tatsache beweint, dass immer mehr reine Hobbykünstler mit ihren billig oder kostenlos zur Verfügung gestellten Arbeiten den Markt zerstörten. Nun bin auch ich als sogenannter „Kreativer“ (schreckliches Unsinnswort) darauf angewiesen, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und keine Frage: Künstler sollten dafür streiten, bezahlt, und gern auch gut bezahlt zu werden. Nur leidet das ganze Gejammer unter einigen Fehlschlüssen und Unehrlichkeiten, die Veränderungen eher im Weg stehen.

Nicht nur Künstler arbeiten für lau –
Und das ist nicht immer schlecht.

Falsch ist bereits die Vorstellung vom Künstler/Kreativen im weitesten Sinne als jemanden, an den in besonderem Umfang Wünsche nach kostenlosem Arbeiten herangetragen werden. In meiner Kindheit etwa hatte ich das Glück, in direkter Nachbarschaft des Hausmeisters unserer kleinen Schule zu leben. Der war für die Kinder des Blocks regelmäßig die erste Anlaufstelle, wenn etwa die Gangschaltung am Fahrrad zickte. Wenn coole Fluggeräte fachmännisch aufgebaut und getestet werden wollten. Wenn der Ball beim (verbotenen) Fußballspiel auf dem Schulhof mal wieder auf dem Dach gelandet war. Ich möchte gar nicht wissen wie eine ordentliche Handwerkerrechnung für all die Arbeitsstunden aussehen würde, in denen der eigene Vater beim Fahrrad nicht mehr weiter wusste. Von vielen guten Tipps ganz abgesehen. Auch Anwälte, Unternehmensberater, IT-Fachleute und und und, arbeiten in meinem Bekanntenkreis, in Vereinen oder für Freunde teils in beträchtlichem Umfang umsonst, auch hier bei DieKolumnisten. Es ist klar, dass das Grenzen haben muss. Aber allein im Bereich der so genannten Kreativberufe wird daraus regelmäßig ein exklusiver Bohei darum gemacht, als sei die Unterordnung aller Lebensbereiche unter den geldwerten(den) Vergleich nicht schon weit genug fortgeschritten.

Individual-kapitalistische Avantgarde mit linkem Flair

Genau hier liegt das zweite Problem: Künstler, die sich gern eine eher linke, alternative und/oder ökologische Aura verleihen verdrängen in solchen Momenten hartnäckig, wie sehr sie selbst mindestens ebensosehr Avantgarde wie Opfer innerhalb der radikalsten Spielarten des Individual-Kapitalismus sind. Wo der klassische Liberalismus mal ernsthafter mal weniger ernsthaft das Kantsche Ideal, der Mensch seie nie nur Mittel, zumindest noch im Munde führt, hat die linke „Kreativwirtschaft“ die Vorstellung, dass Körper, Geist und erlernte Fertigkeiten zu allererst Kapital seien, tief verinnerlicht. Während der (vor- bis klassische) Künstler meist „auch“ Künstler war, begünstigt von Protektion oder gesellschaftlicher Stellung und so als Künstler zuerst Künstler, ist der moderne Professionelle „ganz“ Künstler, und damit paradoxerweise zuerst (prekärer) Unternehmer. Er ist stets um seine Stellung am Markt besorgt, klopft jede neue Bekanntschaft zweckrational auf Netzwerkfähigkeit ab und ist, wo sich nicht netzwerken lässt, als Künstler des Künstlers Wolf (oft eher ein bissiges Frettchen).

Gerade dieser Kampf aller gegen Alle aber trägt zu jener fatalen ökonomischen Abwärstspirale mindestens bei, gegen die dann besagte Manifeste und offene Briefe verfasst werden. Preisliche Unterbietung ist nun mal eine, zudem die einfachste, Taktik um überhaupt am Markt Fuß zu fassen. Und heute, wo gefühlt jeder zweite Hobbykünstler ist, darf es nicht verwundern wenn für Möglichkeiten sich in Szene zu setzen sogar bezahlt wird.*1
„Jammern ist völlig in Ordnung und ein erster Schritt um auf einen Missstand aufmerksam zu machen“ schrieb ich in Verteidigung um ihre Geschäftsmodelle fürchtender YoutuberInnen. Die aber sind durch jeweils genau auf die Zielgruppe zugeschnittenes koordiniertes Jammern schon einen Schritt weiter: Auf dem Weg in Richtung Organisation.

Künstler, Organisiert euch!

Liebe Künstler. Eure Talente sind nicht euer „Kapital“, sie sind eure Arbeitskraft. Wenn deren Wert gedrückt wird sinkt auch euer Kapital: das Geld nämlich, dass ihr zur Verfügung habt. Statt sich über Hobbyisten aufzuregen, die die Preise drücken, statt mit Freunden und Bekanntenkreis ausgerechnet die mit offenen Jammerbriefen vor den Kopf zu stoßen, die euch ihr Geld oft sogar dann noch aufdrängen, wenn man unbedingt ein Geschenk machen möchte: Organisiert euch! Das muss ja keine bräsige Gewerkschaft in der Art des DGB sein, was wohl der Vielfältigkeit des Kunstschaffens wie auch der Freiheit, Projekte, an die man glaubt, allein um der Kunst Willen voranzutreiben, kaum gerecht würde. Aber gerade auf den regionalisierten Kunstmärkten lässt sich für den „Alltagsbetrieb“ durch freundliche Absprachen schon einiges erreichen. Indem man vielleicht überhaupt erstmal darüber spricht, was man zB für eine einstündige Lesung verlangen kann. Indem man auf den „Nachwuchs“ zugeht, ihn unterstützt und das Bewusstsein weckt, dass man sich nicht verschenken muss. Indem man sich austauscht und sich gegenseitig bezahlte Gigs verschafft. Indem man selbst Veranstaltungen auf die Beine stellt. Und indem man, wo Veranstalter tatsächlich Künstler gegeneinander ausspielen, gemeinsam klar macht, dass es so nicht läuft. Das aber wird niemals funktionieren, wenn Künstler, die von ihrem Schaffen leben können gegen die auskeilen, die es nicht können. Je mehr eine (selbst prekäre) Künstlerelite gegen „Hobbykünstler“ Front macht, desto weniger werden zweitere sich bemüßigt fühlen, das eigene Low- bis Zero-Budget Model auch nur zu überdenken.

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*1 vergessen werden sollte derweil auch nicht, dass große Kunst seltenst nach Marktgesetzen entsteht und dem Erfolg zumindest durchaus im Weg stehen kann

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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